[Klassiker der Weltliteratur] Lew Tolstoi: „Anna Karenina“ (1878 / 2009)

DSC00158Es ist eigentlich selten, dass ich erst einen Film sehe und dann erst das Buch dazu lese. In diesem Fall hat das wunderbar funktioniert: Nachdem ich die aktuellste Verfilmung von „Anna Karenina“ von Joe Wright u.a. mit Jude Law und Keira Knightley gesehen hatte, wollte ich unbedingt auch den Roman lesen. Das hab ich in diesen Wintermonaten endlich geschafft (weshalb Proust ein bißchen liegen geblieben ist) und er gehört definitiv zu den Büchern, die mich nachhaltig beeindrucken (werden).

Die Grundgeschichte wird den meisten von euch inhaltlich bekannt sein: Die verheiratete Anna Karenina lebt mit ihrem Mann Alexej Alexandrowitsch Karenin und ihrem Sohn zusammen. Doch dann tritt der Graf Alexej Wronski in ihr Leben und sie erfährt erstmalig, was es heißt, zu lieben. Sie geht eine Affäre mit Graf Wronski ein, bekommt eine Tochter von ihm und kämpft um die Scheidung, in die ihr Ehemann Karenin jedoch nicht einwilligt. Tolstoi beschreibt detailliert die inneren und äußeren Kämpfe, die Anna in der russischen Gesellschaft des 19.Jahrhunderts durchmachen muss. Sobald sie in der Oper auftaucht, wird sie gemieden und spürt deutlich die ihr entgegenschlagende Verachtung. Innerlich quält sie sich zum einen wegen des Verlusts ihres Sohnes Serjoscha, den sie sehr liebt, der jedoch beim Vater bleiben muss. Besonders deutlich wird dies in der Szene, als sie sich an seinem Geburtstag ins Haus schleicht, nur um ihn zu sehen. Zum anderen findet sie auch im Leben an Wronskis Seite kein Glück… Sie gibt sich dem Opiumkonsum hin und verfällt (demzufolge) mehr und mehr Wahnvorstellungen, die sie eifersüchtig und misstrauisch Wronski gegenüber machen…

Es geht aber noch um wesentlich mehr und das macht den Roman des 19. Jahrhunderts in Russland so vielfältig und lesenswert. Da ist zum Beispiel der Erzählstrang um Lewin. Nachdem er vergeblich der jungen Kitty einen Heiratsantrag machte, die wiederum aussichtslos auf einen Antrag von Wronski wartet, lebt er auf dem Land. Dort gibt er sich der Arbeit und dem Nachdenken über die Arbeiter und deren Lebensbedingungen hin. Die Beschreibungen der Natur und der Jagdausflüge sind sehr anschaulich und bilden einen Kontrast zu dem pompösen Stadtleben in Moskau und St. Petersburg.

Lewin schritt zwischen den beiden. In der stärksten Hitze kam ihm das Mähen nicht so schwer vor, Der Schweiß, der an ihm herabströmte, spendete Kühle, und die Sonne, die auf Rücken, Kopf und die bis zum Ellbogen freigekrempelten Arme brannte, verlieh der Arbeit Festigkeit und Beharrlichkeit; immer öfter kamen die Minuten des bewussstseinslosen Zustands, da man nicht zu denken brauchte, was man machte. Die Sense schnitt von allein. Das waren die glücklichen Minuten. Noch freudvoller waren die Minuten, wenn sie zum Fluss kamen, an den die Reihen stießen, der Alte im dichten nassen Gras die Sense abwischte, ihr Blatt im frischen Flusswasser spülte, mit dem Wetzkumpf Wasser schöpfte und Lewin anbot.“ (S.383)

Ich habe diesen Erzählstrang um Lewin sehr gemocht. Lewin braucht seine Zeit um damit zurecht zu kommen, dass Kitty ihn abwies. Er findet jedoch seine Aufgabe in der Arbeit und erlebt sogar gemeinsam mit seinen Arbeitern bei der Heuernte das geistige Aufgehen in der Natur und dem Augenblick (danach suchen heute viele in Meditation und Zen-Buddhismus =)). Später wendet sich für ihn alles zum Guten, er überwindet seinen verletzten Stolz und findet doch noch mit Kitty in die Ehe und gründet mit ihr eine Familie.
Seine Geschichte bildet gewissermaßen das positive Gegenbeispiel zu Anna Kareninas Leben und Leiden. Er findet in der Liebe zu Kitty und dem funktionierenden Eheleben seine Erfüllung, während Anna stets unglücklich bleibt, bis auf wenige Ausnahmen. Sie zerbricht letztlich an ihrer Sehnsucht und kann ihr Glück nicht annehmen. Tolstoi schildert sie aus Sicht der anderen gesellschaftlichen Randfiguren als „bemitleidenswerte Frau“.
Den Rahmen ihres Schicksals bildet die Szene am Moskauer Bahnhof, als in dem Moment in dem sie Graf Wronski kennenlernt, ein Mann unter den großen schweren Zug gerät und stirbt. An diesen Augenblick erinnert sie sich später, zutiefst unglücklich, und entscheidet sich für einen Freitod auf diese Weise.

>… und ich bestrafe ihn und befreie mich von allen und von mir selbst.<“ (S. 1152)

Die Gedankengänge der einzelnen Personen, vor allem die Annas, sind von Tolstoi aufs Feinste ausgearbeitet, sodass man stets weiß, was in ihr vorgeht. Das kommt im Film nur durch die Mimik und die Bilder zum Ausdruck, was aber dem Roman sehr nahe kommt. Die Beschreibung der Gedankengänge lassen die Figuren dem Leser sehr nah sein und ihr Handeln wird dadurch nachvollziehbar. Viele der Gedanken kann man auch allgemeingültig auf sich selbst beziehen.

Der Tod, das unvermeidliche Ende von allem, stand erstmals mit unwiderstehlicher Macht vor ihm. Und dieser Tod, hier neben ihm in dem geliebten Bruder, der im Halbschlaf stöhnte und seiner Gewohnheit nach, bald Gott, bald den Teufel anrief, ganz gleich wen, war gar nicht so fern, wie ihm das früher vorgekommen war. Er war auch in ihm, das fühlte er. Nicht heute, so morgen, nicht morgen, so in dreißig Jahren – blieb sich das nicht gleich? Aber was das war, dieser unvermeidliche Tod, wusste er nicht, nicht einmal nachgedacht hatte er je darüber, vielmehr verstand er nicht daran zu denken und wagte es nicht. >Ich arbeite, ich möchte etwas schaffen, dabei habe ich vergessen, dass alles ein Ende hat, dass es den Tod gibt.<“ (S. 529)

Am stärksten ist der Roman für mich in den Passagen, in denen es um die existentiellen Momente des Lebens, Liebens und des Sterbens geht. Tolstoi beschreibt ausgesprochen detailliert und einfühlsam von den Erfahrungen mit dem Sterben, als Lewin am Sterbebett seines Bruders auf das Eintreten des Todes wartet und ebenso phantastisch ist die sich über Stunden hin ziehende Geburt des Sohnes von Lewin geschildert, inklusive all der Gedanken und Emotionen, die Lewin in diesen Momenten überwältigen. Nicht zuletzt Annas Gefühle der Verliebtheit und dem Wissen darum, dass es „verbotene Liebe“ ist, sind sehr authentisch in Worte gefasst.

Die russischen Gesellschaftsbedingungen schwingen im Subtext mit, sodass man sich ein eindrucksvolles Bild des 19. Jahrhunderts in Russland machen kann. Die Übersetzerin Rosemarie Tietze bezeichnet dies im Nachwort als „Enzyklopädie des russischen Lebens“. Es geht nur an wenigen Stellen direkt um die damaligen politischen Verhältnisse. Dies ist besonders im letzten, achten Teil des Romans der Fall, der Tietze zufolge von Tolstoi später angefügt werden musste, um auf die aktuellen Geschehnisse (Russland hatte 1877 der Türkei den Krieg erklärt) einzugehen. Durch Anmerkungen in den Dialogen, die sich auf rentables wirtschaftliches Arbeiten beziehen oder auch auf damalige kulturelle Einflüsse, bekommt der Leser einen umfassenden Eindruck.

Natürlich geht es vordergründig um Liebe und Eheleben, Vertrauen(sbruch) und Familie. Aber ebenso erzählt Tolstoi von Geburt und Tod, vom Leben auf dem Land versus dem in der Stadt, von der russischen Gesellschaft gegen Ende des 19. Jahrhunderts, von Ehrsucht (heute würden wir wohl von Geltungssucht oder Ehrgeiz sprechen), von der Suche nach Glaube und Sinn im Leben und auch von tiefer Verzweiflung infolge von Einbildungen und Wahnvorstellungen…

Lew Tolstoi hat einen umfangreichen, eindrucksvollen Roman geschrieben, der nicht nur ein breites Themenrepertoire bietet, sondern auch an Einfühlsamkeit gegenüber seinen Figuren nichts zu wünschen übrig lässt. Es gelingt ihm, ein nachhaltiges Gemälde der russischen Gesellschaft zu malen und gleichzeitig Figuren zu erschaffen, die die Weltliteratur geprägt haben und dem Leser lange nahe bleiben.

Lew Tolstoi: „Anna Karenina“, erstmalig 1877/78 erschienen, 2009 neu übersetzt ins Deutsche und kommentiert von Rosemarie Tietze.


Und wer (auch) den Film sehen möchte:

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9 Gedanken zu “[Klassiker der Weltliteratur] Lew Tolstoi: „Anna Karenina“ (1878 / 2009)

  1. Ich kenne sowohl Buch und Film und habe deiner Rezension nichts hinzuzufügen. 🙂 Toll dass du dich nicht nur auf den Film verlässt, sondern auch das Original liest. 🙂
    Liebe Grüße,
    Alice

    1. Ja, beides lohnt sich gleichermaßen. Man sollte das viel öfter machen: Buch und Film lesen / ansehen um dann auch Vergleiche anstellen zu können… Ist eben immer eine Zeitfrage 😉 Liebe Grüße, laura

  2. Ich kann mich noch gut an den Film erinnern. Es gibt ja zahlreiche internationale Verfilmungen von „Anna Karenina“. Mir hat diese Version echt gut gefallen. Den Roman hab ich ja bisher auch noch nicht gelesen. Ich mach in Sachen russische Weltliteratur erstmal weiter mit Dostojewskis „Schuld und Sühne“. Wenn ich dann mal dazu komme, bin ich gespannt, inwiefern sich Dostojewski Erzählstil von Tolstois unterscheidet. Vielleicht komme ich dann nächsten Winter dazu =)
    Weißt du, was mir auffällt? Die Opiumsucht von Anna Karenina wurde im Film gar nicht thematisiert, oder? Ich kann mich nicht daran erinnern. Das ist immer so die Sache mit Romanverfilmungen. Die Drehbuchautoren nehmen sich jene Aspekte einer Geschichte und Figur heraus, die sie interessieren. Vieles wird dann weggelassen und es fehlt die Tiefe und Vielschichtigkeit. Daher sollte man immer nochmal den Roman lesen, um einer Figur wirklich näher zu kommen.

    1. Ich kenne nur diese Filmversion von 2012, die älteren nicht. Aber die von Joe Wright ist wirklich toll umgesetzt, in sehr ästhetischen und eindrucksvollen Bildern… Toll fand ich auch die Bezüge zur Kunst aus der Zeit; in einer Szene stand sie da wie eine Frau in Monets Gemälde von einer Dame mit Schirm auf sommerlicher Wiese…. Aber klar, dass da im Vergleich zum Roman, der ja mehr als 1200 Seiten hat, nicht alles mit reingenommen wird…
      Der Opiumkonsum wird auch im Buch nur angedeutet und dass sie im Zuge dessen diese krassen Einbildungen / Wahnvorstellungen hat, ist meine Interpretation davon. Ich erinnere mich nicht mehr, ob es im Film gar kein Thema war… ich glaube, es wurde mal in einer Szene gezeigt oder so.
      Tatsächlich kommen im Film aber einige Handlungsstränge kaum oder gar nicht vor. Waren Graf Wronski und Anna im Film zB eine Zeit lang in Italien, wo Anna gemalt wurde? Oder wurde da so detailliert auf den Tod von Lewins Bruder oder die Geburt seines Sohnes mit Kitty eingegangen? Daran erinnere ich mich nämlich gar nicht. Vielleicht muss ich mir den Film nochmal angucken *lach*
      Das Buch ist auf jeden Fall sehr lesenswert. Ich war regelrecht positiv überrascht auch von der Zugänglichkeit der Sprache. Ich hatte immer die Vorstellung, Klassiker seien so sperrig geschrieben. Aber das mag natürlich auch an der Übersetzerin liegen! Ja, und Dostojewski will ich im Umkehrschluss auch mal wieder lesen. Ist ewig her, dass ich „Schuld und Sühne“ las…

    2. Ich kann dir nur empfehlen Tolstoi zu lesen. Dostojewski hat mir im Vergleich garnicht gefallen. Tolstois Art zu schreiben ist einfach herausragend und die Art und Weise in der er die Figuren beschreibt und weiterentwickelt ist einfach fantastisch.

      Liebe Grüße
      Tobi

  3. Genau diese Ausgabe von Anna Karenina habe ich auch gelesen (und in meinem Blog rezensiert: http://www.lesestunden.de/2014/12/anna-karenina-lew-tolstoi/). Das Buch ist einfach super, genauso wie Tolstoi, der einfach sehr gut schreibt. Diese Rezension trifft das Buch sehr gut!

    Es ist sicherlich sinnvoll den Film zuerst zu schauen. Nachdem ich das Buch gelesen habe, bin ich auch auf diesen Film gestoßen, konnte ihn mir aber einfach nicht anschauen. So wie Anna in dem Buch beschrieben wird, ist sie einfach schon optisch das komplette Gegenteil von der abgemagerten Keira Knightley. Und ich weiß auch nicht wie man diese vielen Gedankengänge und Ideen, die z.B. alleine in Lewins Kopf herumschwirren in einen Film verpacken will.

    Liebe Grüße
    Tobi

    1. Hey Tobi, vielen Dank für deinen Kommentar. Ich hab mir deine Besprechung auch grad mal durchgelesen und kann das Lob nur zurückgeben (siehe meinen Kommentar bei dir =)).

      Was den Film betrifft hast du insofern Recht, dass die Besetzung mit Keira Knightley fragwürdig ist. Ich habe mich umgekehrt dann beim Lesen immer gewundert, wenn von Annas fülliger Gestalt, die dennoch anziehend ist, die Rede war… dazu passt dann die Statur der Knightley gar nicht! *lach* Ja, und dass dann die Gedankengänge im Film sehr untergehen, vor allem Lewin betreffend, das schrieb ich oben im Kommentar auch. Aber irgendwo muss der Film wohl Abstriche machen um komplette Überlängen zu vermeiden.
      Wenn ich mich entscheiden müsste, und nur entweder das Buch lesen oder den Film gucken könnte, würde ich mich definitiv für das Buch entscheiden! So bin ich einfach froh, dass mich der ästhetisch sehr ansprechende Film dazu inspiriert hat, den Roman doch auch zu lesen.
      Dieser stand übrigens auch bei mir eine ganze Weile in der „Bücherqueue“ =)

      LG Laura

  4. ich muss gestehen, dass ich immer Hemmungen habe, bei so berühmten Büchern den Film zuerst anzuschauen. Was dann leider dazu geführt hat, dass ich mir Anna Karenina (wie auch manch andere Klassiker, Doktor Schiwago z.B.) bisher weder als Buch noch als Film zu Gemüte führen konnte. Denn während man den Film an einem Abend anschaun kann, muss man fürs Buch ja mehrere Wochen einplanen… tja…

    1. Woher kommen denn die Hemmungen, eine Verfilmung anzuschauen? Aus Sorge, man ist danach enttäuscht und liest das Buch nicht mehr oder weil du dir schon Bilder in den Kopf setzt, die nicht zum Buchinhalt passen (wie zB hier die Besetzung der Anna mit K.K.)?
      Ich kann dir nur ans Herz legen, trotzdem zumindest das Buch zu lesen, auch wenn es ein bißchen Zeit in Anspruch nimmt! Ich war bei Tolstoi eher positiv überrascht, dass es sich so gut wegliest, das kenn ich so von Klassikern gar nicht =)

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