Siri Hustvedts Debütroman: „Die unsichtbare Frau“ (1992 / 2003)

Wie den treuen Lesern unseres Blogs bisher nicht verborgen bleiben konnte, sind Katja und ich sehr begeistert von den literarischen Werken Siri Hustvedts. Ich habe mich bereits vor einer Weile ihres Debütromans „Die unsichtbare Frau“ angenommen.

Credit: Katja, London, 03/14
Credit: aufgenommen von Katja, London, 03/14

Die Protagonistin Iris Vegan ist Literaturstudentin in New York. Um über die Runden zu kommen, muss sie teils skurrile Nebenjobs annehmen. Im ersten Kapitel des Buches soll sie die Gegenstände aus dem Nachlass einer Frau beschreiben und diese Schilderungen flüsternd auf Band sprechen. Da ihr Auftraggeber ihr nichts über die geheimnisvolle Frau, mit deren Dingen sie sich befasst, verraten möchte, stellt sie selbst Nachforschungen an. Das Buch beginnt mysteriös, ein wenig wie in einem Krimi, so wie man es von Paul Auster (Siri Hustvedts Mann) kennt. In den folgenden Kapiteln taucht man mitten in das Studentenleben der jungen hübschen Frau Iris ein, erlebt ihre Beziehungen / Affären zu Stephen und George. Es geht um die Migräneerkrankung der jungen Iris und wie sie dadurch beeinträchtigt ist in ihrem Alltag. Sicher hat Siri Hustvedt hier auch eigene Erfahrungen mit einfließen lassen, da auch sie an der Krankheit leidet. Zum Ende des Romans hin nimmt die Handlung rund um Iris eine interessante Wendung: Iris Vegan beschäftigt sich für Professor Rose mit der Übersetzung einer Geschichte über Klaus. Auf irgendeine Weise geht ihr diese Geschichte so nah, dass sie anfängt, selbst in Klaus` Rolle zu schlüpfen. Sie treibt sich als Mann verkleidet nachts in Kneipen herum, bis sie zufällig auf ihren Professor Rose trifft, der sie durchschaut und mit dem sie eine Affäre beginnt.

Wir waren laute Liebende in dieser Nacht in der philosophischen Fakultät. Ich bin sicher, wir machten Krach, als wir ineinander verknäult unter dem grellen Neonlicht auf den Boden fielen, und ich weiß, daß ich auf dem Höhepunkt schrie und daß er zu mir sprach, aber ich kann mich nicht erinnern, was er sagte (…) Worte, die nur bedeutungsvoll sind, während sie ausgesprochen werden. Sie zu wiederholen ist ein Sakrileg.“

Giorgione_Das Gewitter
Giorgione: Das Gewitter, um 1508 Quelle: wikipedia

Die Kapitel verbleiben oft unbestimmt und offen. Der Roman enthält viele phantastische Ideen, die mich gefesselt haben, wie Iris` Identitätenwechsel zu Klaus oder der mysteriöse Beginn mit der detaillierten Beschreibung von Gegenständen. Auch eine tolle Szene zu einem Gemälde (Giorgiones Gewitter), das Iris aus der Erinnerung beschreibt und währenddessen sie sich partout nicht an eine Schlüsselfigur (Mann mit Hirtenstab) auf dem Bild erinnern kann, hat mich nachhaltig beeindruckt (S. 180 ff.).

Der Mann stand in der linken Ecke des Gemäldes und hielt einen Stab. Ich sah ihn lange an. Er war mir nicht vertraut. Es war, als sähe ich ihn zum erstenmal, dabei war alles übrige genau so, wie ich es in Erinnerung gehabt hatte. Aber wohin war er entschwunden gewesen? Wie viele andere sind dort? dachte ich. Menschen, Dinge, gesehen und dann vergessen, die nichts zurücklassen, nicht einmal das Wissen, daß sie fehlen. Ich starrte auf das Bild hinunter und in die milden Augen der Frau und dann auf ihr angewinkeltes Bein und auf die Blätter, deren Form ein Muster auf ihrem Fleisch zu hinterlassen schien.“

Diese Szene ist mir besonders aufgefallen und in Erinnerung geblieben, weil sie für Siri Hustvedt typische Themen aufgreift, die sie selbst heute in ihren Essays noch beschäftigen, wie Sehen, Erinnerung, Gedächtnis, Kunst. Der Roman enthält somit viel Potential – verbleibt aber im Unbestimmten.

Mich hat dieser Umstand beim Lesen nicht sonderlich gestört, doch sind spätere ihrer Romane in sich schlüssiger (wie „Was ich liebte“). Vielleicht ist dieses mehrfache Aufgreifen / Anreissen von Ideen dem klassischen Vorwurf dem Debüt gegenüber geschuldet, demzufolge viele Autoren in ihrem Erstlingswerk zu viele Themen und Ideen unterbringen wollen. Möglicherweise wäre es stimmiger gewesen, aus den Ideen einzelne Erzählungen zu machen.

Fazit: Sicher nicht Hustvedts bester Roman, aber absolut lesenswert, aufgrund der aufgegriffenen Gedankenexperimente rund um Identität, Erinnerung, Geheimnisse etc. Die offenen Enden haben den Vorteil, dass sich die Geschichten in die Erinnerung des Lesers einhaken um dort weitergesponnen werden zu können.

Siri Hustvedt: „Die unsichtbare Frau“, Roman, 2003 erschienen bei dtv, deutsch von Uli Aumüller, im Original: The Blindfold, 1992.

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13 Gedanken zu “Siri Hustvedts Debütroman: „Die unsichtbare Frau“ (1992 / 2003)

  1. Liebe Laura,
    auch ich bin ja ein großer Siri Hustvedt Fan und du hast mich auf ihren Depüt Roman neugierig gemacht. Bestimmt werde ich ihn mir irgendwann vornehmen.
    Liebe Grüße für dir und Katja von Susanne

    1. Liebe Susanne, ja da du auch ein großer Hustvedt-Fan bist, kann ich dir den Roman auf jeden Fall ans Herz legen =) Schönen Sonntagabend von Laura

    1. Danke =) Freut mich, dass ich dir einen noch unbekannten Roman von ihr schmackhaft machen konnte. Welches ist denn bisher dein Favorit von ihr gewesen?

      1. Puhhhh schwierige Frage. „The Summer without Men“ ? Oder doch „The Enchantment of Lily Dahl“ – hmmm.Und das neue „The Blazing World“ ist auch richtig klasse.Schwierig mit mir und den Favoriten 😉

      2. Bei Siri Hustvedt fällt es auch nicht leicht, sich auf einen Favoriten festzulegen. Bei mir war es bisher „Was ich liebte“, der erste Roman, den ich von ihr las. Und ich freu mich grad sehr, dass du mich auf „The Blazing World“ aufmerksam machst: tatsächlich hatte ich noch gar nichts davon mitbekommen, da ich ignoranterweise auf die dtsch Übersetzung hätte warten müssen, um es zu merken. Aber da ich ohnehin schon lang wieder engl Originale lesen wollte – neues Buch auf meiner Liste! Danke 😉

  2. Mist, ich hab ja so wenig Zeit und noch Ninos Buch vor mir, aber Siris Debut klingt sehr interessant … 😉 Du verführst mich zum Lesen. Es würde mich sehr interessieren, wie ihre Anfänge waren. Würd ich mir demnächst dann gleich mal ausleihen. Ist es sehr dick?

    1. Ja, mit Nino wirst du noch zu tun haben… „Die unsichtbare Frau“ hat im TB 267 Seiten und liest sich gut weg, wie eigentlich immer bei Hustvedts Büchern. Leihst du mir im Gegenzuge „Lilly Dahl“ aus?

      1. Nun hab ich es auch vor kurzem zu Ende gelesen und fand es echt gut für ihren Debütroman. Hut ab. Das Unbestimmte liegt meiner Meinung nach auch an der Struktur. Sie fängt ja mit jedem Kapitel einen neuen Abschnitt in Iris Leben an und am Ende fügt sich doch alles zusammen. Man fragt ich zwischendurch, ob das ein und dieselbe Person ist oder verschiedene Figuren. Aber genau um dieses Verwirrspiel und die Frage nach der Identität geht es ja auch. Das ist ein interessanter erzählerischer Einfall, am Ende des Buches zeitlich nach hinten zu springen und die Geschehnisse nochmal aufzurollen. Dann erklärt sich alles. Wobei ja immer noch viel offen bleibt. „Was ich liebte“ ist eindeutig runder, ja. Die Struktur ist klarer, linearer. Aber auch hier zeigt sich schon ihre Erzählkunst, ihre Lieblingsthemen, das Interesse am Unbewusste, Psychologischen, der wichtige Aspekt von Kunstbetrachtungen und auch dieThemen Krankheit und Identitätssuche. Sehr spannend. Es war insgesamt wieder ein großes Lesevergnügen!

  3. Was ich liebte ist eines meiner Lieblingsbücher gewesen, ich denke ich müßte es mal wieder lesen. Die unsichtbare Frau hat mir gar nicht gefallen, aber dein text dazu gefällt mir sehr. 🙂 auf die zitternde Frau habe ich echt gewartet – bis es in der Bibo zu haben war, und dann konnte ich nur ein paar Seiten lesen.. es lag mir gar nicht. Der Sommer ohne Männer dagegen hat mich echt erst ziemlich befremdet…also ich mußte nochmal schauen ob es wirklich von Ihr war, überraschend gut. Ja! Mehr hab ich noch nicht gelesen…

    1. Danke, freut mich, dass mein Text dir gefällt 😉 „Die zitternde Frau“ hab ich bisher als eins der wenigen noch nicht gelesen, gerade lese ich nun auf englisch „The Blazing World“, das noch nicht auf deutsch erschienen ist aber sich sehr lohnt, mal wieder! Vor allem wenn man bei ihr diese Bezüge zur Kunst mag. „Der Sommer ohne Männer“ war gut, aber irgendwie fehlte mir da etwas, das ich gar nicht genau benennen kann. Es fällt auf jeden Fall aus der Reihe irgendwie!

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