XLVIII. Sonntag mit Proust: Wiederauftauchende Erinnerung an die verstorbene Großmutter

„Und so, in einem wahnsinnigen Verlangen, mich in ihre Arme zu stürzen, erfuhr ich erst jetzt, in diesem Augenblick, mehr als ein Jahr nach ihrer Beerdigung – auf Grund jenes Anachronismus, durch den so oft der Kalender der Tatsachen mit dem Kalender der Gefühle nicht zusammenfällt -, daß sie gestorben war. Ich hatte seit jenem Augenblick oft von ihr gesprochen und auch an sie gedacht, aber hinter meinen Worten und Gedanken eines undankbaren, egoistischen, grausamen jungen Menschen hatte niemals etwas gestanden, was meiner Großmutter ähnlich sah, weil ich in meinem Leichtsinn, meiner Vergnügungssucht, meiner Gewöhnung an den Anblick ihrer Krankheit die Erinnerung an das, was sie gewesen war, nur in virtuellem Zustand noch weiterhin in mir trug. In welchem Augenblick wir sie auch betrachten, immer hat unsere seelische Ganzheit nur einen beinahe fiktiven Wert trotz der umfangreichen Bilanz ihrer Reichtümer, denn bald stehen die einen, bald die anderen nicht zu unserer Verfügung, und zwar die effektiven Schätze ebensowenig wie diejenigen der Einbildungskraft, und für mich zum Beispiel, ganz wie die des einstigen Namens Guermantes, die noch so viel schwerwiegenderen der wahren Erinnerung an meine Großmutter.“

Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Teil 4.1: Sodom und Gomorra. Dtsch. von Eva Rechel-Mertens, Frankfurt: Suhrkamp, 1982, S. 218 f.

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