Urlaub im Museum

Ins Museum kann man gehen, wenn einem draußen zu warm ist. In angenehm temperierten Räumen werden dem Auge verschiedenste Kunstwerke dargelegt, sodass man gemütlich schlendernd und schauend, Hitze und Stadttrubel hinter sich lassen kann. Man kann natürlich auch ein Buch mitbringen und sich auf eine der Besucherbänke niederlassen um zu lesen. Oder es halten wie Reger in Thomas Bernhards „Alter Meister“, der stundenlang auf ein Bild von Tintoretto schaute und es verinnerlichte.

Aber der Museumsbesuch hat nicht nur den Effekt der Abkühlung im Sommer, Gewitterschutz oder Erholung zur Folge. Unlängst erschien in der Psychologie Heute Mai 2014 ein Artikel von Martin Hecht, darüber, dass Kunst bei Lebenskrisen helfen kann. So erinnert Kunst uns an das, was wirklich wichtig ist im Leben, hilft uns zur Selbsteinsicht, kann neue Gedanken in uns erzeugen oder alte Fragen beantworten. Wir lernen durch Kunstrezeption wieder, die Dinge und Menschen in unserer Umgebung wertzuschätzen und Achtsamkeit für die kleinen und schönen Aspekte zu entwickeln.

„Was uns fehlt, finden wir im Kunstwerk. In einem Kunstwerk sind tatsächlich alle Emotionserfahrungen angelegt – und es finden immer auch diejenigen von ihnen den Weg zum Betrachter, die ihm vielleicht am fernsten liegen.
Kunsterleben ist immer ein Wechselspiel, ein reziproker Prozess zwischen Kunstobjekt und Betrachter. Wir lesen nicht nur heraus, was in einem Kunstwerk steckt. Am Ende erkennen wir nicht so sehr die Kunst, sondern sie vielmehr uns. Sie bringt unsere innere Welt in Bewegung, belebt untergegangene, verschüttete „gute“ Gefühle genauso wie die angstvollen, verstörenden – und macht uns diese schließlich „klar“, wenn wir sie im Sprechen über das Kunsterleben an die Oberfläche unseres Bewusstseins bringen.“

(Martin Hecht: Schönheit heilt. Wie Kunst und Natur uns in Krisenzeiten helfen, in: Psychologie Heute, Mai 2014, S. 38-43, hier S. 40.)

Egal ob inspirierender Urlaub im Museum, Abkühlungssuche oder gleich die kleine Selbsttherapie: ein Museumsbesuch kann jedenfalls nicht schaden =)

Ich habe euch für Berlin eine kleine Liste der interessantesten Ausstellungen dieses Sommers und Herbsts zusammengestellt, die ich noch unbedingt sehen will. Lasst euch inspirieren!

Sommer im Museum

Auch Erfrischung kann man finden, wenn man Kunst besucht. Das Baden ist in der Kunstgeschichte seit jeher ein beliebtes Thema, nicht zuletzt konnte man durch die Darstellung Badender unkritisiert nackte Körper zeigen. Aber auch in der Mythologie und Kulturgeschichte taucht das Baden immer wieder auf: „Die beliebten Darstellungen des „Jungbrunnens“, vom „Bad der Diana mit ihren Nymphen“, der intriganten Geschichte um „David und Bathseba“ oder vom Badeakt der schönen Venus bilden nur die Spitze einer uferlosen visuellen Begierde.“

Das Kupferstichkabinett hat eine Sommerausstellung über das Baden konzipiert und zeigt Werke von Dürer über Degas bis hin zu David Hockney.

„Wir gehen baden. Eine Sommerausstellung im Kupferstichkabinett“, Kupferstichkabinett, noch bis 26.10.14. Link <–

 

Zeit und Landschaft in großformatigen Fotografien

Hat man nicht die Möglichkeit, selbst weitläufige Landschaften aufzusuchen und sich dort zu erholen, kann man Fotografien von Michael Ruetz anschauen und sich gleichzeitig Gedanken über die Zeit und Witterung, über Bewegung, Veränderung und das Leben machen.

Ruetz „wählte über 600 Beobachtungspunkte in Deutschland aus, an denen er mit möglichst gleichen fotografischen Mitteln Veränderungen oder gleich bleibende Strukturen dokumentiert.“ Entstanden sind beeindruckende Bilder, die man in aller Ruhe auf sich wirken lassen kann.

„Michael Ruetz. Die absolute Landschaft“, Museum für Fotografie, noch bis 5.10.14. Link <–

 

Nachdenken über Sterben und dessen Bedeutung für das Leben

Vanitas ist als auf die Vergänglichkeit alles Seienden verweisende Symbolik, die im Barock des 17. Jhds. ihre Blütezeit hatte, auch heute noch ein bewegendes Thema in der Kunst. Das Georg-Kolbe-Museum zeigt Skulpturen zeitgenössischer Künstler seit 1960, die Vanitas-Motive aufgreifen, verändern, in neue Zusammenhänge stellen – und damit ihre Aktualität veranschaulichen. Künstler wie Alicja Kwade, Mona Hatoum oder Tomas Saraceno zeigen ihre Arbeiten, denen eines gemeinsam ist: „Sie kommentieren eine von Krisen erschütterte Welt.“

„Vanitas – Ewig ist eh nichts“, Georg-Kolbe-Museum, noch bis 31.08.14. Link <–

 

Otto Piene ist tot – lang lebe Otto Piene

Gerade einmal vier Tage ist es her, dass Otto Piene einen friedlichen Tod in einem Berliner Taxi starb. Zuvor war er noch bei der ihm zur Zeit in Berlin gewidmeten Doppel-Ausstellung gewesen: Die Neue Nationalgalerie und die Deutsche Bank Kunsthalle kooperieren in „More Sky“.

Beide Häuser zeigen Werke des Künstlers, der als Mitbegründer der ZERO-Gruppe die experimentelle Kunst prägte. Während die Neue Nationalgalerie seine Dia-Projektion „Proliferation of the Sun“ reinszeniert (nur nachts, 22-3h!), ist eine Auswahl seiner Werke rund um Licht, Luft und Feuer in der Kunsthalle der Deutschen Bank zu sehen.

„More Sky“, Kooperationsausstellung Neue Nationalgalerie und Deutsche Bank Kunsthalle, noch bis 31.08.14. Link <–

 

Lust auf Geschichte?

Wer sein Geschichtswissen rund um den ersten Weltkrieg auffrischen will, dem sei ein Besuch des DHM empfohlen. Hier ist die Ausstellung „1914–1918. Der Erste Weltkrieg“ zu sehen, bei der es sich um „die deutschlandweit einzige Überblicksausstellung, die die europäische und globale Dimension des Kriegsgeschehens verdeutlicht“, handelt.

Was im DHM immer ratsam ist: Viel Zeit und Ausdauer mitbringen! Auf mehr als 1000qm sind zahlreiche Exponate zu sehen, die den Ersten Weltkrieg, seine Schrecken und die weitreichenden Folgen thematisieren. Zudem gibt es ein umfassendes Begleitprogramm mit wissenschaftlichen Vorträgen und einer Filmreihe im Zeughauskino.

„1914–1918. Der Erste Weltkrieg“, Deutsches Historisches Museum, noch bis 30.11.14. Link <–

 

Der Botticelli-Blockbuster – coming soon

Dem erst im 19. Jahrhundert wiederentdeckten Sandro Botticelli widmet die Gemäldegalerie ab 25.9. eine umfassende Ausstellung. Mehr als 100 Werke von ihm werden zu sehen sein und es wird den Fragen nachgegangen: „Wie erlangte der Maler den Status universaler Berühmtheit? Wie wurde er zur Pop-Ikone? Warum gelten seine Werke als zeitlos und in einer Weise »europäisch«, dass sie sogar auf Euromünzen erscheinen?“

Unbedingt vormerken!

„The Botticelli Renaissance“, Gemäldegalerie, ab 25.9.14. Link <–

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8 Gedanken zu “Urlaub im Museum

  1. Danke für die Tips, liebe Laura!
    Die Vanitas Ausstellung steht ganz oben auf meiner todo Liste. Leider fehlt mir im Moment die Zeit.
    Wollen wir uns Boticelli für einen gemeinsamen Museumsbesuch vormerken?
    Liebe Grüße von Susanne

    1. Botticelli können wir uns sehr gern gemeinsam ansehen, tolle Idee! Und Katja kommt bestimmt auch mit. Wir sollten uns früh um Karten oder einen Besuch kümmern, damit wir nicht stundenlang Schlange stehen müssen =)

  2. Nicht nur wegen der Kühle lohnt es, das Eigenleben der Werke ist das Faszinierendste, und je öfter man sich bestimmte Bilder anschaut, desto intensiver gerät der Blick, deste reichhaltiger transformiert sich das Bild.

    Der Verweis auf Bernhard ist – naturgemäß – mehr als richtig. Ich habe ebenfalls an diesen Buch gedacht, als ich vor zwei Wochen im wunderbaren, herrlichen Kunsthistorischen Museum zu Wien mich aufhielt. Was für Gemälde! Vielleicht schreibe ich noch darüber, insbesondere über die „Jäger im Winter“ von Breughel. Hinzuweisen sei in diesem Zusammenhang auch auf den Film „Die Mühle und das Kreuz“ von dem allerdings in Sachen Kunst eher Konservativem Lech Majewski. Das entsprechende Breughel-Bild „Die Kreuztragung Christi“ hängt im Kunsthistorischen Museum.

    Das erste Drittel der Biennale habe ich gesehen, am Wochenende kommt der Rest. [Schwierig allerdings, den ersten Eindruck in Sprache zu bringen.]

    1. Klar, ich geh natürlich auch nicht nur wegen der Kühle ins Museum. Denn wie du schätze ich das, was du in schöner Weise als das Eigenleben der Werke bezeichnest, sehr und finde es immer erneut beeindruckend, wie sich das Bild mit den Sehgewohnheiten ändert. Das betrachtete Bild spiegelt ja den Betrachter mit, er sieht nicht ein „inhaltsleeres“ Motiv, sondern sich und das was er „mitbringt“, die Entstehungszeit des Bildes, u.U. den Kontext des Künstlers etc. Sehr sehr spannend, darüber zu theoretisieren!

      Ins Kunsthistorische Museum zu Wien will ich auch unbedingt mal noch. Bisher haben mich meine Reisen noch nicht nach Wien geführt, was aber in mehrfacher Hinsicht lohnenswert scheint. Ich liebe es im Übrigen, in Museen jene Bilder im Original auratisch vor sich erscheinen zu sehen, die man sonst nur aus Projektionen und Drucken vom Studium kennt. Klingt vielleicht pathetisch, aber es ist, als träfe man alte Bekannte. So geschehen im Frühjahr in Londons National Gallery und der Tate Britain…

    1. Oh ja! Kunst, Natur und Literatur – was brauch ich mehr für meine (geistige) Gesundheit … Okay, vielleicht noch den Austausch darüber und das gemeinsame Erleben derselben mit lieben Menschen 😉

      1. da ich im realen Leben wenig Austausch über die mich interessierenden Themen habe fällt es mir imme rbesonders auf wie ich danach aufblühe wenn es mal stattfindet. Der Mensch braucht, Austausch, Ausdruck und Feedback, aufjedenfall 🙂 Thank you

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