David Foster Wallace: „Vergessenheit“ + „In alter Vertrautheit“ (Stories)

Wenn die Tage länger und heller werden und der Frühling mich begrüßt, sobald ich das Haus verlasse, habe ich beim Lesen mehr Lust auf Leichtes und lasse die inhaltlich und äußerlich eher schweren Romanwälzer eher liegen. Da der Anspruch an den Inhalt dennoch nicht verloren geht, habe ich eine gute Mischung entdeckt: Die Stories von David Foster Wallace.

DFW_Stories

Sie lesen sich gut (vor allem im Vergleich zu dem von mir sehr geschätzten, jedoch arg schwer zu lesenden „Unendlicher Spaß“) und lassen zugleich keine Wünsche offen, was Humor, Gesellschaftskritik und Tiefgang angeht. In seinen Stories beweist Wallace mir einmal mehr, was er drauf hat: Er seziert die menschliche Psyche in „Neon in alter Vertrautheit“, lässt den Leser in den Kopf eines autistischen Kindes gucken, während der Lehrer kurz davor steht, Amok zu laufen („Die Seele ist kein Hammerwerk“), entwirft ein Bild auf das postmoderne Beziehungsleben und die damit verbundenen Herausforderungen („Vergessenheit“) und reflektiert humorvoll und realitätsbezogen-satirisch die Medienwelt, den ständigen Kampf um Aufmerksamkeit und das „Leben vor 9/11“ („TV der Leiden – The Suffering Channel“).
Die Stories decken somit ein breites Themenspektrum ab und haben zugleich gemeinsam, dass sie nachdenklich machen ohne zu deprimieren, Fragen aufwerfen ohne bodenlos zu sein und ironisch aufdecken, was unser Zusammenleben ausmacht. Er lässt häufig offen, was genau passiert oder welche Zusammenhänge nun eigentlich zu dem führten, was geschah. Seine Geschichten sind also selten in sich abgeschlossene, um sich selbst kreisende Zentren, sondern sie weisen über sich hinaus und pieken in den Leser hinein, setzen sich in seinen Gedanken fort und stellen manchmal Rätsel dar.
Gewisse typische Eigenheiten des Schreibens von Foster Wallace lassen sich auch hier wiederfinden: Das medizinisch oder wissenschaftlich korrekte, überdetaillierte Beschreiben von Inhaltsstoffen (z.B. in Schokoriegeln, die in „Mister Squishy“ von Probanden getestet werden), das Hinzufügen weiterer Gedanken (oder Fakten) in Klammern, die Innensicht von Figuren, die dem Leser dadurch sehr nahe kommen (wie in dem Geständnis / Abschiedsbrief -whatever- in „Neon in alter Vertrautheit“, übrigens mein Storie-Favorit in den zwei Bänden).
Ebenso wie in seinen Romanen zeichnen sich die Stories durch eine unglaubliche Bandbreite an skurrilen Begebenheiten, ausdrucksstarken Figuren und unheimlich lustig-tragischen Situationen aus, die von der Phantasie des Autors zeugen.

Es gelingt dem Autor sowohl in epischer Länge („Unendlicher Spaß“) als auch in aller Kürze wie in den Stories, Figuren zu skizzieren, die mich entweder total abstoßen oder auf ihre Weise faszinieren. Dabei bleibt er stets humorvoll und anekdotisch, zieht die menschliche Lebenswirklichkeit jedoch nicht abschätzig und zynisch ins Lächerliche, sondern zieht sie in den Fokus seiner literarischen Betrachtung und hebt die (Ab-)Sonderlichkeiten hervor, sodass man darüber schockiert lächeln muss. David Foster Wallace ist ein Seismograph seiner Zeit gewesen, der der Gesellschaft und jedem Einzelnen darin einen Spiegel vorzuhalten weiß, ohne komplett abzuschrecken oder zu deprimieren.

Ich las in zwei Bänden die Stories, die in der englischen Originalausgabe in einem Teil herausgegeben wurden, mit „Oblivion“ betitelt. In „Oblivion / Vergessenheit“ geraten diese Geschichten jedenfalls nicht so schnell!

Übrigens empfehlen sich die Kurzgeschichten auch sehr als Einstieg für all jene von euch, die schon immer mal DFW lesen wollten, sich aber aus verständlichen Gründen nicht so recht an die Romane herantrauen :). Ich will nun noch unbedingt seine weiteren Story-Bände lesen, mit den grandiosen Titeln: „Kleines Mädchen mit komischen Haaren“ und „Kurze Interviews mit fiesen Männern“.

David Foster Wallace: „In alter Vertrautheit“ (2008) und „Vergessenheit“ (2009) bei Rowohlt erschienen, übersetzt von Marcus Ingendaay und Ulrich Blumenbach.

Weitere Meinungen:

About „Oblivion“ (and „Infinite Jest“)

Miserabler Stil mit System und Funktion

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