XLI. Sonntag mit Proust: Über Erinnern, Gedächtnis und Vergessen

Am heutigen Sonntag bin ich bei meiner Proust-Lektüre auf eine in zweifacher Hinsicht besondere Textstelle gestoßen. Zum einen geht es um wahrscheinlich DAS Proust-Thema schlechthin: Erinnerung, Gedächtnis und Vergessen am Beispiel von Veranstaltungen, bei denen man bekannte Menschen (wieder) trifft und sich der Herausforderung gegenübergestellt sieht, sich ihrer Namen zu erinnern.

Zum anderen taucht aus dem Text heraus die Erzählerstimme auf und spricht den Leser an. Mehr noch: Es wird ein erdachter Dialog zwischen Leser und Erzähler kreiert, indem der Leser den Autor / Erzähler kritisiert und sogar auf die mögliche Übereinstimmung beider anspielt. Herrlich! Lest selbst:

„So groß ist die Feigheit der Weltleute.
Diejenige einer Dame, die mich mit meinem Namen begrüßte, war jedoch noch größer. Ich versuchte, den ihren wiederzufinden, während ich mich mit ihr unterhielt. Ich erinnerte mich sehr wohl, daß ich mit ihr diniert hatte, und fand in meinem Gedächtnis auch die Worte, die sie gesagt hatte. Aber meine Aufmerksamkeit, die sich ganz auf jene Region meines Inneren konzentrierte, in der sich diese Erinnerungen an sie befanden, vermochte gleichwohl ihren Namen nicht wieder zu ermitteln. Dennoch war er da. Mein Denken hatte sich auf eine Art von Spiel mit ihm eingelassen, bei dem es sich darum handelte, allmählich die Konturen, dann seine Anfangsbuchstaben zu erfassen und ihn schließlich ganz und gar in mir aufzuhellen. Es war vergebliche Mühe. Ich verspürte ungefähr seinen Umfang, sein Gewicht, aber was seine Form anlangte, so mußte ich mir, wenn ich sie mit dem düsteren Gefangenen, der sich im Dunkel meines Inneren barg, verglich, immer wieder sagen: „Der richtige ist das noch nicht.“ Gewiß hätte mein Geist die schwierigsten Namen schaffen können. Leider aber handelte es sich nicht darum zu schaffen, sondern zu reproduzieren. Jede Tätigkeit des Geistes ist leicht, wenn sie nicht der Wirklichkeit untergeordnet werden muß. (…)
In dem großen Versteckspiel, das sich im Gedächtnis zuträgt, wenn man einen Namen wiederfinden will, gibt es nicht etwa eine Reihe von graduellen Annäherungen. Man sieht zunächst nichts, dann aber taucht auf einmal der exakte Name auf, sehr verschieden von dem, was man zu erraten glaubte. Nicht er ist zu uns gekommen. Nein, ich glaube vielmehr, je länger wir leben, desto mehr entfernen wir uns von der Zone, in der ein Name klar und deutlich vor uns steht. (…) Jedenfalls wenn es Übergänge zwischen Vergessen und Erinnern gibt, sind diese Übergänge völlig unbewußt. (…)
„Alles dies, wird der Leser sagen, sagt uns nichts über die mangelnde Gefälligkeit jener gewissen Dame; aber da Sie sich nun doch schon so lange verweilt haben, werden Sie gestatten, geschätzter Autor, daß wir Ihnen noch eine weitere Minute rauben und Ihnen sagen, wie beklagenswert es ist, daß Sie, so jung wie Sie damals noch waren (oder Ihr Held, wenn Sie es schon nicht selber sind) bereits ein so schlechtes Gedächtnis hatten, daß Sie sich an den Namen einer Dame nicht zu erinnern vermochten, die Sie sehr gut kannten.“ Das ist in der Tat sehr bedauernswert, verehrter Leser. Und trauriger noch als Sie glauben, wenn man darin eine Ankündigung jener Zeit erkennt, in der Namen und Wörter aus der lichten Zone des Denkens verschwinden und in der wir für immer darauf werden verzichten müssen, uns selbst diejenigen mit Namen zu nennen, die wir am besten gekannt haben.

Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Teil 4.1: Sodom und Gomorra. Dtsch. von Eva Rechel-Mertens, Frankfurt: Suhrkamp, 1982, S. 75-77.

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