Markus Gabriel: „Warum es die Welt nicht gibt“ (2013)

„Das Leben, das Universum und der ganze Rest … vermutlich hat sich jeder schon häufig die Frage gestellt, was das alles eigentlich soll. Worin befinden wir uns? Sind wir nur eine Anhäufung von Elementarteilchen in einem riesigen Weltbehälter? Oder haben unsere Gedanken, Wünsche und Hoffnungen eine eigene Realität, und wenn ja: welche? Wie können wir unsere Existenz oder sogar Existenz im Allgemeinen verstehen? Und wie weit reicht unsere Erkenntnis?(…)“ (S. 9)

Fragen über Fragen, für die Prof. Dr. Markus Gabriel in seinem philosophischen Sachbuch „Warum es die Welt nicht gibt“ nach einer Antwort sucht.

Das Nachdenken über diesen Buchtitel jagt dem philosophisch interessierten Leser einen Schauer über den Rücken – ein mutiger und provozierender Titel, der ein spannendes Programm voraussagt und sich einer negativen Ontologie  verschreibt. Daher weckte dieses Buch mein unbedingtes Interesse. Denn wenn es die Welt nicht gibt, was gibt es dann oder gibt es dann überhaupt gar nichts? Träumen wir unser Sein? Wie schön es wäre, sich dann schlafend den Leben hinzugeben. Aber das kann es ja wohl nicht sein. Um herauszufinden, was es mit dieser Behauptung auf sich hat, folgte ich Markus Gabriel in seinem Buch auf seine Gedankenreise in die Erkenntnistheorie und wurde sehr überrascht, zum Nachdenken und Überdenken angeregt und äußerst gut unterhalten (mancher mag es nicht glauben, aber Philosophie kann äußerst unterhaltsam sein!)

Der Autor

Markus Gabriel (Jahrgang 1980 und damit nur 2 Jahre älter als ich) ist laut Ullstein Verlag angeblich der jüngste Philosophie-Professor Deutschlands. Er hat in Bonn seit 2009 den Lehrstuhl für Erkenntnistheorie inne und ist derzeit Leiter des internationalen Zentrums für Philosophie in Bonn. Seine Schwerpunkte in Forschung und Lehre liegen im Bereich der Erkenntnistheorie, Metaphysik, Religionsphilosophie und Ästhetik. Seine Curriculum Vitae liest sich sehr beeindruckend, so dass man sich fragt, wo er neben all diesen Tätigkeiten die Zeit hergenommen hat, dieses Buch zu verfassen, dem man in jeder Zeile anmerkt, dass Herr Gabriel eine große Leidenschaft für die ausgeklügelten Gedankenübungen des menschlichen Geistes hegt, die wir Philosophie nennen.Markus Gabriel_warum es die welt nicht gibt

Philosophie mit Spielfreude: Warum gibt es die Welt nicht?

„ Es wäre irrig anzunehmen, dass unsere Überzeugungen oder wissenschaftliche Modelle wie Zerrbrillen auf unserem geistigen Auge sitzen, so dass wir immer nur die Menschenwelt, die Welt, wie sie unseren Interessen gemäß interpretiert ist, niemals aber die Welt an sich erkennen. Denn auch die Menschenwelt gehört zur Welt an sich oder in der Sprache der Sinnfeldontologie: Einige Sinnfelder sind nur für Menschen zugänglich, und sie sind genauso real wie Sinnfelder, mit deren Tatsachen Menschen niemals in Berührung kommen werden.“ (S. 134) Weiterlesen

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Der philosophische Mittwoch: Jean-Paul Sartre über die Vergangenheit

In diesem Sinn bin ich meine Vergangenheit. Ich habe sie nicht, ich bin sie: was man mir über eine Handlung sagt, die ich gestern getan habe, eine Stimmung, die ich gehabt habe, läßt mich nicht gleichgültig: ich bin verletzt oder geschmeichelt, ich rege mich darüber auf oder kümmere mich nicht darum, ich bin bis ins Mark getroffen. Ich distanziere mich nicht von meiner Vergangenheit. Zwar kann ich auf lange Sicht eine solche Distanzierung versuchen, ich kann erklären, daß ‚ich nicht mehr das bin, was ich war‘, eine Veränderung, einen Fortschritt vorgeben. Aber es handelt sich um eine sekundäre Reaktion, die sich als solche darbietet. Meine Seinssolidarität mit meiner Vergangenheit in diesem und jenem besonderen Punkt verneinen heißt sie für die Gesamtheit meines Lebens bejahen. An der Grenze, in dem … Augenblick meines Todes, werde ich nur noch meine Vergangenheit sein. Sie allein wird mich dann definieren.

Jean-Paul Sartre: Das Sein und das Nichts. Versuch einer phänomenologischen Ontologie, Rowohlt Verlag (Hier aus: Gesammelte Werke Bd. 3, Reinbek 1962, S. 229)

Der philosophische Mittwoch: Knietief in der Philosophie

Schein und Sein

METAPHYSIK kann man als den Versuch definieren, eine Theorie des Weltganzen zu entwickeln. Sie soll beschreiben, wie die Welt in Wirklichkeit ist, nicht, wie die Welt uns vorkommt, wie sie uns erscheint. Auf diese Weise hat die Metaphysik die Welt gewissermaßen erst erfunden. Wenn wir von „der Welt“ sprechen, meinen wir alles, was wirklich der Fall ist, oder anders: die Wirklichkeit. Dabei liegt es nahe, uns Menschen aus der Gleichung „die Welt = alles, was wirklich der Fall ist“ rauszustreichen. Denn man nimmt ja an, dass es einen Unterschied gibt zwischen den Dingen, wie sie uns erscheinen, und den Dingen, wie sie wirklich sind. Um herauszufinden, wie sie wirklich sind, muss man also sozusagen alles Menschengemachte am Erkenntnisprozess abziehen. Jetzt stecken wir schon knietief in der Philosophie.

Markus Gabriel: Warum es die Welt nicht gibt, Ullstein Verlag Berlin, 2013. Hier S. 10 f.

Der philosophische Mittwoch und Descartes Meditationen

Descartes_Meditationen_ReclamWürde mir jemand im Wachen ganz plötzlich erscheinen und gleich wieder verschwinden, ganz wie im Traum, nämlich ohne daß ich merkte , woher er gekommen oder wohin er gegangen, so würde ich mit Recht meinen, das sei ein Gespenst oder ein Wahngebilde meines Gehirns statt ein wirklicher Mensch. Begegnen mir aber solche Dinge, bei denen ich deutlich bemerke, woher sie kommen, wo sie sind und wann sie sich ereignen, steht ihre Wahrnehmung durchaus in stetigem Zusammenhang mit meinem ganzen übrigen Leben, so weiß ich gewiß, daß ich dabei nicht träume, sondern wache. Habe ich dann noch alle Sinne, das Gedächtnis und den Verstand angerufen, um jene Wahrnehmungen zu prüfen, und hat keiner von ihnen mir etwas vermeldet, was mit den andern in Widerstreit steht, so darf ich nicht den geringsten Zweifel mehr an ihrer Wahrheit hegen. Denn da Gott kein Betrüger ist, folgt, daß ich in solchen Fällen überhaupt nicht getäuscht werde.
Allerdings bleibt uns im Drang der Geschäfte nicht immer die Zeit zu einer so genauen Prüfung, deshalb muß ich gestehen, daß das menschliche Leben im Bereich der einzelnen Dinge oft Irrtümern unterliegt, ich muß die Schwäche unserer Natur anerkennen.

René Descartes: Meditationes de Prima Philosophia. ( Lateinisch/Deutsch) Reclam Stuttgart 2001

Der philosophische Mittwoch mit Erich Fromm: Haben oder Sein

Die Alternative Haben oder Sein leuchtet dem gesunden Menschenverstand nicht ein. Haben, so scheint es uns, ist etwas ganz Normles im Leben; um leben zu können, müssen wir Dinge haben, ja, wir müssen Dinge haben, um uns an ihnen zu erfreuen. In einer Gesellschaft, n der es das oberste Ziel ist, zu haben und immer mehr zu haben, in der man davon spricht, ein Mann sei „eine Million wert“: wie kann es da eine Alternative zwischen Haben oder Sein geben? Es scheint im Gegenteil so, als bestehe das eigentliche Wesen des Seins im Haben, so daß nicht ist, wer nichts hat. (…)

Fassen wir zusammen: Konsumieren ist eine Form des Habens, vielleicht die wichtigste in den heutigen „Überflußgesellschaften“; Konsumieren ist etwas Zweideutiges. Es vermindert die Angst, weil mir das Konsumierte nicht weggenommen werden kann, aber es zwingt mich auch, immer mehr zu konsumieren, denn das einmal Konsumierte hört bald auf, mich zu befriedigen. Der moderne Konsument könnte sich mit der Formel identifizieren: Ich bin, was ich habe und was ich konsumiere.

Erich Fromm: Haben oder Sein. DTV-Verlag München 1976 (hier: 33. Auflage 2005) S. 29ff.

Der philosophische Mittwoch: Welttag der Erkenntnis

I.

Von der Logik überhaupt

Unsre Erkenntnis entspringt aus zwei Grundquellen des Gemüts, deren die erste ist, die Vorstellungen zu empfangen (die Rezeptivität der Eindrücke), die zweite das Vermögen, durch diese Vorstellungen einen Gegenstand zu erkennen (Spontaneität der Begriffe); durch die erstere wird uns ein Gegenstand gegeben, durch die zweite wird dieser im Verhältnis auf jene Vorstellung (als bloße Bestimmung des Gemüts) gedacht. Anschauung und Begriffe machen also die Elemente aller unsrer Erkenntnis aus, so daß weder Begriffe, ohne ihnen auf einige Art korrspondierende Anschauung, noch Anschauuung ohne Begriffe, ein Erkenntnis abgeben können. Beide sind entweder rein, oder empirisch. Empirisch, wenn Empfindung (die die wirkliche Gegenwart des Gegenstandes voraussetzt) darin enthalten ist: rein aber, wenn der Vorstellung keine Empindung beigemischt ist. Man kann die letztere die Materie der sinnlichen Erkenntnis nennen. Daher enthält reine Anschauung lediglich die Form, unter welcher etwas angeschaut wird, und reiner Begriff allein die Form des Denkens eines Gegenstandes überhaupt.

Nur allein reine Anschauungen oder Begriffe sind a priori möglich, empirische nur a posteriori.

Immanuel Kant: Kritik der reinen Vernunft. Felix Meiner Verlag Hamburg, 1998. Hier: Der Transzendentalen Elementarlehre Erster Teil Die Transzendentale Ästhetik § 1. A 19/B 33

>>Wunderbarer Blogartikel zu diesem Mega-Werk der Philosophie, der mich so wunderbar an mein Studium erinnert und all die Geisteskranken ;): http://sichtenundordnen.wordpress.com/2013/04/09/kritik-der-reinen-vernunft/

Der philosphische Mittwoch: Simone de Beauvoir und das andere Geschlecht

Doch der Mensch liebt die Schwierigkeit nicht; er fürchtet sich vor der Gefahr. Mit sich selber im Widerspruch, strebt er gleichzeitig nach Leben und Ruhe, nach Existenz und Sein; er weiß wohl, daß die „Unruhe des Geistes“ der Preis für seine Entwicklung ist und seine Entfremdung vom Objekt der Preis für seine Gegenwart bei sich selbst; aber er träumt von Ruhe in der Unruhe und von einer dichten Fülle, in der dennoch sein Bewußtsein Raum zum Wohnen hat. Die Gestaltwerdung dieses Traums ist nun eben die Frau; sie ist das ersehnte Mittlere zwischen der dem Menschen fremden Natur und einem Gleichen, das ihm selbst allzu identisch wäre.

Simone de Beauvoir: Das andere Geschlecht – Sitte und Sexus der Frau. Rowohlt-Verlag Erstausgabe 1951 (Französisches Original 1949) Hier Ausgabe v. 1968 S. 153

Der philosopische Mittwoch: Willard van Orman Quine und „Platons Bart“

Interessant am Problem der Ontologie ist seine Einfachheit. Es kann mit drei deutschen Wörtern beschrieben werden: „Was gibt es?“ Mehr noch, es kann mit einem einzigen Wort beantwortet werden: „alles“ – und jeder würde diese Antwort als wahr akzeptieren. Doch damit ist noch nicht mehr gesagt als daß es gibt, was es gibt. Die Möglichkeit verschiedener Auffassungen über einzelne Fälle bleibt bestehen und damit hat dann das Problem auch Jahrhunderte überlebt.

Nehmen wir an, zwei Philosophen, Ixhausen und ich, haben verschiedene Auffassungen zur Ontologie. Angenommen Ixhausen behauptet, es gebe etwas, wovon ich behaupte, daß es es nicht gibt. Ixhausen kann nun, ganz im Einklag mit seiner Auffassung, unsere Meinungsverschiedenheit dadurch beschreiben, daß er sagt, ich würde mich weigern, gewisse Entitäten anzuerkennen. Natürlich würde ich einwenden, er habe unsere Meinungsverschiedenheit falsch formuliert, da ich ja darauf bestehe, daß es überhaupt keine Entitäten der von ihm behaupteten Art gibt, die ich anerkennen oder nicht anerkennen könnte. Doch daß ich seine Formulierung falsch finde ist unwichtig, da ich ja seine Ontologie ohnehin als falsch ansehen muß.

Wenn ich hingegen versuche, unsere Meinungsverschiedenheit zu formulieren, scheine ich in Schwierigkeiten zu kommen. Ich kann nicht zugeben, daß es Dinge gibt, die Ixhausen anerkennt und ich nicht; indem ich dies zugeben würde, widerspräche ich ja gerade meiner Ablehnung jener Dinge.

Wenn diese Überlegungen stimmten, müßte es so scheinen, als habe in einer Kontroverse zur Ontologie der Vertreter der negativen Seite den Nachteil, nicht zugeben zu können, daß es zwischen ihm und seinem Gegner eine Meinungsverschiedenheit gibt.

Dies ist nun das alte platonische Rätsel des Nicht-Seins. In gewissem Sinne muß Nicht-sein sein; was andernfalls wäre das, was nicht ist? Man könnte dieser verwickelten Doktrin den Spitznamen „Platons Bart“ geben; in ihrer Geschichte hat sie sich als so hartnäckig erwiesen, daß Ockhams Rasiermesser oft stumpf an ihr wurde.

Willard van Orman Quine: Was es gibt (I, S. 9 ff., Ausgabe leider unbekannt, Philosophie-Reader)

>> Wie schön wäre es, wenn bei so mancher heiß geführten Online-Diskussion jemand auf dieses Grundproblem der Ontologie hinweisen würde, das meiner Meinung nach nicht gelöst werden kann. Wofür gibt es die meisten Argumente, dass etwas ist oder nicht ist? Aber geht es wirklich darum oder ist das rein ein Problem der Sprache und Bezeichnung von Dingen, die damit zu Meinungsverschiedenheiten führen können?