Wirres Mixtape gelesener Bücher

MixtapeIn den letzten Wochen habe ich an einer den meisten von euch wohl bekannten „Krankheit“ gelitten: Der Bücher-Verschlingeritis. Ich las soviel, dass ich nun gar nicht hinter her komme, über die Bücher, die eines Artikels wert sind, zu schreiben. Daher habe ich mich entschlossen, euch in einem wirren Mixtape die Bücher ganz knapp vorzustellen, ein bißchen so, als wären es Musikstücke, um euch wenigstens meinen Leseeindruck zu vermitteln.

Das Mixtape ist unsortiert, die einzige Unterscheidung besteht in einer A- und einer B-Seite, so wie wir es von den alten Kassetten kennen =). Zugegebenermaßen haben mir die Bücher auf der A-Seite besser gefallen, doch dazu im Folgenden mehr …

A-Seite

A-Seite

Track 1

„Mir trieft Blut aus der Nase. (…) Unterwegs platschen dicke dunkle Tropfen auf den Teppich. Zu meinen Füßen erblühen Mohnblumen.“

Beginnen wird das Mixtape mit einem eher traurigen Track: „Bevor ich sterbe“ von Jenny Downham. Es geht um die sechzehnjährige Tessa, die an Leukämie erkrankt ist und in der ihr verbleibenden Zeit eine Liste der Dinge abarbeitet, die sie unbedingt noch erleben möchte. Ihre Freundin Zoey hilft ihr dabei, sich richtig lebendig zu fühlen, bevor sie stirbt.

Das Debüt der englischen Autorin hat mich durch seine feinfühlige Art und die pointiert poetische Sprache beeindruckt. Insbesondere das Ende des Jugendbuches ist wundervoll umgesetzt. Doch dazu sei an dieser Stelle nicht mehr verraten …

Er sitzt auf meiner Bettkante und schiebt die Schublade mit dem Finger weiter auf. Da drin liegen ganze Stapel von Seiten mit Wörtern, die ich über meine Liste geschrieben habe. Meine Gedanken über das, was ich schon abgehakt habe – Sex, ja, Drogen, gegen das Gesetz verstoßen – und meine Pläne für den Rest. Er dreht durch, wenn er liest, was ich heute als Nummer fünf geplant habe.“

Jenny Downham: „Bevor ich sterbe“, 2007, die deutsche Übersetzung von Astrid Arz erschien 2010 bei cbt.

Track 2

„Passt auf, was ihr träumt, es könnte in Erfüllung gehen.“

Nach den Klängen in Moll knallt Sibylle Bergs „Amerika“ los. Sie lässt fünf Erzählstränge parallel verlaufen: alles Menschen, die sich ihr Selbst und / oder ihr Leben anders wünschen. „Ach, wär ich doch reich / wäre ich bloß schön“ usw. In Amerika, dem Wunschziel, das alle gemeinsam haben, begegnen sie sich teilweise – finden ihre Träume erfüllt – nur um festzustellen, dass es doch scheiße ist. Berg schreibt mit ihrem gewohnt bitterbösen Humor und lässt die Traum-Seifenblasen der Menschen genüsslich platzen. Dabei ist sie voller Selbstironie und sicher nicht jugendfrei. Herrlich zu lesen! Wenn auch nicht mein Lieblingsbuch von ihr.

„ … ginge in sein Zimmer und würde sich einen Pornofilm ansehen, zwei Minuten, bis er als Zuschauer registriert werden würde, ein heikles Spiel, flink und nervös onanieren (Frau Berg, nicht wieder onanieren. Das ist widerwärtig. O.k., onaniert wird nicht, nur gefickt, gewichst, geschleimt, bück dich, du Mist …) und Angst haben, daß es auf der Rechnung stünde, verpaßte man den Moment des Ausschaltens über dem Abspritzen.“

Sibylle Berg: „Amerika“, 1999 bei Hoffmann und Campe erschienen.

Track 3

„Als Erstes ist da der Geruch von Blut und Kaffee.“

Es knattert lautstark weiter mit Wolfgang Herrndorfs „Tschick“ – eine Mischung aus einem mittlerweile zur Schullektüre gewordenen Jugendroman und dem Gefühl des Hedonismus`, das sich unweigerlich in den Sommerferien ergeben kann, in denen man erstmals merkt, was eigentlich alles geht.

Maik Klingenberg entdeckt dieses einmalige Gefühl zusammen mit Tschick in einem geknackten Lada, mit dem sich die beiden auf den Weg in die deutsche Provinz machen. Wolfgang Herrndorf, den ich seit der Lektüre von „Sand“ sehr schätze, schreibt unheimlich authentisch und ganz nah dran an dem, was es heißt, wirklich zu leben.

„ „Ohne mich.“ Ich sah ihn an und sagte erst mal nichts mehr. Er hatte wirklich den Arsch offen. „Hast du nicht gestern gesagt, du willst mal was erleben?“ „Damit hab ich nicht Knast gemeint.““

Wolfgang Herrndorf: „Tschick“, 2010 erschienen bei Rowohlt.

Track 4

„Sie tanzt. Sie tanzt in den Trümmern mit geschlossenen Augen, umgeben von Penissen mit Typen dran, die darauf warten, ihren Blick zu erhaschen.“

Carpe diem ist auch das Leitmotiv im Track „Sowas von da“ von Tino Hanekamp. Der Roman umreißt eine Silvesternacht in Hamburg aus der Sicht von Oskar Wrobel. Es ist die letzte Party, bevor der gemeinsame Club schließt. Einen Sack voller Schulden und Schwierigkeiten, die Adern voller Drogen und die Synapsen auf „jetzt und hier“ eingestellt – so schmeißt sich der Erzähler ins Geschehen und reißt gleich mehrere Figuren und ihre Geschichten mit sich. Experimentell mit der Sprache und Stilen umgehend und sicherlich aus eigenen Erfahrungen schöpfend schreibt Clubbetreiber Hanekamp seinen Roman. Atemlos wegtanzbar – ein Buch wie ein nicht enden-sollender Remix aller Lieblingssongs – wie eine endlose durchtanzte Nacht.

„Es ist ein großer Moment, quasi großes Finale, da muss man sich nichts vormachen, schöner wird`s heute nicht mehr, und ich hoffe, dass ich das in ein paar Wochen nicht wieder alles vergessen haben werde. Man fragt sich doch, wofür man lebt, wenn man immer alles vergisst. Aber die Antwort ist natürlich klar: Fürs Hier und Jetzt wird gelebt. Das Hier und Jetzt ist alles, und man muss immer voll da sein, weil gleich schon wieder alles vorbei ist.“

Tino Hanekamp: „So was von da“, 2011 erschienen bei Kiepenheuer und Witsch.

B-Seite

B-Seite

Um nach dieser intensiven Carpe Diem-Literatur-Erfahrung ein wenig runter zu kommen, drehen wir das Mixtape nun auf Seite B um. Nach ein paar Sekunden ertönt ein sehr ruhiges Klavierstück: „Années de pèlerinage“ von Franz Liszt. Wie viele von euch wissen, spielt dieses Stück eine Rolle in Haruki Murakamis neuestem Roman „Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki“. Es ist bereits eine Weile her, dass ich dieses Buch las. Ich muss sagen: Eigentlich liebe ich Murakamis Romane. Dieser Letzte jedoch hat mich ein wenig enttäuscht zurückgelassen (vielleicht ein Grund dafür, warum ich bisher keine Worte dazu fand).

Track 5

„Jeder Mensch hat seine eigene Farbe, wusstest du das?“

Tsukuru Tazaki ist ein einsamer Mensch, der mit dem Tod kokettiert. Er interessiert sich für Bahnhöfe und hat aufgehört, sich zu fragen, warum sich seine vier Jugendfreunde vor Jahren von ihm abwandten – bis er Sara trifft, die ihn dazu bringt, sich mit seiner Vergangenheit auseinanderzusetzen.

Einerseits handelt es sich um ein typisches Murakami-Buch: die Erzählweise ist ruhig, schlicht und geradlinig und hebt die Alltäglichkeiten wie Kochen oder Musik hören hervor. Die Melancholie des Protagonisten und seine Gedanken über den Tod sprachen mich an.

Andererseits jedoch gab es mehrere Punkte, die mich beim Lesen störten. Der Roman enthält viele kleine Unstimmigkeiten, bspw. dass auf Seite 11 ein auktorialer Erzähler sich mit „Ich weiß nicht, ob man es einen Zufall nennen kann …“ meldet – dann jedoch nirgends wieder auftaucht. Die Metaphorik ist teils überstrapaziert und irgendwie „schief“. Die Schlichtheit der Sprache kippt in diesem Buch oft in Belanglosigkeit um und bewegt sich stellenweise gefährlich auf der Grenze zum Esoterik-Kitsch. Der Protagonist betont immer wieder sein selbstmitleidgefärbtes Selbstbild eines farblosen, unbedeutsamen Menschen. Tatsächlich baut sich beim Lesen keine Sympathie, keine Nähe auf, die in die Geschichte hineinführt. Ich verharre in ungemütlicher Distanz zu den „Pilgerjahren des farblosen Herrn“. Wahrscheinlich war meine Erwartungshaltung nach „1Q84“ wirklich zu hoch. Und mir ist auch bewusst, dass ein Autor nicht immer nur gute Romane schreiben kann. Dennoch hat sich nun meine Faszination für Murakami etwas abgeschwächt.

„Du kannst deine Geschichte weder auslöschen noch rückgängig machen. Denn damit würdest du zugleich dein inneres Wesen töten.“

Haruki Murakami: „Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki“, 2013 japanisches Original, 2014 in deutscher Übersetzung von Ursula Gräfe erschienen bei Dumont.

Track 6

„Wie zerbrechlich er war, gerade eben noch vorhanden. Ein Luftzug, und er wäre fort.“

Joel Haahtelas Buch „Der Schmetterlingssammler“ schlägt auch eher leise Klänge an, die keine große Lautstärke erreichen. Der Ich-Erzähler erbt das Haus eines ihm Unbekannten, in dem sich eine riesige Sammlung von toten Schmetterlingen und Büchern über Schmetterlinge befindet. Er macht sich auf die Suche nach der Geschichte dieses Mannes um herauszufinden, warum er ausgerechnet ihn beerbt hat und dringt dabei bis tief in seine eigene Kindheit ein.

Die in Finnland und Deutschland spielende Geschichte hat reinen Unterhaltungswert – mehr nicht. Wer federleichte Romane für Zwischendurch sucht, mag damit zufrieden sein.

„Von hier öffnete sich eine Tür in die Bibliothek, an deren vier Wänden zimmerhohe Bücherregale standen. Sogar das Fenster war von einem Regal verdeckt. Die einzige Lichtquelle war ein Kronleuchter aus Messing, der über einem Tisch hing. Die Regale bogen sich unter der Last Hunderter Bücher. Schon in der Tür bemerkte ich den ureigenen Geruch von vergilbtem Papier.“

Joel Haahtela: „Der Schmetterlingssammler“, 2006 im finnischen Original, 2008 in deutscher Übersetzung von Sandra Doyen bei Piper erschienen.

Track 7

„Früher habe ich ohne zu zögern gesagt: Ich mag alte Leute.“

Den letzten Track des Mixtapes bespielt Veronika Peters mit „Das Meer in Gold und Grau“. Wer träumt nicht manchmal davon, sich einfach aus dem Staub zu machen und irgendwo anders einen anderen Lebensabschnitt anzufangen. Katia, die Protagonistin dieses Romans, macht sich, die Trümmer einer heiklen Affäre hinter sich lassend, auf den Weg zu ihrer Tante Ruth, die an der Ostsee ein Gästehaus besitzt. Dort wird sie sich unter alten, verschrobenen aber liebenswürdigen Menschen darüber klar, was wirklich zählt im Leben. Ein überraschend bewegendes Buch, das sehr sympathische Figuren aufweist und eingängig, aber durchaus lesenswert ist!

„Und jeden Morgen, wenn ich die Rückseite des Tagblatts überflog, auf die See blickte, den Finger ins Marmeladenglas steckte, dachte ich: Heute bleibe ich noch, heute ist noch nicht der Tag zum Gehen, ich bleibe noch einen Tag und noch einen und noch einen.“

Veronika Peters: „Das Meer in Gold und Grau“, 2011 erschienen bei Goldmann.

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Was macht ihr, wenn euch die Buch-Verschlingeritis gepackt hat und ihr einen Stapel gelesener Bücher zuhause habt, zu denen ihr gern etwas schreiben wollt – doch die Zeit fehlt?

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7 Gedanken zu “Wirres Mixtape gelesener Bücher

  1. Lesen und nicht schreiben, liebe Katja …. ich lese vieles, was ich nicht im Blog erwähne oder was ich nicht offensichtlich in meinen Zeichnungen verarbeite. Irgendwann ergibt sich die Gelegenheit, darüber zu reden oder es im Blog zu erwähnen…….
    LG Susanne

    1. Der Artikel war zwar von mir (Laura), macht aber nichts =) Man braucht sicher auch nicht immer alles im Blog zu „verarbeiten“ und beschreiben, das stimmt. Ich hab nur so oft das Bedürfnis, seitdem ich blogge, meine Eindrücke zu einem Buch auch schriftlich festzuhalten und dann ist schade, wenn mir die Zeit dazu fehlt… Vieles „verschwindet“ sonst so schnell im Trubel des Alltags, scheint mir.
      LG Laura

      1. Liebe Laura,
        es tut mir leid, dass ich aus irgendwelchen „kühnen Gründen“ dachte, Katja hätte geschrieben.
        Mir geht es auch so, schreibe ich etwas im Blog, so geht es nicht verloren.
        Ich bin ja eine unermüdliche Bloggerin – das Festhalten meiner Eindrücke ist Teil meines Werks und so nehme ich mir immer dazu die Zeit und lasse dann wiederum andere Sachen liegen.
        Es ist immer eine Frage der Prioritäten, was man erledigt und was man liegen lässt. Denn der Tag hat ja nur 24 Stunden …..
        LG Susanne

  2. Ja, ja Laura, die Kreuzberger Medienbohème. Wenig arbeiten, viel lesen, wenig Geld verdienen. Mach nur so weiter! (Hier müßte jetzt ein Smilie stehen. Aber ich gehe mit dem Lächeln sparsam um.)

    Nicht alles überzeugt mich zwar auf diesem Tape, gegen manches hätte ich vermutlich einiges einzuwenden, was die Qualität anbelangt, Tino Hanekamp z.B. ist mir zu erlebnisorientiert, das alles kenne ich biographisch sehr gut, insofern muß ich es nicht noch einmal rezipieren, aber lesen will ich auf alle Fälle Herrndorfs „Tschick“ und Murakami.

    1. Zwar sehe ich mich überhaupt nicht in Verbindung zur Kreuzberger Medienbohème, aber sicherlich teile ich das eine oder andere „Luxusproblem“ mit dieser.
      Dass dich auf meinem Tape sicher nicht alles überzeugt oder auch nur anspricht, wundert mich nicht. Ich kann mir dich schwerlich mit einem Roman von bspw. Veronika Peters vorstellen!

    1. Lieben Dank und freut mich, dass du zu unserem Blog gefunden hast! Die Idee entsprang gewissermaßen der Zeitnot – und schien mir eine geeignete Möglichkeit, gesammelt Eindrücke wiederzugeben. Auf irgendeine Weise passt es ja auch und als Kind der 80er hab ich manchmal so nostalgische Anwandlungen im Bezug auf Tapes. Beste Grüße von laura

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