Zadie Smith: „NW“, 2012

NW

Wenn ich reise, lese ich gern unterwegs einen zum Reiseort passenden Roman. Anlässlich eines kurzen London-Trips mit Katja las ich Zadie Smith´s „NW“ auf Englisch, während sie sich dem Klassiker „Mrs. Dalloway“ widmete.

The fat sun stalls by the phone masts.“ / „Die pralle Sonne trödelt bei den Telefonmasten.“ (erster Satz)

Zadie Smith, selbst in London North-West geboren und aufgewachsen, ermöglicht einen komplett untouristischen, detailreichen und sprach-experimentellen Einblick in das Londoner (Randbezirk-) Leben. Vier Figuren werden umrissen und man liest von einem Stück ihres Lebens, lauscht ihren Dialogen, sieht ihnen zu, erlebt verschiedene Zeitspannen, die sich je nach Figur unterscheiden. Alle vier, Leah, Felix, Natalie und Nathan, sind im gleichen Stadtteil aufgewachsen, bringen unterschiedliche kulturelle Hintergründe mit, und haben zwar die gleiche Schule besucht, entwickeln sich dann aber in ganz verschiedene Richtungen.

Leah Hanwell und Natalie Blake sind befreundet. Während Leah weißhäutig ist und für eine soziale Organisation arbeitet, stammt Natalie von Jamaikanern ab und wird zur erfolgreichen Anwältin. „Thirty-two. I´m getting old. Ain´t even funny no more.“ Beide sind Mitte Dreißig und hadern mal mehr, mal weniger mit ihrem Leben: Leah nimmt heimlich die Pille und treibt ab, lässt sich von einem Mädchen an ihrer Haustür aus dem gewohnten Alltag herausreißen, Natalie rechtfertigt ihren Erfolg vor ihrer Schwester, die ein Kind nach dem anderen bekommt.

Mind the gap. Felix stepped in the second carriage from the end and looked at a tube map like a tourist, taking a moment to convince himself of details no life-long Londoner should need to check: Kilburn to Baker Street (Jubilee); Baker Street to Oxford Circus (Bakerloo).“

Map of LondonDie Geschichte von Felix ist eingestreut etwa im zweiten Drittel und liest sich vielleicht am Flüssigsten, da Natalies Part am Ende eher in Fragmente zergliedert ist, was aber durchaus einen eigenen Reiz hat. Felix hat seine Drogenabhängigkeit überwunden und sucht sein Glück mit Grace, lässt sich aber dennoch auf einen Abschieds-Sexakt mit Annie ein. Im Anschluss daran wird ihm eine Auseinandersetzung in der tube zum Verhängnis.
Nathan schleicht sich wie ein Geist durch das Buch. Er taucht erst indirekt, dann noch einmal am Ende zwischen Natalies Geschichten auf; er läuft lange mit ihr durch die Straßen Londons, während sie versucht, nach einer Krise zuhause wieder klarzukommen.

Frank De Angelis asked his wife, Natalie Blake, where she was going. Where she thought she was going. Where the fuck she thought she was going. „Nowhere“, said Natalie Blake.“

Man biegt um die Ecke und weiß nie genau, was einen als nächstes erwartet – dieses Großstadtphänomen hat Smith in ihrem gerade in deutscher Übersetzung erschienen Roman manifestiert. Das, was einen in der Vergangenheit miteinander verbindet, muss nicht bedeuten, dass in der Zukunft alles einheitlich und strukturiert verläuft. Besonders im Kontakt zu Menschen, mit denen man eine frühere Phase im Leben teilte, wird einem manchmal bewusst, wohin man sich entwickelt hat. Zadie Smith zeigt dies auf, indem sie die Geschichten von vier Menschen erzählt und miteinander verknüpft. Es sind dabei nicht gerade wenig Figuren, die eine mehr oder weniger große Rolle spielen, da zu den vier Hauptfiguren teilweise auch deren Familienmitglieder, Ehemänner, Jugendlieben gehören. Zusätzlich wechselt Keisha Blake ihren Namen an der Universität in Natalie. Und doch kommt man nicht durcheinander.

Erzählerisch ist das Buch ebenfalls voller Überraschungen, kombiniert mit einer experimentellen und vielseitigen Sprache (Dialoge, Schilderungen, Beschreibungen, Wikipediaeinträgen, Emails, Songtextfragmenten, Stichwortsammlungen…) kann dies den Lesefluss ein wenig verlangsamen und der Roman läuft Gefahr, in seine Fragmente zu zerfallen – aber irgendwo gibt es doch diesen roten Faden, der alles verschnürt und zusammenhält. Der einen weiter durch die Straßen treibt und über die Seiten.

Der Roman zoomt ins Leben der Bewohner von London Nord-West und verdeutlicht anhand von anekdotischen Details, sprachlicher Vielfalt und mehreren Blickwinkeln, was es bedeutet, im multikulturellen London aufzuwachsen und zu leben. Als Leser des Buches, insbesondere des Originalsprachlichen, ist man ganz nah dran: An den Menschen und ihren Sorgen, an den Konflikten, selbst an den expliziten Sexszenen und (dadurch) hervorgerufenen Irritationen, an den Brüchen im Leben der Mitt-Dreißiger. Und über allem hängt der Geruch von Gras/weed.

Zugleich taucht man ein in dieses Londoner Leben, schaut sich lesend um, indem man durch Zadie Smith´s Erzählungsweise ganz nah herangeholt wird, doch man behält immer irgendwie einen distanzierten Überblick, bleibt Betrachter/Leser/Rezipient, der keine Chance hat, teilzunehmen am beschriebenen Leben. Dieses Paradox aus Nähe und Distanz macht den Roman reizvoll für mich.

Doch er birgt noch viel mehr Potential: In seiner Vielschichtigkeit umreisst er die unterschiedlichsten Lebensentwürfe, stellt Fragen nach sozialer Identität, experimentiert mit Sprach- und Textformen, führt Erzählstränge je nach Figur kaleidoskop-artig getrennt voneinander aus, um sie letztlich an Karneval im August zusammen zu bringen… Aus meiner Sicht ist Zadie Smith ein Roman gelungen, der durch seine mehrschichtige Vielfalt unheimlich nah am Leben ist. Dies ist so ein Buch, das man ausliest – und eigentlich gleich noch einmal lesen möchte.


Zadie Smith „NW“, 2012, auf Englisch bei Penguin Books erschienen, von mir als Ebook gelesen. Die deutsche Übersetzung „London NW“ erschien 2014 bei Kiepenheuer & Witsch.


Weitere Meinungen:

von Claudia auf dem grauen Sofa

von Sigrid beim Kulturradio des RBB

von Frau Seitengeraschel

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2 Gedanken zu “Zadie Smith: „NW“, 2012

  1. Ich hab gerade die – ziemlich gute – deutsche Übersetzung gelesen. Ein wirklich toller Roman. Vor allem diese sprachlich-formale Experimentierfreude ist großartig und ich war regelrecht begeistert (und überrascht!) wie aus den unterschiedlichen Stilen in den verschiedenen Teilen, den Fragmenten usw. ein so toller Lesefluss entsteht. Mal ganz davon abgesehen, dass vor allem die Charaktere phantastisch gelungen sind …

    Mal sehen, vielleicht schreibe ich auch noch einen Text zum Buch, überlegt hab ich schön und „NW“ hat aus meiner Sicht sehr, sehr viele Leser_innen verdient.

    1. Du klingst genauso begeistert, wie ich mich fühle =) Interessant und umso toller, dass diese sprachliche Kreativität und VIelfältigkeit auch in der deutschen Übersetzung rüberkommt. Ich hatte mal einen kurzen Blick hinein geworfen, weil ich es prompt verschenken wollte – dabei fiel mir auf, dass das vermittelte Lese-Gefühl durch die deutsche Sprache anders ist… irgendwie harscher, härter. Aber zum einen passt das stellenweise durchaus zum Inhalt, es geht ja nicht um eine Kuschel-wohlfühl-Welt die da beschrieben wird, und zum anderen weiß ich nicht, ob das nicht einfach nur mein sehr subjektives Sprachempfinden ist. Ich hatte die englische Variante im Ebook u.a. aus Kostengründen gewählt und natürlich weil es die Originalsprache ist =)

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