Der kunstphilosophische Mittwoch mit Marc-Uwe Kling: Art 2.0

Wir stehen im Museum und begaffen eine Nackte von Picasso. Unter dem Gemälde kleben eine Unmenge Post-it-Zettel. Auf dem oberen steht:
Da finde ich sohgar Britney Spiers noch geiler, die fette Schlammpe.
Gemäß dem neuen Museumskonzept kann jeder Besucher unter den Kunstwerken Kommentare hinterlassen.
Boah. Wo hatt die denn ihre Titten?
„Der neue Name hätte uns stutzig machen müssen“, sagt das Känguru.
Hatte die echt eckige Titten?
„Du meinst, dass sie das Museum für moderne Kunst jetzt MyMuseum nennen?“
Kennt ihr das Bild von Britney Spears ohne Slib, wo mann ihre Muschi sieht? Dass solten die lieber hier aufhengen.
„Und dass es umsonst war, man sich aber registrieren musste, um die Bilder zu sehen“, sagt das Känguru.
„Ich hätte lieber bezahlt“, sagte ich.
„Ich finde das ganze Art 2.0-Konzept nicht so überzeugend.“
Unter dem Pollock-Gemälde an der Wand gegenüber hängen noch mehr Zettel. Diesmal regt sich das Känguru richtig auf.
„Was denn?“, frage ich.
So ein Geschmiere hätte ich auch abliefern können„, steht da. Das Känguru geht zum Post-it-Block und nimmt den Stift. „Lass doch“, sage ich. „Das bringt doch nichts.“
Aber es lässt sich nicht abhalten.
Hast du aber nicht, Schwachkopf„, kommentiert es den Kommentar.
Der Mann, der neben uns gestanden hat, tritt zum Block.
Selber Schwachkopf„, klebt er unter den Zettel des Kängurus. „O je“, denke ich, als sich das Känguru gerade aufmacht, eine weitere Replik zu verfassen, „das wird wieder länger dauern.“

Marc-Uwe Kling: Die Känguru-Chroniken, Ullstein-Verlag (19. Auflage) 2009 S. 206

Der philosophische Mittwoch: Gadamer meets Bellmer – Die Aktualität des Schönen

Was veranlaßte die Philosophie, sich auf das Schönste zu besinnen? Angesichts der rationalistischen Gesamtorientierung an der mathematischen Gesetzmäßigkeit der Natur und ihrer Bedeutung für die Meisterung der Naturkräfte scheint die Erfahrung des Schönen und der Kunst ein Bereich der äußersten subjektiven Beliebigkeit. Das war der große Aufbruch des 17. Jahrhunderts. Was kann das Phänomen des Schönen hier überhaupt beanspruchen? Die antike Erinnerung vermag uns immerhin klarzumachen, daß im Schönen und in der Kunst eine über alles Begreifliche hinausgehende Bedeutsamkeit begegnet. Wie wird ihre Wahrheit erfaßt? Alexander Baumgarten, der Begründer der philosophischen Ästhetik, sprach von einer cognitio sensitiva, einer sinnlichen Erkenntnis. „Sinnliche Erkenntnis“ ist für die große Tradition von Erkenntnis, die wir seit den Griechen pflegen, zunächst ein Paradox. Erkenntnis ist etwas immer erst, wenn es die subjektive sinnliche Bedingtheit hinter sich gelassen hat un die Vernunft, das Allgemeine und das Gesetzhafte in den Dingen begreift. (…)

Hans-Georg Gadamer: Die Aktualität des Schönen. Philipp Reclam jun. Stuttgart 2006 (Erstauflage 1977) S. 20-21.

Hans Bellmer_La Poupée

Hans Bellmer: La Poupée, 1936-38 Fotografie, Originalabzug, VG Bild-Kunst Bonn 2011

Der philosophische Mittwoch: Hannah Arendt und der Wind des Denkens

Das Vermögen der Beurteilung von Einzelnem (wie es Kant herausgearbeitet hat) – daß man sagen kann: „Das ist unrecht“, „Das ist schön“ usw. – ist nicht dasselbe wie das Denkvermögen. Das Denken beschäftigt sich mit Unsichtbarem, mit Vorstellungen von Abwesendem; die Urteilskraft hat stets mit Einzeldingen und mit Zuhandenem zu tun. Doch beide hängen miteinander zusammen, wie auch Bewußtsein und Gewissen. Das Denken – das Zwei-in-einem des stummen Zwiegesprächs – aktualisiert den Unterschied in unserer Identität, wie er im Bewußtsein gegeben ist, uns so entsteht als Nebenprodukt das Gewissen; die Urteilskraft, das Nebenprodukt der befreienden Wirkung des Denkens, bringt es in der Erscheinungswelt zur Geltung, wo ich nie allein bin und immer viel zu beschäftigt, um denken zu können. Der Wind des Denkens äußert sich nicht in Erkenntnis; er ist die Fähigkeit, recht und unrecht, schön und häßlich zu unterscheiden. Und diese kann – in den seltenen Augenblicken, da die Einsätze gemacht sind – in der Tat Katastrophen verhindern, mindestens für das Selbst.

Hannah Arendt: Vom Leben des Geistes. Das Denken. Das Wollen. Piper Verlag München 1998 (Erstausgabe 1971) S. 191 (Das Denken)

>> Empfehlen möchte ich allen Interessierten an politischer Philosophie und Existenzphilosophie den aktuellen Kinofilm über Hannah Arendt, der sehr gut ist, klug, klar und brillant gespielt von Barbara Sukowa in der Rolle der jüdisch-deutsch-amerikanischen Philosophin Hannah Arendt. Darin erfährt man nicht nur wie emotional und fürsorglich im Privaten Hannah Arendt war und wie brillant, radikal und konsequent in ihrem Denken. Wie kann man das Böse erklären … ? Hannah Arendt hat es gewagt in der „Banalität des Bösen“. Mehr zum Film gibts hier.

Der philosophische Mittwoch: David Hume und die natürliche Religion

Früher war es ein höchst beliebter theologischer Gemeinplatz zu behaupten, das menschliche Leben sei Eitelkeit und Elend, sowie all die Übel und Schmerzen, denen der Mensch ausgesetzt ist, in den Vordergrund zu rücken. Doch seit einigen Jahren sehen wir, wie die Geistlichkeit sich langsam von dieser Position zurückzieht und, freilich noch mit einigem Zögern, behauptet, selbst in diesem Leben gebe es mehr Gutes als Übel, mehr Freude als Schmerz. Solange die Religion vollkommen auf Gemüt und Erziehung aufbaute, hielt man es für richtig, eine melancholische Stimmung zu fördern. Denn in keiner anderen Verfassung nehmen die Menschen so bereitwillig zu höheren Mächten Zuflucht wie in dieser. Doch seitdem die Menschen gelernt haben, Grundsätze aufzustellen und Folgerungen zu ziehen, ist es unumgänglich, eine andere Taktik einzuschlagen und sich solcher Argumente zu bedienen, die zumindest in einem gewissen Maße der Kontrolle und Überprüfung standhalten (…)

David Hume: „Dialoge über natürliche Religion“, Reclam Stuttgart, 2007, S. 121 (Teil 11)

Der philosophische Montag: Wie Platon die Liebe zum Ziele führen

Ich aber sage es von allen, Männern und Frauen, daß auf solche Weise unser Geschlecht glücklich werde, wenn wir die Liebe zum Ziele führten, rückkehrend zur alten Natur. Wenn dies das Beste ist, so muß von dem jetzt Bestehenden das Beste sein, was ihm am nächsten kommt, das ist: einen Geliebten zu finden, der nach unserm Sinn geartet ist. Und wenn wir dem Gott singen wollen, der dieses wirkt, so gebührt es, dem Eros zu singen, welcher in der Gegenwart uns am meisten hilft und uns zum Verwandten führt, für die Zukunft aber uns die größten Hoffnungen schenkt, wenn wir die Götter verehren, daß er uns in die uralte Natur zurückversetze und uns heile, uns selig und glücklich mache.“

Platon: Das Gastmahl oder Von der Liebe, Übertragen und eingeleitet von Kurt Hildebrandt, Reclam Stuttgart 2003, S. 61 [193 C] (Neuübersetzung 2006)

Der „Philosophische Montag“ – Friedrich Schiller und die schöne Seele

So wie die Anmut der Ausdruck einer schönen Seele ist, so ist Würde der Ausdruck einer erhabenen Gesinnung.

Es ist dem Menschen zwar aufgegeben, eine innige Übereinstimmung zwischen seinen beiden Naturen zu stiften, immer ein harmonierendes Ganze zu sein und mit seiner vollstimmigen ganzen Menschheit zu handeln. Aber diese Charakterschönheit, die reifste Frucht seiner Humanität, ist bloß eine Idee, welcher gemäß zu werden er mit anhaltender Wachsamkeit streben, aber die er bei aller Anstrengung nie ganz erreichen kann.

Der Grund, warum er es nicht kann, ist die unveränderliche Einrichtung seiner Natur; es sind die physischen Bedingungen seines Daseins selbst, die ihn daran verhindern. Um nämlich seine Existenz in der Sinnenwelt, die von Naturbedingungen abhängt, sicherzustellen, mußte der Mensch, da er als ein Wesen, das sich nach Willkür verändern kann, für seine Erhaltung selbst zu sorgen hat, zu Handlungen vermocht werden, wodurch jene physischen Bedingungen seines Daseins erfüllt und, wenn sie aufgehoben sind, wieder hergestellt werden können. (…)

Die schöne Seele muß sich also im Affekt in eine erhabene verwandeln, uns das ist der untrügliche Probierstein, wodurch man sie von dem guten Herzen oder der Temperamentstugend unterscheiden kann. (…)

Die Temperamentstugend sinkt also im Affekt zum bloßen Naturprodukt herab; die schöne Seele geht ins Heroische über und erhebt sich zur reinen Intelligenz. Beherrschung der Triebe durch die moralische Kraft ist Geistesfreiheit, und Würde heißt ihr Ausdruck in der Erscheinung.

Friedrich Schiller: „Über Anmut und Würde“ hrsg. v. Klaus L. Berghahn, Philipp Reclam Jun. Stuttgart 1971, S. 113 u. S. 119.