„Aus der Zeit fallen“ von David Grossman am Deutschen Theater

Wie kann man Worte finden, für das Unbeschreibliche, für einen Schmerz, der unfassbar ist?

David Grossman, der seinen 20jährigen Sohn im Libanonkrieg verlor, hat in seinem Text „Aus der Zeit fallen“ versucht, diesem Schmerz Worte zu verleihen. Entstanden ist ein Sog aus Emotion: Trauer, Verlustgefühl, Orientierungslosigkeit, Schmerz, Wut, Unverständnis, Einsamkeit, Verlassenheit …
Ich näherte mich diesem Sog nicht wie gewohnt auf Papier, das ich in Händen halte und das mir durch gedruckte Worte diese Emotionen nahebringt, sondern ins Bild gesetzt durch den Regisseur Andreas Kriegenburg am Deutschen Theater in Berlin.

Aus der Zeit fallen

Ohne den Text Grossmans vorher gekannt zu haben, ließ ich die gewaltigen intensiven Bilder des Theaterstücks auf mich wirken; beinahe dreieinhalb Stunden lang.
Zu Beginn: Das wunderschöne, zugleich melancholische und symbolische Bild von Lichtern, die eingehängt und auf der dunklen Bühne emporgezogen werden, wie Sterne oder Seelenlichter, wie Gedenkkerzen. Ein Ehepaar, dass an einem langen Tisch sitzt und zu sprechen beginnt. Die Hilflosigkeit, den Schmerz und die Trauer über den im Krieg gefallenen Sohn in Worte zu fassen sucht. Er will sich nach „dort“ begeben, „dort“ wo sein Sohn nun wohl ist, das „dort“, von dem er nicht weiß, was es genau ist, wo sich dieser Ort befindet, und ob es ihn überhaupt gibt? Jedenfalls hält er es nicht mehr aus, im „hier“. Er begibt sich auf den Weg nach „dort“, sie bleibt.
Der gehende Mann trifft verschiedene Menschen, die wie er selbst ein Kind verloren haben. Die Netzflickerin, die Hebamme, der Schuster, der Zentaur. Sie trauern, sie suchen, sie sind nicht mehr ganz im hier und jetzt, weil sie den Schmerz in sich tragen, den Verlust eines geliebten Menschen. Wie nur kann man damit umgehen? Wie dafür Worte finden – oder Bilder?
Die anderen schließen sich dem gehenden Mann an. Sie alle sind auf dem Weg nach „dort“, und während sie gehen, befinden sie sich in einem Zwischenraum: nicht mehr hier und noch nicht dort. Die Trauer hat sie in einen liminalen Zustand manövriert. Aus dieser Liminalität kommen sie erst ganz zum Schluss heraus, als es nicht mehr weitergeht und sie sich durch ein rituelles Begräbnis zu befreien versuchen.

Es ist ein großer Versuch. Der Text David Grossmans, mit seinem Schmerz umzugehen. Die Inszenierung Andreas Kriegenburgs, diesem Text (der nicht Roman, nicht Lyrik, nicht Klagerede, nicht Gebet ist, sondern irgendetwas dazwischen) einen Ausdruck zu geben. Die Bilder Olga Vintosa Quintanas, die dieser Inszenierung ein eindrucksvolles Bühnenbild verleihen.

Ein Versuch, der mich teilweise für sich einnimmt, in anderen Teilen aber seltsam betäubt und monotonisiert zurücklässt. Beinahe einschläfernd ist die Wirkung des ewig auf der Drehbühne, die unablässig in Bewegung ist, herumwandernden, im Kreis gehenden Mannes, auf dem Weg nach dort. Die kubenförmigen Elemente, die Räumlichkeit auf der Bühne erzeugen, sich ständig wandelnd, um die verschiedenen kleinen Zwischengeschichten unterzubringen, in denen es doch immer um eins geht: Die Trauer um den Verlust eines Kindes.
Es ist ein interessanter Zwiespalt, der sich in mir aufbaut: Einerseits die Textgewalt, die gesprochenen Worte, die sich in mir einbrennen. Dazu die Bilder, wie die Kerzenlichter am „Bühnenhimmel“, der dunkle Hintergrund, der an eine Höhle, eine Gruft denken lässt, innerhalb derer man der Verstorbenen gedenkt. Die Plastikfolienmassen. Oder der Kubus mit dem schreibenden Zentauren, der mir besonders gefällt: Das Bild eines Mannes, durch unzählige Fäden an seinen Schreibtisch gefesselt, Fäden auch, die sich durch den kompletten Kubus ziehen, in dem er sitzt, an denen Kinderspielzeug hängt: Kinderkreisel, Schulranzen, Lokomotive… Eingesponnen in seine Erinnerungen, in seine Trauer.
Und andererseits die Monotonie, die Länge, die Eintönigkeit, die Schläfrigkeit, die Handlungsarmut. Man fragt sich, ob es wirklich ein Text ist, der als Vorlage für die Bühne gelten kann, oder drastischer noch in den Worten von Peter Hans Göpfert vom kulturradio des rbb: „Vor allem aber ist es ein Stück Literatur, das konzentrierte Lektüre und Teilnahme des einzelnen Lesers verlangt. Wenn es etwas gar nicht ist, dann eine zum Theater drängende Vorlage. Die Form der Erzählung und das Thema sperren  sich geradezu gegen szenische Vereinnahmung.“
Bereits nach der Pause hat sich der Zuschauersaal des Deutschen Theaters erschreckend geleert. Etwas fehlt. Das Stück ist nicht eindringlich genug. Die Monotonie betäubt, aber berührt nicht, es bleibt auf einer Distanzebene, die den Zuschauer nicht recht erreicht. Und das ist bedauerlich.

Denn der Text David Grossmans ist ernsthaft, poetisch und intensiv. Er enthält viele Bedeutungsebenen, wie die verschiedenen Rollen des Erzählers, der sich im eingesponnenen Zentauren, im Chronist der Stadt und im gehenden Mann gleichermaßen wiederfinden lässt. Und die Ebenen eines Schmerzes, den in seiner Gänze vielleicht nur jene wirklich nachempfinden können, die selbst ein Kind betrauern müssen.

Die Inszenierung ist dabei nur ein weiterer Versuch, ins Bild zu setzen, was schwerlich in Worte zu fassen ist:

„Und mir bricht das Herz, mein Augenstern, wenn ich dran denk, dass ich / – ist’s möglich?! – / dass ich dafür die Worte fand.“


Zum Buch:

David Grossman: „Aus der Zeit fallen“, aus dem Hebräischen von Anne Birkenhauer, erschienen im Carl Hanser Verlag, 2012

Ausführliche Rezension mit weiteren Zitaten und Links bei aus.gelesen
Rezension der FAZ

 Zum Theaterstück:

Aus der Zeit fallen“
Uraufführung am Deutschen Theater, Berlin
Regie: Andreas Kriegenburg
Bühne: Olga Vintosa Quintana

Weitere Aufführungen am Deutschen Theater, dort auch die Rollenbesetzungen
Kritik des Kulturradio RBB
Kritik auf zeit.de

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Ein Gedanke zu “„Aus der Zeit fallen“ von David Grossman am Deutschen Theater

  1. Es muß furchtbar sein, ein Kind im Krieg zu verlieren. So absolut sinnlos.
    Beim Lesen des Textes hatte ich dieselben Gedanken wie bei den Texten, die zum Tod der Söhne von Käthe Kollwitz geschrieben wurden. Sie hat viele Skulpturen geschaffen, die von der Sinnlosigkeit des Krieges erzählen. Bei vielen versucht die Mutter die Kinder mit ihren einschliessenden Armen zu schützen. Aber es gelingt ihr nicht.
    Die gequälten Gesichtsausdrücke sind so bemerkenswert.

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