Siri Hustvedt: „Leben, Denken, Schauen“, Essays (2014)

Siri Hustvedt_Essays

Wer Literatur an der Schnittstelle zwischen wirklich guter, lesbarer Unterhaltung und wissenschaftlichem Anspruch mag, wird Siri Hustvedt lieben. Ob in ihren Romanen oder in ihren Essays: Als ihr Leser ist man nach jedem Buch schlauer, bewegter und hatte darüber hinaus eine unterhaltsame Lesezeit, die man mitunter vermisst. Nachdem ich von ihrem Roman „Was ich liebte“ restlos begeistert war, konnte ich nicht widerstehen, als ich vor einigen Wochen eine dieser zufälligen Begegnungen mit ihrem jüngst auf Deutsch erschienenen Essayband „Leben, Denken, Schauen“ hatte. Die Lektüre hat mich wirklich in mehrfacher Hinsicht bereichert.

In ihren Essays „Leben, Denken, Schauen“ zeigt Siri Hustvedt ihre Kompetenzen als Grenzgängerin zwischen den Disziplinen Neurowissenschaften, Literaturwissenschaften, Psychologie und Kunstwissenschaften. Die Aufsätze aus diesen Teilbereichen wurden oft in jeweiligen Fachzeitschriften veröffentlicht oder auf Tagungen bzw. bei Ausstellungseröffnungen vorgetragen.

Die Schriftstellerin ist promovierte Literaturwissenschaftlerin und hat sich die anderen Interessensgebiete autodidaktisch erarbeitet. Für mich ist sie in dieser Hinsicht ein großes Vorbild dafür, sich in Wissensgebiete einarbeiten zu können, ohne sie offiziell studiert zu haben.

Im Vorwort zu ihren Essays schreibt Siri Hustvedt davon, sich in den Aufsätzen bewusst als schreibendes Ich einzubringen „weil der Rückgriff auf meine subjektive Erfahrung die Probleme, die ich zu klären hoffe, erhellen kann und, denke ich, erhellen wird.“ Das gelingt definitiv: Da sie in ihren Essays häufig einen Bezug zu sich selbst und ihren autobiografischen Erfahrungen herstellt, lesen sich ihre Aufsätze wunderbar flüssig ohne je an Anspruch zu verlieren oder laienhaft zu wirken. Im Gegenteil werden sie durch den subjektiven Ansatz teils sogar noch glaubwürdiger, wenn sie zum Beispiel in Zusammenhang mit ihrer lebenslangen Migräne Rückschlüsse auf neueste Erkenntnisse aus den Neurowissenschaften zieht. Nicht unbegründet gilt sie daher „als Botschafterin zwischen Fach- und Laienpublikum“ (Anja Hirsch im Deutschlandfunk).

Warum die Dreiteilung in Leben, Denken und Schauen?
Es handelt sich um eine Grobgliederung der Essays aus den verschiedensten Bereichen in jene Tätigkeiten, die inhaltlich maßgeblich sind: Im ersten Drittel „Leben“ versammeln sich jene Essays, die den stärksten Bezug zum Leben der Autorin haben und in denen sich einige Anekdoten finden. „Denken“ bezieht sich überwiegend auf Aufsätze aus dem Literatur- und Psychologiebereich. Im ausgesprochen interessanten, leider recht knappen „Über das Lesen“ geht Siri Hustvedt auf das ein, was beim Lesen in uns passiert und was das Lesen bedeuten kann. Die Essays des dritten Teils „Schauen“ haben eindeutigen Kunstbezug.

Doch es handelt sich tatsächlich mehr um eine grobe Kategorisierung. In fast allen Essays gibt es sozusagen grenzüberschreitende Bezüge zu den Neurowissenschaften und immer wieder spricht Hustvedt auch aus ihrer eigenen, schriftstellerischen Sicht heraus. Auch einige Grundgedanken tauchen wiederholt auf und ziehen sich beinah wie ein roter Faden durch die 32 Essays, die von 2006 bis 2011 entstanden.

Einer dieser Grundgedanken ist zum Beispiel, dass, egal ob beim Lesen oder im Leben, wir stets das erinnern, was uns emotional stark berührt hat. „Das Erleben von starken Emotionen bleibt im Gedächtnis; das von schwachen nicht.“ An sich befasst sich Siri Hustvedt offenbar viel mit der Erinnerung, ein Thema, auf das sie aus psychologischer, neurologischer und literaturwissenschaftlicher Sicht eingeht.

„In unserem Gehirn sind keine Lagerhäuser, in denen Material gespeichert ist und darauf wartet, in seiner Originalform herausgeholt zu werden. Erinnerungen sind keine Fotos oder Dokumentarfilme. Sie verwandeln sich im Lauf der Zeit, werden kreativ und aktiv wahrgenommen, und das gilt auch für die Bücher, die wir erinnern. Sie schwächen sich mit der Zeit ab und können sich verändern. Andere scheinen sich tief einzuprägen.“ (in: Über das Lesen)

Siri Hustvedt geht in ihren Essays den Grundfragen nach dem menschlichen Leben und Sein nach: Wer sind wir? Wie erleben, sehen und erinnern wir das Erlebte? Was bedeutet z.B. Schlaf für den Menschen?
Aus psychologischer Sicht spielen die Fragen nach dem Selbst und der Identität eine Rolle. Ob im Bezug auf das Leben und die persönliche Entwicklung an sich oder das Selbst von Romanfiguren: Das Gedächtnis und die Geschichten, die man von sich erzählt, definieren das Selbst ebenso wie der Umgang, Kontakt und Austausch mit anderen.

„Identitäten, Identifikationen und Wünsche können nicht voneinander getrennt werden. Wir werden durch andere wir selbst, und das Selbst ist etwas Durchlässiges, kein versiegelter Behälter. Es fängt zwar als genetische Landkarte an, prägt sich aber erst mit der Zeit aus und nur in Verbindung mit der Welt.“ (in: Mein Vater/Ich)

Sowohl die Erinnerung als auch das Ich sind, so eine Grundaussage der Essays, die ich für mich „mitnehme“, variabel und verändern sich mit der Zeit aktiv. Dabei ist ganz entscheidend, wie wir wahrnehmen und wie nachhaltig diese Wahrnehmungen in uns weiterleben. Wir befinden uns nicht allein im Umgang mit anderen Menschen, sondern auch in der Auseinandersetzung mit Büchern und Kunstwerken in einem steten Austausch mit der Welt um uns herum:

„Wenn wir uns einem Kunstwerk nähern, haben wir nicht nur Anteil am Ergebnis des intentionalen Spiels einer anderen Person in ihrem fiktiven Raum, wir dürfen auch selbst spielen, sinnieren, träumen, hinterfragen und theoretisieren. Als Betrachter finden auch wir uns in einem Potenzialraum zwischen uns und dem, was wir sehen, weil Wahrnehmung aktiv und kreativ ist und weil Kunstwerke uns nicht nur intellektuell, sondern auch emotional, körperlich, bewusst und unbewusst anziehen, und diese Beziehung, dieser Dialog kann, wie Schelling meinte, schier endlos sein. Aber wenn wir ein Kunstwerk bewundern, vollzieht sich immer eine Art Erkennen.“ (in: Mit dem Körper sehen: Was bedeutet es, ein Kunstwerk zu betrachten?)

Was Siri Hustvedt im letzten der 32 Essays über die Kunstwahrnehmung schreibt, trifft, meine ich, ebenso auch auf das Lesen zu. Wie man auch immer an diese Aufsätze herangeht, was auch immer man selbst für Wissen mitbringt: Die Autorin verführt geradezu zu neuen, interdisziplinären Denkansätzen und schafft dies auf herrlich unverkrampfte, unverkopfte Weise.
„Siri Hustvedts Thesen sind nicht neu; Memoriastudien füllen Regalbretter. Faszinierend ist aber die anschauliche Art, über solche Themen zu schreiben. (…) Vehement schreibt sie gegen die Exklusivität von Wissenschaftssprachen oder gestelztem Kunstkritikerjargon an.“ (Anja Hirsch im Deutschlandfunk).

Wer sich also gern auf neue, grenzüberschreitende Denkstrukturen einlässt und nicht gleich psychoanalytische oder neurowissenschaftliche Standardwerke zur Hand nehmen möchte, wird mit diesen Essays glücklich.


Siri Hustvedt: „Leben, Denken, Schauen“, in deutscher Übersetzung von Uli Aumüller und Erica Fischer erschienen 2014 bei Rowohlt, ursprünglich 2012 unter dem Titel „Living, Thinking, Looking“ bei Picador.

Advertisements

8 Gedanken zu “Siri Hustvedt: „Leben, Denken, Schauen“, Essays (2014)

  1. Hallo, liebe Laura,
    ich habe gerade Ausschnitte von Eco zum offenen Kunstwerk gelesen und genau das ist es ja, was Siri Hustvedt beschreibt.
    Ich finde auch interessant, dass sie schreibt, wir werden durch andere wir selbst. Das passt gut zu unserem Thema „Ich“.
    Auf jeden Fall steht das Buch auf meine Wunschliste.
    Einen schönen Abend wünscht dir Susanne

    1. Stimmt, Siri Hustvedt geht es auch viel um Identität und das Selbst, passenderweise hatte ich ihre Essays gelesen, als ich auch den Salonvortrag vorbereitete, eine nette gedankliche Ergänzung!
      Und was das offene Kunstwerk betrifft: Das ist wohl wahr, es gibt viele Parallelen. Letztlich erschafft sich das postmoderne Kunstwerk im Rezipienten (nochmal oder überhaupt erst) neu… Spannend!
      LG Laura

      1. Ja, sehr spannend. Da dein Thema in letzter Zeit Perfomance ist, würde ich gerne deine Meinung zum Reenactment hören. Vielleicht ist es ja auch ein Blogbeitrag wert? Ich habe schon ein wenig darüber auf meinem Blog geschrieben, finde das Thema allerdings spannend und schwierig zugleich.
        LG Susanne

  2. Siri Hustvedt ist einfach eine wahnsinnig kluge, gebildete, humorvolle und interessante Autorin, die mich ebenso sehr beeindruckt wie du es hier beschreibst. Den Essayband kannst du mir quasi direkt morgen mitgeben *liebguck*

  3. Ich LIEBE Essays, und dann noch von Siri Hustvedt… vielen Dank, das wäre wahrscheinlich an mir vorübergezogen. Ich habe letztens einen Essayband von John Updike gelesen, der auch überaus klug und lesenswert war. Schade, dass diese Tradition bei uns in Deutschland nicht so ausgeprägt ist wie in den USA.

    1. Ich bin auch zufällig darüber gestolpert in der Buchhandlung und hab es dann gleich mitgenommen, was ich nicht bereue. Man hat ja mit Spontankäufen nicht immer Glück ^^
      Was die Essay-Kultur betrifft, haben die USA uns was voraus, das stimmt. Ich kenne bisher auch nur welche von Jonathan Franzen und Hustvedt bspw. Aber ich glaube, das ist „im Kommen“ bei uns – weniger als literarische Gattung, aber in den Wissenschaften auf jeden Fall. Da sind sie nur leider oft so insulär in ihrer Disziplin verkapselt, was Siri Hustvedt ja sehr bedauert (und zum Glück dagegen anschreibt)!
      LG Laura

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s