Wilhelm Genazinos ironische Liebeserklärungen an das Gewöhnliche

In der linken Augenbraue eines Kindes entdecke ich ein winziges Brotkrümel.. Ein Brotkrümel in einer Kinderaugenbraue! Dieses Detail treibt mir eine verschwindend kleine Menge Tränenflüssigkeit in die Augen. Ich genieße diese Augenblicke, obwohl ich gerade neben einem Verkaufsstand für Babynahrung stehe und mich der Geruch der Babynahrung ein bißchen ekelt. Unter dem Eindruck des Ekels verstummt meine Innenwelt, was selten genug geschieht. Ich weiß seit langer Zeit, daß es eine Art von Glück ist, wenn man plötzlich nicht mehr weiß, was man sagen oder denken soll.“

(aus: Mittelmäßiges Heimweh)

Es wiederholt sich immer wieder in den Romanen Genazinos; ein Mann mittleren Alters stromert so durch sein Leben, durch den Alltag, liegt auf dem Bett, betrachtet seine Socken oder das Licht oder eine Zigarette. Irgendetwas passiert, aber es ist kein hollywoodreifes Spektakel was entsteht, nichts schlägt ins Drama um; es ist schlimm, jemand verliert ein Ohr oder seinen Job, aber so ist es nunmal, das Leben.

Ich mag Genazinos Beschreibungen voller Nüchternheit und ohne Spektakel sehr. Sie sind wie ein Blick in den Sternenhimmel, der einen beruhigt und zeigt: So ist es eben. So ist es und du kannst es nicht ändern. Oder doch? Genazino

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Der philosophische Mittwoch: Die Zeitstruktur der Alltagswelt

 Die Zeitstruktur der Alltagswelt mit ihren vorrangierten Reihenfolgen legt sich nicht nur über die „Tagesordnung“ meiner Tage, sondern über meinen gesamten Lebenslauf. Im Koordinatensystem der Zeitstruktur halte ich mich nicht nur an meine Tagesordnung, sondern auch an die meines Lebens. Uhr und Kalender vergewissern mich, daß ich tatsächlich ein „Mensch meiner Zeit“ bin. Und nur in dieser ihrer zeitlichen Strukturiertheit erhält die Alltagswelt für mich den Akzent der Wirklichkeit. So fühle ich mich „desorientiert“, wenn ich etwa nach einem Autounfall wieder zum Bewußtsein komme. Ich fühle einen instinktiven Drang, mich zu „reorientieren“, hinein in die Zeitstruktur der Alltagswelt. Ich sehe auf meine Uhr und versuche mich zu erinnern, was für ein Tag heute ist. Mit diesem Akt kehre ich in die Wirklichkeit der Alltagswelt zurück.

Peter L. Berger u. Thomas Luckmann „Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit“ Fischer-Verlag F. a. M. 21. Auflage 2007 S. 31.