@bout: „Das Geräusch des Werdens“ von Aléa Torik

Nachdem wir beide sehr begeistert von „Aléas Ich“ waren, haben wir gemeinsam den Debütroman der Autorin „Das Geräusch des Werdens“ gelesen.
In diesem Roman verdichtet sich ebenfalls die rumänische Lebenswelt rund um den Ort Marginime mit der Berliner Gegenwart. Anhand mehrerer Familien und Figuren entspinnt sich ein Netz aus Zusammenhängen, in denen es um Lebensentwürfe und Liebe, um Aufbruch und Stillstand, um Blindheit, Fotografie und Heimat geht.

Alea Torik_Das Geräusch des Werdens

Ich stehe gebannt am offenen Fenster und höre, wie eine Umgebung entsteht, wie Gegenstände wachsen und werden. In solchen Momenten wird der Raum, den ich oft nur als drückende Masse empfinde, die auf mir lastet, zu einer Umgebung und einem Gefüge, in das ich eingebettet bin. Ein Leben, zu dem ich gehöre und an dem ich teilnehme. An ihren Geräuschen kann ich erkennen, dass da draußen tatsächlich eine Welt existiert und nicht nur unendlicher Raum. Man müsste all das, was wird, was entsteht oder vergeht, alles, was eine Entwicklung nimmt, einen Verlauf oder eine Veränderung, man müsste alles dazu zwingen, dabei ein Geräusch zu machen. Denn nur am Geräusch des Werdens kann ich erkennen, das etwas ist.“

Laura: Es ist ja bereits bei uns beiden eine Weile her, dass wir „Das Geräusch des Werdens“ von Aléa Torik gelesen haben. Was ist dir noch besonders in Erinnerung geblieben?

Katja: Erstmal muss ich sagen, dass ich Aléa Toriks Art eine Geschichte zu erzählen, wunderbar finde und sehr beeindruckt von ihrem Sprachgefühl bin. Ich erinnere vor allem die Hauptfiguren Leonie und Marijan, mit denen die Geschichte beginnt – im Gedächtnis bleiben mir vor allem bestimmte Situationen, Gefühle und Bilder. Großartig wie eindrücklich die Autorin ihre Figurenwelten zum Leben erweckt.

Laura: Ja, das geht mir auch so. Es sind besonders einzelne Szenen und Bilder, die mir in Erinnerung geblieben sind, vor allem meine Lieblingsstelle, in der der blinde Marijan am Fenster seines Hinterhofs sitzt und dem Regen dabei zuhört, wie er Raum erzeugt. Oder die romantischen Szenen des Aufbruchs am Bahnhof zwischen den Figuren teilweise … es sind einzelne Fragmente, aus denen der Roman ja auch besteht.

Facettenreich ist ja auch die Wahl der Perspektiven beim Erzählen; es wird mehrfach die Ich-Perspektive gewählt, obwohl es andere Personen sind (Leonie als Jugendliche, Clara die Lehrerin etc.)!

Katja: Ja, es ist eine große Kunst, das als Autor alles im Auge zu behalten. Als Leser hatte ich zwar manchmal meine Probleme immer gleich zu wissen, welche Figur jetzt erzählt, aber nach einer Weile kommt man gut rein. Besonders schön finde ich auch die inhaltliche Brücke zwischen der engen Dorfgemeinschaft in Rumänien in der Vergangenheit und der Gegenwart in der Berliner Großstadt. Ich finde es eine großartige Roman-Idee einmal zu erzählen, wie sehr doch Menschenleben vor allem in einer kleinen Gemeinschaft miteinander verbunden sind. Das verknüpft der Roman so angenehm und nachvollziehbar. Großartig! Hattest du eigentlich auch das Gefühl, der Autor kann sich so gut in Menschen hineinversetzen, d.h. sie besitzt eine gewisse Empathie? Bei manchen Autoren hab ich immer das Gefühl, das wirkt jetzt so bemüht und konstruiert – bei Aléa finde ich die Figurenrede so gelungen und so authentisch – egal ob Mann oder Frau, ob jung oder alt etc. …

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Laura: Vor allem die Vielfalt der Figuren ist so gelungen: Eine junge Lehrerin, ein Paar, das sich in Berlin eine Existenz aufbaut und die Tochter Leonie bekommt, ein Blinder, der Fotografien vom Dazwischen ausstellt, die er mit einer geschenkten Kamera gemacht hat … Und bei jeder Figur hat man auf ganz natürliche Weise das Gefühl, sie sei authentisch. Wirklich beeindruckend! Und das auch, obwohl Aléa Torik selbst zwischen den Zeiten und Lebensaltern der Figuren wie bspw. bei Leonie, aus deren jugendlicher Sicht und aus deren erwachsener Sicht Ereignisse beschrieben werden. Das zu schaffen, das der Leser nicht den Faden verliert, ist wirklich große Schreibkunst.

Katja: Es klingt fast, als würden wir von der Autorin dafür bezahlt werden, sie zu loben =) Aber es ist einfach so und muss auch mal gesagt werden. Ich bin ja sonst auch sehr kritisch, aber hier einfach beeindruckt von diesem Ideenreichtum und diesem Gefühl für Sprachbilder. Im Großen und Ganzen geht es hier um nichts anderes als das Leben, um alltägliche Dinge, um das Miteinander von Menschen, von Verlassen- und Gefundenwerden und die Idee, das alles irgendwie zusammenhängt. Das ist nicht neu, aber so schön erzählt, das es nie langweilt und mich beim Lesen ganz ausfüllt. Die Autorin besitzt eine sprachliche Brillanz und die Gabe kleine Dinge und Beobachtungen so zu beschreiben, dass sie mir lebhaft vor Augen liegen. Hier ist kein Wort zuviel:

Lydija sieht, dass sie sich gegen Ende ihrer Ausbildung über die Scherben beugt, auch wenn da noch keine Scherben liegen, sie stellt sich an die Kommode, in diesem Moment geht eine Kundin vorüber, der Flakon fällt zu Boden und zerspringt in tausend Teile. Lydija sieht die einzelnen Stücke und Splitter in ihrer Anordnung auf dem Boden liegen und erkennt deren Bedeutsamkeit, sie sieht jede einzelne Scherbe, und sie sieht, dass gleich ihre Chefin um die Ecke kommt und zu ihr sagt: „Was glotzt du denn so, warum kehrst du das nicht weg?“ Dann kommt ihre Chefin um die Ecke und sagt: „Was glotzt du denn so, warum kehrst du das nicht weg?““

Laura: Im Vergleich zu „Aléas Ich“, das wir zuerst gelesen haben, ist dieses Buch nochmal einerseits ganz anders, andererseits gibt es Ähnlichkeiten. Es geht hier weniger um Identität und dieses Vexierspiel mit der im Roman auftauchenden Autorin wie in „Aléas Ich“. Dafür wird anschaulicher, wie das Leben im rumänischer Gemeinschaft auf dem Dorf im Kontrast mit dem in Berlin stattfindet. Gemeinsam ist beiden Romanen die ungeheure Vielschichtigkeit der Erzählungen, der Perspektiven, der (Rand-)figuren. Ich fand „Aléas Ich“ ein bißchen komplexer und daher noch spannender, aber beide Romane sind absolut lesenswert. Da wird das Lesen zur Bereicherung. Meinst du auch?

Katja: Absolut. Ich kann da keines unbedingt dem anderen vorziehen. „Aléas Ich“ ist von der Grundkonzeption einfach auch nochmal sehr spannend. Dazu erfahrt ihr aber einiges in meinem Austausch mit der Autorin und auch auf dem Blog von Aléa Torik.

Aléa Torik: „Das Geräusch des Werdens“, erschien 2012 beim Osburg Verlag.

Links:

Leseprobe und Homepage / Blog von Aléa Torik

Eine sehr passende und erhellende Anmerkung zu „Das Geräusch des Werdens“ auf dem Blog von Bersarin.

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7 Gedanken zu “@bout: „Das Geräusch des Werdens“ von Aléa Torik

  1. Ein wunderbar sinnliches und zugleich intellektuell anregendes Buch, das ich jedem ans Herz legen möchte. Eigentlich einer der Debütromane des Jahres 2012, die für einen Buchpreis hätten vorgeschlagen werden müssen. Aber der Literaturbetrieb ist derart ausgelegt, daß für solche Preise nur die renommierten Verlage in Betracht kommen. Inzest des Betriebs halt. Die immergleichen Kritiker besprechen die immergleichen Bücher aus den immergleichen Verlagen.

    Noch auszuloten wäre die Figur des blinden Photographen Marijan und es wäre zudem die Frage, ob nicht das verschwundene Mädchen ein weiteres geheimes Zentrum dieses Romans wäre.

    Die Autorin wird es vermutlich nicht machen, weil sie mit dem Projekt abgeschlossen hat, aber es wäre dies eine Geschichte, die noch viel weiter erzählt werden müßte. Ein Johnson-, ein Faulkner-Projekt, wo sich die Figuren fortschreiben. Es wäre nur konsequent, hier im Rahmen des Rumänisch-Berlinerischen die Detailarbeit zu leisten. Immerhin ging es ja in „Aléas Ich“ in diese Richtung. Aber nicht als Ausmalung und Zeichnung weiterer Landschaften, sondern die Autor(innen)schaft selber wurde auf eine ziemlich raffinierte Weise in Frage gestellt. Da haben leider die wenigsten begriffen. Und insofern freue ich mich sehr, daß Ihr einer der wenigen Literatur-Blogs seid, die diese Bücher besprechen.

    Ich könnte hier – wie Ihr beiden auch – kleine Lobeshymnen schreiben, man mag denken, ich sei ebenfalls bezahlt von der Autorin. Aber ich bin es nicht. Jeder Verleger, jede Verlegerin eines großen Verlages für Literatur, die diese Autorin nicht in ihr Programm aufnimmt, muß strunzdoof sein. Hätte ich einen Verlag würde ich die Vorschüsse in ihr nächste Projekt schieben und nicht eine Minute zögern.

    1. Lieber Bersarin,

      ob du‘s glaubst oder nicht, aber diesen Plan hatte ich auch schon während ich an Aleas Ich schrieb. Ich hatte ihn schon, als ich noch, literarisch gesprochen, ein kleines Kind war, und William Faulkner gelesen habe – „Licht im August“, „Als ich im Sterben lag“ und, einer der besten Romane, die ich je gelesen habe „Absalom, Absalom“ – als ich ein Kind war und für das Leben noch große Pläne schmiedete, wie man sie nur schmieden kann, wenn man keine Ahnung von Metallverarbeitung hat und nicht weiß wie anstrengend das Geschäft ist: da dachte ich mir, dass es doch ein cooler Plan wäre, wenn ich in meinen noch zu schreibenden Werk so einen Ort wie Yoknapatawpha County schaffen könnte. Dass ich das Jahre später mit Mărginime tatsächlich getan hatte, war eher Zufall. Auch wenn ich zu dieser Zeit schon ganz anders tickte, etwas erwachsener, habe ich das doch immerhin noch als meinen damaligen Plan wiedererkannt. Allein die gerade beendete Novelle, die keinen konkreten Raum und keine konkrete Zeit hat, wollte das nicht erlauben. Und so habe ich den Gedanken an dieses permanente Weiterschreiben einer Dorfgemeinschaft doch wieder aufgegeben. Aber da du nun diese Idee noch einmal ins Spiel bringst, habe ich in der Novelle eine kleine Änderung eingebaut – noch mal mit dem Hammer draufgehauen, das Schreiben ist letztlich nur ein verformen vorgefundener Materialien – und schon ist Mărginime wieder im Spiel. Und das im nächsten Roman einzubauen wird kein Problem, das wird ein Europaroman, da ist allemal Platz für einen so kleinen Ort. Also besten Dank, auch wenn du nicht gewusst hast, dass du offene Türen einrennst, für das Öffnen der selben.

      Aléa Torik

  2. Liebe Katja, liebe Laura,

    vielen Dank für die Komplimente. Mich freut euer Urteil, weil es Punkte betrifft, die beim Schreiben wichtig sind: die Authentizität der Figuren, die eben auch durch ihre Charaktertiefe entsteht, die Sprache, die nicht nur die Ereignisse beschreibt, sondern sie erschreibt und erschafft. Das Tableau der vielen Figuren war in dem Roman durchaus gewollt, wie auch der Umstand, dass mehr als eine Personen die Ichperspektive für sich reklamiert; ebenso die großen Zwischenräume und Leerstellen zwischen den Kapiteln: weil ich so das Gefühl für Blindheit erzeugen wollte. Was immer ich Marijan habe sagen lassen: es blieben, so mein Gefühl für die Sache, äußerliche Beschreibungen, die der Leser nicht am eigenen Leib erlebt. In diese Situation eines Blinden wollte ich ihn hineinversetzen, indem er sich jedes Mal zu Beginn eines Kapitels fragen muss, wo er sich befindet, wann, und was um ihn herum ist. So wie ein Blinder sich permanent seiner Umgebung versichern muss.

    Ich könnte nicht sagen, wie ich das mache. Ich kann sagen, dass ich dabei nie auf die Uhr schaue. Ich schreibe einfach so lange weiter, ich drehe es von links nach rechts und wieder zurück, bis sich ein charakcter, eine Geschichte herausbildet. Und dann habe ich wohl auch die Fähigkeit zur Empathie: ich kann einen Teil von mir nehmen – sagen wir den intensiven Wunsch, ein Kind zu haben – und daraus kann ich mir eine Figur als Vater vorstellen oder als Mutter. Ich gebe einen Teil von mir auf und einen anderen Teil verstärke ich und wenn ich mich lange genug in diesen Vorstellungen bewegt habe, dann verschmelze ich auch mit den Figuren. Ich weiß wie ein Blinder funktioniert. Nicht bei jedem Blinden, aber bei Marijan weiß ich es. Und ich weiß es auch bei Leonie. Und bei Aléa, einer Romanautorin, die nicht mehr exakt unterscheidet zwischen Wirklichkeit und Fiktion: weil es ja genauso auch bei mir läuft. Und darüber hinaus habe ich auch das Gefühl, dass ich, was ich tue, ganz gut kann. Ich schreibe wahrscheinlich die Romane, die ich selbst gerne lesen würde.

    Ich habe ebenfalls in Dave Eggers Roman hineingelesen, ihn dann aber wieder wegegelegt, aus denselben Gründen, die auch bei euch zu lesen sind. Die Sprache war mir zu flach, die Dialoge zu künstlich, da haben nicht die Figuren gesprochen, sondern der Autor hat die Figuren das lagen lassen, was er brauchte, um seinen Roman zu schreiben. Aus diesem Grund nehmen die Ereignisse wohl auch keine unvorhergesehene Wendung (ich kann mir ein Urteil nur erlauben für jenen Teil, den ich kenne); es hatte keine dramatische Gestaltung – es war so, wie man es erwarten konnte. Dramatik ergibt sich aber erst, wenn die Dinge sich anders entwickeln als erwartet – und es hat mich nicht berührt. Ich wollte es aus Recherchegründen lesen. Ich habe gerade eine Novelle abgeschlossen und arbeite an einem, sagen wir einmal ‚Zukunftsroman‘, wobei die Zukunft dabei nicht so wichtig ist: ich will lediglich einige gegenwärtige Dinge in die Zukunft verfolgen. Jedenfalls dachte ich, dass mich der Roman von Eggers interessieren könnte. Tat er aber nicht.

    Was die Resonanz des Artikels betrifft: das ist bei Bloggern nicht anders als beim gemeinen Lesevolk: es zählen vor allem die großen Namen. Der Eggers verkauft sich, auch wenn er nicht gut ist/ nicht gut sein sollte. Gut oder schlecht sind keine Kennzeichen für Literatur – jedenfalls habe ich oft das Gefühl und das kann einem das Schreiben auch wirklich verleiden -, sondern hipp oder nicht hipp. Und das ist so, weil ein Leser für ‚gut‘ oder ‚schlecht‘ ein eigenes Urteil bilden muss, das auf Auseinandersetzung beruht und nicht bloß auf Lesen und Weglegen. Aber für ‚hipp‘ oder ‚nicht hipp‘ braucht er das nicht, da reicht ein Blick in die Spiegelbestsellerliste oder irgendeine andere Liste und der Blick ins Buch. Der Eggers würde sich auch dann noch verkaufen, wenn alle schrieben, dass das Buch schlecht ist. Wenn er verrissen wird, dann wollen alle lesen, ob es wirklich so schlecht ist. Es geht dabei gar nicht mehr um Literatur. Weil der Einzelne die Begrifflichkeiten gar nicht mehr hat, um sich mehr als ein oberflächliches Geschmacksurteil zu bilden: Gefällt mir oder gefällt mir nicht. Wenn ich das jetzt hier als einen Kommentar auf eure Seite einstellen würde, was glaubst du wie vielen Leuten das gefiele? Das bringt mich auf eine gute Idee.

    Aléa Torik

    1. Liebe Aléa,
      herzlichen Dank für deinen ausführlichen Kommentar! So traurig es auch ist, dass wir einer der wenigen Blogs zu sein scheinen, die auf deine Bücher aufmerksam geworden sind, sie begeistert gelesen haben und nun darauf aufmerksam machen wollen; umso mehr freut es uns, dass sich ein Austausch mit dir ergibt. Den Grundsatz, die Bücher zu schreiben, die man selbst gern läse, sollten sich viel mehr Autoren zu Herzen nehmen. So oft hat man mittlerweile das Gefühl, Bücher würden nur geschrieben, weil das Thema gerade erfolgsversprechend ist. Und wenn dann der Autor noch wenig von seinem Handwerk versteht … nun ja.
      (Zu Dave Eggers „Circle“, den ich selbst nicht lesen werde, wird sicher Katja noch etwas anfügen).

      Viele Bereiche betreffend bin ich der Auffassung, dass man dann etwas richtig gut macht, wenn man es aus Leidenschaft tut. Bei deinen Büchern habe ich das Gefühl, sie seien aus Leidenschaft für das Schreiben, für das Entwickeln von Figuren und Charakteren, für das Gedankenspiel entstanden. In „Das Geräusch des Werdens“ spürte ich das deutlich bei den einzelnen Figuren, die trotz ihrer Anzahl so liebevoll und sorgfältig ausgearbeitet sind.
      Ich bin auf jeden Fall auf alles Weitere gespannt, was deiner schriftstellerischen Leidenschaft entspringt.

      Herzliche Grüße
      Laura

    2. Liebe Aléa,

      danke schön für deinen Kommentar und den interessanten Einblick in das Autorinnenbefinden und die Idee hinter dem Roman. Sehr spannend. Ich finde es besonders schön, dass du dich als Schöpferin deines Werks hier zu Wort meldest. Das wäre eine Premiere bei uns.
      Du schreibst, dass du einen Teil von dir aufgibst und einen anderen verstärkst, und dadurch sozusagen eine Weile durch die Figuren lebst und in deren Gefühlslage schlüpfst. Könnte man das auch mit der Fähigkeit eines Schauspielers vergleichen, der ja auch in neue Figuren schlüpft, um diese authentisch darzustellen? Wobei dieser den Text schon vorgegeben hat und der Autor jene Dialoge völlig neu erlebt und dann zu einer Geschichte verformt.
      Viele Autoren mögen es ja nicht, wenn der Leser in Äußerungen oder Handlungen der Figuren den Autor erkennt oder vermutet. Ich denke jedoch, man kann das nie so gänzlich trennen. Ich halte auch nichts vom Biographismus bei literarischen Interpretationen, aber es steckt doch immer, und wenn auch unbewusst, ein großer Teil vom Autoren, von der Autorin in einer Geschichte … Überhaupt ist das Schreiben doch ein wahnsinnig spannender Akt der Weltaneignung, und Weltneuschöpfung – man taucht als Schreibender ein in eine Welt, die es noch gar nicht gibt. Und für den Leser erweckt man jene, in die er dann eintauchen kann und sich wieder erkennen kann. Bei dir merkt man, dass da jemand schreibt, der diese Liebe zum Wort und zu seinen Figuren lebt. Das trägt mich als Leser durch das Buch. Und man merkt, dass hinter dem Werk ein Konzept steht, dass die Autorin/der Autor eine Botschaft hat, und sich genau überlegt, auf welche Art und Weise sie diese in die Welt hinausträgt. Nämlich nicht nur plump, um ein Buch hinzurotzen, dass sich wie geschnitten Brot verkauft …
      Ja, es ist schade, dass es für viele Leser nur noch um die Unterhaltung geht. Ich lese aus Kurzweil oder ich lese das, was die Welt gerade beschäftigt. Es darf nicht zu speziell, nicht zu neu, nicht zu absurd, anstrengend oder fordernd sein. Man ist als Leser aber auch überfordert von der Masse an Neuerscheinungen. Wieso schreiben manche Autoren, frage ich mich manchmal? Geht es da nur um ein Produkt, das mich am Leben erhält (ich lebe von meiner „Kunst“ … was mitnichten leicht ist heutzutage am Massenmarkt) oder geht es darum, dass ich erzählen muss, dass ich meiner Leidenschaft für Geschichten und Figuren, die Teil von mir sind, Ausdruck verleihen möchte und diese sprachlich so brillant niederschreibe, dass andere Leser damit spielen und arbeiten können, sie für sich entdecken und analysieren können? Manch Autor sollte wohl ein Buch weniger veröffentlichen, dafür so manche Geschichte überarbeiten oder an ihr feilen, bevor er sie an die Öffentlichkeit lässt … Da mögen wohl existentielle Gründe um den Widerstreit mit dem Kunstanspruch suchen.
      Es gibt ja viele Gründe, warum man liest und genauso viele Arten von Bücher gibt es … Es mag jeder Leser für sich entscheiden, warum er liest. Ich wünsche den Geschichten, die etwas Besonderes sind, ihre Leser und jedem Autor, dass er Leser findet, die seine Geschichten zu schätzen wissen.

      Zu Dave Eggers hab ich hier schon genug gesagt, das muss nicht weiter ausgebreitet werden. Mag jeder meine Buchnotiz dazu hier lesen 🙂

      Ich wünsche eine gute Nacht

      1. Liebe Katja, liebe Laura,

        ich denke, dass Autor und Schauspieler sich gleichermaßen in eine Figur hineindenken müssen. Diese Ähnlichkeit ist wohl auch der Grund, warum ich mit Luise eine Schauspielerin in Aléas Ich auftreten lasse. Allerdings findet der Schauspieler, wie du ja auch sagst, die Figur schon vor. Er muss also weniger leisten als der Schriftsteller. Mehr leisten muss er hingegen, wenn er diese Figur zum Leben erweckt: das, was üblicherweise die Aufgabe des Lesers ist, nämlich die Worte mit konkreten Vorstellungen ausfüllen, mit all dem, was über die Worte hinausgeht. Auf der Bühne sind das ein Teil des Handlung, also etwa wie einer sich bewegt -, Mimik und Gestik, in der Vorstellung des Lesers ist das auch alles, was über die Worte hinausgeht: was die Figur trägt wie sie tatsächlich aussieht etc. Einem guten Schauspieler bei der Arbeit zuzusehen, ist ja auch mitunter ein Genuss. Ich erinnere mich an eine Inszenierung von Christoph Marthaler an der Berliner Volksbühne, mit Martin Wuttke, das war einfach grandios.

        Ich stelle in meinen Figuren nicht mich da, sondern die Figuren. Es ist eine Binsenweisheit, dass, weil ja ich sie darstelle, sie etwas von mir haben müssen. Genauso gut könnte ich sagen, dass sie, weil sie auf diesem Planeten angesiedelt sind, etwas Menschliches haben müssen. Selbst wenn die Figur alles vom Autor hat, wenn sie so aussieht und denselben Charakter hat: was soll‘s? Von welchem Vorteil ist diese Erkenntnis, wenn nicht einzig dem, der Psychologisierung des Autors? Selbst ich als ein ausgesprochener Anhänger Freuds, kann mit der psychoanalytischen Literaturtheorie wenig anfangen. Der Autor ist, das ist meine Überzeugung, nur eine Durchgangsstation für den Text. Es geht beim Lesen nicht darum, in einem Text etwas über den herauszufinden, den ihn geschrieben hat. Wer immer das ist oder gewesen ist, ist – mir zumindest – in den allermeisten Fällen vollkommen gleichgültig. Ich schätze Texte. Oder auch nicht. Deren Urheber kenne ich nicht und werde sie wohl auch nie kennenlernen. Ob der Autor da nun in seinem Text ‚drin‘ ist oder nicht ‚drin‘ ist, ist mir einerlei. Deswegen gehe ich wohl auch sehr selten zu Lesungen. Außer zu meinen eigenen.

        Ich könnte nicht sagen, was der innerste Antrieb meines Schreibens ist, jedenfalls nicht in diesem Moment, vielleicht kann ich es eines Tages. Aber es hat sicher etwas damit zu tun, eine Welt zu entdecken, die man sich erst schaffen muss. Von daher ist das Schreiben vielleicht, ich kenne mich da überhaupt nicht aus, einem Computerspiel ähnlich. Und so wie ich nicht alles erfinden könnte, einen mir vollkommen unsympathischen Menschen könnte ich nicht beschreiben, kann auch ein Spieler nicht jeden Weg gehen, sondern nur die, die im Spiel angelegt sind.

  3. Ich ärgere mich heute noch, dass Alea Torik sich um die eigentliche (großartige) Geschichte herum drückte: ein nicht mehr ganz junger Schriftsteller in vielleicht nicht ganz so glücklichen Lebensumständen erfindet sich einen bezaubernden Avatar, der von Stipendium zu Stipendium eilt! Eben weil wir ja alle unsere Avatare vor uns her tragen, anderen gegenüber die große Show zu machen. Warum also keine dreihundert Seiten über jemanden, der es vor seinem Notebook auf die Spitze treibt?
    Aber statt nach solch höchst persönlichen Werken verlangt der Markt offenbar nach literarischen Salonlöwen, die wundervoll mit einem Dutzend Figuren jonglieren können. So wie es den meisten Menschen ja auch eher unangenehm ist, wenn jemand im Alltag „persönlich“ wird. Schade eigentlich.

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