Der perfekte Sommerroman: „Der Sommer ohne Männer“ von Siri Hustvedt

 „Es begann in der Bibliothek mit Kant. Bibliotheken sind sexuelle Traumfabriken. Das kommt von der Schläfrigkeit.“ (S. 90)

Siri Hustvedt_Sommer ohne MännerJa, schon wieder Siri Hustvedt. Es ist „leider“ so, dass die Leserinnen in diesem Blog beide eine große Vorliebe für die amerikanische Autorin hegen. Und da der Roman, den ich euch hier vorstellen möchte, ein richtiger Sommer-Roman ist, den ich zufällig fast zur selben Zeit las wie Laura die Essays entdeckte, wird es hier jetzt wieder um Siri Hustvedt, vielmehr um ihren Roman „Der Sommer ohne Männer“ gehen. Vielleicht können wir jetzt die letzten Zweifler endgültig überzeugen, sich mit den Büchern Hustvedts endlich einmal auseinanderzusetzen. Übrigens: Siri Hustvedt bezahlt uns nicht für unsere Dienste! (Schade eigentlich …)

„Es ist unmöglich den Verlauf einer Geschichte vorherzusagen, während man sie erlebt; sie ist formlos, eine unfertige Prozession von Worten und Dingen, und ehrlich gesagt: Wir können nie wiederherstellen, was war. Das meiste verschwindet. Und doch, während ich hier an meinem Schreibtisch sitze und versuche, ihn zurückzubringen, jenen nicht weit zurückliegenden Sommer, weiß ich, dass Wendungen stattfanden, die sich auf das Folgende auswirkten. Einige stehen vor wie Höcker auf einer Reliefkarte, aber damals war ich unfähig, sie wahrzunehmen, weil meine Sicht der Dinge in der undifferenzierten Flachzeit, einen Augenblick nach dem anderen zu leben, untergegangen war. Zeit ist nicht außerhalb von uns, sondern in uns.“ (S. 61)

„Der Sommer ohne Männer“ ist für mich ein Buch, das perfekt zu einem Sommerurlaub passt. Denkt euch die tristen Regenstunden der letzten Tage einfach weg und träumt euch an den Strand, in den Park, wo Sonnenstrahlen eure Nase kitzeln und ein kluges interessantes Buch euch wunderbar unterhält, entspannt und eure Gedanken tanzen lässt. Man könnte diesen Roman als Frauenroman bezeichnen, wenn dabei nicht sofort bestimmte Vertreterinnen des Genres mitschwingen würden, denen diese Autorin weit überlegen ist. Die Tatsache, dass alle Protagonistinnen weiblichen Geschlechts sind und Männer hier nur marginal zu Wort kommen, würde dieses Buch zu einem Frauenbuch machen. Siri Hustvedt lässt Frauen jeglichen Alters und verschiedenster Rollen miteinander agieren und führt den Leser in die weibliche Gedanken-, Gefühls-, Lebens- und Problemwelt. Hier geht es um „typische Frauenthemen“ ohne dabei erzählerisch dem Klischeehaften zu verfallen. Hustvedt erzählt jedoch keine langweilig einseitige an bekannten traditionellen Liebesromanen angelehnte oder dem Kitsch verfallene Frauentragödie. Einfühlsam, klug und mit viel Humor bringt die Autorin uns anhand einiger ausgewählter weiblicher Figuren die vielschichtigen Lebenswelten von Frauen nahe, in denen sich so manche Leserin wohl wiedererkennen kann, und schafft damit ein breites Identifikationsspektrum für Leserinnen jeglichen Alters: die betrogene Ehefrau, die überforderte Mutter, die reife Witwe, die unabhängige Künstlerin, die junge Tochter und die langjährige Freundin. Daher bezeichne ich es einmal als Frauenbuch mit Anspruch.

Die Handlung

Mia Fredricksen, eine Dichterin aus New York landet nach einem psychischen Zusammenbruch in der Psychiatrie, nachdem ihr Ehemann Boris ihr nach 30 Ehejahren eröffnet hat, dass er „eine Pause“ benötigt. Die Pause ist Französin, jünger und seine Arbeitskollegin. Nachdem sie aus der Klinik entlassen wird, beschließt Mia ihre Lehrtätigkeit an der Universität zu unterbrechen und den Sommer bei ihrer 90-Jährigen rüstigen Mutter in der Kleinstadt Bonden zu verbringen. Dort wohnt sie in einem kleinen Haus am Stadtrand, besucht ihre Mutter im Altenheim und gibt im örtlichen Kulturforum ein Lyrikseminar für Jugendliche. In diesem Sommer ohne Männer lernt Mia außergewöhnliche Frauen kennen, in deren Leben man stückweise Einblick erhält und so manches interessante verborgene Geheimnis entdeckt. Darunter sind die alten Freundinnen und geistig äußerst lebendigen Wegbegleiterinnen ihrer Mutter im Pflegeheim, die versuchen dem allgegenwärtigen Lebensende durch einen illustren nachmittäglichen Lesekreis zu entfliehen. Besonders interessant wird es, als sich hinter den mädchenhaften Fassaden ihrer pubertierenden Lyrikschülerinnen manch grausame Charakterschwäche verbirgt, die für eine Seminarteilnehmerin bald zum Verhängnis werden soll. Mia kommt auch ihrer Nachbarin Lola näher, deren Mann Pete sich entweder mit ihr streitet oder sie mit den beiden Kleinkindern regelmäßig völlig überfordert allein zu Hause lässt.
Die Briefe ihrer geliebten erwachsenen Tochter Daisy und der Besuch ihrer Schwester Bea stehen Mia in ihrer Verzweiflung bei, wenn die Erinnerung an ihre scheinbar zerbrochene Ehe sie übermannt und die Ausweglosigkeit sie zittern lässt. Aber wer ist eigentlich der geheimnisvolle Niemand, auf dessen anonymen intellektuellen Disput per E-Mail sie sich einlässt?

Mia ist eine kluge auf ihre eigene Art starke und zugleich schwache Frau, die mit ihrer Krise kreativ und schonungslos umgeht, einen aber auch so manches Mal zum Schmunzeln bringt, wenn sie über ihre Nebenbuhlerin nachsinnt oder vor sich zu rechtfertigen versucht, weshalb ihr Mann diesen Seitensprung braucht. Wenn sie über ihre eigene Tochter und Kindheit nachdenkt, findet sie berührend starke Metaphern und malt mit ihren Worten regelrecht Bilder.

„Als ich in jener Nacht im Bett lag, ging ein Junigewitter über der Stadt nieder, und es donnerte laut, berstendes Krachen wie eine Reihe von Detonationen, vermischt mit einem wieder und wieder nachhallenden Dröhnen über mir. Bald darauf kam das Brausen von dichtem, schnellem Regen draußen. Ich erinnerte mich an die starken Winde meiner Kindheit und daran, dass ich morgens beim Erwachen auf die Straße gestürzte Äste sah. Ich erinnerte mich an die verzauberte Stille, die vor dem Wirbelsturm oder Gewitter eintrat, als hielte die ganze Erde den Atem an, und an das unheimliche Grün, das den Himmel färbte. Ich erinnerte mich an die Unermesslichkeit der Welt.“ ( S. 87)

Siri Hustvedt erzählt auf sehr einfühlsame, aber auch selbstkritische und ungeschönte humorvolle Weise von den kleinen und großen Dramen des Lebens von Frauen, die sich alle in ihrer größten Schwäche zeigen, aber eine große innere Stärke beweisen, mit der sie dem Leben trotzen. Durch die Ich-Perspektive der Erzählerin und die Parallelen zur Biographie der Autorin entsteht eine enge erzählerische Beziehung zur Autorin. Man fühlt sich wie eine Zuhörerin oder Freundin, da die Erzählstimme durch die direkte Leseranrede aus der Erzählhaltung heraus in ein Zwiegespräch mit dem Leser tritt. So wird die Distanz zur Erzählerin nochmal verkürzt und es entsteht so auch eine Art Dialog mit der Autorin.

Die Besonderheit ihres literarischen Schreibens ist auch diesem Roman wieder ihr Einweben von philosophischem, literarischem, neurologisch-medizinischem Wissen, die die lineare Erzählung durchbrechen, ohne dass es anstrengend oder theoretisierend wirkt. Sie führt damit ihre fiktive literarische Situation auf eine Metaebene, die ihre Gedankenspiele und die Gefühlswelten der Figuren plausibel macht und erläuternd darlegt. Hier zeigt sich die Vielseitigkeit und das breite Interesse der Autorin an interdisziplinaren Themen und Wissen aus Geistes- und Naturwissenschaft, die sie über das Literarische hinausgehend einfließen lässt. Das mag so manchen Leser von üblichen Frauenromanen verwundern und stören, aber bildet genau jene spannende Mischung aus Anspruch und Unterhaltung, die Siri Hustvedts Literatur auszeichnet und sie daher auch für Männer interessant macht. Zumal sie es vermag die interdisziplinäre Verknüpfung des naturwissenschaftlichen und kulturgeschichtlichen Wissens mit einer große Prise Humor zu präsentieren –  einfach großartig.

Ob und inwiefern Mia ihrem Ehemann verzeiht, könnt ihr selbst lesen, wenn ihr es euch mit „Der Sommer ohne Männer“ auf eurem Liegestuhl bequem macht und schmunzelt!

© by Marion Ettlinger
© by Marion Ettlinger

Über Siri Hustvedt

Siri Hustvedt wurde 1955 in Northfield, Minnesota, geboren. Sie studierte Literatur an der Columbia University und promovierte mit einer Arbeit über Charles Dickens. Sie lebt in Brooklyn und ist mit dem Schriftsteller Paul Auster verheiratet, mit dem sie eine Tochter hat. Bekannt wurde sie mit den Romanen Die unsichtbare Frau, Die Verzauberung der Lily Dahl und vor allem mit den internationalen Bestsellern Was ich liebte, Die Leiden eines Amerikaners und Sommer ohne Männer. Zugleich ist sie eine profilierte Essayistin. Bei Rowohlt liegen diverse Essaybände von ihr vor, u.a. die autobiographisch-neurophysiologische Analyse Die zitternde Frau. Eine Geschichte meiner Nerven. Hustvedt hielt Vorträge über Kunst und Kunsttheorie u.a. im New Yorker Museum of Modern Art, im Prado und in der Münchner Akademie der Künste.

Siri Hustvedt: Der Sommer ohne Männer“, Rowohlt Verlag Hamburg 2012

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