Lest T.C. Boyle!

Es gibt Autoren, deren Bücher muss man einfach verschlingen. Dies kann ganz unterschiedliche Gründe haben. Mich begeistert vor allem jene Literatur, die eine unterhaltsame Geschichte mit anspruchsvoller Erzählkunst originell aufbereitet.

T. C. Boyle (Tom Coraghessan Boyle, * 1948 Peekskill) ist so ein Autor, der ein ungeheures Ouevre vorweisen kann und dessen Bücher und Erzählungen allesamt Verschling-Mich-Potential besitzen. Seine Romane zu lesen ist ein ungeheures Vergnügen. Warum?

Wie kaum ein zweiter Autor kombiniert der Sohn irischstämmiger amerikanischer Einwanderer eine spannende Story, umfängliche Figurencharakteristika und einzigartige Schauplätze mit bissig-heiterer Gesellschaftskritik. Seine Figurenwelten und Handlungsschauplätze sind authentisch, hinter jedem Sujet stecken reale historische Vorlagen, die eine akribische Recherche und die Liebe zu ausgefallenen Stoffen sowie gesellschaftlichen Mythen erkennen lassen. Man könnte auch sagen, Boyle ist das schlechte Gewissen der modernen amerikanischen Literatur, denn er wühlt in jenen Themen, die Amerikas Mythos vom Land der Freiheit und unbegrenzten Möglichkeiten manifestieren. Sein Figurenensemble zieht sich quer durch alle Gesellschaftsschichten: Es sind auf der einen Seite bekannte Wissenschaftler, beliebte Künstler, Erfinder, Entdecker, Forscher, Popstars und allesamt idealisierte Helden, die nahezu unantastbar geworden sind. Boyle zeigt ihre dunklen Seiten, ihre menschlichen Schwächen und vielschichtigen Charaktere, die der Leser vor allem durch jene Menschen betrachten kann, die mit ihnen leben, lieben und leiden.

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© Christina Knecht

Doch es sind nicht immer nur die Helden der Gesellschaft, die Boyle in epischer Breite und unbändiger Fabulierlust zum Leben erweckt. Das wäre allzu leicht und eintönig wiederholbar. Man kann Boyle keine fehlende Originalität vorwerfen. Angesichts seines enormen Werkumfanges ist es fast schon unglaublich, wo Boyle seine Themen hernimmt, die nie langweilen und selten bloße Varianten oder Erzählstereotypen darstellen. Ebenso rückt er die Nebenfiguren in den Mittelpunkt, die Versager, sitzen gelassenen Geliebten, betrogenen Ehefrauen, Verbrecher und Diebe, komplexbelasteten und sexsüchtigen Looser, die Träumer und Betrüger. Boyle beherrscht die Klaviatur menschlicher Abseitigkeiten und Leidenschaften bis ins kleinste Detail und entlarvt hingebungsvoll die Brüchigkeit von Ikonen, Weltbildern und scheinbar für die Ewigkeit gedachten Konventionen.

 „Die Zeitungen waren voll davon, die Schlagzeilen verkündeten die Katastrophe, die Bluthunde von der Presse zerrten noch die letzen Einzelheiten aus den Trümmern hervor, doch nichts war gewiss, und bevor alle Tatsachen feststanden, konnte man niemandem glauben. Frank war so besorgt, dass er keine zwei Minuten stillsitzen konnte. Er ging stundenlang auf und ab. Verlor den Appetit. Vernachlässigte die Arbeit, drehte am Sendersuchknopf des Radios und blätterte in Zeitungen. Der grausamste Augenblick kam, als sie mitten in der Nacht vom Telefon geweckt wurden. Es war ein Reporter des Examiner, der Frank selbstzufrieden und voller Schadenfreude mitteilte, das Imperial sei zerstört, und wissen wollte, ob Frank sich dazu äußern wolle. Miriam tauchte zerschlagen, von Morphin umnebelt, aus den trüben Tiefen des Schlafs auf, umfangen vom dunklen Fluss ihrer Träume und sagte: ‚Wie? Was?‘ Sie hörte im Dunklen seine vor Empörung verzerrte Stimme, die der Welt die Wahrheit entgegenschleuderte: ‚Wer hat das gesagt? Woher wollen Sie das wissen? Sind Sie auf einem fliegenden Teppich dorthin und wieder zurück geflogen? Nein, hören Sie: Das Kaiserliche Theater mag eingestürzt sein, das Kaiserliche Krankenhaus, die Kaiserliche Universität und die tausend anderen Gebäude, die mit seinem Titel verbunden sind, aber wenn es in diesem ganzen zerstörten Land ein Bauwerk gibt, das noch steht, dann ist es mein Hotel. Das können Sie schreiben.‘ Wie sie ihn dafür liebte – für seine Leidenschaft und Gewissheit. Wenn er mit dem Rücken zur Wand stand, kämpfte er wie ein Löwe. Sie lag da und lauschte dem sich verlangsamenden Rhythmus seines Atems, während er durch die Bewusstseinsschichten in Schlaf sank, ihr Mann, ihr Verlobter, ihr ureigenes persönliches Genie Frank Lloyd Wright, der Erschaffer des Hotels Imperial – mochte es zehntausend Jahre stehen. Und als sie selbst einschlief, hörte sie die Bauarbeiter über den augewühlten Ozean hinweg rufen: Wrieto-San, Wrieto-San, banzai!“ (T.C. Boyle „Die Frauen“ 3. Aufl. 2012 DTV S. 375f.)

Sprachlich und stilistisch kann Boyle mit einem John Irving, Jonathan Franzen und David-Foster-Wallace verglichen werden. Er hat von jedem ein bißchen und doch ist sein Stil ganz eigen. Wer einen T.C Boyle zur Hand nimmt, wird nie enttäuscht – man mag einem Thema eher zugeneigt sein als dem anderen. Er weiß jedoch immer zu unterhalten und zu faszinieren – mit Anspruch. Es geht ihm nicht nur darum, eine spannende Story zu erzählen und interessante Figuren zu entwickeln, die miteinander agieren – Boyle ist ein genauer Beobachter menschlicher Abgründe und greift dabei immer die gesellschaftliche, kulturelle und politische Dimension seiner Themen auf, ohne den moralischen Zeigefinger zu erheben. Der Leser wird nicht nur unterhalten von einer Geschichte, die einen Sog entwickelt, man lernt etwas über die Hintergründe von politischen, pop-kulturellen, wirtschaftlichen oder Umweltthemen, deren Akteuren Boyle auf originellste und liebevollste Weise Leben einhaucht.T.C. Boyle

Bei all dem beschreibt er seine oft hahnebüchen lustig-skurrilen Themen mit einer großen Liebe zum Tragikomischen. Der Autor ist da am besten, wo er den amerikanischen Traum als Mythos entlarvt und vom Sockel stößt, wo er die Doppelmoral einer prüde-christlichen Gesellschaftsordnung hinterfragt und gesellschaftliche Konventionen wie ein Kartenhaus zusammenfallen lässt. Seine Figuren bleiben im Gedächtnis und wirken nach, sie faszinieren oder ekeln, sie berühren oder verwundern, sie lassen den Leser nie kalt. Boyle lesen macht Spaß und ist richtig gut – daher erhält dieser Autor meine uneingeschränkte Empfehlung.

Da Boyle fast jedes Jahr einen neuen Roman schreibt, gibt es noch viel zu entdecken – er scheint noch lange nicht am Ende zu sein und vermag immer noch mit dem einen oder anderen Thema zu überraschen. Ich habe mich zunächst durch siene älteren Titel gelesen, seine jüngsten Romane „San Miguel“ und „Wenn das Schlachten vorbei ist“ warten noch auf mich.

 „Romane sind wie Rockkonzerte. Entweder bringst du die Leute zum Tanzen oder sie feuern dir Bierdosen an den Kopf.“

Eine kleine Auswahl an Titeln, die ich bisher selbst gelesen habe und sehr empfehlen kann:

„Wassermusik“ (1980)

Während ein schottischer Entdecker sich um 1800 ins tiefste Afrika auf die Suche nach dem Niger macht, schlägt sich der Trunkenbold und Betrüger Ned Rise durch London.

„Dr. Sex“ (2005)

1939: Der Wissenschaftler und Sexualforscher Alfred Kinsey, auch bekannt als „Dr. Sex“, untersucht als erster durch direkte Befragungen das sexuelle Verhalten von Männern und Frauen und gibt einen intimen Einblick in die Ehebetten der amerikanischen Nation und seines eigenen zügellosen und freien Sexuallebens.

„Drop City“ (2003)

Sex, Drugs and Rock’n Roll – Eine Hippiekommune zieht in den 70er Jahren von Kalifornien nach Alaska und erlebt allerlei Skurriles.

„Grün ist die Hoffnung“ (1984)

3 seltsame dauerbekiffte Typen versuchen in den Wäldern um San Fransisco vom Marihuanaanbau zu leben und das große Geld zu machen.

„Willkommen in Wellville“ (1993)

1907 – in einem Sanatorium des Cornflakes-Erfinders Dr. Kellogg lässt sich die High Societey der amerikanischen Gesellschaft von allesn Wehwechen gesund pflegen. Gesundheitsfanatismus und verordnete sexuelle Abstinzenz treiben seltsame Blüten mit den mitunter schrägen Patienten wie dem Ehepaar Lightbody, dessen Ehe auf eine besondere Probe gestellt wird …

„Die Frauen“ (2009)

Stararchitekt und Ikone Frank Lloyd Wright aka Wrieto-San prägt in den Zwanziger- und Dreißigerjahren die Architektur Amerikas und füllt die Klatschspalten mit der Unmoral seiner Beziehungen. Boyle enthüllt anhand des Berichtes seines japanischen Assistenten über das Leben Wrights mit seinen verschiedenen Geliebten und Frauen die Scheinheiligkeit der puritanischen amerikanischen Gesellschaft zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Alle Bücher von T.C. Boyle in Übersetzung im Carl Hanser Verlag München.

Viel Spaß allen, die diesen großartigen Autor noch für sich entdecken dürfen. Ich werde mich als nächstes wohl seinen Erzählungen widmen, da er neben seinen großartigen umfassenden Romanen auch einige Erzählbände herausgegeben hat!

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10 Gedanken zu “Lest T.C. Boyle!

    1. Es lohnt sich wirklich. Zumal Boyle so vielseitig in seiner Themenwahl ist, dass es nie langweilig wird – ob verrückte Hippies mit hahnebüchenen Geschäftsideen, überschätzte selbstverliebte und frauenvernichtende Architekten, biedere gesundheitsfanatische Ehepaare. Boyle bedeutet wirklich tolle Erzählkunst und Unterhaltung ohne anzustrengen. Alles ist genau recherchiert und daher auch sehr informativ, so dass man immer noch etwas lernt. Viel Spaß beim Entdecken von Boyle!

  1. Ich bin auch ein Boyle Fan … America, Dr. Sex und Die Frauen haben mir besonders gefallen. Ich mag die Erzählweise und die lautlose, sachliche, emotionslose nicht auf eine Seite stellende Art und Weise, von den Dingen zu berichten. Beim Leser stellen sich die Emotionen von alleine ein.
    LG Susanne

  2. … aber wenn es irgend möglich ist, lest T.C. Boyle bitte im Original 🙂 (sagt eine, die gerne wieder mehr übersetzen würde … das Paradox am Samstagabend ;-))

    1. Hallo Mischa – ja, du hast Recht. Um Boyles Sprachkraft wirklich einschätzen und erfassen zu können, muss man das Original lesen. Ich werde mir als nächstes auch mal das Original vornehmen. Danke für die Erinnerung und „Mahnung“ =) Ich bin da als Germanistin immer faul und lese lieber deutsch … Sage mir aber immer wieder, ich sollte mehr Original lesen.
      Kannst du denn von der Übersetzungsarbeit leben – die wird meines Erachtens doch so schlecht bezahlt?
      Liebe Grüße
      Katja

      1. Hallo Katja – leben kann ich gewissermaßen nur aus der Kombination von Berufen, die alle nicht im Ruf stehen, lebensunterhaltende Maßnahmen zu sein. Mal übersetze ich mehr, mal sind es die Lesungen, dann verkauft ich eine Kurzgeschichte oder gar ein Roman findet einen Verlag, ein Drehbuch kriegt Förderung oder ich unterrichte an der Uni – und am Ende bin ich ein intellektuell-kreativer Gemischtwarenladen, nicht grad reich, aber überwiegend glücklich 😉 Vielfältige Grüße Mischa

  3. T.C. Boyle zählt auch für mich zu den „Größten“. Zweimal hatte ich sogar das Glück, ihm gegenüber zu stehen. Unvergesslich der Moment, mit ihm kurz Smalltalk zu halten. Ganz unspektakulärer Typ und sehr gelassen – so stand er da in Lederjacke, Jeans und Turnschuhen und gab jedem seiner Fans Zeit und Raum für ein Gespräch.
    Mein Lieblingsbuch mit dem unvergesslichen Hiro Tanaka ist „Samurai von Savannah“. Ich glaube, ich muss es bald mal wieder lesen…. Danke für den schönen Beitrag!

    1. Hallo masuko!
      Mir macht Boyle auch den Eindruck als sei er sehr entspannt, ohne ihn live gesehen zu haben. Obwohl ich nicht so zu Fantum neige, finde ich es interessant, dass du ihn mal persönlich gesehen hast. Er war ach letzten Herbst in Dussmann, aber das war mir zu teuer und da ist immer ein Gerdränge, das nervt.
      Den Titel, den du nennst, kenne ich noch gar nicht. Danke für den Tipp – werd ich mir mal anschauen. Ich freu mich auf noch ganz viele unterhaltsam-informative Stunden mit Boyle-Büchern. Liebe Grüße und schönen Abend

  4. Ich habe Tortilla Curtain von Boyle gelesen und fand es eine anstrengende, aber dennoch sehr ansprechende Lektüre. Ich habe es auf englisch gelesen, da kommt das ganze wirklich schön zur Geltung. Seine sozialpolitische Darstellung (ja schon fast Kritik?) der mexikanischen illegalen Einwanderer in die Usa ist wirklich nur empfehlenswert zu lesen – vor allem äußert interessant!

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