[Rezension] David Foster Wallace: „Der bleiche König“ und D.T. Max: „Jede Liebesgeschichte ist eine Geistergeschichte. David Foster Wallace – Ein Leben“

DSC01806Am Ende bleibt nur ein Haufen Manuskriptseiten in einer Garage. Als sich der amerikanische Schriftsteller David Foster Wallace im September 2008 das Leben nimmt, hinterlässt er den unvollendeten Roman „Der bleiche König“. Ich bin sicher, er wäre großartig geworden.

Aber je fragmentarischer eine Erinnerung ist, desto authentischer fühlt sie sich komischerweise an. Ich frage mich, ob irgendein Mensch das Gefühl hat, er wäre noch derselbe wie der, an den er sich erinnert. Wahrscheinlich bekäme er einen Nervenzusammenbruch. Wahrscheinlich ergäbe es überhaupt keinen Sinn.“

Der Herausgeber Michael Pietsch hat sich der Aufgabe gewidmet, sich durch seitenweise Manuskriptseiten und unzählige Notizen des perfektionistischen Autoren zu arbeiten, um sie in Form eines unfertigen Romans zu veröffentlichen.

Es geht um den vielleicht langweiligsten Job überhaupt: im amerikanischen Finanzamt IRS. Vermutlich kann nur Foster Wallace die Angestellten dort, ihre Einstellung, ihre Feierabende, ihre skurrilen Kinder, ihren Alltag … so beschreiben, dass man es gerne und interessiert liest und sogar wissen will, wie es weitergeht. Die mit durchnummerierten Paragraphen überschriebenen Kapitel sind fragmentartig zusammen gestellt. Sie geben Einblicke in das Leben und vor allem Arbeiten der verschiedenen Personen, die im IRS angestellt sind. Dabei gibt es weder „einen“ Protagonisten, was in „Unendlicher Spaß“ ähnlich ist, noch eine runde Handlung oder klare Struktur. Letzteres ist sicherlich dem geschuldet, dass der Roman unvollendet blieb.

Dennoch kristallisieren sich deutlich gewisse Besonderheiten heraus. So wendet sich in § 9 der Autor in einem Vorwort an den Leser:

Autor hier. Also der reale Autor, der echte Mensch, der den Bleistift führt, keine abstrakte narrative Instanz. Zugegeben, manchmal taucht in Der bleiche König eine solche Instanz auf, aber dabei handelt es sich fast immer um ein konventionelles Pro-forma-Konstrukt, eine juristische Person, die nur aus kommerziellen Gründen existiert, ungefähr so wie ein Unternehmen; sie hat keine direkte, nachweisbare Verbindung zu mir als natürlicher Person.“

David Foster Wallace spielt mit seiner Identität, die Grenzen zwischen Fiktionalität und Realität verschwimmen. Die Figur David Wallace schreibt, sie sei der Autor und Der bleiche König sei eine Autobiografie. Mehrfach wendet sich die Figur als Autor direkt an den Leser und es gibt viele Parallelen zum realen Autor wie eine extreme Akne und die Tatsache, dass beide Autoren sind.
Darüber hinaus – ich denke, DFW liebt Übertreibungen – gibt es einen Doppelgänger, ebenfalls David Wallace heißend, mit dem die Figur, die sich als Autor bezeichnet, bei ihrer Einstellung im IRS verwechselt wird; mit schwerwiegenden Folgen. Und diese bestehen nicht nur daran, dass die Empfangsdame dem Autor Wallace kurzerhand – in der Annahme, er sei der wesentlich ranghöhere David Wallace – einen bläst.

Eigentlich interessant ist für mich zumindest im Rückblick die Frage, warum sich Stumpfsinn als eine so unüberwindliche Hürde für die Aufmerksamkeit erweist. Warum schrecken wir vor dem Stumpfsinn zurück? Vielleicht liegt es daran, dass Stumpfes an und für sich schmerzhaft ist; vielleicht ist hier auch der wahre Kern von Wendungen wie „todlangweilig“ oder „unerträglich öde“ zu finden. Es könnte aber mehr dahinterstecken. Vielleicht assoziieren wir Stumpfsinn mit psychischem Schmerz, weil Stumpfes oder Schleierhaftes nicht genug Anreiz bietet, um uns von einem anderen, tieferen Schmerz abzulenken, der uns immer begleitet, und sei es nur auf unterschwellige Weise, auf dessen geflissentliches Nichtzurkenntnisnehmen die meisten von uns praktisch all ihre Zeit und Energie verwenden oder das wir zumindest nicht allzu genau wahrnehmen wollen. (…) Die Angst vor der Stille, von der uns nichts ablenkt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass noch irgendjemand ernsthaft glaubt, in unserer „Informationsgesellschaft“ ginge es um Informationen. Alle Welt weiß doch, dass es im Grunde um etwas anderes geht.“

DFW hat sich gewissermaßen zur Aufgabe gemacht, die Langeweile zur „Haupthandlung“ zu machen. Dabei geht es um viel mehr: Um Aufmerksamkeit, um meditative Versenkung (in eine stupide Arbeit) und um höchste Konzentration. Tatsächlich nimmt diese höchste Konzentration bei DFW sogar Formen des Magischen Realismus an: So gibt es im IRS mehrere Geister (echte und eingebildete), die teilweise den Mitarbeitern erscheinen, wenn sie vor Müdigkeit und / oder Konzentration in einen Zwischenbereich von Schlafen und Wachen geraten. Oder der Mitarbeiter Shane Drinion, der in einem seitenlangen Gespräch mit seiner äußerst schönen Kollegin Meredith Rand (§ 46) plötzlich zu schweben beginnt, weil er ihr so konzentriert zuhört.DSC01808

Diese Begebenheiten und die skurrilen Charaktere sind es, die den Roman über den langweiligsten Job der Welt so lesenswert machen. Nur DFW kann sich Figuren ersinnen, wie Steczyk, der so altruistisch, zuvorkommen und lieb ist, dass er allen suspekt ist und ihn keiner mehr mag. Oder den Typen, der schwitzt wie verrückt und vor Angst zu sehr zu schwitzen, nur noch mehr schwitzt. Oder Sylvanshine, der sich unendlich viel „unnützes Wissen“ aneignet.

Das Motiv der Einsamkeit ist in „Der bleiche König“ ebenso dominierend wie in „Unendlicher Spaß“. Auch die Problematik der Schönheit, die in US thematisiert wurde, wird insbesondere von Meredith Rand durchgesprochen. Beides hängt eindeutig zusammen; glaubt man der Figur Meredith, gibt es niemand Einsameren, als schöne Menschen.
Neben den Gemeinsamkeiten zu seinem Roman „Unendlicher Spaß“ kann man den „Bleichen König“ gewissermaßen auch als Gegenroman lesen, in dem es um Langeweile statt um Spaß geht. Meiner Ansicht nach liest sich „Der bleiche König“ leichter als „Unendlicher Spaß“, jedoch weiß ich natürlich nicht, wie komplex der Roman eventuell in seiner Vollendung geworden wäre.
Anhand der sich stets wiederholenden Redewendungen wie „Daumenschrauben anlegen“ oder „Titten kneifen“ merkt man, wie unausgereift der Roman geblieben ist.

Dennoch: „Der bleiche König“ ist ein Roman mit allem, was ich an DFWs Büchern liebe und schätze: Skurrile Begebenheiten und Persönlichkeiten, Metaebenen durch das Spiel mit Identität, eine herrliche Prise Humor, die unvermeidlichen Fußnoten, und Beschreibungen von Einsamkeit und Langeweile, die in meinem Leseleben ihresgleichen suchen.DSC01807

David Foster Wallace scheiterte an seinem Romanvorhaben und setzte seinem Leben ein Ende, bevor er „Der bleiche König“ beendet hatte. In der sehr empfehlenswerten Biografie über ihn von D.T. Max („Jede Liebesgeschichte ist eine Geistergeschichte“) bekommt man eine Vorstellung davon, was ihn verzweifeln ließ. Er besuchte Buchhaltungskurse und meditierte, um den Roman schreiben zu können. „Mit dem Bleichen König verfolgte er große Ziele. Er musste den Menschen zeigen, wie sie sich von der schädlichen Ruhelosigkeit des amerikanischen Lebens abkapseln konnten. Er sollte emotionale Beteiligung zeigen und moralisch auf sicheren Füßen stehen und Langeweile literarisch umsetzen, ohne zu unterhaltsam zu werden.“ (S. 404) Doch: „Seine Unfähigkeit, den Roman zu schreiben, hatte mittlerweile selbst eine Metaebene erreicht – er erkannte, dass er nicht schreiben konnte, weil es ihm selbst nicht gelang, den Lärm des modernen Lebens auszublenden.“ (S. 405) Und zuletzt, Ende 2007: „Er schrieb weiter in sein Notizbuch, besaß aber nicht genug Energie, um sich wieder sein anspruchsvolles Manuskript vorzunehmen. „Der bleiche König“ hatte früher die IRS gemeint und vielleicht den Zustand der Zufriedenheit und Konzentration, für den das Buch plädierte, doch jetzt stand es für die Depression, die ihn quälte, oder für den Tod.“ (S. 412)

Ich halte David Foster Wallace für einen der bemerkenswertesten Autoren unserer Zeit. Daher habe ich „Der bleiche König“, als den Roman an dem er scheiterte, mit gemischten Gefühlen gelesen. Letztlich ist und bleibt er ein Fragment, das nur erahnen lässt, was daraus hätte werden können. Zum Schluss möchte ich nochmals D.T. Max zitieren: „Er konnte ihn [den Roman] nicht zu einem Abschluss bringen, mit dem er zufrieden war. Dieses Ende hätte niemand für ihn gewollt, aber es war das Ende, das er gewählt hat.“ (S.416)

David Foster Wallace: „Der bleiche König“, im Original: „The pale king“ posthum erschienen 2011, in deutscher Übersetzung von Ulrich Blumenbach, erschienen 2013 bei KiWi.

D.T. Max: „Jede Liebesgeschichte ist eine Geistergeschichte. David Foster Wallace – Ein Leben“, Biografie, erschienen 2012, in deutscher Übersetzung von Eva Kemper, erschienen 2014 bei KiWi.


Mehr über den Autor David Foster Wallace

© Marion Ettlinger
© Marion Ettlinger
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3 Gedanken zu “[Rezension] David Foster Wallace: „Der bleiche König“ und D.T. Max: „Jede Liebesgeschichte ist eine Geistergeschichte. David Foster Wallace – Ein Leben“

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