[Das Debüt im LIVRES] Rückblick auf einen Abend voller Debüts

Aller Anfang ist wunderbar! Die Kolleginnen des Debüt-Blogs resümieren ihre Eindrücke vom „Debüt im Livres“ mit Julia Trompeter und man kann sogar via Videoaufnahme nachträglich daran teilhaben… Dann ist nur noch ein bißchen schade, wenn man selbst nicht dabei war =)

Das Debüt

Als wir DAS DEBÜT starteten, war uns eines schnell klar: So schön das Hineinschreiben in das wabernde Nichts namens Internet auch ist, wir wollen uns nicht dahinter verstecken. Und so unbequem es auch klingen mag, aber allzu schnell gerät man als Blogger in eine bloße Konsumentenrolle, von der man sich immer wieder bewußt lösen muss, um nicht den Spaß an dem zu verlieren, das uns antreibt: Das aktive Gestalten eines literarischen Umfelds. Wir brauchen keine großen Namen, kein Berlin, Leipzig oder gar Hildesheim, Lesen und Diskutieren lässt sich überall. Aus diesem Grund haben wir auch unsere Veranstaltungsreihe „Das Debüt im LIVRES“ ins Leben gerufen, zwar ohne finanzielle Mittel, dafür aber mit viel Herzblut und Engagement. Und daran möchten wir euich hinter den Bildschirmen natürlich teilhaben lassen, allen die vor Ort waren, gewährt dieser Beitrag einen kurzen Rückblick auf einen stimmungsvollen Abend.

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3 in 1: Haruki Murakami, Ned Beauman, Nino Haratischwili

Ich habe länger hier keine gelesenen Bücher vorgestellt. Leider. Wie das manchmal so ist, gibt es Zeiten und Phasen, die das nicht erlauben. Es war ein wenig still. Es hat gedauert. Es wurde gelesen und es wurde als beeindruckend empfunden. Alle folgenden drei Bücher möchte ich als lesenswert empfehlen. Wer wissen möchte, warum, darf das hier lesen 😉
Da sie vielen hinreichend bekannt sein werden, möchte ich mich nicht mit dem Referieren des Inhalts aufhalten, sondern meinen Eindruck darlegen. Geschichten wollen gelesen und nicht totreferiert werden.

Haruki Murakami: „Kafka am Strand“ (2002)

„Das spezifische Gewicht der Zeit lastet auf dir wie ein alter, ambivalenter Traum. Unablässig bist du in Bewegung, um der Zeit zu entrinnen. Doch auch wenn du bis an den Rand der Welt läufst, wirst du ihr nicht entkommen. Und dennoch kannst du nicht anders, als bis an den Rand der Welt zu gehen.“

Nachdem ich vom vorletzten Buch Murakamis („Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki“) sehr enttäuscht und gelangweilt war (alles sehr vorhersagbar und stereotyp), konnte mich „Kafka am Strand“ gänzlich in seinen Bann ziehen und überzeugen. Dieser Roman ist der vierte Murakami, den ich gelesen habe und es war wieder einmal sehr spannend, verwirrend und außergewöhnlich in einem. Ich habe von Lesern gehört, die diesen Roman lieben und manchen, die ihn überhaupt nicht mochten oder als den schwierigsten Murakami bezeichneten. Was meint ihr?Haruki Murakami Kafka am Strand

Es ist beim Lesen von Murakamis Büchern immer wieder so, dass sich die Geschichte erst Schritt für Schritt erschließt und entwickelt, einen dann völlig verwirrt und man am Ende mit vielen Fragen zurücklässt. Der Autor entführt mich in diesem Roman wieder in eine magische Welt hinter der Realität und ich merke, dass irgendwie alles zusammengehört und zueinander führt. Die Geschichte entzieht sich jedoch am Ende einer eindeutigen Erklärung. Darin liegt die Stärke Murakamis und mit Sicherheit ist dies genau der Punkt, den manche Leser nicht mögen. Im oben genannten vorletzten Roman ging diese erzählerische Stärke ein wenig verloren und die Figuren blieben insgesamt sehr blass und konnten mich nicht wirklich berühren. Bei „Kafka am Strand“ hingegen gibt es ein begrenztes Personal, das ich jedoch sehr genau kennenlernen darf. Als Leser werde ich hineingezogen in die eigenartige Reise des jungen Kafka Tamura, die sich zuerst als eine Flucht aus seinem alten Leben und dann als die Reise zu seinen Dämonen und zu sich selbst entpuppt. Weiterlesen

[Rezension] Sofi Oksanen: „Fegefeuer“

Sofi Oksanen_FegefeuerIch bin so oberflächlich. Dieses Mal bin ich auf eine tolle Schriftstellerin aufmerksam geworden, weil mir ihr Aussehen so sympathisch war. Eine skandinavische Schriftstellerin mit schwarz-farbigen Dreadlocks und im Gothic-Style: das mag ich. Sofi Oksanen, die zur Frankfurter Buchmesse im vergangenen Herbst als Schriftstellerin des Gastlands Finnland überall auftauchte, schrieb bereits vor Jahren ihren Roman „Fegefeuer“, der mir bisher noch nicht begegnet war. Diesmal war jedoch meine Neugier geweckt und ich las das Buch, mit dem ihr der „literarische Durchbruch“ gelang.

„Fegefeuer“ ist die packende Geschichte zweier Frauen in Estland. Die jüngere der beiden, Zara, liegt zu Beginn der 1990er Jahre bei der allein lebenden Aliide Tru im Hof. Wie sich herausstellt, ist sie nicht zufällig bei Aliide gestrandet, denn diese könnte die Schwester ihrer Großmutter sein. Doch die Geheimnisse Zaras entwickeln sich langsam aus den, teils gelogenen, Brocken heraus, die Aliide nach und nach aus ihr herausbekommt. Es entwickelt sich ein Vertrauensverhältnis zwischen den beiden Frauen. Gleichzeitig erfährt der Leser durch Rückblenden in die Zeit des Zweiten Weltkrieges bis in die 1980er Aliides Geschichte, die ebenso voller düsterer Überraschungen steckt.

Beide Frauen haben Abhängigkeit, Gewalt, Betrug und verzweifelten Selbstschutz erleben müssen.

Wieder geriet Zara in Panik. Sie verstand, dass sie eine Erklärung für ihr abgerissenes Äußeres brauchte, aber was könnte das sein? Warum hatte sie sich nicht auch das vorher zurechtgelegt? Die Gedanken hoppelten mit langen Beinen davon, und sie konnte sie nicht einholen; die langohrigen Wahrheiten, die kurzbeinigen Lügen ließen sie im Stich, leerten ihr den Kopf, leerten ihr Augen und Ohren. Verzweifelt stoppelte sie ein paar Worte zu einem Satz zusammen …“

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[Rezension] Siri Hustvedt – „The Blazing World“

Hustvedt_BlazingWorldSiri Hustvedts neuen Roman „The Blazing World“ musste ich auf englisch lesen, nachdem ich von dj709 von Binge Reading auf den Roman aufmerksam gemacht worden war, weil ich nicht die deutsche Übersetzung abwarten kann / will.

She remembered what I had forgotten, and I remembered what she had forgotten, and when we remembered the same story, didn´t we remember it differently? But neither of us was prevaricating. The scenes of the past were continually being shifted and reshuffled and seen again from the vantage point of the present, that´s all, and the changes take place without our awareness. Harry hat reinterpreted any number of memories. Her whole life looked different.“

Wieder sind Identität, die Kunstwelt, Gender-Fragen, Liebe und zwischenmenschliche Beziehungen, aber auch Erinnerung und das neurowissenschaftliche Verhältnis zwischen Phantasie / Idee und deren Umsetzung in die Wirklichkeit zentrale Themen der Autorin. Was neu ist, ist die Schreibweise, die Baukonstruktion des Buches.

Bei „The Blazing World“ strickt Hustvedt die Geschichte gewisserweise aus vielschichtigen Fragmenten heraus. Man liest Zeitungsberichte, Aussagen von Angehörigen und Freunden, Interviews, Reviews zu Ausstellungen und vor allem Notizbucheinträge der Protagonistin und puzzelt sich so Stück für Stück das Geschehen zusammen. Und das macht richtig Spaß, gerade weil es nicht dem linear erzählten Lesefluss entspricht, den man sonst häufig in zeitgenössischer Literatur aus Amerika findet. Darüber hinaus ergibt sich eine interessante Polyperspektivität, da verschiedene Personen, die ins Geschehen mal mehr, mal weniger integriert sind, ihre Sicht der Dinge wiedergeben. Weiterlesen

Tomas Espedal: „Gehen oder die Kunst, ein wildes und poetisches Leben zu führen“, 2011

Ein Ich-Erzähler, der Trinker war und anstatt weiter zu trinken, anfängt, zu gehen. In «Gehen oder die Kunst, ein wildes und poetisches Leben zu führen», das 2006 auf Norwegisch erschien, sinniert ein Mann über das, was das Leben lebenswert macht. Und er ist dabei – meistens – in Bewegung.Espedal_Gehen

Es ist ein Buch über das Gehen. Über das Leben im Augenblick, über Achtsamkeit, über Einsamkeit, Lebensgenuss und -überdruss. Espedal schreibt nicht in einem Fluss. Vielmehr ist das Buch eine Anreicherung von Szenen, Wanderungen, Zwischenmenschlichkeiten und vor allem vielen Zitaten über das Gehen (von de Beauvoir, über Rousseau, Montaigne, Rimbaud, bis hin zu Woolf und Whitman) … Der Leser begleitet den Erzähler und es ist ein assoziatives, beschreibendes Erleben des Gehens, mehr als eine in sich geschlossene Geschichte mit klaren Strukturen, Figuren und Ereignissen. Weiterlesen

Ein unvollendeter Roman: Herrndorfs: „BILDER deiner großen LIEBE“, posthum 2014

Als ich etwa vierzehn Jahre alt war, habe ich mir oft vorgestellt, zu leben wie Isa in Herrndorfs „Bilder deiner großen Liebe“. Das unbestimmte, herumstromernde, unabhängige Leben als Kind des Draußen – das war für mich ein Inbegriff für Freiheit. Und Rebellion. Bei mir kam es dann anders, was auch gut so ist, aber ich lese sehr gern davon.Bilder deiner großen Liebe

Der Leser begleitet Isa, wie sie spontan ohne Schuhe aus einem Garten mit vier hohen Ziegelsteinmauern (der Klapse) entflieht und durch die Gegend stromert. Die Natur ist ihr sehr nah, ständig sie umgebend und da. Die Sterne und ihr Tagebuch als Kompass zieht sie durch die Welt und macht sich ihre ganz und gar nicht unreifen Gedanken. Isa beobachtet die Menschen um sich her und es geht mir wie masuko13, die schreibt: „Ich mag Isa, sie ist so herrlich verrückt. Aber auf diese Art verrückt, dass ich mehr und mehr das Gefühl bekomme, sie ist die Normale und bestaunt eine Welt von Verrückten.“

Isas Geschichte ist die des Mädchens, dem Tschick und Maik in Herrndorfs Jugendroman „Tschick“ auf der Müllhalde begegnen. Weiterlesen

Herbstlektüretipp: David Mitchell „Die tausend Herbste des Jacob de Zoet“ (2012)

Nagasaki kennt man von den im August 1945 über Japan niedergehenden amerikanischen Atombomben, die zigtausend Menschen umbrachten und die Landschaft nachhaltig nuklear verseuchten. David Mitchell, Autor des verfilmten Romans „Der Wolkenatlas / Cloud Atlas“ macht Nagasaki, genauer gesagt die dort an der Küste liegende Faktorei Dejima, zum Ort des Geschehens in seinem Roman: „Die tausend Herbste des Jacob de Zoet“.Mitchell_Die tausend Herbste

Sie hört das uralte Schweigen von fallendem Schnee.“

Japan im Jahre 1799. Der Niederländer Jacob de Zoet ist mit der Shenandoah nach Dejima gekommen und arbeitet dort als Buchhalter für den Kapitän Vorstenbosch. Er verließ seine Heimat im Auftrag seines potentiellen Schwiegervaters, um nach gesammelter Auslandserfahrung und angehäuftem Vermögen das Herz von Anna erobern bzw. um ihre Hand anhalten zu können. Doch in Japan lernt er die Hebamme Orito Aibagawa kennen und die politischen Ereignisse bedingen, dass er nicht so schnell zurücksegeln kann in die Niederlande wie er ursprünglich plante … Die Geschichte ist bei weitem nicht so romantisch, wie sie vom Grunderzählstrang her anmutet; es geht um das Seefahrerleben und das Ausgesetztsein in einer völlig fremden Kultur, um Macht und Handel usw. Weiterlesen

@bout: „Das Geräusch des Werdens“ von Aléa Torik

Nachdem wir beide sehr begeistert von „Aléas Ich“ waren, haben wir gemeinsam den Debütroman der Autorin „Das Geräusch des Werdens“ gelesen.
In diesem Roman verdichtet sich ebenfalls die rumänische Lebenswelt rund um den Ort Marginime mit der Berliner Gegenwart. Anhand mehrerer Familien und Figuren entspinnt sich ein Netz aus Zusammenhängen, in denen es um Lebensentwürfe und Liebe, um Aufbruch und Stillstand, um Blindheit, Fotografie und Heimat geht.

Alea Torik_Das Geräusch des Werdens

Ich stehe gebannt am offenen Fenster und höre, wie eine Umgebung entsteht, wie Gegenstände wachsen und werden. In solchen Momenten wird der Raum, den ich oft nur als drückende Masse empfinde, die auf mir lastet, zu einer Umgebung und einem Gefüge, in das ich eingebettet bin. Ein Leben, zu dem ich gehöre und an dem ich teilnehme. An ihren Geräuschen kann ich erkennen, dass da draußen tatsächlich eine Welt existiert und nicht nur unendlicher Raum. Man müsste all das, was wird, was entsteht oder vergeht, alles, was eine Entwicklung nimmt, einen Verlauf oder eine Veränderung, man müsste alles dazu zwingen, dabei ein Geräusch zu machen. Denn nur am Geräusch des Werdens kann ich erkennen, das etwas ist.“

Laura: Es ist ja bereits bei uns beiden eine Weile her, dass wir „Das Geräusch des Werdens“ von Aléa Torik gelesen haben. Was ist dir noch besonders in Erinnerung geblieben?

Katja: Erstmal muss ich sagen, dass ich Aléa Toriks Art eine Geschichte zu erzählen, wunderbar finde und sehr beeindruckt von ihrem Sprachgefühl bin. Ich erinnere vor allem die Hauptfiguren Leonie und Marijan, mit denen die Geschichte beginnt – im Gedächtnis bleiben mir vor allem bestimmte Situationen, Gefühle und Bilder. Großartig wie eindrücklich die Autorin ihre Figurenwelten zum Leben erweckt. Weiterlesen

Dave Eggers: „Der Circle“ (2014) – Dystopie oder mehr als real?

“Das 1984 fürs Internetzeitalter” – so urteilt die Zeit über Dave Eggers Silicon Valley-„Horror“-Roman. Für den Kiepenheuer & Witsch-Verlag ist das natürlich eine herausragende Steilvorlage für ein gutes Marketing. Und sie haben es geschafft – Dave Eggers Roman ist in dieser Woche (42/2014) immer noch unter den Top 5 der Spiegel- Bestseller. Leser, die sich für Literatur interessieren, sollten natürlich wissen, dass die Spiegel Bestseller-Liste rein nach Verkaufszahlen berechnet wird und keine von Kritikern, Feuilletonisten und anderen Literaturbeurteilern gemachte Empfehlungsliste darstellt. Von daher finde ich es sehr interessant, dass sich dieser Roman gut verkauft und die Masse der Bücherkäufer überzeugt. Mich konnte er nicht so ganz überzeugen und der Vergleich mit der großartigen Dystopie George Orwells erscheint mir äußerst vermessen.

Dave Eggers_The CircleMein Leseeindruck

Dave Eggers Roman bildet meiner Meinung nach unsere heutige Kommunikations- und Immer-online-Gesellschaft ab – ohne Originalität, ohne erzählerisches Wagnis, ohne differenzierte Betrachtungsweise, ohne tiefergehende Charakterentwicklung. Ich wurde ganz gut unterhalten von einem Roman, der eine Arbeitswelt beschreibt, in der ich mich persönlich gut wiederfinden kann. Ich denke, alle Leser, die im Bereich E-Commerce oder im Bereich Online-Marketing für ein Internetunternehmen arbeiten, werden ihre tägliche Arbeitswelt so oder ähnlich wiederfinden, und sich mit der Hauptfigur und ihren Einstieg in den Circle identifizieren können. Weiterlesen

XLVIII. Sonntag mit Proust: Wiederauftauchende Erinnerung an die verstorbene Großmutter

„Und so, in einem wahnsinnigen Verlangen, mich in ihre Arme zu stürzen, erfuhr ich erst jetzt, in diesem Augenblick, mehr als ein Jahr nach ihrer Beerdigung – auf Grund jenes Anachronismus, durch den so oft der Kalender der Tatsachen mit dem Kalender der Gefühle nicht zusammenfällt -, daß sie gestorben war. Ich hatte seit jenem Augenblick oft von ihr gesprochen und auch an sie gedacht, aber hinter meinen Worten und Gedanken eines undankbaren, egoistischen, grausamen jungen Menschen hatte niemals etwas gestanden, was meiner Großmutter ähnlich sah, weil ich in meinem Leichtsinn, meiner Vergnügungssucht, meiner Gewöhnung an den Anblick ihrer Krankheit die Erinnerung an das, was sie gewesen war, nur in virtuellem Zustand noch weiterhin in mir trug. In welchem Augenblick wir sie auch betrachten, immer hat unsere seelische Ganzheit nur einen beinahe fiktiven Wert trotz der umfangreichen Bilanz ihrer Reichtümer, denn bald stehen die einen, bald die anderen nicht zu unserer Verfügung, und zwar die effektiven Schätze ebensowenig wie diejenigen der Einbildungskraft, und für mich zum Beispiel, ganz wie die des einstigen Namens Guermantes, die noch so viel schwerwiegenderen der wahren Erinnerung an meine Großmutter.“

Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Teil 4.1: Sodom und Gomorra. Dtsch. von Eva Rechel-Mertens, Frankfurt: Suhrkamp, 1982, S. 218 f.