XLIII. Sonntag mit Proust: Über Zeitgeist

„Die Gleichheit der verschwebenden Grußformen der Herzogin von Lambresac mit denjenigen der Freundinnen meiner Großmutter hatte angefangen mich zu interessieren, da sie mir zeigte, daß in engen und geschlossenen Milieus, ob sie nun dem Kleinbürgertum oder dem hohen Adel angehören, die alten Manieren noch erhalten geblieben sind und uns auf diese Weise wie einem Altertumsforscher ein Bild davon geben, welches die Erziehung und der in ihr sich widerspiegelnde Seelenanteil zur Zeit des Vicomte d´Arlincourt und der Loisa Puget gewesen sein mögen. Besser noch rief mir jetzt die vollkommene äußere Gleichheit zwischen einem Kleinbürger aus Combray derselben Altersklasse und dem Herzog von Bouillon (…) in die Erinnerung zurück, daß die gesellschaftlichen oder auch individuellen Unterschiede in der Uniformierung einer Epoche verschwinden. In Wahrheit ist es so, daß die Ähnlichkeit der Kleidung und auch der Widerschein des Zeitgeistes auf dem Antlitz einer Person einen viel wichtigeren Platz einnehmen als die Kaste, die einen großen Raum nur in der Eigenliebe des Betreffenden und der Einbildung der anderen beansprucht; wer also sich darüber klarwerden will, daß ein großer Herr aus der Zeit Louis-Philippes weniger verschieden von einem Bürger aus der Zeit Louis-Philippes ist als von einem großen Herrn aus der Zeit Ludwigs XV., braucht nicht erst die Galerien des Louvre zu durchmessen.“

Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Teil 4.1: Sodom und Gomorra. Dtsch. von Eva Rechel-Mertens, Frankfurt: Suhrkamp, 1982, S. 119.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s