Klassiker der Weltliteratur: „Fahrenheit 451“ von Ray Bradbury

Fahrenheit 451_Bradbury451 Fahrenheit (entspricht ca. 232  Grad Celsius) ist die Temperatur, bei der Papier anfängt zu brennen. In Bradburys dystopischem Roman stellen Bücher, die heute unser höchstes Kulturgut sind, eine Gefahr und Geißel der Menschheit dar. Daher müssen sie verbrannt und damit vernichtet werden, um den Menschen von der Mühsal des sinnlosen Nachdenkens zu befreien und eine ganz der Vergnügung anheimfallende hedonistische Gesellschaft der Unterhaltung zu erschaffen.

„Aufs Geratewohl schlug er das Buch auf und warf einen Blick hinein. „Wir fangen wohl am besten an, indem wir anfangen.“ „Er wird hereinkommen“, stöhnte Mildred. „Er wird uns mitsamt den Büchern verbrennen!“ Schließlich summte der Türmelder. Eine Stille trat ein. Montag spürte, daß jemand vor der Tür stand, wartete, horchte. Dann hörte er Schritte, die sich entfernten. „Wir wollen einmal sehen, was das ist.“, sagte Montag. Er brachte die Worte nur stockend hervor und mit schrecklicher Befangenheit. Dann las er ein Dutzend Seiten da und dort und stieß schließlich auf folgende Stelle: „Schätzungsweise haben elftausend Menschen zu verschiedenen Zeiten lieber den Tod erlitten, als sich der Regel zu unterwerfen, Eier am spitzen Ende aufzuschlagen.“ (S. 84)

Der Science-Fiction- und Drehbuchautor Ray Bradbury entwirft eine Zukunftsvision, die  jeden leidenschaftlichen Leser und wissbegierigen Bildungsbürger zutiefst erschreckt: Der Besitz von Büchern in diesem Staat ist strafbar, absolut verboten und wird mit dem Tod geahndet. Das Ziel ist eine Gesellschaft der unmündigen nicht-denkenden konformen Bürger, die mit Drogen ruhig gestellt und durch Unterhaltungsapparate bei Laune gehalten werden, damit keine Langeweile aufkommt. Der Autor schrieb diesen Roman im Amerika der 50er Jahre, einige Jahre nach dem zweiten Weltkrieg und erkannte die Zeichen der Zeit, die sich in seiner Romanhandlung zu einer Dystopie verdichten und zuspitzen. Die amerikanische Gesellschaft war nach dem Atomkrieg verstört und müde, und sehnte sich nach Ruhe und Harmonie – nach Vergnügung. Damals begann der Siegeszug der Fernsehunterhaltung und die amerikanische Familie schaute sich allabendlich am heimischen Fernseher die ersten Quiz-, Musikshows und Fernsehsendungen sowie Serien an. Der amerikanische Film hatte nach dem Krieg mit James Dean und Marilyn  Monroe eine neue Blütezeit – Amerika wollte unterhalten werden. Hier beginnt „Fahrenheit 451“. Weiterlesen

XLII. Sonntag mit Proust: Man halte sich lieber an tote Autoren

„Ungewiß, ob Ibsen oder d´Annunzio tot oder lebendig waren, sah er schon, wie Schriftsteller und Dramaturgen seiner Frau Besuche machten und sie in ihren Werken nannten. Die Angehörigen der großen Welt stellen sich Bücher gern wie eine Art Würfel vor, deren eine Fläche man abgenommen hat, so daß nun der Autor nichts Eiligeres zu tun hat als die Personen, die er trifft, in sie „hineinzutun“. Das ist offenbar illoyal, aber sie sind ja auch nur Leute von geringer Bedeutung. Gewiß wäre es nicht übel, sie „en passant“ kennenzulernen; denn dank ihnen kann man, wenn man ein Buch oder einen Artikel liest, den anderen „in die Karten“ schauen oder „ihr wahres Gesicht“ hinter der Maske erspähen. Dennoch ist es klug, sich lieber an tote Autoren zu halten.“

Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Teil 4.1: Sodom und Gomorra. Dtsch. von Eva Rechel-Mertens, Frankfurt: Suhrkamp, 1982, S. 98.

Unser Bücherjahr 2013

Auch in diesem Jahr möchten wir hier mit unserem ganz persönlichen Jahresrückblick auf die Bücher zurückschauen, die uns am meisten beeindruckt oder enttäuscht haben. Jede von uns hat ihre eigene Lesegeschichte und Motivation, unterschiedliche Bücher fanden den Weg in unsere Gedanken. Manche blieben, andere verflogen sofort.

Laura: Dieses Jahr habe ich 43 Bücher (durch)gelesen (Fachliteratur mal ausgenommen :). Da ich immer ziemlich genau das lese, was gerade thematisch in eine aktuelle Lebensphase passt, waren einige trivialere Romane dabei, die mich aber auch unter Berücksichtigung ihres Genres weniger überzeugen konnten. Auf der anderen Seite sind mir dieses Jahr einige sehr nachhaltig beeindruckende Bücher begegnet, die ich irgendwann einmal auch wiederholt lesen will, weil sie mit hoher Wahrscheinlichkeit „Lebens-Lesebegleiter“ sind. Daher musste ich bei unserer Auswahl der fünf beeindruckendsten Bücher auf zwei verzichten, die mich darüber hinaus faszinierten: Monika Zeiners „Die Ordnung der Sterne über Como“ und „Die Wand“ von Marlen Haushofer.

Katja: Ich habe in diesem Jahr insgesamt 29 Bücher gelesen, daraus die 5 beeindruckendsten und wichtigsten auszuwählen, fällt mir nicht leicht. Es waren viele gute dabei, die nicht vorgekommen sind. Ich wähle sehr akribisch aus, womit ich meine Lesezeit verbringe, manchmal wage ich ein Buch und dann werde ich enttäuscht. So ist das mit Büchern, ähnlich wie mit Menschen. Manche werden zu Freunden, andere kommen und gehen. Außer Konkurrenz und daher nicht in meiner Übersicht aber unbedingt zu erwähnen sind Dostojewskis „Idiot“ und Huxleys „Schöne neue Welt“ – großartige literarische Klassiker und hohe unterhaltsame wenn auch nicht immer leicht zu entschlüsselnde Erzählkunst, die auch manchmal ihre Längen hat. Es lohnt sich, durchzuhalten. Weiterlesen

Der philosophische Mittwoch: Rainer Maria Rilke über Bücher und Bilder

Nur der kann wirklich über ein Buch oder ein Bild klar sein, der es besitzt. Gelegentlich gesehene Galeriebilder verwirren. Wir nehmen in den Augen neben ihnen – selbst wenn sie in einem Raume isoliert hängen – den Eindruck dieses fremden Raumes, irgendeine Geste des Galeriedieners und vielleicht überdies die Erinnerung an einen Geruch mit, der nun in ungerechter Weise unser Gedenken aufdringlich begleitet. Das alles, welches unter bestimmten Umständen als eine Ergänzung der Stimmung wirken könnte, ist in seiner grausamen Stillosigkeit und Zufälligkeit brutal.(…)

Bei Büchern ist das ganz ebenso. Ein mir gewohntes Exemplar erzählt mir seine Sache mit aller Vertraulichkeit. Je öfter ich es benütze, je näher liegt es mir, ihm einfaml die Geschichte zu erzählen, während es den Zuhörer spielt. Ein befreundetes Buch geht gern und willig diesen munteren Wechsel ein, und es erwachsen gar schöne Situationen daraus. Mit der Zeit steht in dem Buch das Zehnfache von dem, was es wirklich gedruckt enthält; ich lese miene eigenen Erinnerungen und Gedanken immer wieder mit. Es ist nicht mehr in dem Deutsch von dem und jenem geschrieben, es ist mein ureigenstes Idiom. Aber dasselbe Buch in einer anderen Ausgabe ist wie ein Mensch, der mir irgendwo in der Fremde begegnet und von dem ich kaum zu sagen weiß, ob er mir nur vom Vorübergehen oder vom Verkehr bekannt sei.

Rainer Maria Rilke: Tagebücher, 54-56, in: Herbst. Insel Verlag Frankfurt 2007

XXXII. Sonntag mit Proust

„Aber es gab noch eine andere Ursache, die ich mir, da ich zu jener Zeit mehr Bücher als Menschen und die Literatur besser als die Gesellschaft kannte, erklärte, in dem ich mir vor Augen stellte, daß die Herzogin, die ganz in diesem Leben der Gesellschaft aufging, dessen Tatenlosigkeit und Unfruchtbarkeit zu einem wirklichen Leben unter Menschen in dem Verhältnis stehen wie in der Kunst die Kritik zum Schöpfertum, wohl auf die Personen ihrer Umgebung die Wandelbarkeit der Gesichtspunkte, die ungesunde Sucht übertrug, mit der jemand auf der Suche nach Möglichkeiten allzu trockene Gemüter aufzufrischen, nach irgendeinem noch einigermaßen neuen Paradoxon greift und sich deshalb nicht geniert, einen frischen Wind durch Äußerung der Meinung aufzubringen, die schönere „Iphigenie“ sei die von Piccini und nicht dir von Gluck, notfalls auch, daß die wahre „Phädra“ die von Prado sei.“

Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Teil 3.2: Die Welt der Guermantes, Dtsch. von Eva Rechel-Mertens, Frankfurt: Suhrkamp, 1982, S. 621.

Gute Bücher, böse Bücher – Teil I

Was ist eigentlich ein gutes Buch? Wenn man einmal näher über diese Frage nachdenkt, merkt man erst, wie absurd sie ist. Können denn Bücher gut oder böse sein?

Bisher habe ich noch nirgends gelesen oder gehört, dass ein Rezensent von einem „bösen Buch“  abgeraten hätte? Ich stelle mir gerade vor, wie das böse Buch mich in meinen Träumen verfolgt und mir meinen literarischen Verstand vernebelt … Aber vielleicht gibt es diese Bücher ja, die an sich etwas „Böses“ wollen und die von vorn herein darauf angelegt sind, dem Leser zu schaden … Seltsame Vorstellung. Dabei drängt sich mir gleich der Gedanke des politisch Unkorrekten auf. Bücher, die einen Inhalt haben, der irgendwie anrüchig ist oder an die gesellschaftlichen und politischen Grenzen stößt, gelten von Staatswegen als „böse“. Warum? Weil sie uns verführen wollen, weil sie uns ihre Worte einflüstern und in unseren Verstand eindringen wollen …

Wenn wir von einem „guten Buch“ reden, meinen wir jedoch meistens ein gut geschriebenes Buch, d.h. ein Buch mit einem empfehlenswerten Inhalt und einer Geschichte, die es wert ist, gelesen zu werden. Das Pendant dazu wäre dann das „schlechte Buch“, welches schlecht geschrieben wurde oder eine Geschichte enthält, die „schlecht“ erzählt wurde.

An dieser allgemeinen Definition von einem „guten Buch“ stört mich, dass es so zahlreiche Gründe gibt, warum man einem Buch dieses Attribut zuschreiben möchte, wie es Leser gibt. Wenn mir jemand ein Buch mit den Worten „Das ist ein gutes Buch“ empfiehlt, bin ich immer skeptisch und frage: Warum? Um einem Leser ein Buch als „gut“ zu empfehlen, müsste man jedes Mal vorher klären, was man darunter versteht.

Mit welchen Erwartungen liest man ein Buch oder besser die verschiedenen Arten von Büchern? Legt man Wert auf bestimmte sprachliche Qualitäten? Geht es einem mehr um einen spannenden Handlungsverlauf oder eine ausgefeilte Figurencharakteristik und Protagonisten, mit denen man sich identifizieren kann? Zu diesen Fragen gibt es wiederum zahlreiche unterschiedliche Antworten, die man auch je nach Leseerfahrung und individueller Persönlichkeit zu jedem Zeitpunkt seines Leselebens unterschiedlich beantworten würde. Wenn ein Leser ein Buch aus bestimmten gut dargelegten Gründen spannend und lesenswert empfindet, kann ein anderer dies aus eben jenen Gründen auch gleichzeitig ablehnen.

Damit will ich sagen – es kommt immer auf die Perspektive an und weder ein Buch noch ein Leser sind nur schwarz oder weiß. Daher gilt es immer gründlich zu hinterfragen, von welchem Standpunkt aus der einzelne Leser ein Buch als „gut“ befindet und damit meint, dass er es Lesern, die mit ähnlicher Intension lesen wie er selbst, auch empfehlen würde. Ich würde mich gern mit jedem einzelnen Buchempfehler immer gern zunächst über seine Lesevorlieben und Erfahrungen unterhalten und ihn näher kennen lernen. Nur so kann ich verstehen, wie die Worte gemeint sind, die seine Buchbesprechung enthalten. Das heißt nicht, dass ich mich nicht auch mal von einer Rezension spontan verführen lasse, dieses oder jenes Buch zu lesen ohne Näheres über den Rezensenten zu wissen.

Es geht mir einfach darum, dass Bücher als kleine Mikrokosmen so individuell und besonders sind, dass  immer ein zweiter Blick nötig ist, wenn man sich mit Ihnen angemessen beschäftigen möchte. Und so geht es mir auch mit Buchbesprechungen oder –empfehlungen. Alle Bücher sind es wert, dass man mehrmals hinschaut und sie ernsthaft betrachtet. Diese Aussage löst nun wiederum eine Diskussion um den Wert des Buches aus und was für mich ein wertvolles Buch ausmacht. Dabei steht hier außer Frage, dass ich diesen im Allgemeinen hoch einschätze J

Ich möchte nichts vorweg nehmen, weil ich in einem bald folgenden Artikel näher erläutern werde, worin für mich als Leser der Wert eines Buches besteht, das wie die Axt für das gefrorene Meer in mir wirkt, und wie ich meine Bücherwahl treffe. Man verzeihe mir die Verwendung dieses bekannten Zitates eines Prager Autors, den ich persönlich sehr mag …

… Fortsetzung folgt …

Über das Lesen

Über das LesenZu lesen ist die schönste und erfüllendste mit (intellektueller) Arbeit verbundene Tätigkeit, die ich mir vorstellen kann. Lesend die Welt wahrnehmen und erfahren bedeutet, über sich selbst hinauszuwachsen und in die Gedanken- und Fantasiewelt eines anderen einzutauchen. Auf keine andere Art und Weise kann ein Mensch direkter und unmittelbarer aus seinem Selbst heraustreten und etwas über sich und andere Menschen lernen. Beim Lesen erweitert man nicht nur den eigenen Horizont, sondern gewinnt durch das Einnehmen des Blickwinkels eines anderen neue Sichtweisen auf die bisher bekannte Welt. Lesen bedeutet daher auch sehen, erkennen und verstehen.

Während man in die Gedankenwelt des Wortes eintaucht, wird man vom Schreibenden und Erzählenden als desjenigen, der durch seine ausformulierten Worte eine neue Welt erschafft, mitgenommen auf eine Reise. Je eindringlicher und metaphorischer diese Worte gewählt werden, desto unterhaltsamer, aufregender und gewinnbringender kann diese Reise sein …
Worte vermögen nicht nur Welten zu erschaffen, sondern gleichfalls zu vernichten. Umso intensiver das Gefühl, wenn die eine bestimmte Erzähleinheit lang andauernde Reise zu Ende geht, man traurig und ein wenig wehmütig zurückgelassen wird und sich von dieser erschaffenen Welt verabschieden muss … Diese erzählte Welt wird während des Lesens nicht nur zur eigenen Welt, sondern auch zur eigenen Zeit und zum gedanklichen Raum, während dessen die „wirklichen“ Faktoren Raum und Zeit undeutlicher und nebensächlicher werden. Ein Buch zu Ende zu lesen, ist, als verliere man einen guten Freund.

Lesen ist ein Er-lebnis und ein Be-greifen –
Beim Lesen verändert sich etwas im Menschen und es ist dadurch als Akt etwas so Besonderes, weil man dabei im Zwiegespräch mit dem eigenen Geist steht und dieses sonst so abstrakte nicht zu greifende oder erklärende „Ich“ irgendwie ein Stück weit fassbarer wird. Das Beste am Menschen kommt durch das Lesen zu seinem eigentlichen Bewusstsein: Die Fähigkeit durch die Kraft der Imagination, die Einbildungskraft abstrakte Welten zu erschaffen, die jenseits aller physischen Erfahrung bestehen können …

Und all dies bloß durch Worte – geschrieben, um gelesen zu werden …