XXXV. Sonntag mit Proust

„Madame de Guermantes besaß für mich in einer durch Liebenswürdigkeit, durch Achtung gegenüber geistigen Werten gezähmten und fügsam gewordenen Form die Energie und den Reiz eines grausamen kleinen Mädchens der Aristokratie aus der Umgegend von Combray, das von Kindheit an ritt, den Katzen das Rückgrat zerschmetterte, den Hasen die Augen ausriß, aber eine Blume an Tugend geblieben war, hätte jedoch auch, da sie die gleiche Art von Eleganz besaß, viele Jahre zuvor die glanzvollste Geliebte des Prinzen von Sagan sein können. Nur war sie unfähig zu begreifen, was ich in ihr gesucht hatte – den Reiz des Namens Guermantes, und was an wenigem davon ich gefunden hatte: einen provinziellen Rest von Guermantes. Unsere Beziehungen beruhen auf einem Mißverständnis, das eines Tages offenbar werden müßte, sobald meine Verehrung, anstatt sich an die vergleichsweise ungewöhnliche Frau zu wenden, welche sie zu sein glaubte, einer anderen ebenso mittelmäßigen, aber den gleichen unwillkürlichen Charme ausströmenden gelten würde. Es ist dies ein so natürliches Mißverständnis, das immer zwischen einem träumerischen jungen Mann und einer Frau von Welt stehen, ihn aber tief im Innersten beunruhigen wird, solange er die Natur seiner Einbildungskraft noch nicht erkannt und sich noch nicht mit den unvermeidlichen Enttäuschungen abgefunden hat, welche die Menschen ebenso wie Theater, Reisen und selbst Liebe ihm bereiten müssen.“

Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Teil 3.2: Die Welt der Guermantes, Dtsch. von Eva Rechel-Mertens, Frankfurt: Suhrkamp, 1982, S. 664.

XXIV. Sonntag mit Proust: Über Frauensammlungen

Des Proustschen Protagonisten interessante Ansicht über den partnerschaftlichen Umgang mit Frauen:

Ich kann es hier sagen, obwohl ich damals noch nicht wußte, was später geschehen sollte. Sicher ist es vernünftiger, sein Leben an Frauen als an Briefmarken, alte Schnupftabakdosen oder sogar Bilder und Statuen zu wenden. Nur sollte uns das Beispiel dieser anderen Sammlungen zum Wechsel veranlassen, zu dem Prinzip, nicht nur eine einzige Frau zu haben, sondern viele Frauen. Die reizenden Verbindungen, die eine junge Person mit einer Strandlandschaft, dem steinernen Haargeflecht einer Statue an einer Kirche oder einem Kupferstich eingeht, mit allem, um dessentwillen man in einer Frau, sooft sie ins Zimmer tritt, einen bezaubernden Abglanz liebt, sind nicht sehr dauerhaft. Sobald man ganz und gar mit einer Frau lebt, sieht man an ihr nichts mehr von dem, um dessentwillen man sie geliebt hat; sicherlich kann die Eifersucht zum Beispiel diese beiden getrennten Elemente wieder vereinigen. (…) Doch ich eile Jahre voraus. Jedenfalls kann ich hier nur bedauern, daß ich nicht einsichtsvoll genug gewesen bin, mir einfach eine Frauensammlung zuzulegen (…).

Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Teil 3.2: Die Welt der Guermantes, Dtsch. von Eva Rechel-Mertens, Frankfurt: Suhrkamp, 1982

Siri Hustvedt: „Was ich liebte“, Roman (2003)

Aber wir alle leben in den eingebildeten Geschichten, die wir uns selbst von unserem Leben erzählen. (S. 393)

Alles verschwindet, irgendwann. In diesem Roman verschwinden Menschen, weil sie sterben oder verlassen, Dinge verschwinden, weil sie gestohlen werden, und am Ende verschwindet das Sehvermögen des Protagonisten Leo Hertzberg. Selten endet ein Roman so leise, als würde er aus meinem Leben langsam verschwinden. Doch seine Figuren und Bilder wirken in mir weiter, wie das häufig der Fall ist, wenn man etwas verliert. Als ich die letzten Zeilen dieses Buchs las, verlor ich mehrere Begleiter meines Herbstes in diesem Jahr. Doch der Reihe nach.

Vorweg muss ich gestehen: Ich bin voreingenommen. Ich liebe dieses Buch besonders, vielleicht weil ich mich so mit dem Protagonisten identifizieren kann, der Kunsthistoriker ist, wie ich auch. Ich liebe diesen Roman, weil er vom Verschwinden der Liebe und von Gefühlen erzählt, vom Älterwerden, von Kunst und der Konstruktion von Wahrheit und Wirklichkeit. Siri Hustvedt schreibt in ihrem Buch von allem, was ich lieb(t)e.  Weiterlesen