Andrea Drumbl: „Die Einverleibten“ (2015)

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Ich beschließe das Jahr mit einem kleinen leisen sensiblen Roman, der gut zum grauen Wetter passt, das sich am Jahresende durch Berlin zieht.
Vor über einem Jahr stellten wir bereits schon einmal 2 kleine Bücher aus der edition atelier, einem Wiener-Verlag für junge österreichische Gegenwartsliteratur, vor: Damals ging es um die Reihe Textlichter.

edition atelier

 

Im Herbstprogramm der edition Atelier interessierte mich vor allem der Text „Die Einverleibten“ von Andrea Drumbl und ich wollte wissen, wer die „Einverleibten“ sind. Die Bedeutung des Wortes „Einverleiben“ ist interessant – sich etwas aneignen – und hier ganz wortwörtlich gemeint, wie der Leser schnell erfahren wird.

Olgas Herz hatte sie schon in ihrer Kindheit für diese Welt verletzlich gemacht. Denn sie hatte bereits vor ihrer Geburt, tief im Mutterleib drinnen und ohne dass es jemand bemerkt hatte, ihre Schwester einverleibt, hatte ihre Schwester bei lebendigem Leib in ihrem eigenen Leib einverleibt, bis nichts mehr von ihr da gewesen war. Bis ihre Schwester auf immer und ewig fort war. Dies war über alle die Jahre hinweg Olgas Überzeugung gewesen. Ihr ganzes Leben lang lebte sie mit dieser unerträglichen Schuld, bis sie das Herzkammerflimmern und der unmittelbar darauf eintretende Herztod endlich davon erlösten. Von einer Schuld erlösten, die sie schon im Mutterleib auf sich geladen hatte.

Es handelt sich um Andrea Drumbls dritten Roman in der edition atelier. Obwohl sich mir angesichts der 100 Seiten die Frage stellte, ob man diesen Text nicht eher als Erzählung bezeichnen könnte? Erzählt wird von Olga, die schon als kleines Kind von fünf Jahren anders ist als andere Kinder. Während Ihrer Kindheit hindurch hat sie immer wieder einen ähnlichen Traum von ihrer Schwester, die betend durch das Unterholz eines Flusses auf sie zukommt: “ Lieber Gott, mach mich fromm, dass ich in den Himmel komm.“
Olga trägt ein Geheimnis und eine Schuld in sich, die sie ihr gesamtes Heranwachsen über prägen und nicht los lassen. Es braucht sehr lang, bis Olga versteht, was in Wirklichkeit mit Ihrer Familie passiert ist und weshalb ihr Großvater ihr in brutalen Worten einredet, dass sie die Schuld am Tod ihrer Schwester trägt. Hat sie wirklich ihre Schwester „aufgegessen“? Erst am Ende klärt sich auf, worin das Familiengeheimnis besteht und warum der Großvater ihr diese Geschichte erzählt hat. Dennoch wird dadurch das Geschehene nicht verständlicher, es bleibt unheimlich, unfassbar und brutal traurig. Den Leser begleitet die Frage „Was ist mit Olgas Schwester passiert?“ bis zur letzten Seite und man hat einige Vermutungen …

Zu ihrer Mutter hat Olga kein gutes Verhältnis. Es ist geprägt durch Distanz und Kälte. Die Mutter arbeitet tagein und tagaus, ohne sich für Olga zu interessieren. Es scheint ihr egal, was Olga macht, sie kann keinen Anteil an Olgas Kindheit und Jugend nehmen. Olga hat keine Freunde, nur ihre Schwester, die es aber auch nicht richtig gibt. Ihr Vater hat sie und die Mutter früh verlassen und Olga hat keine positiven Erinnerungen an ihn. Auch wenn er versprach, sie zu besuchen, hielt er es nie ein. Die Geschenke, die er ihr über die Jahres postalisch zukommen lässt, wirft sie weg. So lebt Olga dahin, ohne gesichertes soziales Gefüge. Erst in ihrer Jugend gibt ihr die Beziehung zu ihrem Lehrer Ingo plötzlich so etwas wie Halt. Er scheint sie zu verstehen, ernst zu nehmen und mit ihm erlebt sie ihre ersten erotischen Erfahrungen. Er scheint trotz des Altersunterschiedes zu ihr zu stehen, auch als Olga ihm beichtet, dass sie schwanger ist. Als Ingo sich jedoch plötzlich von Olga trennt, bricht eine Welt für sie zusammen. Während ihres Studiums lernt Olga in einer Bar, in der sie als Animiermädchen arbeitet, Viktor kennen, mit dem sofort nach Hause geht und die Nacht verbringt. Doch auch die Beziehung zu Viktor ist stark belastet durch die Erinnerung an ihre Schwester, an Ingo und Olgas inneren Schmerz, der sich nicht erklären lässt. Und Hals über Kopf verschwindet auch Viktor aus ihrem Leben.

Olgas Beziehung zu den Männern in ihrer Umgebung ist vollkommen belastet und geprägt durch widersprüchliche Erfahrungen von beschuldigt- und verlassen-werden. Sie geben ihr nicht den Halt, den sie sucht. Auch ihre Mutter kann ihr diesen nicht geben. Wie nebenbei erfährt der Leser, dass die Mutter vor Jahren an einer Maserninfektion verstorben ist. In jener Zeit hat Olgas Vater begonnen, sich wieder bei ihr zu melden. Aber Olgas Wut auf ihn ist groß und es entsteht keine neuere Annäherung. Als Olga am Ende des Romans wegen ihrem Herz im Krankenhaus landet, verlassen von Gott und der Welt, ist es ihr Vater, der ihr endlich die Wahrheit über ihre Familie berichten will.

Die Frage, die der Roman u.a. stellt, ist jene nach Schuld und Erlösung. Es scheint, dass Olga unbewusst für ihr Familiengeheimnis büßen muss und man fragt sich: Kann das sein? Ist das gerecht? Das Ende des Romans gibt dazu keine positive Antworten. Der Leser bleibt ratlos zurück und soll selbst entscheiden …

Mein Fazit

Das gesamte Büchlein durchzieht eine sehr bedrückende traurige Stimmung, die sich auch in der Farbe des Bucheinbandes spiegelt – grau verschwommen. Die Figur Olga wird nie wirklich fassbar oder verständlich.. Sie bleibt zurück als eigentümliches Mädchen mit tragischer Familiengeschichte und es wird schnell klar, dass das eigentlich kein gutes Ende nehmen kann.

Habe ich den Roman, den ich eher als Erzählung bezeichne, gern gelesen? Ich weiß es nicht genau. Es war ein interessanter Text. Andrea Drumbl hat sehr einfühlsam in Olgas Herz geblickt. Es war ein sehr schwerer, sehr trauriger Text, durchzogen von Tragik. Es gab nicht viel Hoffnung auf etwas Gutes, Andrea Drumbl hat es geschafft, diese Trauer und dunkle Stimmung bis zum Ende zu bewahren und konsequent in dieser Stimmung zu bleiben – ohne Kitsch. Sie zeigt ein völlig trauriges, aussichtsloses Leben, das so verletzlich endet wie es begonnen hat. Wer mit solchen Texten umgehen kann und ein sensibles Gespür für traurige Handlungen hat, dem wird die Erzählung gefallen. Da ich bisher keinen weiteren Text der Autorin gelesen habe, würde mich jetzt interessieren, ob sie generell solche sensiblen Themen verarbeitet oder dies hier eine Ausnahme war. Ich denke, es lohnt sich, weitere Texte dieser Autorin zu lesen.

Ich wünsche trotz des trauriges Themas, allen unseren Lesern ein wunderbares Jahresende und einen fulminanten Neujahrsbeginn!

Andrea Drumbl: Die Einverleibten. edition atelier 2015. 


Drumbl_Andrea_(c)_Edition_AtelierAndrea Drumbl, geboren 1976 in Lienz/Osttirol, aufgewachsen in Kötschach-Mauthen/Kärnten, lebt seit 2013 in Linz. Auszeichnungen (Auswahl): Kärntner Lyrikpreis 2010, Startstipendium für Literatur des bmukk 2011, Jahresstipendium für Literatur des Landes Kärnten 2012. Studium der Deutschen Philologie und der Vergleichenden Literaturwissenschaft in Wien.

 

 

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3 Gedanken zu “Andrea Drumbl: „Die Einverleibten“ (2015)

  1. Danke, das passt zu meinem Projekt „Die…“.. und die Geschichte klingt sehr gut, also ich muß es jetzt unbedingt lesen, Danke fürs vorstellen.

  2. Liebe Katja, liebe Laura, ich wünsche euch ein gutes Jahr 2016 🙂
    Liebe Grüße von Susanne

    Das Buch merke ich mir vor, Katja, obwohl mir zur Zeit nicht nach Bedrückendem ist.

  3. Liebe Susanne,

    danke schön. Ich wünsche dir auch ein wunderbares 2016!

    Ich kann verstehen, dass dir nicht nach Bedrückendem ist. Ich lese gerade „Arbeit und Struktur“ von Herrndorf und bin nochmal sehr bedrückt. Wahnsinnig traurig … Aber das gehört nun mal zum Leben.

    Alles Liebe und bis hoffentlich bald mal – ich frag Laura mal, wann es klappen könnte bei ihr und wir melden uns mal bei dir wegen einem Treffen mit uns allen.

    Bis bald

    Katja

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