Warum lesen?

Obwohl es in meinem Bekanntenkreis kaum jemanden gibt, der nicht liest, sehe ich mich manchmal doch der Frage gegenübergestellt, warum ich lese. Und dann noch so viel. Meistens ist die erste Antwort: „Ich habe schon immer soviel gelesen, es ist ein Teil von mir.“ Aber warum liebe ich das Lesen so, warum ist es mir nicht viel zu anstrengend und warum verbringe ich die unzähligen Stunden, die ich lese, nicht mit etwas anderem.

Es geht heute mal nicht um das WAS lesen, sondern um das WARUM. Inspiriert von dem Sachbuch „Was kann und darf Kunst?“ von Dagmar Fenner (worin sie allgemein über Kunst schreibt und damit alle Künste meint, also auch die Literatur) habe ich mir einige Gedanken gemacht, die sicher auch euch schon mal beschäftigten. Sich damit auseinander zu setzen, warum man eigentlich liest, finde ich ziemlich spannend, weil es gleichzeitig bewusst macht, was das Gehirn dabei leistet. Und wie gut es sich nicht nur emotional anfühlt, sondern auch für unseren Geist ist.

Lesen

Warum lesen? Ambitionen

  • Urlaub in der Fiktion“: In andere Welten eintauchen
    Es hat natürlich auch mit Eskapismus zu tun, aber es kommt letztlich immer auf das Maß an: Der eigenen Welt und Identität entfliehen, indem man in eine ganz andere literarische Welt eintaucht, darin aufgeht, sich dort mental aufhält… das kann einen sehr wohltuenden Effekt haben. Sich mal nicht mit den eigenen Problemen herumschlagen, sondern jemand anderem zusehen, wie er lebt, sich verhält, Lösungen findet, in schwierige oder sehr glückliche Situationen gerät… Die Realität außen vor lassen und sich durch ein Buch wie durch eine Tür in die Fiktion hineinbegeben. Gewissermaßen hat man dort die Möglichkeit, auch die Verantwortung abzugeben, einfach loszulassen: es passiert, was passiert. Man liest vom Geschehen, während man selbst passiv ist und die Handlung nicht verändern kann.Solange man darüber die Fähigkeit, im realen Leben zu entscheiden, zu handeln und Verantwortung zu tragen, nicht verliert, kann das sehr gut tun und einen hohen Erholungseffekt verursachen 🙂 Thomas Saum-Aldehoff schreibt in einer älteren Psychologie Heute in seinem Artikel „Reisen ins Anderswo“: „Der Urlaub in der Fiktion biete Erholung von der anstrengenden, selbstfokussierten Aufmerksamkeit, die uns durch den Alltag begleitet: endlich mal frei sein von der ständigen Bewertung und Kritik des eigenen Tuns! Lasst doch mal andere für mich handeln, andere sich sorgen und grämen!“
  • Rollenspiel im Kopf: Sich in (fiktive) Figuren hineinversetzen / Identifikation
    Durch das Eintauchen in die Fiktion, besteht die Möglichkeit, sich komplett mit anderen Menschen/Figuren zu identifizieren – oder im Gegenteil ihr Verhalten / ihren Charakter etc. kritisch zu betrachten und sich von ihnen zu distanzieren. Lesen wird zu einer Schulung des Rollenverständnisses, des Charakters. Man kann jemand anders sein, indem man sich in dessen Welt begibt und für eine Zeit lang die Welt aus seinen Augen sieht. Dies kann dazu führen, dass man auf einer reflektierenden Ebene das eigene, reale Leben und Verhalten überdenkt, andere Sichtweisen in Betracht zieht oder Entscheidungen revidiert. Man kann sich durchs Lesen auf ein Rollenspiel im Kopf einlassen, dass erhellende oder kathartische Wirkungen auszuüben vermag.
  • Unterhaltung
    Manchmal will man einfach nur eins: Unterhalten werden. Gut unterhalten werden. Sei es durch Spannung oder eine nette Liebesgeschichte, durch etwas Fantastisches oder eine Geschichte, die einen zum Lachen bringt. Nicht zuletzt dafür lesen wir: Um nicht vor Langeweile zu vergehen und apathisch den Wolken am Himmel nachzublicken, um dem Geist neuen Input auf sanfte Weise zu geben, ohne gleich neue Horizonte zu erschließen, Wissensgewinn zu haben oder Katharsis durch ein mentales Rollenspiel zu erleben 😉 Der Unterhaltungswert eines Buches ist nicht zu unterschätzen.
  • Wissensgewinn
    Wer liest, lernt. Er sammelt Faktenwissen auf (variierend je nachdem, was man liest natürlich), er lernt, objektiv einen Sachverhalt zu betrachten oder zumindest aus einer anderen Sichtweise als der eigenen, er lernt Distanz einzunehmen oder sich zu identifizieren. Dabei unterscheidet sich das Lernen beim Lesen von Belletristik entscheidend vom wissenschaftlichen Lernen: „Wissenschaftliches Denken repräsentiert die Abstraktion vom Konkreten, die universelle Wahrheit. Erzählerisches Denken repräsentiert das Leben. Es stellt nicht auf formallogische, sondern auf psychologische Weise Sinn her. Was in der Wissenschaft Wahrheit ist, ist in der Erzählung Kohärenz: die Stimmigkeit und Harmonie der verschiedenen Figuren, Elemente und Handlungsstränge, die miteinander in ständiger Wechselwirkung stehen. Ihre „gute Gestalt“ macht eine Story attraktiv.“ (Thomas Saum-Aldehoff: „Reisen ins Anderswo“, Psychologie Heute 09/2011, S. 47).

Positive Nebeneffekte des Lesens

  • Gedächtnistraining
    Sich über viele hundert Seiten (oder manchmal über mehrere Bücher hinweg in Serien) auf einen Handlungsstrang mit vielen verschiedenen Personen und Schauplätzen zu konzentrieren, erfordert ein gutes Gedächtnis. Man liest und irgendwann fragt man sich: wer war das doch gleich? Wieso passiert jetzt dies und jenes? Ggf. muss man zurückblättern, wenn man sich nicht erinnert, aber meistens behält das Gehirn während des Lesens eine ganze Menge. Und auch darüber hinaus! Wenn wir anderen von gelesenen Büchern berichten, rufen wir das Gespeicherte wieder ab und reaktivieren es gleichzeitig wieder. Lesen, insbesondere auch längerer Romane oder Serien, fördert unser Gedächtnis und trainiert es.
  • Konzentrationsfähigkeit
    Wir kennen das ja, das Gefühl, „den Faden verloren zu haben“, dann waren wir u.U. abgelenkt oder unaufmerksam und haben ein wichtiges Detail in der Geschichte verpasst. Vor allem, wenn man müde ist oder unterwegs liest in einer ablenkungsreichen Umgebung, kann es immer wieder passieren, dass die Aufmerksamkeit schwindet. Grundsätzlich könnten wir aber keinem Buch folgen, wenn wir nicht die Fähigkeit besäßen, uns zu versenken, ganz in eine Geschichte hineinzudenken. Insofern schult das Lesen unsere Konzentrationsfähigkeit und das Vermögen uns voll und ganz auf eine Geschichte einzulassen und alles andere auszublenden.
  • Empathie
    Mitnichten handelt es sich bei uns Lesern immer um unsoziale, introvertierte, zurückgezogene Eigenbrötler, im Gegenteil: In Studien wurde mehrfach belegt, dass Leser über ein hohes Maß an Empathie verfügen und dadurch sogar überdurchschnittlich sozial sind. (Vgl. Thomas Saum-Aldehoff: „Reisen ins Anderswo“, Psychologie Heute 09/2011, S. 48). Wen wunderts: Wir haben uns ja auch ausgiebig im Mitfühlen geschult 🙂
  • Allgemeinbildung
    Besonders wenn man vielseitig liest, also inhaltlich verschiedenste Themenbandbreiten abdeckt, sammelt man wie von selbst Wissen über die Welt und die Menschen auf. Auch wer noch nie in Südamerika war, kann sich lesend dorthin begeben und lernen, was es heißt, dort zu leben.
  • Förderung der Kreativität und Phantasie
    Ein Buch zeichnet sich durch das aus, was es beschreibt, ebenso aber durch das, was es auslässt. Diese Leerstellen werden von unserer Phantasie aufgefüllt. Beim Lesen entstehen mentale Bilder in unserem Kopf, die Umgebung der Handlung, die Figuren, wie sie aussehen, sich benehmen… Das unterscheidet das Lesen auch vom Filmesehen: Uns wird nicht eine fiktive Welt in Bildern vorgesetzt, sondern in Worten. Den Rest erschafft unser Gehirn selbst. Manchmal erinnern wir ein Buch nicht durch die Worte, die wir lasen, sondern durch die mentalen Bilder, die es in uns erzeugte.

Viel des Gesagten kann man natürlich auf das Rezipieren von (fiktiven) Geschichten im Allgemeinen beziehen, also ebenso auf das Filme ansehen. Es bestehen zahlreiche Gemeinsamkeiten. Und dennoch ist mir das Lesen immer noch die liebste Beschäftigung, gerade weil ich dort selbst mentale Bilder in meiner Phantasie entfalten kann.

Was meint ihr, warum lest ihr? Fallen euch noch weitere Gründe ein? Habt ihr vielleicht ganz individuelle Gründe zu lesen?

Abgesehen von den oben genannten Gründen lese ich bspw. vor allem, weil ich nicht anders kann. Für mich ist Lesen eine Bereicherung, ein Zugewinn, ein Lebensinhalt, ein Zeitvertreib, eine Leidenschaft und ja – wohl auch eine Sucht.

Zum Weiterlesen:

Thomas Saum-Aldehoff: „Reisen ins Anderswo“, Psychologie Heute 09/2011, S. 45-49
Dagmar Fenner: „Was kann und darf Kunst?“, Frankfurt am Main 2013
Thomas Anz: „Literatur und Lust. Glück und Unglück beim Lesen, München 1998
Melanie C. Green, John K. Donahue: Simulated worlds: Transportation into narratives, in: K. Markan u.a. (Hg.): The handbook of imagination and mental simulation, Psychology Press, 2008

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22 Gedanken zu “Warum lesen?

  1. Hi, dazu fällt mir auch Wellershoff ein, der von der Literatur in Analogie zur Raumfahrt als einer Simulationstechnik gesprochen hat, in der man sowohl als Leser als auch als Autor seine realen Grenzen gefahrlos überschreiten könne.
    Und ansonsten:

    Warum lesen

    um mich zu freuen
    um zu entspannen
    um zu lernen
    um zu reisen
    um zu lachen
    um zu sehen
    um nichts mehr zu sehen
    um auf unbestimmte zeit zu verschwinden
    um mich nach all dem geplapper zu sammeln
    um nicht auf meine grenzen begrenzt zu sein
    um zu verstehen
    um zu entspannen
    um allein zu sein
    um ein netz zu spannen
    um verbindungen zu begreifen
    um die verantwortung für den tag zu vertagen
    um wieder luft zu bekommen

    Vorfrühlingsgrüße von Anna

    1. Sehr schöner Kommentar, Anna, deine Ambitionenauflistung hat ja was sehr poetisches 😉 Und den Gedanken: Literatur als gefahrloses Überschreiten der Grenzen finde ich auch grandios! Wie wahr. Die einzige Gefahr läge dann wohl im maßlosen Eskapismus.

      1. Hallo Laura,

        wäre lieb, wenn du den vorhergehenden Kommentar löschst (wegen der darin enthaltenen Fehler): Hier also der zweite Versuch:
        Auch Wellershoff unterscheidet zwischen (völlig legitimen) eskapistischen Leseerfahrungen und denen, die unsere Art des Denkens in Frage stellen. Hier noch ein Zitat: “Der Leser des Abenteuerromans lässt sich auf die waghalsigsten Unternehmungen ein, weil er weiß, dass er nicht dabei umkommen wird. Er würde wesentlich vorsichtiger sein und wahrscheinlich darauf verzichten, sich durch den Urwald zu schlagen oder durch die Wüste zu reiten, wenn er sich für diese Erweiterungen seines alltäglichen Handlungsspielraums den imaginierten Gefahren einschließlich der Möglichkeit seines Todes tatsächlich aussetzen müsste. Aber Abenteuer- und Reiseroman sind bloß extensive Überschreitungen der Lebenspraxis und bleiben in ihrer Sichtweise meist konventionell, sie bringen neuen Stoff in gewohnten Kategorien, während die eigentliche Literatur, gleichgültig, ob sie nun ein fremdartiges oder alltägliches Material verarbeitet, vor allem die gewohnten Schemata der Erfahrung angreift und verändert. Sie versucht den Leser zu irritieren, ihm die Sicherheit seiner Vorurteile und gewohnten Handlungsweisen zu nehmen, sie macht ihm das scheinbar Bekannte unvertraut, das Eindeutige vieldeutig, das Unbewusste bewusst und öffnet ihm so neue Erfahrungsmöglichkeiten, die vielleicht verwirrend und erschreckend sind, aber auch die Enge und Abstraktheit der Routine durchbrechen, auf die er in seiner alltäglichen Praxis angewiesen bleibt.”
        Und meine Auflistung zur Frage “Warum lesen” habe ich einfach mal bei mir selbst geklaut (von meiner “Über mich”-Seite 🙂
        Einen schönen Abend, Anna

  2. Ehrlich gesagt habe ich mir die Frage nach dem Warum? noch nie gestellt, Laura, es war und ist einfach eine Selbstverständlichkeit…..
    Einen sonnigen Sonntag von Susanne

    1. Ich weiß was du meinst. Für mich ist das Lesen auch eine solche Selbstverständlichkeit, dass ich auch regelrecht erstaunt war, mir die Frage nach dem Warum noch nie gestellt zu haben. Gerade deshalb finde ich es aber auch so spannend, sie doch mal zu stellen. Beste Sonntagsgrüße, laura

  3. Ja warum? Weil im Kinderzimmer Kinderbücher der „Kinderfreunde“ und der“ Büchergilde Gutenberg“ unterm Christbaum lagen, weil es eigentlich immer schon faszinierte und das „Muß“ und die „Manipulation“, die wahrscheinlich auch dahinter steckt, nicht als solche bemerkt wurde. Weil Bücher immer faszinierten und man selber schreiben will und das auch tut. Also als Vergleichsbasis, was die anderen besser können und wie einer, das vielleicht irgendwann doch auch gelingt. Weil es so viele Bücher gibt, als Studentin habe ich sie mir oft mit schlechen Gewissen gekauft, dann kamen die Büchertürme, die Bücherschränke und die Rezensionsexemplare und die Bücher aus den Abverkaufskisten. weil es einfach schön und wichtig ist und weil die Perfektionistin möglichst alles schaffen will. Wann werden es endlich zweihundert Bücher im Jahr oder doch vielleicht eines täglich etc? Und weil es zwar natürlich ein Lebensersatz ist, aber das ist schön verdrängt und eigentlich auch egal, denn Bücher lesen können und sich dafür zu interessieren, ist in den digitalen E-Bookzeiten der Bücherkrise und des secundären Analphabetismus schon ein besonderer Wert und dann regen auch noch die vielen Bücherblogger mit ihren Diskussionen darüber, dazu an.

    1. Stimmt, die Erziehung zum Lesen spielt natürlich eine wichtige Rolle für die Ursachen, warum man überhaupt zu lesen beginnt. Vielleicht nicht immer, aber sie prägt da ja doch sehr!
      Lesen als Lebensersatz? Das ist mir dann doch zu weit gefasst, aber es geht vielleicht bei manch einem in die Richtung…

  4. Schöner Beitrag : ) Ich befasse mich auch gerade mit dem Thema, dabei stieß ich u. a. auf interessante Studien von Maja Djikic et al., die Experimente durchführten, um zu zeigen, wie das Lesen fiktionaler/narrativer Texte die Empathie beeinflusst (mehr dazu z. B. hier: http://www-2.rotman.utoronto.ca/facbios/file/%282013b%29%20Djikic,%20Oatley,%20&%20Moldoveanu.pdf). Interessant dabei fand ich auch, wie unter psychologischen Aspekten die Kriterien für literarische Texte aussehen. Liebe Grüße
    Petra

    1. Danke für den Link, wie spannend! Das lese ich mir mal in Ruhe durch. Empathie und generell Lesepsychologie ist wohl gerade ein beliebtes Thema in der Forschung, was ich gut finde. Wie bist du denn darauf gestoßen, dich mit der Frage nach dem „warum lesen wir eigentlich?“ zu beschäftigen? LG laura

      1. Ja, man braucht ein bisschen Ruhe dafür, aber es lohnt sich wirklich, sich die Zeit zu nehmen!
        Ich bin gerade dabei, über das Lesen (& Schreiben) und mögliche Risiken und Nebenwirkungen für Leser, Texte und Autoren zu schreiben. Und obwohl sich mir diese Frage nach dem Warum eigentlich auch nie gestellt hat, musste ich der Sache doch im Rahmen der Schreiberei nachgehen : )

  5. Im Moment fällt mir keine weitere Gründe ein, aber diese Thema interessiert mich sehr. Die Frage Warum lesen?, bzw. die Antworte dazu, sind mir wichtig, obwohl ich mir diese bestimmte Frage doch nie gestellt habe. Wie Susanne, war es mir immer selbstverständlich–ich lese (oft und viel) weil ich eine Leserin bin. Heir in Amerika bin ich innerhalb der Minderheit.

    Die Frage dich ich oft gestellt habe, was man in Deutschland nicht stellen muss, ist Warum nicht lesen?, oder Warum lesen die meisten Leuten kaum oder nie?

    Mich interessiert es, was genau in der deutschen Kultur förderlich zur Entwicklung den Lesegewohnheiten der Bevölkerung. Und was hier in Amerika fehlt.

    1. Danke für deinen interessanten Kommentar, Tracy. Ich hätte es für ein europäisches Vorurteil gehalten, dass in Amerika weniger gelesen wird. Aber du sprichst da wohl aus eigener Erfahrung in nächster Nähe 🙂
      Es ist durchaus eine spannende Frage, warum in Deutschland bspw. soviel gelesen wird. Vermutlich, das kommt ja auch in vielen Kommentaren hier zum Ausdruck, liegt das viel auch an der Erziehung und Sozialisation. Wenn seit Generationen vorgelebt wird, dass zB TV die ultimative Freizeitbeschäftigung ist, übernehmen die Kinder das. Und umgekehrt wird es sein, wenn es ums Lesen geht… Spannnend. Müsste man sich mal im Detail mit beschäftigen. Ich weiß nicht, ob es dazu vielleicht interkulturelle Forschungen gibt!? Beste Grüße, laura

  6. Lesen als Sucht, interessant. Es klingt so, als sei Lesen für dich eine „Condition sine qua non“ für dich, die dein Sein bestimmt und ohne die es sozusagen fast wertlos wird … Somit bekommt das Lesen eine ganz existentialistische Komponente. Das ist eine spannende Position. Ich glaube, warum manche Menschen mehr lesen als andere und dies auch so stark emotional verdeutlichen, so dass Lesen zum lebenswerten Leben dazugehört hat sehr viel mit der Kindheit, Sozialisation und Erziehung zu tun. Mit Geschichten und mit Büchern trägt stark dazu bei. Wer dann auch noch instensive Umwälzungen in Kindheit und Jugend erlebt, je nachdem wie eine Persönlichkeit sich entwickelt, der wird sich in Geschichten flüchten und deren psychologische Wirkung erleben. Manch einer arbeitet dann später sogar mit in einer Branche, in der er mit Kunst und Literatur zu tun hat oder schreibt/erzählt selbst Geschichten.
    Ich denke, die Frage Warum jemand liest, begründet sich sehr stark aus oben genanntem. Das Medium Buch war vor dem Film, neben dem Theater dasjenige, das Geschichten übermittelt hat und allen zugänglich machen konnte, der lesen konnte. Der Film ist das nächste Medium zur Vermittlung von Geschichten und gehört mit zur Kunst und Literatur. Ich persönlich halte das Medium Film für ähnlich wichtig und wertvoll. Ich schaue ebenso gern Filme wie ich lese – dabei gibt es natürlich auch einen großen Qualitätsunterschied. Und des hat wieder etwas damit zu tun wie man aufwächst. Schon als Kind habe ich gern gelesen und aber gern auch Filme gesehn, bin familiär damit aufgewachsen.
    Früher wurden Geschichten mündlich vermittelt oder durch Bilder erzählt, die Geschichten und Ereignisse darstellten – heute durch Bücher, Filme oder Computer-Spiele. Jetzt werden vielleicht manche sagen, Moment, das ist ja überhaupt nicht dasselbe. Natürlich entwicklet sich das Medium weiter, verändert sich und nicht jedem liegt jedes Medium. Dagegen kann niemand etwas tun.
    Es gibt immer Qualitätsunterschiede und es liegt an der jeweiligen Persönlichkeit, wie man diese erlebten Geschichten verarbeitet und umsetzt. Kunst gehört zum Mensch-Sein irgendwie dazu – und jeder Mensch hat seine eigenen Vorlieben sich damit zu beschäftigen, ob er sich dessen jetzt bewusst ist oder nicht und welche Qualität der Inhalt der Kunst hat. Darüber lässt sich streiten und disputieren. Aber generell beschäftigt sich der Mensch mit verschiedenen Medien um etwas zu lernen, um etwas weiterzugeben um seine Ideen darzustellen und seine Fantasien mitzuteilen und sich zu unterhalten. Wissen zu erwerben kann auch eine Form der Unterhaltung sein. Das wird oft vergessen.
    Manch einer liest viel und manch einer schaut wahnsinnig viele Filme, der andere taucht in Rollenspiele hinein … Die Motivation dies zu tun ist bei allen ähnlich und es kommt eben auf die einzelne Vorliebe und Gewohnheit an, in welchem Medium man sich am wohlsten fühlt …

    Ich bin sehr gespannt, wohin sich das Buch, Film und Computerspiel noch entwickelt und wie künftige Generationen damit umgehen – lesen, Filme sehen und Computer spiele in einem?

    1. Ja, tatsächlich meine ich, das Lesen habe soviel Bedeutung für mich, dass es eine conditio sine qua non darstellt. Vielleicht nicht jeglichen Lebenssinn ausschließend, hätte ich das Lesen nicht. Aber in gewisser Weise ist es eine Sucht, insofern nämlich, dass ich mir mein Leben wesentlich leerer vorstelle, hätte ich keine Möglichkeit zu lesen oder Kunst zu rezipieren. Eine Sucht oder Abhängigkeit bedeutet ja nicht, dass das Leben ohne das Suchtmittel völlig sinnentleert ist und man dann nicht mehr leben kann oder will. Es bedeutet lediglich, nach meinem Verständnis, dass einem ohne etwas (hier das Lesen) etwas Gravierendes fehlen würde, man fühlte sich unwohl, unvollständig, vermisste etwas sehr stark.
      Ob ich tatsächlich OHNE LESEN sowas wie Entzugserscheinungen hätte, hab ich noch nicht ausprobiert. Vielleicht käme es mal auf einen Versuch des Lese-Entzugs / Lese-Fastens drauf an 😉 Aber dafür ist es mir doch zuviel Lebensqualität, die mir verloren ginge. Darum spreche ich auch von „Sucht“.

  7. Das Warum – eine Frage, die nach außen gestülpt rasch an die unsäglichen Grenzen der Grabenkämpfe stößt, die im erkorenen Pantheon der Wissenschaftstheorie(n) Auslese erfahren. Auf sich bezogen tut sich bei der Frage im Inneren gewiss reicher Lesestoff auf, dessen Beschreibung möglichst interessiert sich also hier vollzieht, jedoch letztendlich zum Glück individuell zwischen den Zeilen sucht, springt und findet, eine hoffentlich unendliche Geschichte lesenswert auf einen Punkt bringt.

    Warum lesen? – Vielleicht schlicht, weil wir es können?

    Viel spannender als das „Warum“ erscheint mir in dem Zusammenhang die Frage nach dem „Wie“, was eigentlich bei allen Antworten an dieser Stelle auch durchbleckt.

    Wie lese ich das Kleingedruckte bspw. im Medikamentenbeipackzettel?
    Wie lese ich meine durch große Schlagworte angereicherte tägliche Umwelt?
    Wie lese ich bei der Arbeit, wie am Sonntagnachmittag?
    – Die Beschäftigung mit dem Potential der Spielarten von Leseweisen führt elegant am unergründlichen Warum vorbei an den Tiegel, der vom lebendig oszillierenden Lesen kündet – einer Kunst, die vorrangig dazu da sein sollte,
    um unser Leben zu bereichern,
    um als Hilfsmittel Ahnung von einer schöneren Welt zu verstärken,
    um sinnreiche und bewegende Zeit zu schaffen.

    Ich denke, viel zu oft suchen wir nach Gründen, womit wir dann nichts mehr tun, als uns noch weiter in Fragen zu verstricken, anstatt uns auf unser Können zu besinnen, uns auf
    die Art und Weisen zu konzentrieren – den wirklichen Kern unseres Tuns in dieser Welt, in welche wir eingebettet (und bitte nicht: geworfen) sind und werden.

    Alle, die schon einmal einem Kind eine Gutenachtgeschichte vorgelesen haben respektive sich daran erinnern können, als Kind eine solche vorgelesen bekommen zu haben, können nachvollziehen, dass nicht „Was“ und „Warum“ die Qualität des Akts bestimmen, sondern das „Wie“:
    Wie ist die Wahl von Tempo, Betonung und Stimmlage?
    Wie fühlt sich die Geschichte an?
    Wie wird sie verstanden?
    Alles andere (was? – der Text an sich, sein Inhalt; warum? – das friedliche Einschlafen, die Beschäftigung mit Sprache aus Büchern) ist sicherlich von großer Bedeutung, ordnet sich jedoch im Hinblick auf Erfüllung den Wie-Fragen unter. Gerade Kinder begreifen das sofort und ungetrübt.

    Zur Ausleitung hin setze ich bei meiner Betrachtung zu dem Thema bewusst die Frage:
    Wie wollen wir leben?
    und gebe als Antwort, die hoffentlich an dieser Stelle einhellig Zustimmung finden darf:
    – Zusammen mit guten Worten und Büchern, die für und in sich Werbung genug sind für ein Leben, das spielerisch Lösungen, Strategien und Auswege für ein friedliches Miteinander bereithält, in einer Welt, die sich lebensbejahend – in positiv sinnvoller Lesung – lesen lässt, indem sie uns zugänglich ist und bleibt.

    Mein Lesetipp: Über Lesenswertes tunlichst selbst entscheiden!
    – In diesem Sinne: Vielen Dank für den Denkanstoß beim Lesevergnügen an diesem Blog!

    Bemerkenswert ist übrigends noch, dass bisher kein Mannsbild sich interessiert an der spannenden Frage beteiligt, sich aktiv dazu per uneigennützig direktem Kommentar eingeschaltet hat.

    Macht uns lesen (/schreiben) vielleicht weniger ein Weil-wir-Müssen als eher ein Indem-wir-Wollen?

    1. Ich freue mich über deinen langen, reflektierten Kommentar! Tatsächlich ist das Wie? ein mitschwingender Unterton, sogar stand ursprünglich in meinem Artikel, es solle um das Warum und das Wie anstelle des üblichen Was? gehen, ich nahm das Wie allerdings vorerst raus, weil es dann zu ausufernd geworden wäre… Denn wie du ganz richtig andenkst, ist es nicht nur toll, dass wir überhaupt lesen können und dürfen, sondern kann man sich auch die Frage stellen, wie man Text aufnimmt, welche verschiedenen Leseweisen es gibt,ob selektiv oder versenkt, und darüber hinaus natürlich die Formen des Laut-Lesens, die man zuhause im stillen Kämmerchen vielleicht eher selten praktiziert…
      Eine tolle Anmerkung, um darüber weiter nachzudenken oder sich diese Tatsachen einfach kurz vor Augen zu führen. Im wahrsten Sinne des Wortes!
      Liebe Grüße, Laura

    1. Klar gern! Solang du ordnungsgemäß zitierst, ist das ja völlig in Ordnung 😉 Ich finde ohnehin, dass das Internet und viele (nicht alle!) der dortigen Texte viel mehr wissenschaftliche Relevanz zugesprochen bekommen sollten… Bei mir an den Unis war das lang noch verpönt, jegliche Internetquellen zu zitieren.
      Wie spannend, dass du dich mit solchen Fragen auch wissenschaftlich befassen kannst! LG laura

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