„Inside Llewyn Davis“ und Dave van Ronk – Die Folkszene von New York

dave van ronk_der könig von greenwich villageWer Musik liebt, gern Musikerbiographien liest und sich für die frühe Folkmusikszene in Amerika interessiert, wird von „Der König von Greenwich Village“ beeindruckt sein.
Diese These stelle ich einfach mal kühn in den Raum, weil ich so begeistert von diesem Buch bin und ihm viele glücklich inspirierte Leser wünsche.

Von Dave van Ronk, dem oben so genannten „König von Greenwich Village“, hatte ich bisher noch nichts gehört. Auf dieses Buch gekommen bin ich durch einen großartigen Film der Coen Brüder, der kurz vor Weihnachten 2013 in die Kinos kam: „Inside Llewyn Davis“. Darin geht es um einen jungen Mann namens Llewyn Davis, der im New Yorker Intellektuellen- und Szenebezirk Greenwich Village sein Glück als Folkmusiker findet – leider mehr oder minder erfolgreich. Der Film ist ein liebevoll gestaltetes Portrait der amerikanischen Folkszene der 50er/60er Jahre mit urkomischen und skurrilen Musikerexistenzen, einem großartigen John Goodman in der Rolle eines heroinsüchtigen Jazzers – eine Art unterhaltsamer Road-Movie und Milieubericht mit melancholisch-leiser Grundstimmung, die eine gewisse existenzielle Nachdenklichkeit und dunkle Sehnsucht anspricht, die nichts besser wiedergeben kann als die kratzig-sensible Stimme eines Folksängers und seiner akustischen Gitarre.

Beeindruckt von diesem Kinoerlebnis, recherchierte ich noch ein wenig zur New Yorker Folkszene, die ja mehr zu bieten hat als den altbekannten immer noch mehr schlecht als recht musizierenden Robert Zimmermann besser bekannt als Bob Dylan. Dabei stieß ich auf die eigentliche Vorlage oder Inspiration für die Filmfigur Llewyn Davis – den Folksänger Dave van Ronk. Das Buch „Der König von Greenwich Village“ entstand als autobiographisches Projekt über das Leben von Dave und die New Yorker Folk-Szene, doch wurde leider von Daves Tod 2002 vereitelt. Der Journalist und Freund Elijah Wald brachte es wenige Jahre nach seinem Tod als autobiographischen Bericht Daves heraus, mit diesem und zahlreichen seiner Freunde, Wegbegleiter und Musiker er lange Interviews und Gespräche führte. Da Dave wohl großartig erzählen konnte, legt Elijah Wald dieses Buch auch als Ich-Erzählung und Rückschau eines gealterten auf sein Leben und seine Musik zurückblickenden Musiker an. So gewinnt man beim Lesen den Eindruck einer Autobiographie.

„Wie Wavy Gravy gesagt hat: Wer sich an die Sechziger erinnert, kann nicht dabei gewesen sein. Wir waren junge Burschen und hatten nur Blödsinn im Kopf, vom Bourbon ganz zu schweigen, und in den Anfangsjahren kam uns alles manchmal vor wie eine einzige, lange Party. Manche Daten kann man an Zeitungsausschnitten festmachen, aber bei vielen Begebenheiten könnte ich mich nicht mal auf ein Jahr festlegen, und wenn meine Chronologie manchmal etwas wirr erscheint, so liegt das zumindest zum Teil daran, dass ich selbst etwas wirr bin.“ (S. 229)

Es ist ihm tatsächlich geglückt den anekdotenhaften Erzählton seines Freundes glaubhaft und lebendig zu vermitteln, der berührt, unterhält, fasziniert und nachdenklich stimmt. Atemlos bin ich eingetaucht in die Anfänge von Daves Beziehung zur Jazzmusik bis hin zur Chicagoer, San Fransisco und New Yorker Szene. Man begleitet Dave zu den Hootenannies und Konzerten in dunklen Jazzclubs, Bars, Kneipen und lernt wie nebenbei aber doch so interessant vermittelt den Unterschied zwischen Jazzern, Folkies und Beatniks kennen. Neben interessanten eher musiktheoretischen Erläuterungen zwischen der Entwicklung des Jazzes und der gegenseitigen Beeinflussung von Folk und Jazz, begreift man den durchdringenden Zusammenhang einer Szene, die scheinbar so klein und gespalten, sich nicht in stereotype Schubladen pressen lässt oder diesen genügt. Nebenbei wird auch die Frage geklärt, ob alle Folksänger Marxisten wahren oder inwieweit Folk überhaupt politisch war …

Der autobiographische Bericht ist gespickt mit skurrilen Geschichten und legendären Begebenheiten, die wie ganz nebenbei eine der interessantesten Musikszenen der Welt zum Leben erwecken. Man fühlt sich, als beobachte man Dave mit Gitarre, Zigarette im Mund und Whisky-Flasche neben sich für eine Handvoll Intellektueller seine jazzbeeinflussten Gitarrenbluesnummern spielen und bereut es gleichzeitig, diese Zeit nie mehr miterleben zu können.
Heute verbindet man nur wenige Namen mit einer Szene (Bob Dylan, Phil Ochs, Pete Seeger, Peter, Paul and Mary), die nie ganz den Mainstream erreichte und von denen die meisten Namen nie den durchschlagenden Erfolg erlangten. In Daves Bericht geht es auch um gescheiterte Existenzen und den Traum vom Erfolg durch die eigene Leidenschaft – dem Leben ganz von und für die Musik.

„Blues und traditionelles Material waren ein wesentlicher Bestandteil des Folk Revivals, aber für die meisten Leute steht diese Zeit für Protestlieder und das Aufkommen dessen, was man seitdem als „Singer-Songwriter“-Musik bezeichnet. In vielerlei Hinsicht handelte es sich dabei um einen ziemlich neuen Stil, der aber meist der Folkkategorie zugerechnet und entsprechend gelobt oder verflucht wurde, zumindest bis Dylan 1965 seine Gitarre einstöpselte. Dem durchschnittlichen Konsumenten kann man nicht vorwerfen, dass ihm die Veränderung nicht weiter auffiel – denn die Masse neigt nicht gerade zu analytischen Betrachtungen -, aber bei den Musikkritikern sieht die Sache schon anders aus. Viele von ihnen bezeichnen Musik immer noch als „Folk“. Das ist sowohl lächerlich als auch ein Zeichen von grober Nachlässigkeit. Es mag ja sein, dass einige der neuen Songwriter – Dylan und Paxton beispielsweise – tief in den traditionellen Stilen verwurzelt waren, doch wenn ihre Musik „Folk“ ist, dann sind Duke Ellington oder Lester Young nichts anderes als „Ragtime“. Joni Mitchell oder Leonard Cohen haben mit Folkmusik genauso wenig zu tun wie Schubert oder Baudelaire.“ (S. 310)

Mag man diesem Buch auch die tiefe Verehrung des Journalisten für den Künstler Dave van Ronk deutlich anmerken, so möge man ihm den Pathos an manchen Stellen verzeihen – doch wird hier nichts beschönigt oder verklärt. Es geht um das harte Leben, die Höhen und Tiefen eines Folkmusikers, der sich von Auftritt zu Auftritt und von Couch zu Couch kämpfend über Wasser halten musste und dennoch an seine Musik glaubte. Weil er nichts anderes konnte, als seine Gitarre zu nehmen und alte Jazzklassiker und Folksongs zu singen und auf eigene Weise neu zu interpretieren, bevor er selbst zum Songschreiber wurde.

Der Film „Llewyn Davis“ gibt dieser Welt ein neues, unterhaltsames und absurd-skurriles Gesicht und Dave van Ronk gibt so manchem Lonely Tramp auf dem Highway des Folks mithilfe des Journalisten Elijah Wald eine Stimme. So viel Pathos verwende ich selten, aber an dieser Stelle darf dies sein. Ich empfehle euch – nehmt euch einfach die Zeit und lasst euch von Dave in die Welt der Folkmusik der 50er und 60er Jahre entführen und schaut euch dann an, wie die Coen-Brüder diese Erlebnisse in der Figur Llewyn Davis als Beispiel für alle einsamen Folk-Musiker auf der Suche nach musikalischer Anerkennung und einem Plattenvertrag auf der Leinwand Leben einhauchen.

>> Dave van Ronk mit Elijah Wald:“ Der König von Greenwich Village – eine Autobiographie“, Heyne Hardcore 2013 (Original 2005)

Trailer zum Film „Inside Llewyn Davis”:
http://www.youtube.com/watch?v=LFphYRyH7wc

Soundtrack „Inside Llewyn Davis“:
http://www.youtube.com/watch?v=sUk-3tOJF-I

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9 Gedanken zu “„Inside Llewyn Davis“ und Dave van Ronk – Die Folkszene von New York

    1. Ja, toll nicht!? Ich mag diese melancholische sehnsuchtsvolle Musik sehr und das Buch war so interessant und spannend und mit so vielen Anekdoten gespickt. Kann ich nur empfehlen, wenn man gern Musikbiographien liest und das mache ich sehr gern, wenn ich die Zeit finde … Die 60er und 70er sind musikalisch gesehen einfach so interessant gewesen.

      Liebe Grüße zurück von Katja

    1. Ja bitte gern. Ich mag vor allem „Hang me, oh hang me“ and „500 Hundred Miles“. Passt zum Winter, obwohl bald Frühling ist. Viele Grüße!

  1. Liebe Katja,
    danke für den ausführlichen spannenden Bericht über das Buch und dem Film zum Folk. Wir, mein Freund und ich, sind immer offen und interessiert an allem, was rund um den Globus zum Thema Folk passiert.

    Dein Artikel war ein schöner Einstieg für die Musikmesse, die wir morgen besuchen werden.

    1. Hallo Bee, interessant, eine Musikmesse, da war ich ja noch nie. Welche Musik mögt ihr denn noch so? Ich bin immer auf der Suche nach Tipps, gern aus dem Singer-Songwriter/Folk-Bereich. Man könnte auch gut darüber diskutieren, ob es jetzt wieder eine Art Folk-Revival 2.0 gibt mit Mumford & Sons etc. Vielleicht würde Dave sagen, dass es gar kein Folk ist, weil der Folk eben traditionelle Wurzeln hat …!? Was meinst du?

      1. Guten Morgen.
        Das ist gar nicht so leicht zu beantworten. Ich bin ständig auf Neuentdeckungsreise gerade was Weltmusik angeht. Das lande ich im Moment immer öfter bei afrikanischen Sachen, wie Tamikrest.
        Danke für den Tipp mit Mumford & Sons. Die waren mir bisher entgangen.

        Ich weiß nicht, ob Dave das wirklich sagen würde. Haben solche Musiker nicht auch im Sinne des jungschen kollektiven Unbewussten immer Roots-Music in sich? Wenn sie es zulassen, damit in Verbindung zu kommen.

        Ansonsten wurschtel ich mich gerade durch die Irish Folk Szene, in der ich recht neu bin und noch nicht weiß, was ich von ihr halte. Darüberhinaus setze ich mich mit der Musik des vergangenen Festivals in Rudolstadt auseinander.

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