In Memoriam: Wolfgang Herrndorf

„Man wird nicht weise, man kommt der Wahrheit nicht näher als jeder. Aber in jeder Minute beim Tod zu sein, generiert eine eigene Form von Erfahrungswissen.“

Wolfgang Herrndorf ist ein Autor, dessen Bücher man, hat man eines gelesen, am liebsten gleich alle lesen möchte. So ging es mir, seitdem mir eine Freundin „Sand“ empfohlen hatte.

Die Lektüre vom posthum veröffentlichten „Arbeit und Struktur“, das eine Zusammenfassung der Blogeinträge des Autors vor seinem Freitod ist, erweist sich als besonders eindringlich. Mich hat das Lesen dieser mit Datum versehenen Einträge ziemlich mitgenommen: Unweigerlich setzt man sich selbst in Zusammenhang zu den genannten Daten, unweigerlich stellt man den eigenen Biografieaus-schnitt vom 08.03.2010 bis 20.08.2013 ins Verhältnis zu den von Herrndorf beschriebenen Erlebnissen.

Als ich nach der Lektüre darüber hinaus realisierte, dass ich am 26.08.2013 gegen 23.15h – also zum Todeszeitpunkt des Autoren – keine 200 m entfernt von der Stelle entlang fuhr, an der er sich erschoss, musste ich erstmal eine Weile in meiner Wohnung auf und ab laufen, bis ich damit zurechtkam. Jeder, der „Arbeit und Struktur“ gelesen hat und in die Gedanken des Schriftstellers während seiner Krankheit eingetaucht ist, wird verstehen, wie ich mich fühlte.

Freibad Plötzensee
Freibad Plötzensee, aufgenommen von laura
Plötzensee
Plötzensee, aufgenommen von laura

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Autor des Jugendromans „Tschick“ und des Romans „Sand“ erkrankte 2010 an einem Glioblastom (bösartiger Hirntumor, der seine „Koordination und räumliche Orientierung“ beeinträchtigte). „Arbeit und Struktur“ spiegelt seine Gedanken wider, seine Ängst und das, was ihn in den letzten Jahren am wichtigsten war. Die Lektüre ist zwar bedrückend, doch schimmert immer wieder auch Herrndorfs Humor durch, der auch seine Romane auszeichet. Man begleitet ihn zum Schwimmen im Freibad Plötzensee, irrt mit ihm an der Seestraße entlang, schaut mit ihm aus dem Fenster seiner neuen Wohnung. Man kommt ihm sehr nah: Vielleicht durch die von ihm gewünschte Druckform des Blogtagebuchs noch mehr als in digitaler Variante. Und zweifellos macht man sich mit ihm viele Gedanken zum Sterben, über die Allgegenwärtigkeit des Gedankens an den Tod und auch darüber, was das Leben ausmacht.

„Wenn ich lese, ergänzt mein Gehirn jeden Satz: Lee Harvey Oswald ging die Straße entlang, und du wirst sterben. Er sah die Autos, und du wirst sterben. An allen Gegenständen und Menschen haften jetzt kleine Zettel mit der Aufschrift: „Tod“, wie mit Reißzwecken dahingepinnt. C. legt ihren Arm um meine Schulter: Tod. Sie lächelt: Tod.“

„Ich bin Schriftsteller, und man wird nicht glauben, daß Literatur mich sonst kaltgelassen hätte. Aber was jetzt zurückkehrt beim Lesen, ist das Gefühl, das ich zuletzt in der Kindheit und Pubertät regelmäßig und danach nur noch sehr sporadisch und nur bei wenigen Büchern hatte: daß man teilhat an einem Dasein und an Menschen und am Bewußtsein von Menschen, an etwas, worüber man sonst im Leben etwas zu erfahren nicht viel Gelegenheit hat, selbst, um ehrlich zu sein, in Gesprächen mit Freunden nur selten und noch seltener in Filmen, und daß es einen Unterschied gibt zwischen Kunst und Scheiße. Einen Unterschied zwischen dem existenziellen Trost einer großen Erzählung und dem Müll, von dem ich zuletzt eindeutig zuviel gelesen habe, eine Unterscheidung, die mir nie fremd war, aber unter Gewohnheit und Understatement lange verschüttet.“

Heute ist es genau ein Jahr her, dass Wolfgang Herrndorf sich erschoss, bevor er dazu womöglich nicht mehr in der Lage gewesen wäre.

„Und wenn mein Entschluss, was ich machen wollte, nicht schon vorher festgestanden hätte, dann hätte er nach diesem Telefonat festgestanden: Arbeit. Arbeit und Struktur.“

An dieser Stelle könnt ihr die Blogeinträge von „Arbeit und Struktur“ online lesen.

Copyright: Mathias Mainholz
Copyright: Mathias Mainholz

Hier erfahrt ihr mehr zum Autor.
Oder ihr lest von Wolfgang Herrndorf:

„Arbeit und Struktur“, 2013
„Sand“, 2011
„Tschick“, 2010
„Diesseits des Van-Allen-Gürtels“, 2007 (Erzählungen)
„In Plüschgewittern“, 2002 (Debüt)

Allesamt erschienen bei rowohlt.

Und Achtung: Am 26.09.2014, also in einem Monat, erscheint posthum der Roman „Bilder deiner großen Liebe“ über die Figur Isa, die manche aus „Tschick“ kennen dürften. Ob der Titel wohl von Herrndorf gewählt wurde?

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9 Gedanken zu “In Memoriam: Wolfgang Herrndorf

    1. Du solltest entweder den Blog oder das Buch dazu unbedingt lesen. Freut mich, wenn ich dich darauf aufmerksam machen konnte =)

  1. Mir ging’s tatsächlich auch so beim Lesen von „Arbeit & Struktur“: Ich musste die Monate abgleichen, die Stationen nachzeichnen, die Zufälle berechnen – als er dort stand, saß ich vielleicht fünf Meter entfernt, als er im Krankenhaus lag, als er die U-Bahn nahm, als er die Wohnung bezog, Spazieren ging, sich in der Seestraße verfuhr – und dann: der Schuss, nur 500m von meiner Wohnung entfernt. Das schockt. Auch nachhaltig.

    Beim Lesen aber dann dieser – kann man es „Zauber“ nennen? Alles wurde intensiver, das Leben, der Tod, alles rückte mir näher, direkt unter die Haut. Das haben bisher sehr wenige deutschsprachige Autoren für mich geschafft.

    Auf den Roman posthum bin ich gespannt; ich hatte es geahnt, dass es passieren würde. Nur nicht, dass es so schnell geschehen würde. Danke für den Hinweis, wann es erscheint!

    1. Ja, nicht wahr? Interessant, dass es dir auch so ging. Bei mir war dieses Mit-mir-selbst-Verknüpfen sehr intensiv und in dem Maße kannte ich es bisher auch nicht. Und nachhaltig – das stimmt – ist der Eindruck auch. Jedesmal wenn ich über die Brücke am Hohenzollernkanal fahre, denke ich daran.
      Ebenso wie du diesen „Zauber“ beim Lesen beschreibst, ging es mir auch – und nicht zuletzt deshalb ist wohl auch das Schockiertsein und die „Nähe“ so groß. Herrndorfs Worte erzeugen eine immense Intensität, die einen das eigene Leben und Sterben anders wahrnehmen lassen.
      Ich beschäftige mich ohnehin viel mit tod-bezogenen Themen und Texten – aber diese Lektüre ist nochmal ein anderes Level.

      Ich freu mich über deinen offenen Kommentar und deine Eindrücke, die den meinen ja sehr ähneln =).

  2. Es ist ein wenig merkwürdig, wenn ein Autor, der tot ist, noch immer im Netz existiert. Aber eigentlich ja nichts Besonderes, denn alle Klassiker, die wir lesen, sind ja auch von Autoren geschrieben, die lange nicht mehr unter uns weilen. Aber im Netz hat es noch einmal einen anderen Stellenwert, finde ich … Es ist interessant. Ein Autor bleibt durch sein Werk ewig lebendig, durch seine Worte, seine Gedanken. Ein Mensch, der nichts veröffentlicht, wird irgendwann vergessen. Einen Autor kann jeder noch Jahre später entdecken und für diesen Menschen ist er dann ganz lebendig. Als Autor hinterlässt man etwas. Der Leser taucht völlig ein in seine erzählte Welt und nimmt durch die Erzählerstimme auch Teil am Gedankenstrom des Autors. So wird er quasi wieder lebendig. Ähnlich ist es mit einem Kunstwerk oder einem Film, aber ich finde, dass es mit einem schriftlichen Werk am stärksten ist, dieser lebendige Eindruck … Das kann man natürlich anders sehen.

    Ich werde mir „Sand“ gern einmal von dir ausleihen. Interessiert mich sehr.

    1. Ich denke, es ist immer merkwürdig, wenn ein Mensch stirbt und dann noch im Netz „umhergeistert“ mit seinen „digitalen Hinterlassenschaften“ – unabhängig davon, ob es ein Autor ist/war oder nicht. Aber natürlich ist es seit Jahrhunderten so, dass alle, die Kunstwerke (literarische, bildende, musikalische…) schaffen, durch ihre Werke ein Stück weit unsterblich bleiben. Ich finde das auch immer wieder faszinierend.
      Allerdings würde ich nicht sagen, dass jemand durch die Werke, die er hinterlässt wieder lebendig wird. Der Mensch als Schöpfer bleibt ja gestorben, nur seine Ideen, seine Schöpfungen leben fort.
      „Sand“ könnte dir gefallen. Ich leihe es dir gern mal 😉

  3. Danke für diese Erinnerung – vom Namen her kannte ich Wolfgang Herrndorf natürlich, doch vor seinem Tod habe ich noch nichts von ihm gelesen. Letztes Jahr im Dezember habe ich dann seinen Blog als Buch verschlungen, ich bin für Stunden in diesem Text untergetaucht und habe mich ganz anders gefühlt, als ich wieder aufgetaucht bin: es war großartig, traurig, schön, inspirierend. Nun liegen hier Tschick und Sand und warten darauf, gelesen zu werden.

    1. Bei mir war es ähnlich, ich las als erstes „Sand“ von ihm, drei Monate nach seinem Tod, obwohl ich dem Namen zuvor schon begegnet war. Ich fand bisher alles was ich von ihm las, sehr gut – wenn auch oder gerade weil seine Bücher sehr unterschiedlich sind. Und zugleich hat Herrndorf „seinen Stil“, seine Schreibart und seinen Humor, der sich immer wieder erkennen lässt. Ich schätze ihn wirklich sehr.

  4. Hat dies auf reingelesen rebloggt und kommentierte:
    Ich habe einen berührenden Artikel zu Wolfgang Herrndorf gefunden bei „Aboutsomething“ und möchte das zum Anlaß nehmen und Tschick an jemanden der es nicht kennt verschenken. Das Buch ist gebraucht – wenn Du es haben möchtest hinterlasse einfach einen Kommentar. 🙂

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