Jim Nisbet: „Der Krake auf meinem Kopf“ (Krimi, 2014)

Jim Nisbet_Der Krake auf meinem KopfJack Kerouac trifft Taratino trifft David Foster Wallace … So war meine erste Assoziation als ich nach dem Lesen über Jim Nisbets Noir-Krimi „Der Krake auf meinem Kopf“ nachdachte. Darin nimmt Jim Nisbet den Leser auf einen irren Trip ins moderne San Francisco nach der Dotcom-Blase mit, wo die einstigen Haight Ashbury Hippies als Junkies mit den pleitegegangenen Silicon-Valley-Hipstern um die Wette saufen. Ein spannender Trip, der ein wenig langsam in die Gänge kommt, sich die meiste Zeit in den versifften Wohnungen ehemaliger Bohemiens, Jazzmusiker und jetziger Junkies abspielt und ein bei aller Absurdität äußerst liebevoll gezeichnetes Figurenensemble präsentiert. Seltsam, abstrus, verwirrend, düster, verzweifelt, resignierend, aussichtslos, traurig und morbid – und deswegen für Fans von Genre-Literatur und melancholischen Noirtrips sehr zu empfehlen. Alle anderen sollten sich mindestens mit einer Flasche Whisky bewaffnen oder sich schon einmal schlafen legen. Es könnte ein „unendlicher Spaß“ werden.

„Ivy Pruitt wohnte in einer kleinen Bude über einer Garage in Oakland, ein Stockwerk hoch, einfach über eine Außentreppe an der Rückseite des Hauses. Vom Treppenabsatz hatte man einen Ausblick auf den größten Friedhof der Stadt. Ich stattete Ivy einen Besuch ab, dachte, dass er mal wieder Lust habe zu spielen, und wenn es dazu käme, wollte ich dabei sein. Keine Ahnung, warum ich glaubte, er sei bereit für eine Veränderung, und mit Ivy gab es sowieso immer nur Stress, aber da war ich nun. Und Ivy war auch da und rauchte Heroin.“ (S. 7)

Ohne jede Vorkenntnis von Jim Nisbets Oevre stürzte ich mich neugierig auf diesen Roman mit dem seltsamen Titel und einprägsamen Cover.“Der Krake auf dem Kopf“ spielt, wie die gesamte Geschichte, auf einen alten San Fransisco-Roman von Frank Norris an: „The Octopus: A Story of California“ (1901). Der amerikanische Schriftsteller setzte sich darin als Vertreter des amerikanischen Naturalismus mit den Gegensätzen zwischen der Landwirtschaft und den Eisenbahngesellschaften in Kalifornien im ausgehenden 19. Jahrhundert auseinander. Jener Oktopus, der bei Jim Nisbet den kahlrasierten Hinterkopf des Protagonisten Curly Watkins als Tätowierung ziert, wird bei Frank Norris zum geflügelten Wort für die Eisenbahnschienen, die sich wie die Arme eines Kraken allumfassend durch die amerikanische Landschaft bohren und diese langsam vereinnahmen. Dieses Bild aufgreifend beschreibt Nisbet das moderne San Francisco als tote Stadt der verlorenen und begrabenen Träume, der Alt-Hippies, Möchtegern-Hipster, kleinkriminellen Dealer, Hinterhof-Inkasso-Geschäftemachern und traurigen Heroinsüchtigen. Der Krake symbolisiert hier eher die Gier und Wohlstandssucht der Geschäftemacher, die sich über Kalifornien ausgebreitet hat. Den Roman durchzieht tentakelartig eine düstere Einsamkeit und Hoffnungslosigkeit, die im krassen Gegensatz zum verträumten hoffnungsvollen San Francisco-Sound der 70er Jahre à la Scott McKenzie steht. Man könnte eher mit John Lennon sagen: „the dream is over“. Und gerade von diesem traurigen Gegensatz lebt der Roman, dessen Helden eigentlich gar kein Leben haben und nicht wissen, wo sie hingehören.

Da ist keine Liebe, keine Perspektive, man erinnert sich an früher und setzt sich den nächsten Schuss. Doch bei aller Traurigkeit und Düsternis enthält der Roman eine morbide Prise Humor sowie zahlreiche literarische Kontrafakturen und Verweise, die sich in den flappsigen aber hintersinnigen Dialogen der Hauptfiguren verbergen. Diese sind Möchtegern-Musiker Curly Watkins mit dem Krakentattoe, seine Freundin und ehemalige Hippie-Geliebte Lavinia sowie Kumpel und Bandkollege Ivy Pruitt.

„Ich betrachtete Lavinia von der Seite. Ihr Profil verriet mir Jahre mit Heroin – war es so oder war es so? So schlecht sah sie eigentlich gar nicht aus. Ihr Gesicht war leicht aufgedunsen und eines Tages wäre da auch ein Doppelkinn. Aber ihre veilchenblauen Augen hatten einen zarten, wenn auch falschen Wimpernkranz und der hennafarbene Pony, der sich über ihrer markanten Stirn wölbte, besänftigten das grelle Licht des Mittags wie ein kaltes Bier den Kater – nein, besänftigten es wie ein Heiligenschein. Die Madonna des Mohns. Hübsch. Und obendrein übte der Ohrring in Form eines kleinen Schlüssels, der an ihrem Ohrläppchen baumelte, eine seltsame Wirkung auf mich aus. Keine Ahnung, weshalb.“ (S. 187)

Die Handlung ist schnell erzählt und besteht scheinbar aus einer Reihe unglücklich verketteter zufälliger Umstände, die ins völlige Chaos und den am Ende grausamen Höhepunkt münden. Wir lernen viel über die Zubereitung und den Genuss von Teer-Heroin, und das Präparieren von Haut, und begleiten die drei auf ihrem mäßig legalen unorthodoxen Weg Geschäfte zu machen, in die sich der nach außen unschuldig wirkende Curly immer nur hineinquatschen lässt. Die Stärke des Romans sind neben der überraschenden Psychothriller-Wende vor allem die herrlichen Gespräche zwischen Curly und Lavinia.

Jim Nisbet besitzt als Erzähler nicht nur die Gabe für hahnebüchene seltsame Verwicklungen, sondern auch ein Gespür für hintergründige Bilder und nimmt sich Zeit für feine sprachliche Vergleiche, die man zunächst vielleicht nicht vermuten würde. Hinter dem trostlosen Leben der Junkies verbergen sich sensible tiefgründige Charaktere, die um keine Weisheit verlegen sind und sehr wohl wissen, welchen Wert ihr Leben hat, obwohl sie es leichtfertig aufs Spiel setzen.

„Ich fragte mich oft, weshalb Padraic überhaupt auf Livemusik in seinem Laden bestand. Trotz Kunst von der Stange und einer wenig komfortablen Umgebung, trotz ihres mangelnden Kunst- und Feinsinns kokettierte die Kundschaft und kokettierte auch Padraic mit einer Sehnsucht nach einem San Francisco, das sie nur vom Hörensagen kannten: das der Bohemiens, der glühenden Poeten, der Sozialisten, der Hafenarbeiter und der Handelsmarine, knallhart, proletarisch und gewerkschaftlich organisiert, mit der Leidenschaft für den Jazz, mit der Leidenschaft, ihn zu spielen, kettenrauchend und saufend und Gras anbauend – das, wenn auch nicht völlig, so doch zu neunzig Prozent untergegangen ist zugunsten einer prächtigen Insel der Topimmobilien, die den Namen San Francisco noch immer für sich beansprucht.“ (S. 311)

Ich möchte diesen Roman empfehlen, weil er anders ist, weil er morbide ist und einen düsteren Sog entwickelt. Allen Lesern von Genreliteratur, auf der Suche nach dem anderen „Stoff“, außergewöhnlichen Sujets und dunklen Abgründen wird es ein großes Lesevergnügen sein. Er erzählt keine erwartbare Handlung, sondern überrascht und fordert den Leser langsam heraus. Vor allem entlarvt er den Mythos San Fransiscos von der Stadt der Hippies, der Liebe und des großen Internet-Booms, wo jeder seinen Traum wahr werden lassen kann als gescheitertes Experiment und traurige Hinterlassenschaft einstiger Visionäre. Damit präsentiert der Autor ein wunderbares Gegenstück zum modernen Amerikabild, das in den großen Romanen entworfen wird, und zeigt die hässliche Fratze von Silicon Valley. Allein dafür lohnt es sich, Jim Nisbet zu entdecken und zu lesen.

Herzlichen Dank an den Pulpmaster Verlag für die gelungene Erstübersetzung ins Deutsche!

Über Jim NisbetJim Nisbet, San Francisco, 2010 photographed by David Liittschwager

Jim Nisbet, Jahrgang 1947, ist Autor von zwölf Romanen und mehreren Lyrik-Bänden. Im Berliner Pulpmaster-Verlag erschienen bisher seine Romane  TÖDLICHE INJEKTION und DUNKLER GEFÄHRTE als deutsche Erstaugaben. In den letzten vierzig Jahren veröffentlichte er darüber hinaus diverse Artikel, Essays und Shortstorys in Zeitungen, Zeitschriften und Anthologien sowie ein Sachbuch über Bau und Design retro-futuristischer Möbel. Er lebt mit seiner Frau in San Francisco.

Jim Nisbet: Der Krake auf meinem Kopf, Pulpmaster Berlin, Juli 2014

Weitere Rezension:

http://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article130920759/Jim-Nisbet-tanzt-auf-der-Glatze-des-Grauens.html

Jim Nisbets Homepage:

http://www.noirconeville.com

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