+++ Jahresrückblick: Unser Lesejahr 2015 +++

Wir sind dieses Jahr ein wenig später dran mit unserer Rückschau auf unser Lesejahr. Aber nichtsdestotrotz wollen wir noch einmal einen Blick zurück werfen und euch an unseren eindrücklichsten Leseerfahrungen teilhaben lassen. Es war ein intensives Lesejahr, obwohl wir weniger in unserem Blog davon an die Öffentlichkeit tragen, haben wir viele beeindruckende Geschichte gelesen – Laura insgesamt 42 Bücher und Katja ungefähr 22. Dabei gibt es jene Bücher, die einen eher enttäuschen und Bücher, die man nicht wieder vergisst …

Die fünf überzeugendsten Bücher von Laura

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Karl Ove Knausgård: „Sterben“

In diesem Jahr bin ich ihm verfallen, wie so viele andere Leser auch. Auf den Tipp einer Freundin hin, begann ich „Sterben“ zu lesen, mit dem der Norweger Knausgård seine sechsteilige autobiografische Romanreihe „Min kamp“ eröffnet. Die authentische Schilderung seines Lebens hat mich umgehauen und ich konnte nicht mehr aufhören zu lesen. Es ist eine Wohltat, zwischen all den fiktiven Geschichten etwas Reales zu lesen, das nicht durchstilisiert und artifiziell ist.

Heinz Helle: „Eigentlich müssten wir tanzen“

Ein Endzeitroman über fünf Freunde, der mir ziemlich nah gegangen ist. Man denkt an „Die Wand“ von Marlen Haushofer und an „The Road“ von Cormac McCarthy. Aber doch ist es eine ganz eigene düstere Geschichte, in einer phänomenal verdichteten Sprache, wie wohl nur Helle sie zum Klingen bringen kann. Anhand präzise gesetzter Worte und knapper Sätze werden Bilder geschaffen, die mich nicht mehr losgelassen haben.

Mirna Funk: „Winternähe“

Auf der Suche nach ihrer Identität, ihren jüdischen Wurzeln, zwischen äußeren Zuschreibungen und antisemitischen Anfeindungen macht sich Lola auf die Reise durch Berlin, Tel Aviv und Bangkok. Ein Debütroman, der erfrischend offen relevante Fragen aufwirft und diskutiert und dabei lustig und nachdenklich zugleich daherkommt. Hab ich gern gelesen!

David Foster Wallace: „Der bleiche König“

Der letzte, unvollendet gebliebene Roman meines Lieblingsschriftstellers… Niemand kann so unterhaltsam und anspruchsvoll über den wohl langweiligsten Job der Welt schreiben. In der amerikanischen Steuerbehörde IRS handelnd, begegnen einem die gewohnt skurrilen Figuren David Foster Wallaces. Sogar Geister kommen vor. Es geht um Identitätsfragen, um Schönheit, um Langeweile und um Achtsamkeit … Ich las dieses Buch mit gemischten Gefühlen, da sein Verfasser an ihm scheiterte, und es doch ganz sicher großartig geworden wäre, wie schon diese Fassung ahnen lässt.

Lew Tolstoi: „Anna Karenina“

Ein beeindruckender Klassiker, den zu lesen ich dieses Jahr endlich die Zeit fand. Tolstois Buch überzeugte mich insbesondere durch die sorgfältig ausgearbeiteten Figuren und die lebensnahen Beschreibungen von Arbeit und Jagd in der Natur, sowie den existentiellen Momenten wie Geburt und Tod. Seine Beobachtungen zu Ehe, Liebe und Eifersucht sind heute so aktuell wie damals.

Die fünf überzeugendsten Bücher von Katja

Jahresrückblick 2015_Katja

Haruki Murakami: Kafka am Strand

Nach meiner letzten Enttäuschung von einem von  Murakamis jüngsten Romanen „Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki“ wagte ich mich endlich an „Kafka am Strand“ heran, über das ich viele unterschiedliche Meinungen gehört hatte. Und: ich fand es wirklich sehr gut. Neben „Naokos Lächeln“ mal wieder ein Murakami, der mich sehr begeistern konnte mit seinen verschlungenen Erzählebenen und Traumsequenzen und einer Hauptfigur, die ich trotz seiner innerlichen Zerissenheit  sehr sympathisch fand.

Monika Zeiner: Die Ordnung der Sterne über Como

So ein gemeinsamer Blog und eine so viel lesende Bloggefährtin wie Laura sorgt eben auch dafür, dass man auf gute Bücher aufmerksam wird. Keinem vertraue ich in Sachen Buchgeschmack so wie ihr, wenn wir auch manchmal unterschiedlicher Ansicht sind. Bei Monika Zeiners Debütroman bin ich vollkommen ihrer Meinung – für einen Debütroman außergewöhnlich anspruchsvoll und gut.. „Die Ordnung der Sterne über Como“ war mein Sommerroman des letzten Jahres und ist vor allem ein Roman über Freundschaft und Liebe und die Frage, wie wir weiterleben sollen, wenn schreckliche Dinge sich ganz plötzlich in unser Lebensglück drängen und sich alles von jetzt auf gleich unwiederbringlich verändert.

Juli Zeh: Spieltrieb

Auch diesen erfolgreichsten Roman der bekannten deutschen Gegenwartsautorin Juli Zeh stellte Laura hier im Blog bereits vor und ich las ihn dieses Jahr. Ich halte ihn für einen sehr wichtigen Roman, den vor allem Teenager lesen sollten, weil er in faszinierender Weise die inneren und äußeren Veränderungen des Erwachsen-Werdens und Grenzen-Austestens mit gesellschaftlichskritischen und philosophischen Ansätzen hinterfragt und anhand eines psychologischen Spiels zweier Außenseiter-Teenager beispielhaft darstellt. Sehr großartig und zu empfehlen auch als Verfilmung.

Zeruya Shalev: Liebesleben

Seit ich im Literarischen Quartett Herrn Reich-Ranicki vor vielen Jahren dieses Buch loben sah, ging es mir nicht mehr aus dem Kopf. Und nach dem Lesen war ich ebenso beeindruckt wie dieser und kann es nur empfehlen. Die israelische Autorin beschreibt darin eine erotische Amour-Fou der Ich-Erzählerin Ja`ara, die ihren Ehemann mit einem deutlich älteren Mann (ein alter Freund ihres Vaters) hintergeht. Beeindruckend wie Shalev die innere emotionale und körperliche Abhängigkeit von Jaar`a beschreibt, die sich wider besseren Wissens in diese unglückliche Affäre mit einem Mann stürzt, der eigentlich nichts Gutes für sie übrig hat, außer sie zur Sklavin ihrer Lust zu machen.

John Irving: Das Hotel New Hampshire

Ein typischer Irving – einfach richtig gut. Eine irrwitzige Familiengeschichte mit skurrilen Begebenheiten und liebenswürdig eigenwilligen Charakteren rund um ein einzigartiges Hotel in New Hampshire und einen sprechenden Bären.. Irving entwirft Figuren, die einem ans Herz wachsen und erzählt mit einer solchen Fabulierlust und bildhaften Anschaulichkeit, die einen mitten hinein in dieses kunterbunt-wilde Ereignis katapultieren. Ein ganz großer Autor.

Die fünf enttäuschendsten Bücher von Laura

Neil Gaiman: „American Gods“

Zum Glück hatte ich mir das Buch nur zufällig aus der Bücherei mitgenommen. Es ist ohnehin kein Buch, das ich mir gekauft hätte. Dennoch könnte sich eine Lektüre lohnen, dachte ich. An der Schnittstelle von Thriller zu Fantasy mit Elementen der klassischen Mythologie wird die Geschichte des Helden Shadow Moon erzählt. Kaum aus dem Knast entlassen, wird er mit einer grausamen Wirklichkeit konfrontiert und gerät ab dann immer mehr in einen endzeitlichen Krieg zwischen alten Göttern wie Odin, Czernobog und Anubis und den neuen Göttern des Internets und des Fernsehen. Alles läuft mehr und mehr auf einen großen Höhepunkt zu – um dann im Nichts zu verpuffen. Viele Bezüge zu Folklore und Tradition, Mythen und Sagen, aber der grundsätzliche Plot hinkt gewaltig hinterher.

Julia Wolf: „Alles ist jetzt“

Eine unglaublich passive Protagonistin, die sich mit ihrer Vergangenheit konfrontiert sieht – alte Wunden, die nicht heilen wollen. Allerdings unternimmt sie auch nichts dagegen, sondern leidet still vor sich hin, während sie in einem Live-Sex-Club arbeitet, an der Theke. Eigentlich. Die Distanz zwischen der Protagonistin und der Welt ist dermaßen groß, dass auch ich keinerlei Zugang finde – und das nicht als literarischen Kunstgriff werte, sondern als Makel, der mich dem Buch fernhält.

Martin Becker: „Der Rest der Nacht“

Das wirre Buch mit der Geschichte eines Menschen, der sich um das Haus des verstorbenen Vaters kümmert und ins Bordell geht und eine alte Frau umzubringen plant und verschiedene Rollen annimmt und sich verliebt… Zeit und Identität, Stringenz und Gefühle – alles gerät durcheinander und dann schaltet sich zwischendurch auch noch der Autor ein und wendet sich direkt an den Leser. Puhh. Das hat mich nicht umgehauen sondern verwirrt – und am Ende fragte ich mich: Warum hab ich das nun eigentlich gelesen?

Anne Philippi: „Giraffen“

Drogenalltag in Berlin in einer Beziehung, die klassische Co-Abhängigkeit veranschaulicht… da muss man Lust drauf haben. In einem rotzigen Ton geschrieben passiert jedoch nicht viel. Die Erzählerin lässt Selbstkritik durchblicken, macht aber dennoch mit ihrem Drogenleben der Luxusvariante weiter und wird letztlich gar zur Edelprostituierten… Kann man lesen, wenn man Lust drauf hat, kann man ebenso auch sein lassen.

Richard Yates: „Eine strahlende Zukunft“

Da ich vom Autor bereits „Zeiten des Aufruhrs“ kannte, versprach ich mir viel von der Lektüre. Doch letztlich enttäuschte mich die Voraussehbarkeit der Handlung und des Denkens der Figuren. Zudem bestehen inhaltlich einige Parallelen zum berühmten Debütroman des Autors. Das Buch ist keineswegs das schlechteste, das ich je las, vermutlich war meine Erwartungshaltung einfach zu hoch.

Die enttäuschendsten Bücher von Katja

Ich habe dieses Jahr nicht so viele Bücher gelesen, aber dafür sehr viele gute und es sind keine 5 dabei, die ich als derartige Enttäuschungen bezeichnen kann. Daher nenne ich nur 2 Bücher, von denen ich enttäuscht war.

Andreas Neuenkirchen: Roppongi Ripper

Den ersten Teil der Japan-Thriller-Reihe über Komissarin Yuka Sato und die Aufklärung von Verbrechen in der japanischen Metropole Tokio fand ich noch interessant. Leider konnte mich schon der zweite Teil nicht mehr überzeugen und es erinnerte mich zu sehr an die ewig gleichen Handlungen in amerikanischen Krimiserien wie CIS etc., nur auf japanisch. Diesmal jagte Yuka Sato einen Mörder, der in einem Tokioter Nachtclub eine junge Hostess mit einem traditionellen Schwert enthauptete. Ich bin für diese Romane einfach nicht die richtige Leserin. 😉 Es war mir alles zu vorhersehbar und klischeehaft, immer dieselben Rotlichtumgebungen und Nachtclubszenerien.

Julia Trompeter: Die Mittlerin

Eine Buchempfehlung von Laura, die meinte, es könnte mir gefallen. Diesmal war ich gar nicht ihrer Meinung. Der Debüt-Roman von Julia Trompeter ist anders, als viele Romane und hat einen interessanten Ansatz: Er stellt in der Handlung die Entstehung seiner selbst als Thema in den Mittelpunkt. Dennoch fragte ich mich am Ende, worin die Botschaft lag. Ebenso konnte ich der Figur der Erzählerin keine Sympathie oder Interesse entgegenbringen, sie lies mich irgendwie kalt. Dabei ist Julia Trompeter durchaus sprachbegabt, daher tut es mir ein wenig leid, dass ich hier so urteilen muss.

 

Das besondere Buch von Katja

Katharina Hartwell: Das fremde Meer

Nach dem vor 1,5 Jahren die Bloggerwelt in Begeisterungssstürme ausbrach, lieh ich mir dieses mächtige Buch von Laura und las es ebenfalls. Ich möchte es hier empfehlen, weil ich es wirklich als besonders erachte. Wie Katharina Hartwell ihre Fäden verknüpft und  anhand so zahlreicher Figuren, Zeiten und Welten eine Handlung erzählt, die am Ende irgendwie erstaunlicher Weise zusammenführt, ist sehr beeindruckend. Wenn ich auch zwischendurch Mühe hatte, zu folgen und den Faden als Leser velor – es lohnt sich, durchzuhalten bis zum Ende. Es bleiben letztlich viele Fragen offen, das mag ich aber an Literatur, das sie aufwühlt, mich bewegt und ins Leben hineinreicht.


 

Auf ein wunderbares Lesejahr 2016, in dem wir bereits mitten drin stecken!

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3 Gedanken zu “+++ Jahresrückblick: Unser Lesejahr 2015 +++

  1. Sorry, Laura! – ich weiß ja, warum Du den Becker gelesen hast …
    Mir ging es damit übrigens ganz ähnlich, und deshalb hatte ich auch kein besonderes Interesse, eine Sitzung zu veranlassen. -.-

    1. Ja, hmm, es klang ja erstmal vielversprechend… Ich hab jetzt aber auch nicht so das Bedürfnis, in einer Literaturkreissitzung ausgiebig über dieses Buch zu sprechen. Vielleicht sollten wir schnell ein anderes, GUTES Buch lesen und uns dann treffen 😛
      Ich wär ja zB für Knausgard… den liest du doch auch grad oder?

      1. Allerdings polarisiert Knausgard auch sehr und eignet sich daher unter Umständen weniger für eine Diskussion.

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