XLV. Sonntag mit Proust: Lebenswehmut

Monsieur Swann, der schwer krank ist, spricht mit dem Erzähler über das, was er vermissen wird. Aus seinen Worten spricht eine Wehmut und zugleich tiefe Achtung und Liebe zum Leben:

„Selbst wenn man nicht mehr an den Dingen hängt, ist es nicht unbedingt gleichgültig, ob man daran gehangen hat, denn immer ist es aus Gründen gewesen, die den anderen entgehen. Wir spüren, daß die Erinnerung an diese Gefühle einzig in uns selbst besteht; in uns selber müssen wir daher Einkehr halten, um sie zu betrachten. Machen Sie sich nicht allzusehr lustig über diesen Idealistenjargon; was ich sagen will, ist, daß ich das Leben sehr geliebt habe, und die Künste auch. Gut, gut. Jetzt, wo ich etwas zu müde bin, um mit anderen zu leben, scheinen mir diese alten, mir so ganz zugehörigen Gefühle, die ich durchlebt habe, wie es nun einmal die Manie aller Sammler ist, unerreichbar an Wert. Ich schließe mir selbst mein Herz auf, als wäre es so etwas wie eine Vitrine und betrachte eine nach der anderen alle die Arten von Liebe, welche die anderen nicht kennengelernt haben. Von dieser Sammlung aber, an der ich jetzt noch stärker hänge als an allen übrigen, sage ich mir ein wenig wie Mazarin mit Bezug auf seine Bücher – aber im Übrigen ohne alle Angst -, daß es doch sehr bedauerlich sein wird, alles das zu verlassen.“

Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Teil 4.1: Sodom und Gomorra. Dtsch. von Eva Rechel-Mertens, Frankfurt: Suhrkamp, 1982, S. 147-148.

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