Svealena Kutschke: „Gefährliche Arten“, 2013

Manche Menschen gehören zu den gefährlichen Arten, da sie das Dunkle, das sie in sich tragen nach außen lassen.

Gefährliche Arten
Credits: Foto (links): katja, Foto (rechts): laura, bearbeitet in PS von laura

Eine Rezension nach Schema F zu diesem Buch zu schreiben, scheint mir zum einen irgendwie unpassend da zu konventionell, zum anderen langweilt es mich manchmal, immer gleich aufgebaute Rezensionen zu schreiben und zu lesen. Ich werde versuchen, euch „Gefährliche Arten“ zu beschreiben, indem ich 5 Aspekte daraus hervorhebe, von denen ich meine, in ihnen spiegele sich das „Wesen des Buches“ am ehesten wider. Der Inhalt und die sprachlichen Merkmale, die das Buch ausmachen, sollten dennoch deutlich werden.

In „Gefährliche Arten“ von Svealena Kutschke geht es unter anderem um

Kunst

Sasha ist Künstlerin. In ihrem Kunstmarkt lebt sie das Düstere und wahrhaft Gemeine in sich aus: So fotografiert sie die Gesichter der Menschen, denen sie gerade zuvor vom Suizidversuch ihrer Mutter erzählt hat, verkleidet sich komplett mit Perücke, Outfit und Schminke als unscheinbare Tierhändlerin ausgestopfter Tiere oder gründet eine Stiftung zur Unterstützung Obdachloser, die dann von ihr mit Eintrittskarten für den Zoo, neuen Schuhen oder Alkohol versorgt werden. Ihr geht es darum zu provozieren, sie sucht die Konfrontation und langweilt sich regelrecht, wenn diese ausbleibt. Sasha ist auch privat ein Mensch, der die Ecken und Kanten sucht, an denen man sich stoßen kann: Sie verknüpft ihre Kunst mit ihrem Privatleben, indem sie mit den Partnern ihrer Freundinnen schläft und davon heimlich Videos dreht, die sie mit den heimlich gedrehten Videos von vertraulichen Freundinnengesprächen zusammenschneidet. Ab und an versendet sie diese Videos ihrer Loveboutique dann auch an Betroffene.

So bitterböse wie Sashas Charakter ist das ganze Buch: Es wird von ihrer Ich-Perspektive pechschwarz eingefärbt. Dabei ist alles Beschriebene gleichermaßen glasklar und konkret und dennoch sprunghaft; voller Risse, Zeitsprünge, Ortswechsel zwischen Berlin, Land und Nanjing.

Man fühlt sich beim Lesen selbst ein bißchen wie auf

Drogen

Ebenso wie Sasha nehmen die Menschen in ihrer Umgebung (namentlich erst Mo, später Jannis, mit dem sie vögelt, der aber eigentlich mit Sophia zusammen ist, die wiederum Tim vögelt, der Sashas Galerist ist) unablässig irgendwelche Drogen. Ständig werden Lines von Speed oder Kokain gezogen, selbst als Sasha ihre ungeplante Tochter Lizzy zur Welt gebracht hat. Gerade dann.

Acht Wochen später begann ich ernsthaft auszugehen. Ich wusste nicht, was es war. Ich hatte begonnen, mich in diesem kleinen Menschen aufzulösen, und suchte nun vielleicht die Form der Auflösung, deren Formen und Konsequenzen ich besser verstand. Immer wenn mich das Heimweh nach Lizzy zu überrollen drohte, rannte ich auf die Toilette und zog eine neue Line (…). Tim begleitete mich, missbilligend, aber dankbar. Wir zogen uns alles rein, was der Club hergab. (…) Ich interessierte mich nicht für Sex. Ich interessierte mich für Ecstasy, MDMA, Speed und Kokain.“

Dennoch driftet nicht alles in schwammig-surreale Drogenwelten ab, sondern Sashas Blick auf die Dinge bleibt kühl und gelassen. Gerade das ist auch das Erschreckende an der Ich-Erzählerin. Ihre gemeinen, sadistischen Kunst-Aktionen lassen es schon erahnen: Sasha bewegt sich auf der moralischen Grenze – und überschreitet sie auch. Mehrfach.

Es kommt zum

Mord

Sie bringt schon im Prolog in Nanjing eine Obdachlose um, indem sie ihr den Fuß auf die Kehle drückt und währenddessen mit ihrer Tochter telefoniert. Es geschieht einfach so, beinahe nebensächlich, ebenso wie in Berlin in der U-Bahn-Station und sie macht sich noch Gedanken darüber, dass es wohl mehr Aufsehen erregt hätte, wenn eine jugendliche Gymnasiastin vor ihr auf die U-Bahn-Gleise „gefallen“ wäre… Ob man darin eine ironische Gesellschaftskritik sehen kann oder soll, sei dahin gestellt.

Insgesamt ist der Roman voller

Extreme

Die Natur war wirklich das Langweiligste und dabei Aufdringlichste, was ich mir vorstellen konnte. Mein Bedürfnis nach Kontemplation im Grünen wurde durch den Görlitzer Park vollends gestillt, auch wenn unter den grillenden türkischen Familien und den kiffenden Kids, die im Sommer das Gebiet großflächig bedeckten, das Gras kaum zu erahnen war. (…) Ich wünschte mir eine Steuernummer an jedem Zweig, an jeder Rebe einen Zettel mit Haltbarkeitsdatum und Inhaltsstoffen. Nahrungsmittel ohne Konservierungsstoffe machten mich nervös.“

Stellenweise sind die beschriebenen Szenen oder Aktionen so übertrieben, dass es bemüht erscheint. Die Situationen changieren ständig zwischen Alltäglichkeit und Zuspitzung, als würden sie in vollem Licht ausgeleuchtet und dadurch verzerrt und überzogen. Man erwischt sich bei der Frage, ob nicht auch mal etwas ganz normal bleiben oder verlaufen kann.

Mo sprang auf und stieß mich fort. Was zum Teufel stimmt nicht mit dir?, schrie er. Ich lag auf dem Boden. Was nicht mit mir stimmte? Ich war mit dem Hinterkopf auf die Kante des Tisches geschlagen, ich blutete und musste mit 12 Stichen genäht werden.“

Zugleich ist es diese Überzogenheit und das Eskalierende, die den Roman und seine Hauptfigur Sasha ausmacht. Alles in diesem Buch ist Übertreibung. Dies liegt vermutlich nicht zuletzt an Sashas

Wahrnehmungsweise

Ob durch ihren Drogenkonsum, den verzerrten Künstlerblick auf die Welt oder schlicht ihre katastrophale psychische Verfassung, die mehr und mehr zur Depression wird und sicher auch von den mehrfachen Suizidversuchen ihrer Mutter verursacht wurde: Sashas Blick ist einzig. Als Leser sieht man kühl-distanziert durch ihre Augen auf eskalierende Untreue unter Freunden, Drogenrauschzustände und ein Leben ständig am Limit. Und auch darauf, wie man eiskalt andere verletzen oder töten kann.

189 Seiten bitterböser Ironie, Übertreibung, Extremität, pechschwarzer Charakterzüge – erwarten den Leser, der es gern stachelig mag in der Literatur. Nach der Lektüre fühlt man sich nicht gerade wohl: entweder einem ist plötzlich kalt geworden, man schüttelt sich vor lauter Ekel vor Körperflüssigkeiten und Schimmel oder man grinst leise in sich hinein – ein Resultat der Ironieschleife in die man da geraten ist.

Übrigens, wen das Bild irritieren sollte: Nein, es geht in dem Buch nicht um Vampire 😉



Svealena Kutschke: Gefährliche Arten, erschienen 2013 bei Eichborn.

 

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2 Gedanken zu “Svealena Kutschke: „Gefährliche Arten“, 2013

    1. Ja =) Das Foto (linker Teil) entstand unabhängig vom Buch an Halloween und wurde von mir nach der Lektüre damit in Zusammenhang gebracht und ein wenig nachbearbeitet. Ich fand es irgendwie passend =) LG Laura

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