Ausstellungsbesuch: „Queensize. Female Artists from the Olbricht Collection“

Ausstellungsansicht  © Katja
Ausstellungsansicht
© Foto: Katja

Die aktuelle Ausstellung im Me Collectorsroom in der Berliner Auguststraße versammelt Kunstwerke von rund 60 Künstlerinnen aus der Sammlung von Thomas Olbricht. Typischerweise finden sich die für dessen Sammlung signifikanten Themen: Leben, Vergänglichkeit, Sex und Tod. Zeitlich umfassen die gezeigten Werke gegenwärtige Positionen von den 1980er Jahren bis heute.

Bereits der Titel der Ausstellung gibt einen Hinweis auf den den Fotos, Gemälden, Skulpturen und Filmen gemeinsamen Themenkomplex: „Queensize“ als Bezeichnung für eines der größten Bettenformate verweist gleichermaßen auf Weiblichkeit („queen“) und das Bett symbolisiert „den existentiellen Ort menschlicher Erfahrung“ (Flyerheft zur Ausstellung). Doch es geht in den Arbeiten um mehr als um Leben und Tod oder Träume und Albträume.

Durch die Ausstellung zieht sich ein roter Faden: Zum einen sinnbildlich anhand der Arbeit von Kiki Smith, die eine „Bloodline“ – aus geblasenem Glas bestehende rote Blutkörperchen – durch die Räume zieht. Zum anderen zeigt sich eine Art kuratorischer Lebensfaden: Die eingangs zu sehenden Kunstwerke befassen sich eher mit Kindheit und Adoleszenz als Zwischenzustand zum Erwachsenendasein. Hier sind Arbeiten von Patricia Piccinini und Makiko Kudo hervorzuheben. Kudos Gemälde „We live in the Milky Way“ sieht ein wenig aus wie eine Illustration zu einem Roman von Haruki Murakami. Während dieses Bild eher etwas Magisch-Verträumtes hat, liegt Piccininis Skulptur „Balasana“ direkt vor den Füßen des eingetretenen Besuchers.

Patricia Piccinini: "Balasana", 2009 © Foto: Katja
Patricia Piccinini: „Balasana“, 2009
© Foto: Katja

Ein sehr naturalistisch wirkendes, bekleidetes Mädchen aus Silikon und Fiberglas liegt, den Oberkörper nach vorn über die Knie auf einem Teppich ausgestreckt, die Augen geschlossen. Auf ihrem nach oben gewandten Rücken liegt umgekehrt eine riesige weiße Ratte, welche aufgrund ihrer starr in die Luft ragenden Beine tot und ausgestopft aussieht. Das Mädchen jedoch scheint zu schlafen, besonders ihre nackten Füße und Hände sehen täuschend echt aus. Die skurrile Situation wirft Fragen auf: Wer hat hier wen überwältigt? Ist das Tier vielleicht eine Traumgestalt des Mädchens? Was hat zu dieser unbequemen Lage der beiden geführt? Piccinini stellt in ihren Arbeiten häufig Verbindungen zwischen Mensch und Tier, zwischen Hybridwesen und veränderten Spezies in unserem Informationszeitalter her. Man ist selbst der Herausforderung gegenüber gestellt, ob man dies niedlich oder eher beunruhigend finden soll. 

Ausstellungsansicht  © Foto: Katja
Ausstellungsansicht
© Foto: Katja

Dann steht der Besucher vor einer riesigen Wand mit Fotoprints verschiedenster Künstlerinnen. Die hier zu sehenden Arbeiten reflektieren Teile des weiblichen Erwachsenenlebens; von anzüglich erotischen Bildern (Marilyn Minter, Bettina Rheims) bis hin zu Selbstdarstellungen in auffallenden Interieurs (Daniela Rossell). Dazwischen sind auch an dieser Wand Darstellungen junger Mädchen zu sehen, wie das verstörend wirkende „Marina`s room“ von Tina Barney (1987).

Mit verwirrenden, aufwühlenden Kunstwerken muss man eigentlich immer rechnen, wenn man sich Arbeiten aus Olbrichts Sammlung ansieht. Sie sind selten etwas für zarte Gemüter auf der Suche nach dem schönen Sofabild. Vielmehr fordern die Kunstwerke heraus, stellen Fragen, setzen Assoziationsketten in Gang.

Ausstellungsansicht mit Gemälden von Dawn Mellor  © Foto: Katja
Ausstellungsansicht mit Gemälden von Dawn Mellor
© Foto: Katja

Die Gemälde von Dawn Mellor („Julia Roberts“ und „Mia Farrow“) relativieren den uns aus den Medien bekannten schönen Schein: Die Schauspielerinnen sind blutig, anatomisch grotesk verzerrt und sehen aus, als hätten sie gerade einen Horrorfilmdreh überlebt. Die verchromte Louis Vuitton-Tasche am Boden vor den Gemälden meint ebenso: Der äußere Schein, Reichtum, Statussymbole, all die Dinge, mit denen manche Frau sich so gern schmückt – sie bedeuten doch so wenig.

Die kontrastreiche Hängung in „Queensize“ setzt den Fokus auf ein kleineres Gemälde: „Paul Peyton“ (Dad) von Elizabeth Peyton hat eine ganze Wand für sich allein, während die 34 Fotoarbeiten sich eine Wand teilen. Was macht das Porträt des jungen Mannes mit den ziemlich roten Lippen so bedeutsam? Die Darstellung seiner femininen Seite? Seine Bedeutung als Vater (für die Künstlerin)?

Paloma Varga Weisz: "Galgenfeld", 2003/04 © Foto: Katja
Paloma Varga Weisz: „Galgenfeld“, 2003/04
© Foto: Katja

Hinter dieser Wand verbergen sich – auch dies wiederum typisch für Präsentationen der Olbricht-Sammlung – jene Kunstwerke, die sich der grausameren Seite des Lebens, Gewalt und Tod widmen. Kiki Smith´ „Bloodline“ scheint die Schritte zum „Galgenfeld“ von Paloma Varge Weisz zu lenken. Die drei weiblichen Figuren aus Lindenholz lassen an Folter, Qual, Hinrichtung, Gewalt gegenüber Frauen denken, und zugleich irritieren sie, da die hintere Figur beispielsweise sechs Arme hat.
Um Gewalt gegen Frauen geht es auch in der Animation mit Plastilinfiguren von Nathalie Djurberg: „The Experiment“ (Greed). Kirchliche Oberhäupter benutzen nackte Frauenfiguren solange und schieben sie immer wieder unter ihre langen Gewänder, bis diese förmlich auseinander fallen bzw. sich gegenseitig zerfleischen. Die Frau als Lustobjekt und -opfer, ihre Ausbeutung, die Unmenschlichkeit finden in diesem Animationsvideo eine groteske Formgebung.

Die Ausstellung „Queensize“ gibt den von Olbricht gesammelten Kunstwerken der Frauen eine große Spielfläche. Die Themenbandbreite ist hoch und heterogen, wodurch die Zusammenstellung manchmal willkürlich erscheinen mag. Sowohl der Text im Flyerheft als auch eine am Rande wahrgenommene Führung durch die Ausstellung bleiben inhaltlich an der Oberfläche, was schade ist, geben viele Kunstwerke doch mehr her als plakative Einordnungen. Wer sich Zeit nimmt, sich mit den Arbeiten der Künstlerinnen auseinander zu setzen, sich ihren Fragen zu stellen, der wird einige Entdeckungen machen können in den Räumen des Me Collectorsrooms, die ich immer wieder gerne aufsuche. Und wenn man nur der naheliegenden Frage nachgeht, ob es so etwas wie den spezifisch weiblichen Blick gibt.

Ich persönlich denke nicht, dass es einen solchen gibt, geschweige denn, das man ihn aus einer Zusammenstellung weiblicher Kunstwerke wie in „Queensize“ ableiten könnte. Dafür geht es zu viel um die existentiellen Themen rund um Leben, Sexualität und Tod, welche vielmehr auf den Interessensschwerpunkt des Sammlers verweisen, und die bei weitem keine spezifisch weiblichen Blickwinkel sind. Doch diesbezüglich kann natürlich jeder zu einer anderen Auffassung gelangen. Die Ausstellung zu besuchen lohnt sich so oder so.


Queensize. Female Artists from the Olbricht Collection“
Ausstellung im Berliner Me Collectorsroom
07.12.14 – 30.08.15
Kuratoren: Nicola Graef und Wolfgang Schoppmann

Auch sehenswert:

Link zur Homepage des Me Collectorsrooms

Ein Videorundgang mit Kuratorin Nicola Graef


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4 Gedanken zu “Ausstellungsbesuch: „Queensize. Female Artists from the Olbricht Collection“

  1. „Balasana“ find ich ja spontan ganzganz toll, danke fuers zeigen und beschreiben, das waer mir sonst hier im fernen Reykjavík entgangen. Zum kurz angesprochenen Thema „An der Oberflaeche bleiben.“ Ich denke diesen Eindruck hat ein jeder mal, der sich ein bisschen ausserhalb der Oberflaeche mit Kunst und auch Literatur auseinandersetzt. Bleibt die Frage, wie man Begleithefte und Fuehrungen fuer Informierte und jene, die nur selten Ausstellungen besuchen, gleichermassen anregend und wertvoll machen kann. Wenn naemlich zuviel Vorwissen voraussgesetzt wird geraet man rasch in dieses „Elfenbeinturm-Ding“ in dem nur bestimmte Personen mitreden können und ich fuerchte letztlich schneidet sich die Kunstwelt selbst die Luft ab, wenn man Laien, Menschen die evtl. ihr Wissen aus anderen Fachgebieten einbringen könnten und den Diskurs durch andere Perspektiven anreichern könnten, den Zutritt erschwert. Sehr interessante Frage auf jeden Fall. 🙂

    1. Das stimmt, darüber habe ich auch schon nachgedacht, als ich den Artikel schrieb… Es ist stets eine schwierige Gradwanderung, textlich, solche Begleithefte und Führungen für verschiedene Interessensgruppen zu verfassen. Wieviel Kenntnisse kann / sollte man voraussetzen? An wen richtet man sich primär… Das ist beim Blogtexten manchmal ähnlich.
      Bei dieser Ausstellung ist mir ziemlich aufgefallen, dass man in diesen begleitenden Texten so an der Oberfläche bleibt, aber das kann durchaus daran liegen, dass es mir manchmal schwerfällt, meinen eigenen Wissensdurst und meine Ansprüche auszublenden =)

      Jedenfalls freut mich, dass es „Balasana“ durch unsere Vermittlung bis nach Reykjavik geschafft hat =)

    1. Richtig, die Ausstellung läuft diesmal ziemlich lang. Das erleichtert es einem immer, sich Ausstellungen noch anzusehen, bevor sie schon wieder vorbei sind =) Liebe Grüße!

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