[Rezension] David Foster Wallace: „Der bleiche König“ und D.T. Max: „Jede Liebesgeschichte ist eine Geistergeschichte. David Foster Wallace – Ein Leben“

DSC01806Am Ende bleibt nur ein Haufen Manuskriptseiten in einer Garage. Als sich der amerikanische Schriftsteller David Foster Wallace im September 2008 das Leben nimmt, hinterlässt er den unvollendeten Roman „Der bleiche König“. Ich bin sicher, er wäre großartig geworden.

Aber je fragmentarischer eine Erinnerung ist, desto authentischer fühlt sie sich komischerweise an. Ich frage mich, ob irgendein Mensch das Gefühl hat, er wäre noch derselbe wie der, an den er sich erinnert. Wahrscheinlich bekäme er einen Nervenzusammenbruch. Wahrscheinlich ergäbe es überhaupt keinen Sinn.“

Der Herausgeber Michael Pietsch hat sich der Aufgabe gewidmet, sich durch seitenweise Manuskriptseiten und unzählige Notizen des perfektionistischen Autoren zu arbeiten, um sie in Form eines unfertigen Romans zu veröffentlichen.

Es geht um den vielleicht langweiligsten Job überhaupt: im amerikanischen Finanzamt IRS. Vermutlich kann nur Foster Wallace die Angestellten dort, ihre Einstellung, ihre Feierabende, ihre skurrilen Kinder, ihren Alltag … so beschreiben, dass man es gerne und interessiert liest und sogar wissen will, wie es weitergeht. Die mit durchnummerierten Paragraphen überschriebenen Kapitel sind fragmentartig zusammen gestellt. Sie geben Einblicke in das Leben und vor allem Arbeiten der verschiedenen Personen, die im IRS angestellt sind. Dabei gibt es weder „einen“ Protagonisten, was in „Unendlicher Spaß“ ähnlich ist, noch eine runde Handlung oder klare Struktur. Letzteres ist sicherlich dem geschuldet, dass der Roman unvollendet blieb. Weiterlesen

[Klassiker der Weltliteratur] Lew Tolstoi: „Anna Karenina“ (1878 / 2009)

DSC00158Es ist eigentlich selten, dass ich erst einen Film sehe und dann erst das Buch dazu lese. In diesem Fall hat das wunderbar funktioniert: Nachdem ich die aktuellste Verfilmung von „Anna Karenina“ von Joe Wright u.a. mit Jude Law und Keira Knightley gesehen hatte, wollte ich unbedingt auch den Roman lesen. Das hab ich in diesen Wintermonaten endlich geschafft (weshalb Proust ein bißchen liegen geblieben ist) und er gehört definitiv zu den Büchern, die mich nachhaltig beeindrucken (werden).

Die Grundgeschichte wird den meisten von euch inhaltlich bekannt sein: Die verheiratete Anna Karenina lebt mit ihrem Mann Alexej Alexandrowitsch Karenin und ihrem Sohn zusammen. Doch dann tritt der Graf Alexej Wronski in ihr Leben und sie erfährt erstmalig, was es heißt, zu lieben. Sie geht eine Affäre mit Graf Wronski ein, bekommt eine Tochter von ihm und kämpft um die Scheidung, in die ihr Ehemann Karenin jedoch nicht einwilligt. Tolstoi beschreibt detailliert die inneren und äußeren Kämpfe, die Anna in der russischen Gesellschaft des 19.Jahrhunderts durchmachen muss. Sobald sie in der Oper auftaucht, wird sie gemieden und spürt deutlich die ihr entgegenschlagende Verachtung. Innerlich quält sie sich zum einen wegen des Verlusts ihres Sohnes Serjoscha, den sie sehr liebt, der jedoch beim Vater bleiben muss. Besonders deutlich wird dies in der Szene, als sie sich an seinem Geburtstag ins Haus schleicht, nur um ihn zu sehen. Zum anderen findet sie auch im Leben an Wronskis Seite kein Glück… Sie gibt sich dem Opiumkonsum hin und verfällt (demzufolge) mehr und mehr Wahnvorstellungen, die sie eifersüchtig und misstrauisch Wronski gegenüber machen…

Es geht aber noch um wesentlich mehr und das macht den Roman des 19. Jahrhunderts in Russland so vielfältig und lesenswert. Weiterlesen

Meeting T.C. Boyle!

Am Montag abend hatten wir die Ehre den amerikanischen Schriftsteller T.C. Boyle während eines Bloggertreffens persönlich kennenzulernen. Auf Einladung des Hanser Verlages waren wir mit dabei und konnten die Gelegenheit nutzen, ihm Fragen zu stellen und unsere „Hart auf Hart“-Exemplare signieren zu lassen.

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T.C. Boyle ist ein unglaublich lockerer, witziger Typ. Er sprach über seine Bücher, als wären es Geliebte von ihm. Man merkt ihm deutlich an, dass er für das Schreiben „brennt“. Vielmehr bezeichnete er es als addiction zu schreiben. Anders ließe sich vermutlich auch kaum die beeindruckende Regelmäßigkeit und Vielzahl seiner Veröffentlichungen erklären. (siehe hierzu bspw. den Link der Fanpage: www.tcboyle.de)
In seinen Romanen und Kurzgeschichten stehen häufig Randfiguren im Mittelpunkt. Außerdem geht es oft um das Verhältnis von Mensch und Natur bzw. das Leben des Einzelnen in seiner Umgebung und die Wechselbeziehung mit dieser. Katja hat das, was Boyles Werke ausmacht in einem Lese-Appell so zusammengefasst: „Boyle beherrscht die Klaviatur menschlicher Abseitigkeiten und Leidenschaften bis ins kleinste Detail und entlarvt hingebungsvoll die Brüchigkeit von Ikonen, Weltbildern und scheinbar für die Ewigkeit gedachten Konventionen.

T.C. Boyle, dessen Lesungen stets ein Erlebnis sind, sprach bei dem Treffen davon, wie die Figuren und die Romane sich entwickeln und aus sich heraus entstehen. Er habe keine fixe Idee im Vorhinein, sondern „he´s entering the character´s brains“ und empfinde durchaus Sympathie für sie.
Es war sehr spannend und unterhaltsam, ihm zuzuhören. Wir bedanken uns ganz herzlich beim Hanser Verlag für diese Gelegenheit!!! Und freuen uns nun erstmal auf die Lektüre des aktuellen Romans von ihm…

Am Mittwoch, 18.02.15 liest T.C. Boyle in Berlin aus seinem neuen Roman. Da die Veranstaltung leider schon ausverkauft ist, besteht zumindest die Möglichkeit, der Live-Übertragung ab 19.30h auf Radio Eins zu lauschen.

Link zur RBB-Seite mit Infos zur Veranstaltung und Video des Autors, der sein Buch vorstellt

Lest T.C. Boyle!


© Carl Hanser Verlag
© Carl Hanser Verlag

T. Coraghessan Boyle, 1948 in Peekskill, N.Y., geboren, unterrichtete an der University of Southern California in Los Angeles. Bei Hanser erschienen zuletzt Willkommen in Wellville (Roman, 1993), América (Roman, 1996), Riven Rock (Roman, 1998), Fleischeslust (Erzählungen, 1999), Ein Freund der Erde (Roman, 2001), Schluß mit cool (Erzählungen, 2002), Drop City (Roman, 2003), Dr. Sex (Roman, 2005), Talk Talk (Roman, 2006), Zähne und Klauen (Erzählungen, 2008), Die Frauen (Roman, 2009), Das wilde Kind (Erzählung, 2010), Wenn das Schlachten vorbei ist (Roman, 2012), San Miguel (Roman, 2013) und die Neuübersetzung von Wassermusik (Roman, 2014).

In Memoriam: Wolfgang Herrndorf

„Man wird nicht weise, man kommt der Wahrheit nicht näher als jeder. Aber in jeder Minute beim Tod zu sein, generiert eine eigene Form von Erfahrungswissen.“

Wolfgang Herrndorf ist ein Autor, dessen Bücher man, hat man eines gelesen, am liebsten gleich alle lesen möchte. So ging es mir, seitdem mir eine Freundin „Sand“ empfohlen hatte.

Die Lektüre vom posthum veröffentlichten „Arbeit und Struktur“, das eine Zusammenfassung der Blogeinträge des Autors vor seinem Freitod ist, erweist sich als besonders eindringlich. Mich hat das Lesen dieser mit Datum versehenen Einträge ziemlich mitgenommen: Unweigerlich setzt man sich selbst in Zusammenhang zu den genannten Daten, unweigerlich stellt man den eigenen Biografieaus-schnitt vom 08.03.2010 bis 20.08.2013 ins Verhältnis zu den von Herrndorf beschriebenen Erlebnissen. Weiterlesen

Siri Hustvedt: „Leben, Denken, Schauen“, Essays (2014)

Siri Hustvedt_Essays

Wer Literatur an der Schnittstelle zwischen wirklich guter, lesbarer Unterhaltung und wissenschaftlichem Anspruch mag, wird Siri Hustvedt lieben. Ob in ihren Romanen oder in ihren Essays: Als ihr Leser ist man nach jedem Buch schlauer, bewegter und hatte darüber hinaus eine unterhaltsame Lesezeit, die man mitunter vermisst. Nachdem ich von ihrem Roman „Was ich liebte“ restlos begeistert war, konnte ich nicht widerstehen, als ich vor einigen Wochen eine dieser zufälligen Begegnungen mit ihrem jüngst auf Deutsch erschienenen Essayband „Leben, Denken, Schauen“ hatte. Die Lektüre hat mich wirklich in mehrfacher Hinsicht bereichert. Weiterlesen

Zadie Smith: „NW“, 2012

NW

Wenn ich reise, lese ich gern unterwegs einen zum Reiseort passenden Roman. Anlässlich eines kurzen London-Trips mit Katja las ich Zadie Smith´s „NW“ auf Englisch, während sie sich dem Klassiker „Mrs. Dalloway“ widmete.

The fat sun stalls by the phone masts.“ / „Die pralle Sonne trödelt bei den Telefonmasten.“ (erster Satz)

Zadie Smith, selbst in London North-West geboren und aufgewachsen, ermöglicht einen komplett untouristischen, detailreichen und sprach-experimentellen Einblick in das Londoner (Randbezirk-) Leben. Vier Figuren werden umrissen und man liest von einem Stück ihres Lebens, lauscht ihren Dialogen, sieht ihnen zu, erlebt verschiedene Zeitspannen, die sich je nach Figur unterscheiden. Alle vier, Leah, Felix, Natalie und Nathan, sind im gleichen Stadtteil aufgewachsen, bringen unterschiedliche kulturelle Hintergründe mit, und haben zwar die gleiche Schule besucht, entwickeln sich dann aber in ganz verschiedene Richtungen. Weiterlesen

Lest T.C. Boyle!

Es gibt Autoren, deren Bücher muss man einfach verschlingen. Dies kann ganz unterschiedliche Gründe haben. Mich begeistert vor allem jene Literatur, die eine unterhaltsame Geschichte mit anspruchsvoller Erzählkunst originell aufbereitet.

T. C. Boyle (Tom Coraghessan Boyle, * 1948 Peekskill) ist so ein Autor, der ein ungeheures Ouevre vorweisen kann und dessen Bücher und Erzählungen allesamt Verschling-Mich-Potential besitzen. Seine Romane zu lesen ist ein ungeheures Vergnügen. Warum?

Wie kaum ein zweiter Autor kombiniert der Sohn irischstämmiger amerikanischer Einwanderer eine spannende Story, umfängliche Figurencharakteristika und einzigartige Schauplätze mit bissig-heiterer Gesellschaftskritik. Seine Figurenwelten und Handlungsschauplätze sind authentisch, hinter jedem Sujet stecken reale historische Vorlagen, die eine akribische Recherche und die Liebe zu ausgefallenen Stoffen sowie gesellschaftlichen Mythen erkennen lassen. Man könnte auch sagen, Boyle ist das schlechte Gewissen der modernen amerikanischen Literatur, denn er wühlt in jenen Themen, die Amerikas Mythos vom Land der Freiheit und unbegrenzten Möglichkeiten manifestieren. Sein Figurenensemble zieht sich quer durch alle Gesellschaftsschichten: Es sind auf der einen Seite bekannte Wissenschaftler, beliebte Künstler, Erfinder, Entdecker, Forscher, Popstars und allesamt idealisierte Helden, die nahezu unantastbar geworden sind. Boyle zeigt ihre dunklen Seiten, ihre menschlichen Schwächen und vielschichtigen Charaktere, die der Leser vor allem durch jene Menschen betrachten kann, die mit ihnen leben, lieben und leiden.

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© Christina Knecht

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David Foster Wallace: „Vergessenheit“ + „In alter Vertrautheit“ (Stories)

Wenn die Tage länger und heller werden und der Frühling mich begrüßt, sobald ich das Haus verlasse, habe ich beim Lesen mehr Lust auf Leichtes und lasse die inhaltlich und äußerlich eher schweren Romanwälzer eher liegen. Da der Anspruch an den Inhalt dennoch nicht verloren geht, habe ich eine gute Mischung entdeckt: Die Stories von David Foster Wallace.

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Sie lesen sich gut (vor allem im Vergleich zu dem von mir sehr geschätzten, jedoch arg schwer zu lesenden „Unendlicher Spaß“) und lassen zugleich keine Wünsche offen, was Humor, Gesellschaftskritik und Tiefgang angeht. In seinen Stories beweist Wallace mir einmal mehr, was er drauf hat: Er seziert die menschliche Psyche in „Neon in alter Vertrautheit“, lässt den Leser in den Kopf eines autistischen Kindes gucken, während der Lehrer kurz davor steht, Amok zu laufen („Die Seele ist kein Hammerwerk“), entwirft ein Bild auf das postmoderne Beziehungsleben und die damit verbundenen Herausforderungen („Vergessenheit“) und reflektiert humorvoll und realitätsbezogen-satirisch die Medienwelt, den ständigen Kampf um Aufmerksamkeit und das „Leben vor 9/11“ („TV der Leiden – The Suffering Channel“). Weiterlesen

Neu: Lies das mal!

Wir haben eine neue Kategorie im Bereich Literatur eingeführt. Ihr Name ist Programm: „Lies das mal!“ ist die Aufforderung der einen an die andere Bloggerin (und dadurch indirekt an euch ;)), ein Buch zu lesen, das sie noch nicht kennt und unbedingt lesen sollte. Im Anschluss an die Lektüre stellt diejenige, die das Buch vorgeschlagen hat, der anderen Fragen dazu. Es handelt sich also zugleich um eine Leseempfehlung und um einen Austausch über Gelesenes, das uns bewegt hat. Und es verdeutlicht unser Bestreben, uns intensiv mit richtig guter Literatur zu befassen, inhaltlich darüber nachzudenken und ein bißchen zu analysieren, ohne sie einfach nur „wegzulesen“.

Gestartet wird diesmal mit einer Empfehlung, die Laura Katja gegeben hat:

Lies mal: Marlen Haushofers „Die Wand“!

Die Wand (2) Weiterlesen

#Streetart Berlin – Teufelsberg#

Die größte Streetartgalerie in Berlin und vielleicht weltweit ist der Teufelsberg. Das Gelände der ehemaligen Abhörstation ist eine wahre Fundgrube für alle, die Graffitis, Stencils etc. lieben. Aber nicht nur das: Es zeugt einmal mehr von der vielschichtigen Geschichtlichkeit so vieler Orte in Berlin. Ursprünglich sollte am Teufelsberg im Rahmen der von den Nationalsozialisten geplanten „Welthauptstadt Germania“ eine Hochschulstadt entstehen. Daraus ist bekanntlich und glücklicherweise nichts geworden. Stattdessen wurde das teilweise im Zweiten Weltkrieg zerstörte Gelände im Kalten Krieg zu einer riesigen Abhörstation der US-Armee.- Bis heute ist der Umfang der Lauschangriffe und selbst der Anlage nicht ganz erfasst, was mitunter an geheimgehaltenen Akten etc. liegt.

Ein Besuch des Geländes Teufelsberg ist heute nur noch mit Führung möglich. Das Gelände wird zudem bewacht, was mit der Vorbeugung vor Vandalismus, Brandschatzung, Metalldiebstahl usw. begründet wird.

Ob für Streetartliebhaber, Historiker, Touristen, Berliner, die ihre Stadt neu entdecken wollen, Künstler, die sich selbst mit einem Graffito verewigen möchten oder einfach Neugierige: ein Besuch lohnt sich!

Da während der Führung nicht allzu viel Zeit für Fotos bleibt, hier nur ein paar wenige Eindrücke von mir.
Unten findet ihr weitere Links zu mehr Bildern, mehr Geschichte, mehr Infos zu Führungen etc.

Teufelsberg1 Teufelsberg2 Teufelsberg3 Teufelsberg4

# alle Bilder von laura aufgenommen analog mit meiner Nikon F75 #

Links:

Der Teufelsberg und seine Geschichte – hier

Führungen über die Initiative Teufelsberg – hier

More Pics – here