[Rezension] Sofi Oksanen: „Fegefeuer“

Sofi Oksanen_FegefeuerIch bin so oberflächlich. Dieses Mal bin ich auf eine tolle Schriftstellerin aufmerksam geworden, weil mir ihr Aussehen so sympathisch war. Eine skandinavische Schriftstellerin mit schwarz-farbigen Dreadlocks und im Gothic-Style: das mag ich. Sofi Oksanen, die zur Frankfurter Buchmesse im vergangenen Herbst als Schriftstellerin des Gastlands Finnland überall auftauchte, schrieb bereits vor Jahren ihren Roman „Fegefeuer“, der mir bisher noch nicht begegnet war. Diesmal war jedoch meine Neugier geweckt und ich las das Buch, mit dem ihr der „literarische Durchbruch“ gelang.

„Fegefeuer“ ist die packende Geschichte zweier Frauen in Estland. Die jüngere der beiden, Zara, liegt zu Beginn der 1990er Jahre bei der allein lebenden Aliide Tru im Hof. Wie sich herausstellt, ist sie nicht zufällig bei Aliide gestrandet, denn diese könnte die Schwester ihrer Großmutter sein. Doch die Geheimnisse Zaras entwickeln sich langsam aus den, teils gelogenen, Brocken heraus, die Aliide nach und nach aus ihr herausbekommt. Es entwickelt sich ein Vertrauensverhältnis zwischen den beiden Frauen. Gleichzeitig erfährt der Leser durch Rückblenden in die Zeit des Zweiten Weltkrieges bis in die 1980er Aliides Geschichte, die ebenso voller düsterer Überraschungen steckt.

Beide Frauen haben Abhängigkeit, Gewalt, Betrug und verzweifelten Selbstschutz erleben müssen.

Wieder geriet Zara in Panik. Sie verstand, dass sie eine Erklärung für ihr abgerissenes Äußeres brauchte, aber was könnte das sein? Warum hatte sie sich nicht auch das vorher zurechtgelegt? Die Gedanken hoppelten mit langen Beinen davon, und sie konnte sie nicht einholen; die langohrigen Wahrheiten, die kurzbeinigen Lügen ließen sie im Stich, leerten ihr den Kopf, leerten ihr Augen und Ohren. Verzweifelt stoppelte sie ein paar Worte zu einem Satz zusammen …“

Weiterlesen

Nino Haratischwilis literarische Reise durch das Jahrhundert

P1010608_kl

„Die Welt tanzte einen Reigen. Die Skelette unter der Erde gaben den Rhythmus vor. Die Rosen wuchsen nur noch schwarz. Alle Wege fühlten sich an wie Hängebrücken, schwankend, jederzeit zum Absturz bereit. Sogar der Schnee bekam eine bläuliche Färbung. Der Himmel war durchlöchert; Einschusslöcher sah man auch am Horizont und die Sonne strahlte zwar müde vor sich hin, konnte aber nicht mehr wärmen.
Im Flüsterton sprachen sich die Bäume ab und erhängten sich gegenseitig an den Ästen.“

Vor einigen Wochen schrieb ich über „Das achte Leben (Für Brilka)“ von Nino Haratischwili, es sei ein Buch „das man langsam und genüsslich liest, sich auf der Zunge zergehen lässt wie Schokolade.“ Nun habe ich das seitenreiche Buch, welches am 01.09.14 erschien, durchgelesen und möchte meine Eindrücke präzisieren und mit euch teilen.

Ja, es stimmt, das Buch hat nicht nur inhaltlich viel mit geheimnisvoller Schokolade zu tun, deren Rezept sich durch die Familie Jaschi weitervererbt. Sondern es liest sich auch wie Schokolade, allerdings wie zartbittere. Denn es handelt sich nicht um ein Buch, das sich nur schön wegliest. Es beschönigt ganz und gar nicht die geschichtlichen Ereignisse, die eng mit denen der Figuren verknüpft sind. Im Gegenteil: Haratischwili beschreibt traumatische Geschehnisse im Leben von Kitty oder der Erzählerin Niza sehr genau und verschont den Leser nicht. Man wird von Niza an die Hand genommen und durch ein ereignisreiches Jahrhundert geführt, dem sie durchaus kritisch gegenüber steht. Weiterlesen