Tomas Espedal: „Gehen oder die Kunst, ein wildes und poetisches Leben zu führen“, 2011

Ein Ich-Erzähler, der Trinker war und anstatt weiter zu trinken, anfängt, zu gehen. In «Gehen oder die Kunst, ein wildes und poetisches Leben zu führen», das 2006 auf Norwegisch erschien, sinniert ein Mann über das, was das Leben lebenswert macht. Und er ist dabei – meistens – in Bewegung.Espedal_Gehen

Es ist ein Buch über das Gehen. Über das Leben im Augenblick, über Achtsamkeit, über Einsamkeit, Lebensgenuss und -überdruss. Espedal schreibt nicht in einem Fluss. Vielmehr ist das Buch eine Anreicherung von Szenen, Wanderungen, Zwischenmenschlichkeiten und vor allem vielen Zitaten über das Gehen (von de Beauvoir, über Rousseau, Montaigne, Rimbaud, bis hin zu Woolf und Whitman) … Der Leser begleitet den Erzähler und es ist ein assoziatives, beschreibendes Erleben des Gehens, mehr als eine in sich geschlossene Geschichte mit klaren Strukturen, Figuren und Ereignissen.

Das Buch sperrt sich mir daher ein wenig gegen die Bezeichnung „Roman“, auch wenn es vom Verlag Matthes & Seitz in der deutschen Ausgabe als solche bezeichnet wird. „Gehen“ ist eine literarische Meditation, oder wie ein unbekannter Autor auf der Seite der Neuen Züricher Zeitung es ausgesprochen treffend zusammenfasst:

„Auch der Norweger Tomas Espedal, geboren 1961 in Bergen, ist ein solcher Extrem-Spaziergänger. Wohl gilt er als einer der wichtigsten Autoren seines Landes, doch noch ist sein Ruhm nicht hierher gedrungen. Das dürfte sich mit dem atemberaubenden Band «Gehen oder die Kunst, ein wildes und poetisches Leben zu führen» von 2006 ändern. Er ist ein Roman, der sich der präzisen Bestimmung entzieht – als Reflexion und Reportage, Essay und Meditation, Erzählung und Daseinsbrevier, Selbstgespräch und Poetologie. Wegbeschreibung mischt sich mit Landschaftsschilderung, literarischer Exkurs mit historischer Reminiszenz. Die Qual des Immer-weiter-Gehens wird ebenso zum Thema wie die Widrigkeit der Natur, die Suche nach Unterkunft und das Glück der flüchtigen Begegnung. Der Weg ist das Band, das diese heterogenen Momente zusammenhält, während die Fortbewegungsart die Dinge strukturiert und rhythmisiert. So erhält das Formlose eine vollendete Form.“

Quelle

Gerade deshalb, oder dennoch, ist „Gehen“ durchaus lesenswert. Das Buch hat einen eigenwilligen, aber liebenswerten Rhythmus. Und es beinhaltet eine Menge schöner Stellen, die ganz unterschiedlicher Natur sein können: Sei es die Suche nach sich selbst:

„Aber es ist unmöglich, die Wahrheit über sich selbst zu schreiben. Man schreibt und versteckt sich. Man kleidet sich in Sprache.“ (S. 42)

Sei es die Poesie der Beschreibung von Augenblicken:

„Am nächsten Morgen scheint die Sonne, das Licht bricht durch die Wolkendecke, fällt durch das Laub und die Äste des Baumes vor dem Fenster, durch das Fenster, zwischen den Vorhängen hindurch, auf den Fußboden und in einem staubzersplitterten Strahl zum Bett und zu meinem Kissen, wo es mein Gesicht trifft. Die Sonne sickert wie ein Anfang durch meine Lider.“ (S. 48 f.)

Oder sei es die tiefsitzende Kritik an der allseits um sich greifenden Art der Lebensführung:

Es hat den Anschein, als investierte man seinen neuen Reichtum darin, sich von seiner Umgebung zu entfernen. Man erhebt sich über die anderen, isoliert sich von der Natur, schließt alles Unbekannte und Fremde aus, man überwindet die Reise und kauft sich frei von Unannehmlichkeiten und Schwierigkeiten – von all dem, was einem neue und unvorhersehbare Erfahrungen einbringen könnte. Man scheint sein Geld in eine völlig neue Form der Dummheit zu investieren.“ (S. 98 f.)

Wir sind reicher geworden und bauen einfacher, wir sind geizig geworden, lebensgeizig, trotz unseres Reichtums leben wir ärmlich und erbärmlich, er hat uns auf neue Art, auf schlechtere Art arm gemacht. Wir sehen schlechter aus. Zu dick, zu träge, zu müde, unsere Muskeln sind zu schlecht, die Körper verfallen. Die Gesichter auch. Wir sind dicker und schwerfälliger geworden und sehen dümmer aus. (…) Wir sehen zu viel fern, lesen zu viele Zeitungen und lassen uns von zu viel Dummheit beeinflussen. Das ist es. Schau dich doch um! Wir verhöhnen die Schönheit. Wir zerstören die Natur, verwüsten die Landschaft. Wir quälen die Tiere und machen uns selbst alles kaputt.“ (S. 116 f.)

Espedal fragt danach, wie wir leben wollen und lässt seinen Ich-Erzähler einen unkonventionellen Weg einschlagen: den des Verzichts, der Reduktion, der Gelassenheit.

Gehen“ ist eine Einladung zum Nachdenken. Und zum Losgehen.

Tomas Espedal: „Gehen oder die Kunst, ein wildes und poetisches Leben zu führen“, im Original 2006 auf Norwegisch, 2011 in deutscher Übersetzung von Paul Berf, erschienen bei Matthes & Seitz.


von Matthes & Seitz
von Matthes & Seitz

Tomas Espedal, geboren 1961 in Bergen, gab sein literarisches Debut 1988 mit dem Roman ›En vill flukt av parfymer‹ (Eine wilde Flucht vor dem Parfüm). Seither veröffentlichte er zahlreiche in Norwegen preisgekrönte Romane und gilt neben seinem Freund Karl Ove Knausgård als einer der wichtigsten Schriftsteller Norwegens.

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16 Gedanken zu “Tomas Espedal: „Gehen oder die Kunst, ein wildes und poetisches Leben zu führen“, 2011

  1. Als passionierter Fußgänger und Bücherwanderer kann ich nur sagen: Vielen Dank für den Tipp – unterm Weihnachtsbaum wird es langsam eng…

    1. Ja, ich bin auch so jemand, der viel und gern zu Fuß geht. Freut mich, wenn ich eine Empfehlung geben konnte. Was ist denn genau ein Bücherwanderer?

  2. Also das Buch kommt auf meine „MußichhabenListe“ – klingt sehr sehr interessant! Im gehen verarbeiten sich Dinge besser, man bekommt einen klaren Kopf und auch lernen im gehen soll sehr hilfreich sein.

    1. Das kann ich bestätigen: Als ich innerhalb von sieben Wochen mein Latinum machen musste, bin ich zwischendurch immer mal gegangen und die Vokabeln + Grammatik sind zumindest soweit hängen geblieben, dass es geklappt hat 😉
      Ich gehe auch oft ins Grüne und dort umher, um den Kopf von der vielen „Kopfarbeit“ frei zu bekommen.

  3. Ich habe den Autor beim Verlagsfest von Matthes & Seitz lesen hören und war tief beeindruckt. Das Buch kommt, da ich selbst passionierte Spaziergängerin mit Hund bin, direkt auf meine Wunschliste. Danke für die neugierigmachende Besprechung!

  4. Ein Buch das mich nachhaltig beeindruckt hat. Unbedingt empfehlenswert. Es macht Lust zum weiterlesen und zum gehen. Bücherwandern ist ein tolles Wort. Walk & Talk – about books – mach ich richtig gerne 🙂

    1. Ja, ein Buch der anderen Art, das ein wenig aus dem Rahmen fällt und dadurch auf-fällt. Da bekommt man gleich Lust, zu bücherwandern – in welcher Bedeutung auch immer 😉

  5. Das Buch hört sich sehr interessant an, Laura und ich werde es mir auch zu Weihnachten wünsche. Das Zitat über die Wahrheit gefällt mir. Vor allem, da ich immer noch nicht weiß, was Wahrheit überhaupt ist und die Lösung eher im philosophischen verorten würde.
    Liebe Grüße von Susanne

    1. Scheinbar kam meine Besprechung vor Weihnachten ja genau richtig, obwohl man es vielleicht am besten im Frühjahr lesen kann. Die Sache mit der Wahrheit ist wohl definitiv am ehesten in der Philosophie zu verorten, dies Buch kann aber vielleicht ein paar Denkanstöße dazu geben. Es kann auch sein, dass es eben gar nicht DIE Wahrheit gibt, sondern irgendwie jeder seine eigene Wahrheit hat / finden muss / kann.
      Herzliche Grüße,
      Laura

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