Zwei Islandromane

Island_Bildmix
Copyright: Laura, analog, Nikon F75

Reisen und Lesen gehören zu meinen allerliebsten Freizeitbeschäftigungen. Optimal verbinden läßt sich beides in Island! Nach langen Wanderungen in beeindruckenden Landschaften ist man bei maximal 15° Celsius in der besten Stimmung, den Tag mit einem Buch ausklingen zu lassen – denn man ist nicht so überwältigt von Eindrücken und „erschlagen“, wie man es häufig nach Stadterkundungen in anderen Ländern ist. Zudem bietet Island genug Stille und Rückzugsorte, um in aller Ruhe einen Roman zu lesen. Und das Besondere im Sommer: Es wird nicht dunkel! Wer um Mittsommer das Land am Polarkreis besucht, findet das perfekte Lesewetter vor: Licht rund um die Uhr. So kann man selbst um Mitternacht noch draußen sitzen und lesen – selbst wenn man analog liest und keinen E-Reader mit integrierter Beleuchtung nutzt.
Da ich, um Land und Leuten meines Reiseziels noch „näher“ zu kommen, heimische Autoren und möglichst im Reiseland spielende Geschichten lese, fiel meine Wahl auf zwei Islandromane von Hallgrimur Helgason und Auđur Ava Olafsdottir, die ich euch kurz vorstellen möchte.


„Ein Schmetterling im November“ von Auđur Ava OlafsdottirEin Schmetterling im November

Island eignet sich mit seiner weitläufigen, einsamen Landschaft, in der es mehr Schafe als Menschen gibt, wunderbar für Selbstfindungstrips. Wenig verwunderlich, dass sich dieses Thema auch in der gegenwärtigen Literatur Islands findet.
Die Protagonistin in „Ein Schmetterling im November“ beschließt, inmitten der dunkelsten Jahreszeit einmal den Ring zu fahren, die Hauptstraße 1, die Island einmal komplett umrundet. Ihr Begleiter ist dabei Tumi, der Sohn ihrer Freundin Auđur, der mit seinen riesigen Hörgeräten und den großen Augen hinter den Brillengläsern Aufmerksamkeit erregt. Vor Antritt ihrer Fahrt auf dem Ring hat sich ihr Mann von ihr verabschiedet, da er infolge einer Affäre Vater wird. Auch ihr eigener Liebhaber kommt nach dem letzten Sex ihrem Trennungswunsch zuvor. Sie steht gewissermaßen vor einem neuen Lebensabschnitt. Eine gute Gelegenheit also, endlich einmal den Ring zu fahren.

„Ein ganzes Wochenende ist schrecklich lange, allein mit einem Kind, achtundvierzig Stunden lang ununterbrochen im Dienst, ungeteilte Verantwortung, das macht mindestens acht Mahlzeiten, davon vier warme, fünf bis sechs Mal Zähne putzen. Man kann nie länger als für eine halbe Stunde im Voraus planen, oft hat das Kind schon nach fünf Minuten die Lust verloren und man muss sich etwas Neues ausdenken. Alles verlangsamt sich, alles andere muss warten, glaube ich.“

Die unterhaltsame Reise geht mit dem Wandel der Protagonistin einher: Sie entwickelt sich von der eigenständigen Übersetzerin, die sich absolut nicht vorstellen kann, Mutter zu sein, zur fürsorglichen Abenteuerin, die den Jungen Tumi am Ende am liebsten behalten möchte. Ob die ungewöhnliche Weissagung der Frau damit zu tun hat, welche sie anstatt ihrer Freundin aufsuchte? Oder das „zufällige“ Auftauchen eines Schmetterlings im Winter, eines gestrandeten Wals vor einer Sparkasse, einem plötzlichen Geldsegen?
„Ein Schmetterling im November“ ist unterhaltsame, leichte Lesekost. Es liest sich gut als Urlaubslektüre, die einem das Land ein bißchen näher bringt. Das Buch ist humorvoll und nett erzählt, am Ende noch um einige, nicht komplett ernst gemeinte, Rezepte mit Mahlzeiten aus der Geschichte bereichert. Inhaltlich weitreichende Tiefgründigkeiten, ausgefeilte Charaktere und sprachliche Besonderheiten sollte man jedoch nicht erwarten. Auch die eingestreuten, kursiv gesetzten Erinnerungen an die Kindheit der Protagonistin geben nicht viel mehr her als eine zusätzliche Auflockerung des Leseflusses. Es werden einige Klischees bedient, durchaus mit einer gewissen Prise Selbstironie, aber dennoch nervig. („Er sieht aus wie ein Arzt aus einem Roman, vertrauenserweckend, gutaussehend. Seine Hände sind klein, dabei wird in Arztromanen nur selten von den Händen gesprochen.“) Wer also nicht gerade nach angenehmer Unterhaltung an Islands Abenden sucht, braucht dies Buch nicht unbedingt zu lesen.

Auđur Ava Olafsdottir: „Ein Schmetterling im November“, 2013, übersetzt aus dem Isländischen von Sabine Leskopf, auf Deutsch erschienen beim Insel Verlag.

„Eine Frau bei 1000°“ von Hallgrimur HelgasonEine Frau bei 1000°

Betagte Personen, die rückblickend ihr Leben Revue passieren lassen, und damit zufällig das gesamte 20. Jahrhundert abdecken, haben in der (skandinavischen?) Literatur Konjunktur. Das wissen wir spätestens seit Jonas Jonassons „Hundertjährigem“. Wenn ich gewusst hätte, dass mich ein Buch dieser Art auch bei „Eine Frau bei 1000°“ erwartet, hätte ich mich vielleicht anders entschieden. Aber dann hatte es doch auch seine Stärken.
Herbjörg ist 80 Jahre alt und lebt „zusammen mit einem Laptop und einer alten Handgranate“  in einer Garage. Dort gibt sie sich im Internet als junge Sexbombe aus, um weltweit Kontakte zu pflegen. Was noch eine Rolle spielt: Ihre Kinder, die ihr Erbe eingesackt haben, bevor Herbjörg überhaupt tot ist und darüber hinaus, ohne mit ihr zu reden. Und ihre Erinnerungen.
„Zufällig“ war die Erzählerin zur Zeit des zweiten Weltkrieges in Deutschland, Polen und Dänemark und erlebt dort das Erwachsenwerden und die Schrecken des Krieges aus nächster Nähe mit. Sie wird nicht nur von einer Prostituierten ins Sexleben initiiert, das sie seither wild auslebt, sie sieht auch, wie Menschen vor ihr erschossen werden, trifft einen sympathischen „Bruder Hitlers“ ohne Beine am Bahnhof in Hamburg, schlägt sich allein durch und küsst später in den 60ern einen Beatle. Herbjörg nimmt bei ihrer Verbrennung bei 1000° ein Leben voller spannender Erfahrungen mit sich, die sie als Erzählerin zuvor auf ihre rotzfreche, teils sarkastische Weise mit uns teilt.

„Ich liege in meiner herbstkühlen Garage und sehe mich an einem warmen Morgen in einem alten Wald pissen und mir spätere Gedanken zurechtschneidern, um sie in den kleinen Kopf zu setzen.
Kaum vorstellbar: Wir waren ein unabhängiger Staat geworden, selbst wenn wir nie mehr als eine Gänsefüßchenrepublik mit einem Flittchenfähnchen wurden. Die rotweißen dänischen Unterhosen wurden herabgelassen und stattdessen ein triefnasses Himmelblau gehisst: ein rotes Kreuz für unsere Regelblutungen, umgeben vom weißen Sperma der Dänen und vier blauen Flecken.“

Immer haarscharf an der Grenze zur Übertreibung gelingt es dem in Island als Kultautor geltenden Helgason die Geschichte einer charismatischen Frau zu erzählen, die unauthentisch spannungsreich aber absolut liebenswürdig ist. So krass manche Schilderungen der Kriegserlebnisse sind, so humorvoll ist das Buch an anderer Stelle. Und für mich war es besonders interessant, von den Geschehnissen des zweiten Weltkrieges mal aus isländischer Sicht zu lesen. Der Autor schreibt aus Sicht einer alten Frau – und man nimmt es ihm ab, selbst wenn er die aufkeimende Sexualität des jungen Mädchens schildert oder eine Vergewaltigung beschreibt.
Hallgrimur Helgason lässt es nicht nur durch die vielen Ereignisse in den Erinnerungen Herbjörgs und durch die sympathische Alte selbst ordentlich krachen: Dadurch, dass er kapitelweise zwischen den Zeiten hin und her schwenkt, so wie es die Erinnerungen der Protagonistin eben hergeben, bleibt es immer packend. Und nebenbei nimmt man eine gehörige Portion (isländischer, europäischer) Zeitgeschichte mit. Aber: Dies Buch ist nichts für Zartbesaitete!

Hallgrimur Helgason: „Eine Frau bei 1000°. Aus den Memoiren der Herbjörg Maria Björnssson“, 2011, übersetzt aus dem Isländischen von Karl-Ludwig Wetzig, auf Deutsch erschienen beim DTV.

Island_Bildmix2
Copyright: Laura, analog, Nikon F75
Advertisements

5 Gedanken zu “Zwei Islandromane

  1. Island – nicht schlecht. Ein Ort, an den auch ich irgendwann einmal reisen möchte. Insbesondere im Sommer stelle ich es mir dort reizvoll vor. Sicherlich auch ein Ort für besondere Literatur, denn diese, der Text selbst, wird immer auch durch die Landschaften geprägt, schreibt sich in die Landschaft ein und im besten Falle durchdringt sich beides zu einer eigenwilligen Imaginationslandschaft.

    „Selbstfindungstrips“ allerdings sind eine Sache für sich: Es bekommt leider nicht immer und nicht jedem gut durch „diese schöne Anstrengung mit sich selbst bekannt gemacht“ worden zu sein, wie es in Kleists „Marquise von O…“ heißt. Manchmal treten bei dieser Selbstbekanntschaft in der Tathandlung Dinge und Aspekte zutage, die mancher vielleicht nie hätte wissen wollen. Aber der karge Insel-Raum ist sicherlich ein interessanter Ort für diese Ausbildung des Ichs, für ästhetische Erfahrung und für das Naturschöne. Und wer klug reist, bildet sich sowieso – selbst wenn es nur eine Fahrt nach Nauen, ins benachbarte Schöneberg oder zum Herrn Ribbeck im schönen Havelland ist. (Aber Island ist natürlich besser, um diese Reise beneide ich Dich doch. Und 15 Grad sind inmitten dieser Hitze in Berlin eine feine Perspektive, um die ich Dich ebenfalls beneide.)

    Du photographierst analog? Eigentlich eine weise Entscheidung. Ich selber überlege, im Überfluß des Digitalen, wo tausende Bilder geschossen und dann gesichtet werden müssen, vielleicht mal wieder zur analogen Photographie zurückzukehren, die alte Nikon hervorzukramen und meine Dunkelkammer wieder aufzubauen.

    1. Island ist durchaus ein wundervolles Reiseziel, nicht allein wegen der Einsamkeit und der Landschaft, die kontrastreicher nicht sein könnte: Karges Vulkangestein hier, Gletscher dort, dann saftige Wiesen mit Unmengen von Schafen mit ihren Lämmern, die zuweilen auch auf den unbefestigten Kurvenstraßen stehen und einen irritiert anschauen, wenn man in die Eisen steigt… Ich will auf jeden Fall irgendwann nochmal dorthin.
      Wobei mich die Reise selbst wesentlich nachhaltiger beeindruckte, als meine Lektüre. Aber gut, man reist ja nicht, um nur zu lesen, sondern um sich weiterzuentwickeln, neue Orte und Lebensweisen zu entdecken, vielleicht auch, um sich selbst zu finden. Und das muss man natürlich nicht in Island, sondern kann es auch im wunderschönen Brandenburg. Oder anderswo. Hauptsache ab und zu mal raus und auch fort von den Büchern. Denn wie sagte Bruce Nauman einst so passend: „An awareness of yourself comes from a certain amount of activity and you cant get it from just thinking about yourself. You do exercises, you have certain kinds of awareness that you dont have if you read books.“

      Ja, ich bin noch bei der analogen Fotografie hängengeblieben und bin phasenweise glücklich und unzufrieden damit. Beides hat Vor-und Nachteile. Das nachträgliche Einscannen bspw., weil man viele Bilder dann ja doch auch digital braucht, ist ziemlich zeitraubend. Andererseits fotografiert man wirklich bewusster. Eine Dunkelkammer habe ich nicht, kokettiere aber damit, es mal auszuprobieren. Wenn du das Equipment noch hast – nur los!

      1. Ich empfehle einen Negativscanner, das erleichtert die Arbeit. Ich glaube das ist ein guter Kompromiß zwischen Digital und analog.

        Das Dunkelkammer-Equipment habe ich natürlich noch. (Allein der Name Dunkelkammer ist großartig!)

        Wer viel photographiert, sollte unbedingt diese Technik kennen. Es lohnt sich, hat auch etwas Ästhetisch-Philosophisches, wenn das Bild vor den eigenen Augen aus der Entwicklerlösung sich herausschält.

        Viel Freude noch in Island beim Eisentreten. Sei froh, daß Du dort und nicht hier in dieser Hitze bist.

      2. Ich bin leider schon wieder eine Weile zurück in Berlin und erleide die Großstadthitze anstelle kühlender isländischer Frische!

        Ein Negativscanner, hmm, eine Überlegung wert. Damit habe ich sogar schonmal während eines Praktikums gearbeitet…
        Dunkelkammer steht auf jeden Fall auf meiner imaginären Liste der Dinge, die ich unbedingt mal noch machen möchte.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s