Dave Eggers: „Der Circle“ (2014) – Dystopie oder mehr als real?

“Das 1984 fürs Internetzeitalter” – so urteilt die Zeit über Dave Eggers Silicon Valley-„Horror“-Roman. Für den Kiepenheuer & Witsch-Verlag ist das natürlich eine herausragende Steilvorlage für ein gutes Marketing. Und sie haben es geschafft – Dave Eggers Roman ist in dieser Woche (42/2014) immer noch unter den Top 5 der Spiegel- Bestseller. Leser, die sich für Literatur interessieren, sollten natürlich wissen, dass die Spiegel Bestseller-Liste rein nach Verkaufszahlen berechnet wird und keine von Kritikern, Feuilletonisten und anderen Literaturbeurteilern gemachte Empfehlungsliste darstellt. Von daher finde ich es sehr interessant, dass sich dieser Roman gut verkauft und die Masse der Bücherkäufer überzeugt. Mich konnte er nicht so ganz überzeugen und der Vergleich mit der großartigen Dystopie George Orwells erscheint mir äußerst vermessen.

Dave Eggers_The CircleMein Leseeindruck

Dave Eggers Roman bildet meiner Meinung nach unsere heutige Kommunikations- und Immer-online-Gesellschaft ab – ohne Originalität, ohne erzählerisches Wagnis, ohne differenzierte Betrachtungsweise, ohne tiefergehende Charakterentwicklung. Ich wurde ganz gut unterhalten von einem Roman, der eine Arbeitswelt beschreibt, in der ich mich persönlich gut wiederfinden kann. Ich denke, alle Leser, die im Bereich E-Commerce oder im Bereich Online-Marketing für ein Internetunternehmen arbeiten, werden ihre tägliche Arbeitswelt so oder ähnlich wiederfinden, und sich mit der Hauptfigur und ihren Einstieg in den Circle identifizieren können.

Doch stellt er literarisch gesehen nichts Neues dar. Was ihm vor allem meiner Meinung nach fehlt, ist der Mut des Autors, die Entwicklung, in die unsere Gesellschaft steuert, einmal wirklich zu dramatisieren, und Alternativen zu diskutieren und mittels der Figurencharakteristik in Frage zu stellen. Dies wird leider nur angerissen und bleibt schablonenhaft. Allzu bekannt kommt mir die Arbeitswelt vor, die Eggers da beschreibt – er geht zwar weiter, aber er geht nicht weit genug. Sprachlich spielt er nicht mit neuen Möglichkeiten der Kommunikation, um die es in seinem Buch geht. Hier hätte ich etwas Neues erwartet, das nicht kommt. Eggers gibt in Amerika Schreibunterricht – daher ist es schade, dass ihm hier seine Kreativität scheinbar abhandenkommt oder er seinem Leser keine literarische Innovation zutraut, sondern auf sage und schreibe über 558 Seiten auf althergebrachtes solides Erzählhandwerk zurückgreift.

„ Ich meine, dass selbstfahrende Autos getrackt werden können, trägt natürlich schon erheblich zur Lösung dieses Problems bei. Mehr und mehr Ehepartner wissen, wo der andere gewesen ist, da der Bordcomputer ja die Zielorte speichert. Aber meine Frage ist: Was wäre, wenn wir alle uns so verhielten, als ob wir beobachtet würden? Das hätte einen moralischen Lebenswandel zur Folge. Wer würde ncoh etwas Unethisches oder Unmoralisches oder Illegales tun, wenn er beobachtet würde?  Wenn sein illegaler Geldtransfer getrackt würde? Wenn sein Erpresseranruf zurückzuverfolgen wäre? Wenn sein Überfall auf die Tankstelle von einem Dutzend Kameras gefilmt und gleichzeitig seine Netzhaut identifiziert würde? Wenn seine außerehelichen Affären auf vielerlei Weise dokumentiert würden?“
„Ich weiß nicht. Ich könnte mir denken, dass so was stark zurückgehen würde.“
„Mae, wir wären endlich gezwungen, bessere Menschen zu sein. Und ich glaube, die Leute wären erleichtert. Es würde einen gewaltigen globalen Stoßseufzer der Erleichterung geben. Endlich, endlich können wir gut sein. In einer Welt, in der schlechte Entscheidungen keine Option mehr sind, haben wir keine andere Wahl, als gut zu sein. Können Sie sich das vorstellen?“

Die Handlung

Die junge Mae hat es geschafft. Sie arbeitet im beliebtesten, einflussreichsten Unternehmen der (westlichen) Welt – dem Circle. Er ist eine Art Apple-Google-Facebook-Twitter-Konzern in einem und vereinigt die Funktionen all dieser IT-Firmen und Online-Netzwerke mit dem Ziel, die ganze Welt zu vernetzen und totale Transparenz für alle jederzeit zu schaffen. Es geht im Circle nicht mehr nur um allgegenwärtige Information für jeden jederzeit, sondern ebenso die totale Kontrolle und Transparenz aller für alle. In dieser Beziehung lehnt sich Eggers an die Ideen Orwells und entwirft mit Orwell einen Horrorvision einer Gesellschaft, die von einem Unternehmen bestimmt wird. Doch was bei Orwell noch in weite Zukunft gerückt war, erscheint mir bei Eggers durch die Entwicklungen unserer heutigen derzeitigen Gesellschaft einfach schon zu sehr Realität. Die Protagonistin Mae sitzt an einem Arbeitsplatz mit mehreren Bildschirmen und nimmt Kundenfragen auf, die sie bewertet, neu sortiert und beantwortet. Je mehr Anfragen sie beantworten kann, desto höher steigt sie im internen Unternehmensranking auf und gewinnt das Ansehen ihrer Mitarbeiter und Vorgesetzten. Auf einem Bildschirm managt sie den Kundensupport, auf einem anderen kommuniziert sie im firmeneigenen sozialen Netzwerk mit Kollegen und den anderen Circle-Mitgliedern.  Ein dritter Bildschirm bestimmt ihre privaten Aktivitäten und Kommunikation. Sie wird bewertet von anderen, liked und bewertet selbst– sie unterwirft sich dieser Bewertungs- und Rankingsgesellschaft des Circles, in der es keine Trennung von Berufs- und Privatleben gibt. Nach und nach wird sie das wichtigste Mitglied des Circles und entfernt sich immer mehr von ihrem alten Leben, ihrer Familie, Kontakten zu Menschen ihres alten Lebens …

Man könnte sagen, in dieser Welt bist du nur so viel Wert wie dein Ranking, die Zahl deiner Likes durch Kollegen und Freunde und deine Follower. Zu Beginn noch ein wenig überfordert, findet sich Mae schnell ein und steigt bald zur Vorzeige-Circlerin auf, dem ersten wirklich gläsernen Menschen – dafür opfert sie ihre Familie und Freunde. Gewaltig stört mich an dieser Hauptfigur das Fehlen persönlicher Differenzierung, die Konfliktscheuheit gegenüber der Familie, und die Auseinandersetzung mit der Konsequenz moralischer Fragen. Erst gegen Ende wird deutlich, was sie alles aufgegeben hat und der Leser erkennt, wohin eine solche Welt führen kann. Doch es werden kaum Alternativen diskutiert – die Welt von Mae wird nicht durch die Figur selbst in Frage gestellt, der Leser muss erkennen, was alles schief läuft. Der Autor versucht nicht, Alternativen zu zeigen und den Gedanken weiterzudenken. Alle machen in dieser Welt mit, es gibt scheinbar nur sehr wenige, die sich dagegen auflehnen. Das erscheint mir auch innerhalb der Fiktion nicht logisch oder stimmig.

Doch worin unterscheidet sich diese Arbeitswelt von der jetzigen in Großkonzernen des Silicon-Valleys wie Amazon, Google, Facebook? Eggers scheint mir hier inspiriert von der Philosophie und Arbeitswelt jener Firmen, die er übernimmt und ein wenig zuspitzt. Jene Ideen, die Eggers verarbeitet, wie z. Bsp. der Pulstracker und Herzschlagmesser am Handgelenk oder die Kamera-Halskette, die Maes Followern und Viewern ermöglicht jeden ihrer Schritte mitzuerleben. All dies gibt es bereits oder es wird mehr und mehr entwickelt wie z. B. die Apple Watch, Google Glasses oder Webcams, die uns Bilder entlegener Orte präsentieren. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis diese Technik auch Einzug in unseren Alltag hat. Was sind dazu die Alternativen? Wie gehen wir damit um? Wollen wir alle gläsern sein? Welchen Handlungsspielraum haben wir? Dave Eggers führt dies vor, aber denkt es nicht weiter. Hier hätte meiner Meinung nach die Stärke eines solchen Romans gelegen. Neben einigen logischen Fehlern, wirkt die Hauptfigur eindimensional und un-menschlich. Zum Ende hin kam sie mir sehr unglaubwürdig vor und ich war nur noch genervt. Für eine Dystopie ist mir das zu wenig, zu nah am heute. Oder könnte man sagen unser jetziges Leben gleicht fast schon einer wahr gewordenen Dystopie? Es gibt immer noch Möglichkeiten sich dem Like-Wahn zu entziehen, man kann auch mal ohne Internet sein, oder nicht? Sind wir da schon alle zu tief drin, als das wir den Unterschied noch merken würden?

Der Autor

Dave Eggers © Michelle Quint
Dave Eggers © Michelle Quint

Dave Eggers wurde 1970 Boston/Massachusetts geboren und hat bereits zahlreiche Preise für sein Werk erhalten. Als Gründer und Herausgeber von McSweeney’s, einem unabhängigen Verlag mit Sitz in San Francisco, rief er 2002 ein gemeinnütziges Schreib- und Förderzentrum für Jugendliche ins Leben, das heute Ableger in mehreren amerikanischen Städten hat. Eggers lebt mit seiner Frau und seinen zwei Kindern in Nordkalifornien.

Dave Eggers: Der Circle, Kiepenheuer & Witsch 1. Auflage 2014, 558 Seiten.

 

>>> Weitere kritische Rezension bei Karo von deep read.

 

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5 Gedanken zu “Dave Eggers: „Der Circle“ (2014) – Dystopie oder mehr als real?

  1. Wie ich bei Karo schon schrieb, ein Buch das grundsätzlich interessant klingt, aber ich glaube ich werde es (erst mal) nicht lesen. Ich hatte auch das Gefühl der Vergleich mit „1984“ könne doch etwas vermessen sein 😉

    Wir lesen in unserem Bookclub nächsten Monat ein älteres Buch von Eggers „Zeitoun“ – darauf bin ich schon gespannt.

  2. Schön, dass du das mit dem Erfolg erwähnst. Der Roman ist in aller Munde und ich habe bereits so viel über ihn gelesen/gehört, dass ich ihn gar nicht mehr selbst zur Hand nehmen will. Das ist wohl die Kehrseite der Medaille bei solchen Verkaufsschlagern und ihrer Omnipräsenz. Was die Erzählweise angeht, behaupte ich, dass es Eggers Stil ist und er damit nicht das Rad neu erfinden will. Zumindest war der Vorgänger ähnlich verfasst.

    1. Wenn ich das Buch nicht vom Verlag zur Besprechung bekommen hätte, hätte ich es vielleicht nicht gelesen … Es war durchaus interessant, aber kein Buch, das ich unbedingt empfehlen würde. Es kommt ja immer wieder drauf an, was man erwartet. Aber da gibt es meiner Meinung nach schon genug ähnlich schreibende amerikanische Autoren. Das langweilt dann. Aber er hat Erfolg beim Mainstream, ist doch okay. Ich mag halt seinen Stil nicht. Er wird es überleben 😉

  3. Liebe Katja, das ist nun die erste Rezension von „Der Circle“, über die ich stolper, seitdem ich das Buch selbst gelesen habe. In deinen Eindrücken habe ich sehr viel wiedererkannt, was ich selbst so empfunden habe. Wobei du schon sehr hart mit ihm ins Gericht gehst 😉 Ich glaube, er wollte gar keine große Literatur schreiben, sondern wieder der Schnellste sein, der auf ein aktuelles Thema in einem Roman reagiert. Vielleicht hätte er sich mehr Zeit nehmen können und es wäre nicht so lieblos geraten … aber gekauft und diskutiert wirds ja trotzdem wie blöde. Das meine ich gar nicht ironisch, sondern es ist ja gut, wenn die Leute mal über ihr Verhalten als Internetnutzer nachdenken, sowohl über die privaten als auch politischen Konsequenzen. Herzlich, Karo

    1. Liebe Karo, ja vielleicht bin ich „hart“, aber ich habe meine Meinung begründet und letztlich ist es nur eine Meinung. Was Dave Eggers selbst wollte, weiß ich nicht. Natürlich kann man darüber diskutieren. Bei mir kommt jener Eindruck rüber, den ich beschrieben habe. Ich denke nicht, dass das Buch ausreicht, um Menschen zu bekehren, mehr über ihr Internetverhalten zu reflektieren … Aber gut. Mehr von Dave Eggers wirds erstmal nicht bei mir geben – da ist David Foster Wallace (mit dem Eggers manchmal verglichen wird) weitaus interessanter, eigenwilliger und origineller. Einen schönen Herbsttag wünscht Katja

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