Der philosophische und poetische Mittwoch: Was es ist

Es ist Unsinn
sagt die Vernunft
Es ist was es ist
sagt die Liebe

Es ist Unglück
sagt die Berechnung
Es ist nichts als Schmerz
sagt die Angst
Es ist aussichtslos
sagt die Einsicht
Es ist was es ist
sagt die Liebe

Es ist lächerlich
sagt der Stolz
Es ist leichtsinnig
sagt die Vorsicht
Es ist unmöglich
sagt die Erfahrung
Es ist was es ist
sagt die Liebe

Erich Fried „Es ist was es ist. Liebesgedichte, Angstgedichte, Zorngedichte“, Berlin 1996.

Am philosophischen Mittwoch: Homer S. meets Aristoteles

Somit ergibt sich …, dass es sich, bei allem Suchen, doch dem Wissen entzieht, was glücklich (leben) bedeutet und was das (oberste) Gut im Leben ist.

– Aristoteles: Eudemische Ethik, 1216a10

Ich kann nicht so nach 08/15-Muster vor mich hin leben wie du. Ich will alles! Die erschüttternden Tiefs, die berauschenden Hochs und das sahnige Dazwischen! Sicher, ein paar Puritaner und Blaustrümpfe werden über meine arrogante Art und meinen Moschusgeruch schockiert sein, und ich werde auch nie zum Liebling der so genannten Stadtväter, die sich die Zungen wetzen und über die Bärte streichen und beraten, was mit diesem unmöglichen Homer  Simpson geschehen soll.“

– Homer Simpson: „Lisas Rivalin“, The Simpsons, Episode 102

>> Wer der Meinung ist, in der amerikanischen Serie über die nette gelbe Familie aus Springfield läge keine Philosophie, der sollte sich eines Besseren belehren lassen: „Die Simpsons und die Philosophie“ hrsg. v. William Irwin, Mark T. Conrad und Aeon J. Skoble, Piper Verlag München 2009 (amerikan. Erstausgabe 2001)

Der philosophische Mittwoch: Welttag der Erkenntnis

I.

Von der Logik überhaupt

Unsre Erkenntnis entspringt aus zwei Grundquellen des Gemüts, deren die erste ist, die Vorstellungen zu empfangen (die Rezeptivität der Eindrücke), die zweite das Vermögen, durch diese Vorstellungen einen Gegenstand zu erkennen (Spontaneität der Begriffe); durch die erstere wird uns ein Gegenstand gegeben, durch die zweite wird dieser im Verhältnis auf jene Vorstellung (als bloße Bestimmung des Gemüts) gedacht. Anschauung und Begriffe machen also die Elemente aller unsrer Erkenntnis aus, so daß weder Begriffe, ohne ihnen auf einige Art korrspondierende Anschauung, noch Anschauuung ohne Begriffe, ein Erkenntnis abgeben können. Beide sind entweder rein, oder empirisch. Empirisch, wenn Empfindung (die die wirkliche Gegenwart des Gegenstandes voraussetzt) darin enthalten ist: rein aber, wenn der Vorstellung keine Empindung beigemischt ist. Man kann die letztere die Materie der sinnlichen Erkenntnis nennen. Daher enthält reine Anschauung lediglich die Form, unter welcher etwas angeschaut wird, und reiner Begriff allein die Form des Denkens eines Gegenstandes überhaupt.

Nur allein reine Anschauungen oder Begriffe sind a priori möglich, empirische nur a posteriori.

Immanuel Kant: Kritik der reinen Vernunft. Felix Meiner Verlag Hamburg, 1998. Hier: Der Transzendentalen Elementarlehre Erster Teil Die Transzendentale Ästhetik § 1. A 19/B 33

>>Wunderbarer Blogartikel zu diesem Mega-Werk der Philosophie, der mich so wunderbar an mein Studium erinnert und all die Geisteskranken ;): http://sichtenundordnen.wordpress.com/2013/04/09/kritik-der-reinen-vernunft/

Der philosphische Mittwoch: Simone de Beauvoir und das andere Geschlecht

Doch der Mensch liebt die Schwierigkeit nicht; er fürchtet sich vor der Gefahr. Mit sich selber im Widerspruch, strebt er gleichzeitig nach Leben und Ruhe, nach Existenz und Sein; er weiß wohl, daß die „Unruhe des Geistes“ der Preis für seine Entwicklung ist und seine Entfremdung vom Objekt der Preis für seine Gegenwart bei sich selbst; aber er träumt von Ruhe in der Unruhe und von einer dichten Fülle, in der dennoch sein Bewußtsein Raum zum Wohnen hat. Die Gestaltwerdung dieses Traums ist nun eben die Frau; sie ist das ersehnte Mittlere zwischen der dem Menschen fremden Natur und einem Gleichen, das ihm selbst allzu identisch wäre.

Simone de Beauvoir: Das andere Geschlecht – Sitte und Sexus der Frau. Rowohlt-Verlag Erstausgabe 1951 (Französisches Original 1949) Hier Ausgabe v. 1968 S. 153

Der philosophische Mittwoch und der Frühlingsanfang …

Frühling Frühling Frühling Frühling Frühling Frühling Frühling Frühling Frühling Frühling Frühling Frühling Frühling Frühling Frühling Frühling Frühling Frühling Frühling Frühling Frühling Frühling Frühling Frühling Frühling Frühling Frühling Frühling Frühling Frühling Frühling Frühling Frühling Frühling Frühling Frühling Frühling Frühling Frühling Frühling Frühling Frühling Frühling Frühling Frühling Frühling Frühling Frühling Frühling Frühling Frühling Frühling Frühling Frühling Frühling Frühling Frühling Frühling Frühling Frühling Frühling Frühling Frühling Frühling Frühling Frühling Frühling Frühling Frühling Frühling Frühling Frühling Frühling Frühling Frühling Frühling Frühling Frühling Frühling Frühling Frühling Frühling Frühling Frühling Frühling Frühling Frühling Frühling Frühling Frühling Frühling Frühling Frühling Frühling Frühling Frühling Frühling Frühling Frühling Frühling Frühling Frühling Frühling Frühling Frühling Frühling Frühling Frühling Frühling Frühling Frühling Frühling Frühling Frühling Frühling Frühling Frühling Frühling Frühling Frühling Frühling Frühling Frühling Frühling Frühling Frühling Frühling Frühling Frühling Frühling Frühling Frühling Frühling Frühling Frühling

…wann?

Der philosophische Mittwoch: Jean-Paul Sartre – „La Nausée“

Ich kaufe im Vorbeigehen eine Zeitung. Sensationell. Die Leiche der kleinen Lusienne ist gefunden worden! Geruch von Druckerschwärze, das Papier knittert zwischen meinen Fingern. Das niederträchtige Individuum hat die Flucht ergriffen. Das Kind ist vergewaltigt worden. Als man seine Leiche gefunden hat, waren seinen Finger in den Schlamm gekrallt. Ich knülle die Zeitung zu einer Kugel zusammen, meine Finger sind in die Zeitung gekrallt; Geruch von Druckerschwärze; mein Gott, wie stark die Dinge heute existieren. Die kleine Lusienne ist vergewaltigt worden. Erwürgt. Ihre Leiche existiert noch, ihr geschundenes Fleisch. Sie existiert nicht mehr. Ihre Hände. Sie existieren nicht mehr. Die Häuser. Ich gehe zwischen den Häusern, ich bin zwischen den Häusern, ganz aufrecht auf dem Pflaster, das Pflaster unter meinen Füßen existiert, die Häuser schlagen über mir zusammen, wie das Wasser über mir zusammenschlägt auf dem Schwanenbergpapier, ich bin. Ich bin, ich existiere, ich denke, also bin ich; ich bin, weil ich denke, warum denke ich? Ich will nicht mehr denken, ich bin, weil ich denke, daß ich nicht sein will, ich denke, daß ich… weil  … puh! Ich fliege, das niederträchtige Individuum hat die Flucht ergriffen, ihr Körper vergewaltigt. Sie hat dieses andere Fleisch gefühlt, das sich in sie hineinschob. Ich … es ist soweit, daß er … Vergewaltigt. (…)

Jean-Paul Sartre: Der Ekel. Gesammelte Werke in Einzelausgaben Bd. 1 Rowohlt Taschenbuch Verlag 50. Auflage 2006 S. 160f.

Der philosophische Mittwoch: Erst das Fressen und dann die Moral

Zweites Dreigroschen-Finale

1
Ihr Herrn, die ihr uns lehrt, wie man brav leben
Und Sünd und Missetat vermeiden kann
Zuerst müßt ihr uns was zu fressen geben
Dann könnt ihr reden: damit fängt es an.
Ihr, die ihr euren Wanst und unsre Bravheit liebt
Das eine wisset ein für allemal:
Wie ihr es immer dreht und wie ihr’s immer schiebt
Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral.
Erst muß es möglich sein auch armen Leuten
Vom großen Brotlaib sich ihr Teil zu schneiden.
Denn wovon lebt der Mensch? Indem er stündlich
Den Menschen peinigt, auszieht, anfällt, abwürgt und frißt,
Nur dadurch lebt der Mensch, daß er so gründlich
Vergessen kann, daß er ein Mensch doch ist.
Ihr Herren, bildet euch nur da nichts ein:
Der Mensch lebt nur von Missetat allein.

2

Ihr lehrt uns, wann ein Weib die Röcke heben
Und ihre Augen einwärts drehen kann.
Zuerst müßt ihr uns was zu fressen geben
Dann könnt ihr reden: damit fängt es an.
Ihr, die auf unsrer Scham und eurer Lust besteht
Das eine wisset ein für allemal:
Wie ihr es immer schiebt, wie ihr es immer dreht
Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral.
Erst muß es möglich sein auch armen Leuten
Vom großen Brotlaib sich ihr Teil zu schneiden.
Denn davon lebt der Mensch? Indem er stündlich
Den Menschen peinigt, auszieht, anfällt, abwürgt und frißt.
Nur dadurch lebt der Mensch, daß er so gründlich
Vergessen kann, daß er ein Mensch doch ist.
Ihr Herren, bildet euch nur da nichts ein:
Der Mensch lebt nur von Missetat allein.

Bertolt Brecht: Dreigroschenoper- Nach John Gays »The Beggar’s Opera«, Suhrkamp-Verlag 200 (Erste Auflage 1968, geschrieben u. uraufgeführt 1928)

Der philosopische Mittwoch: Willard van Orman Quine und „Platons Bart“

Interessant am Problem der Ontologie ist seine Einfachheit. Es kann mit drei deutschen Wörtern beschrieben werden: „Was gibt es?“ Mehr noch, es kann mit einem einzigen Wort beantwortet werden: „alles“ – und jeder würde diese Antwort als wahr akzeptieren. Doch damit ist noch nicht mehr gesagt als daß es gibt, was es gibt. Die Möglichkeit verschiedener Auffassungen über einzelne Fälle bleibt bestehen und damit hat dann das Problem auch Jahrhunderte überlebt.

Nehmen wir an, zwei Philosophen, Ixhausen und ich, haben verschiedene Auffassungen zur Ontologie. Angenommen Ixhausen behauptet, es gebe etwas, wovon ich behaupte, daß es es nicht gibt. Ixhausen kann nun, ganz im Einklag mit seiner Auffassung, unsere Meinungsverschiedenheit dadurch beschreiben, daß er sagt, ich würde mich weigern, gewisse Entitäten anzuerkennen. Natürlich würde ich einwenden, er habe unsere Meinungsverschiedenheit falsch formuliert, da ich ja darauf bestehe, daß es überhaupt keine Entitäten der von ihm behaupteten Art gibt, die ich anerkennen oder nicht anerkennen könnte. Doch daß ich seine Formulierung falsch finde ist unwichtig, da ich ja seine Ontologie ohnehin als falsch ansehen muß.

Wenn ich hingegen versuche, unsere Meinungsverschiedenheit zu formulieren, scheine ich in Schwierigkeiten zu kommen. Ich kann nicht zugeben, daß es Dinge gibt, die Ixhausen anerkennt und ich nicht; indem ich dies zugeben würde, widerspräche ich ja gerade meiner Ablehnung jener Dinge.

Wenn diese Überlegungen stimmten, müßte es so scheinen, als habe in einer Kontroverse zur Ontologie der Vertreter der negativen Seite den Nachteil, nicht zugeben zu können, daß es zwischen ihm und seinem Gegner eine Meinungsverschiedenheit gibt.

Dies ist nun das alte platonische Rätsel des Nicht-Seins. In gewissem Sinne muß Nicht-sein sein; was andernfalls wäre das, was nicht ist? Man könnte dieser verwickelten Doktrin den Spitznamen „Platons Bart“ geben; in ihrer Geschichte hat sie sich als so hartnäckig erwiesen, daß Ockhams Rasiermesser oft stumpf an ihr wurde.

Willard van Orman Quine: Was es gibt (I, S. 9 ff., Ausgabe leider unbekannt, Philosophie-Reader)

>> Wie schön wäre es, wenn bei so mancher heiß geführten Online-Diskussion jemand auf dieses Grundproblem der Ontologie hinweisen würde, das meiner Meinung nach nicht gelöst werden kann. Wofür gibt es die meisten Argumente, dass etwas ist oder nicht ist? Aber geht es wirklich darum oder ist das rein ein Problem der Sprache und Bezeichnung von Dingen, die damit zu Meinungsverschiedenheiten führen können?

Der kunstphilosophische Mittwoch mit Marc-Uwe Kling: Art 2.0

Wir stehen im Museum und begaffen eine Nackte von Picasso. Unter dem Gemälde kleben eine Unmenge Post-it-Zettel. Auf dem oberen steht:
Da finde ich sohgar Britney Spiers noch geiler, die fette Schlammpe.
Gemäß dem neuen Museumskonzept kann jeder Besucher unter den Kunstwerken Kommentare hinterlassen.
Boah. Wo hatt die denn ihre Titten?
„Der neue Name hätte uns stutzig machen müssen“, sagt das Känguru.
Hatte die echt eckige Titten?
„Du meinst, dass sie das Museum für moderne Kunst jetzt MyMuseum nennen?“
Kennt ihr das Bild von Britney Spears ohne Slib, wo mann ihre Muschi sieht? Dass solten die lieber hier aufhengen.
„Und dass es umsonst war, man sich aber registrieren musste, um die Bilder zu sehen“, sagt das Känguru.
„Ich hätte lieber bezahlt“, sagte ich.
„Ich finde das ganze Art 2.0-Konzept nicht so überzeugend.“
Unter dem Pollock-Gemälde an der Wand gegenüber hängen noch mehr Zettel. Diesmal regt sich das Känguru richtig auf.
„Was denn?“, frage ich.
So ein Geschmiere hätte ich auch abliefern können„, steht da. Das Känguru geht zum Post-it-Block und nimmt den Stift. „Lass doch“, sage ich. „Das bringt doch nichts.“
Aber es lässt sich nicht abhalten.
Hast du aber nicht, Schwachkopf„, kommentiert es den Kommentar.
Der Mann, der neben uns gestanden hat, tritt zum Block.
Selber Schwachkopf„, klebt er unter den Zettel des Kängurus. „O je“, denke ich, als sich das Känguru gerade aufmacht, eine weitere Replik zu verfassen, „das wird wieder länger dauern.“

Marc-Uwe Kling: Die Känguru-Chroniken, Ullstein-Verlag (19. Auflage) 2009 S. 206