Notizen zur Lektüre: Thomas Bernhard „Der Atem“ – letzter Teil

Wir lesen Thomas Bernhards autobiographische Rückschau “Der Atem” und notier(t)en wöchentlich unsere Eindrücke vom Text. Heute kommen wir damit zum Schluss und zeigen euch unsere Notizen zum letzten Teil (S. 91 – 124) und fassen unsere Leseeindrücke zusammen.

„Diese Entdeckung, daß die Literatur die mathematische Lösung des Lebens und in jedem Augenblick auch der eigenen Existenz bewirken kann, wenn sie als Mathematik in Gang gesetzt und betrieben wird, also mit der Zeit als eine höhere, schließlich die höchste mathematische Kunst, die wir erst dann, wenn wir sie ganz beherrschen, als Lesen bezeichnen können, hatte ich erst nach dem Tod des Großvaters machen können, diesen Gedanken und diese Erkenntnis verdankte ich seinem Tod.“ (S. 119)

Inhalt:

Abschluss der „ersten Existenz“ d. Sterbezimmers im Krankenhaus – Gesundungsweg schreitet voran – Übersiedelung des Erzählers in das Erholungsheim „Hotel Vötterl“ in Großgmain am Rande eines bayerischen Bergdorfes – Beziehung zur Mutter wird rekapituliert und als enger beschrieben – Beziehung zw. Großvater und Mutter wird als schwierig thematisiert – Ansätze psychologischer Ausdeutungen – Im Erholungsheim erwacht neuer Lebenswille, obwohl auch dies ein Sterbeheim ist – Aufarbeitung des Krankenhausaufenthaltes – Misstrauen gegenüber Ärzten bis zum Schluss – Lust auf Spaziergänge und Naturerlebnis kommt zurück – Interesse für die Literatur und große Liebe zur Musik verstärkt sich – Besuch von Kurkonzert – Auseinandersetzung mit Mitpatient, der ganz andere Interessen hat – nächster Schicksalsschlag am Ende des Berichts: Krebserkrankung der Mutter + Tuberkuloseerkrankung durch Aufenthalt im „Hotel Vötterl“ – Entlassung aus Großgmain – Erhalt v. Einweisungsschein in Lungenheilstätte Grafenhof

Sprache u. Stimmung:

Verwaltungsbegrifflichkeiten:„Erholungsheim für an den Atmungsorganen Erkrankte“ –– zum ersten Mal direkte medizinische Benennung der Krankheit: Lungenkrankheit – permanente Wiederholung des Wortes lungenkrank wie drohende Gefahr und allgegenwärtige Todesbotschaft – Rückbesinnung an Höhepunkt angelangt – Erkenntnisgewinn und Bewusstsein des eigenen Über-lebens durch zahlreiche Rückerinnerungen und wiederholt beschriebene Situationen – Unterschied zwischen Klassenpatienten und Nicht-Klassenpatienten (=Kassenpatienten?) wird verdeutlicht – Friedhofserdhügel von verstorbenen Patienten als Symbol für den Verlust des Lebens und permanente Todesnähe im Erholungsheim – dennoch Hoffnung und Gedanken an Positives, wie die Zeit zu nutzen, um Weltliteratur zu lesen – Musikkapelle und Militärumzug als Bild des stumpfsinnigen österreichischen Bergvolks: „protzige Umzüge, zutiefst verabscheut“ – traurig-triste Stimmung – resignierend kalter Ton bei Nachricht vom Schicksal der Mutter – Tiefpunkt der Erzählung ganz am Ende: fehlende Hoffnung, nur negative Beschreibungen: „keinerlei Hoffnung“ für Mutter, „größte Verzweiflung“

Bedeutung u. Wirkung:

Krankheit verändert Beziehung zu Mitmenschen und Familie – Großvater als wichtigster Mensch fehlt, aber Bernhard geht es besser, löst sich vom Schmerz d. Verlusts und sieht nach vorn – Beziehung zur Mutter wird besser u. enger – Mutter jetzt wichtigster Mensch – Erkenntnis, dass Gesundungsweg mit eigener Entscheidung zum Leben zusammenhängt u. dass Lungenkrankheit sich im Erholungsheim als „spätere schwere Lebenskrankheit“ manifestiert hat – wenig Dankbarkeit und positives Gefühl gegenüber Gesundheitssystem, das nur als „Krankenverwahrung“ empfunden wurde – wiederholte Kritik am Gesundheitssystem – Todesgegenwärtigkeit – Kritik am Stumpfsinn des österreichischen Bergvolks anhand der perversen Militärkapelle – Ende des Berichts markiert Tiefpunkt

Abschluss: Unsere Lektüreerfahrung

Katja:

Thomas Bernhards realistisch-kühle stark selbstreflexive Rückschau auf die eigene Jugend ist der schonungslose unerbittliche moralisierende Blick in die eigenen traurigen Erfahrungen mit körperlichem Verfall, Tod und dem Verlust geliebter Menschen. „Der Atem – Eine Entscheidung“ stellt eine anstrengende Lektüre dar, die einerseits einen interessanten Einblick in die Jugend eines bedeutenden österreichischen Autors gibt und andererseits eine tiefe Verunsicherung einer jungen Seele gegenüber dem Leben aufzeigt. Ich frage mich, inwiefern hier der literarische Blick die eigenen Erinnerungen überzeichnet und moralisiert, was im eigentlichen Erlebnis der Jugend weitaus weniger bewusst gewesen sein kann. Der Leser bleibt am Ende fast verstört zurück mit der Frage, wie ein junger Mensch all diese Schicksalsschläge aushalten kann, ohne verrückt zu werden. Die autobiographische Erzählung beginnt mit einem Tiefpunkt und endet mit einem Tiefpunkt. Es ist eine Reise in die Vergangenheit eines faszinierenden unerbittlichen Autors ohne viel Hoffnung – die einzig positiven Momente sind seine Liebe zur Musik und zur Literatur, die angesichts solcher Erlebnisse und des körperlichen Verfalls enorm wichtig werden. Die so bezeichnete Entscheidung ins Leben erscheint dem alternden Autor in der Rückschau als existentialistischer Akt, die verordnete Zeit im Sterbezimmer fast wie eine Art Zwang und Notwendigkeit zur inneren Einkehr ob des äußerlich körperlichen Verfalls. Das Gesundheitssystem ist nur mehr eine Verwaltungsmaschine von Todgeweihten und Ärzte sowie das gesamte Krankenhauspersonal kommen in der persönlichen Rückschau am schlechtesten weg, da sie nicht an der Heilung der Patienten oder des persönlichen Schicksals interessiert scheinen. Das Ende markiert einen Tiefpunkt als eine Art Cliffhanger und man möchte wissen, wie Bernhards Leben weiter verlief, wie er mit diesen Erfahrungen in der Jugend sein Leben meistern konnte. Vor allem, wenn man wie ich vorher nicht viel von der Biographie des Autors weiß, erweckt das Ende den Wunsch seine folgenden zwei Erinnerungsberichte zu lesen, die mit „Die Ursache“ und „Der Keller“ beschlossen werden. Keine leichte Kost, aber eine lohnende Lektüre – ein wahnsinnig interessanter bewegender Autor.

Laura:

Bei „Der Atem. Eine Entscheidung“ handelt es sich um eine eher düstere, sehr ernste Lektüre. Man sollte sich vor dem Lesen darüber im Klaren sein, dass es ein nachdenklich machender, lebensnaher Text ist, der sich nicht als Urlaubslektüre eignet.
Da es vorrangig um Krankheit als omnipräsente Lebensbedrohnung, um Verfall und Hoffnungslosigkeit geht, ist es weniger erbauliche, als bedrückende Literatur. Dennoch lohnt es, an den Schilderungen Bernhards teilzuhaben, da er durch seinen Text das Gesundheitssystem scharf kritisiert und man sich automatisch auch eigene Gedanken über die Vergänglichkeit macht. Man stellt sich die Frage, worauf es ankommt im Leben. Das Krankenhaus wird bei Bernhard zum liminalen Ort zwischen Lebenden und Toten, der Tod ist allgegenwärtig, und man kommt nicht umhin, sich mit dem Tod konfrontiert zu sehen. Bernhard zeigt, dass die Vergänglichkeit und das Sterben Teile des Lebens sind, vor denen niemand gefeit ist. Selbst wenn man noch so lang alles, was damit zu tun hat, verdrängt, irgendwann wird man krank und / oder verliert wichtige Menschen an den Tod. „Der Atem“ ist vor allem eine eindringliche Erinnerung genau daran. Und gleichzeitig sagt es aus: Die Entscheidung fürs Leben, fürs Atmen, fürs Weitermachen ist eine bewusste Entscheidung jedes Einzelnen. Und es ist es wert, sich für das Leben zu entscheiden, sei es auch nur, um die Weltliteratur zu lesen. 🙂

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