Ein unvollendeter Roman: Herrndorfs: „BILDER deiner großen LIEBE“, posthum 2014

Als ich etwa vierzehn Jahre alt war, habe ich mir oft vorgestellt, zu leben wie Isa in Herrndorfs „Bilder deiner großen Liebe“. Das unbestimmte, herumstromernde, unabhängige Leben als Kind des Draußen – das war für mich ein Inbegriff für Freiheit. Und Rebellion. Bei mir kam es dann anders, was auch gut so ist, aber ich lese sehr gern davon.Bilder deiner großen Liebe

Der Leser begleitet Isa, wie sie spontan ohne Schuhe aus einem Garten mit vier hohen Ziegelsteinmauern (der Klapse) entflieht und durch die Gegend stromert. Die Natur ist ihr sehr nah, ständig sie umgebend und da. Die Sterne und ihr Tagebuch als Kompass zieht sie durch die Welt und macht sich ihre ganz und gar nicht unreifen Gedanken. Isa beobachtet die Menschen um sich her und es geht mir wie masuko13, die schreibt: „Ich mag Isa, sie ist so herrlich verrückt. Aber auf diese Art verrückt, dass ich mehr und mehr das Gefühl bekomme, sie ist die Normale und bestaunt eine Welt von Verrückten.“

Isas Geschichte ist die des Mädchens, dem Tschick und Maik in Herrndorfs Jugendroman „Tschick“ auf der Müllhalde begegnen. Wolfgang Herrndorf entschied kurz vor seinem Tod im August 2013, doch noch soviel wie möglich an Isas Geschichte zu arbeiten, die auch veröffentlicht werden sollte. Dem Nachwort der befreundeten Herausgeber Marcus Gärtner und Kathrin Passig ist zu entnehmen, dass Herrndorf es nicht schaffte, dem Manuskript seine endgültige Form zu geben. Dem veröffentlichten Text liegt ein 95-seitiges Manuskript im Entwurf und Notizen dazu zugrunde. Es wurden Ergänzungen und Anpassungen eingearbeitet, doch in seiner Grundform verblieb der Text unvollendet. Mich hat das beim Lesen nicht gestört. Sicher fallen dem peniblen Leser Unstimmigkeiten auf Isas Reise bspw. bei den Jahreszeiten auf. Doch kennt man den Hintergrund liest man darüber hinweg. Es ist was es ist: Die berührende Geschichte eines sympathischen Mädchens. Und wie die Herausgeber ganz richtig anmerken: Wolfgang Herrndorfs Stimme ist in dieser Geschichte zu finden, nicht nur in dieser Szene:

„Was macht es für einen Unterschied, vor siebzig Jahren gestorben zu sein oder vor siebzig Sekunden? Keinen. (…) Aber dass es keinen Unterschied gibt, kommt mir seltsam vor. Obwohl es so ist. Außer die Zeit macht einen Unterschied. (…)
„Was machst du da?“ fragt ein Mann, der wie aus dem Boden neben mir aufgetaucht ist. Er trägt eine grüne Trainingsjacke.
„Was machst du da?“ wiederholt er.
„Wozu sind die Steine?“ frage ich.
„Das sind eine jüdische Sitte.“ Er blickt auf das Grab. „Obwohl das kein Jude ist. Die Leute machen das jetzt überall so. Alles Idioten. Und wir müssen´s ausbaden.“ “

Für mich ist das eine Schlüsselszene. Sofort musste ich an das Autorenfoto von Herrndorf in grüner Trainingsjacke denken, wie es bspw. hinten in „Tschick“ abgedruckt ist. Und das Herrndorf ausgerechnet „wie aus dem Boden“ kommend auf dem Friedhof auf Isa trifft, ist eine kleine literarische Wiederauferstehung, die seinem Humor entspricht. Man merkt „Bilder deiner großen Liebe“ im Subtext die Auseinandersetzung mit seinem Sterben deutlich an.

Es ist ein Buch über Freiheit, über das Verrücktsein und das Anderssein, über Natur und das Erwachsenwerden. Dazu gehört natürlich auch das Verliebtsein, das man ein bißchen aus der Szene zwischen Isa und Maik herauslesen kann …

„Ich stehe über ihren Köpfen, höre ihren Atem und atme wie sie. Zuerst beuge ich mich zum Russen hinunter, dann hocke ich mich vor den Blonden. Meine Knie berühren fast seinen Kopf. So bleibe ich lange und sehe ihn an. Sein Gesicht ist nachtbleich und friedlich und säuglingshaft, fast wie ein Mädchen sieht er aus. Ich mache magische Bewegungen, ich halte meine Hände über seine Stirn, über die Schläfen, über die geschlossenen Augen mit den langen Wimpern. Ich spüre seine Körperwärme in meinen Handflächen. Er spürt es nicht. Lautlos geborgen und im Schutz meiner Hände und der schirmenden Nacht liegt er da.“

Man kann und sollte das Buch nicht nur dann lesen, wenn man die Bücher von Herrndorf liebt und seine allerletzte Veröffentlichung gelesen haben will. Isas Geschichte ist auch für all jene etwas, die das Anderssein kennen, den Freigeist schätzen oder suchen oder einfach gern eine Roadstorie aus jugendlicher Perspektive lesen wollen. „Bilder deiner großen Liebe“ besticht nicht nur durch Isas magische Sicht auf die Welt, sondern auch schon durch das Bild auf dem Deckblatt, das nicht nur irgendein Bild ist: Es handelt sich um ein von Wolfgang Herrndorf gemaltes Bild, welches lange über seinem Schreibtisch hing mit dem Schriftzug: „Macht einem manchmal Angst: Die Natur“.Herrndorf_natur

Wolfgang Herrndorf: „Bilder deiner großen Liebe“, 2014 posthum von Marcus Gärtner und Kathrin Passig herausgegeben, erschienen bei Rowohlt.


Copyright: Mathias Mainholz
Copyright: Mathias Mainholz

Wolfgang Herrndorf, 1965 in Hamburg geboren, hat Malerei studiert und unter anderem für die «Titanic» gezeichnet. 2002 erschien sein Debütroman «In Plüschgewittern», 2007 der Erzählband «Diesseits des Van-Allen-Gürtels» und 2010 der Roman «Tschick», der zum Überraschungserfolg des Jahres avancierte. Wolfgang Herrndorf wurde u.a. mit dem Deutschen Erzählerpreis (2008), dem Brentano-Preis (2011), dem Deutschen Jugendliteraturpreis (2011), dem Hans-Fallada-Preis und dem Leipziger Buchpreis (2012) ausgezeichnet. Wolfgang Herrndorf starb am 26. August 2013.

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6 Gedanken zu “Ein unvollendeter Roman: Herrndorfs: „BILDER deiner großen LIEBE“, posthum 2014

    1. Dann kommt es ja zu einer Wiederbegegnung mit Isa, wenn du „Tschick“ mal liest =) Dort erscheint sie einem ein bißchen anders, eben aus der Sicht von Maik und Tschick… Seitdem ich „Sand“ gelesen hab, bin ich ganz „infiziert“ von Herrndorfs Büchern. Vielleicht auch wegen der unterschwelligen Traurigkeit, die man meistens findet. Toller Autor!

  1. Ich freue mich drauf und habe es gar nicht soooo eilig es zu lesen. Das Werk ist zwangsläufig begrenzt und ich lese jetzt erst einmal demnächst die „Plüschgewitter“ und „Sand“ wartet auf noch auf mich. Aber ich werde es lesen. Aber ich kann und mag jetzt noch nicht. Denn dann bin ich am Ende angekommen 😦

    Sehr schöne Besprechung übrigens 🙂

    1. Deinen Ansatz kann ich gut verstehen. Ich werde auch traurig sein, wenn ich alles von ihm gelesen habe und mir dann nur das wieder-lesen bleibt. Sein Debüt „Plüschgewitter“ hab ich auch vor kurzem gelesen und fand es (als bisher einziges) nicht so besonders. „Sand“ ist viel eindrucksvoller, komplexer, abgedrehter, verzweifelter. Noch nicht gelesen hab ich „Diesseits des Van-Allen-Gürtels“.

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