[Rezension] David Foster Wallace: „Der bleiche König“ und D.T. Max: „Jede Liebesgeschichte ist eine Geistergeschichte. David Foster Wallace – Ein Leben“

DSC01806Am Ende bleibt nur ein Haufen Manuskriptseiten in einer Garage. Als sich der amerikanische Schriftsteller David Foster Wallace im September 2008 das Leben nimmt, hinterlässt er den unvollendeten Roman „Der bleiche König“. Ich bin sicher, er wäre großartig geworden.

Aber je fragmentarischer eine Erinnerung ist, desto authentischer fühlt sie sich komischerweise an. Ich frage mich, ob irgendein Mensch das Gefühl hat, er wäre noch derselbe wie der, an den er sich erinnert. Wahrscheinlich bekäme er einen Nervenzusammenbruch. Wahrscheinlich ergäbe es überhaupt keinen Sinn.“

Der Herausgeber Michael Pietsch hat sich der Aufgabe gewidmet, sich durch seitenweise Manuskriptseiten und unzählige Notizen des perfektionistischen Autoren zu arbeiten, um sie in Form eines unfertigen Romans zu veröffentlichen.

Es geht um den vielleicht langweiligsten Job überhaupt: im amerikanischen Finanzamt IRS. Vermutlich kann nur Foster Wallace die Angestellten dort, ihre Einstellung, ihre Feierabende, ihre skurrilen Kinder, ihren Alltag … so beschreiben, dass man es gerne und interessiert liest und sogar wissen will, wie es weitergeht. Die mit durchnummerierten Paragraphen überschriebenen Kapitel sind fragmentartig zusammen gestellt. Sie geben Einblicke in das Leben und vor allem Arbeiten der verschiedenen Personen, die im IRS angestellt sind. Dabei gibt es weder „einen“ Protagonisten, was in „Unendlicher Spaß“ ähnlich ist, noch eine runde Handlung oder klare Struktur. Letzteres ist sicherlich dem geschuldet, dass der Roman unvollendet blieb. Weiterlesen

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Unser persönlicher Jahresrückblick in Büchern

Es ist wieder soweit: Das Jahr 2014 geht zu Ende und wir blicken auf ein Jahr voller großartiger oder auch enttäuschender Leseerlebnisse zurück. Aus über 84 Büchern, die wir dieses Jahr gelesen haben, suchen wir die für uns persönlich am interessantesten oder ernüchterndsten heraus und ziehen hier ein Resümee. Nicht jedes Buch war ein Lesevergnügen, aber wir haben viel daraus gelernt. Es bleiben am Ende nur unsere persönlichen Eindrücke. Möge sich jeder Leser selbst eine Meinung bilden, uns widersprechen oder seinen Eindruck mit uns teilen.

Die 5 überzeugendsten Bücher des Jahres

P1050376… von Katja:

Siri Hustvedt: „Leben, Denken, Schauen“ (Essays)

Siri Hustvedt ist einfach eine großartige Autorin und hat mich auch mit ihren Essays total überzeugt. Denn sie verknüpft auf sehr unterhaltsame, kluge Weise literaturwissenschaftliche, soziologische, psychologische und philosophische Gedanken, die zum Nachdenken anregen und einen unheimlichen Wissensschatz beherbergen.

Aléa Torik: „Das Geräusch des Werdens“

Aléa Torik war für mich ja schon DIE Entdeckung des letzten Jahres und hält auch im zweiten Roman wieder, was ich erwartet habe. Ihr Debütroman über die Verflechtungen der Bewohner eines rumänischen Dorfes verknüpft Poesie und originelle Erzählkunst. Ein eindrucksvolles Leseerlebnis!

Jonathan Safran Foer „Extrem laut und unglaublich nah“

Die Geschichte des kleinen traurigen Oskars, der in New York nach dem 11. September seinen Vater sucht, hat mich nachdrücklich berührt. Jonathan Safran Foer gehört für mich zu meinen absoluten Lieblingsautoren, die ich jedem empfehlen würde.

Virginia Woolf: „Mrs. Dalloway“

Virginia Woolf ist als Frau und Schriftstellerin die Vorreiterin der modernen englischen Literatur. „Mrs. Dalloway“ ist literarisch und stilistisch großartig und sollte von jedem gelesen werden.

Ray Bradbury „Fahrenheit 451“

Dieser Klassiker der Science-Fiction-Literatur hat nicht unbedingt des höchsten sprachlichen Anspruch, ist aber vom Inhalt her wahnsinnig interessant und hochspannend: Eine frühe Dystopie über die moderne Unterhaltungsgesellschaft, die Bücher verbrennt und unter Strafe stellt und ihre Gesellschaft mit Drogen ruhig stellt.

 … von Laura:

Aléa Torik: „Aléas Ich“

Ein bemerkenswerter Roman über Fiktionalität, Stadtleben, Identität und das Spiel mit der Wirklichkeit. Die fiktive Autorin schreibt auf innovative und eindrucksvolle Weise über eine Figur ihres Namens und die Entstehung eines Romans, den der Leser in den Händen hält.

Hier der Link zu einem Interview von Katja mit Aléa Torik zum Roman.

David Foster Wallace: „In alter Vertrautheit“ (Stories)

Wer sich bisher noch nicht an David Foster Wallace herangetraut hat, findet in den Stories einen guten Einstieg: Es geht um skurrile Alltäglichkeiten, umfangreich recherchierte Details, schillernde Charaktere und das alles ist in einer postmodernen einfallsreichen Sprache verpackt.

Eine Besprechung zu zwei Storybänden von David Foster Wallace findet ihr hier.

Wolfgang Herrndorf: „Arbeit und Struktur“

Dieses Buch hat mich dieses Jahr ganz besonders bewegt. Es handelt sich um die gedruckte Form des Blogs, den Herrndorf hier veröffentlichte, ursprünglich um seine Freunde an seiner Auseinandersetzung mit der Diagnose Glioblastom teilhaben zu lassen.

An dieser Stelle findet er mehr meiner Eindrücke und Gedanken zum Buch.

David Mitchell: „Die tausend Herbste des Jacob de Zoet“

Mitchell, der mich bereits durch seinen „Wolkenatlas“ beeindruckte, erzählt in diesem umfangreichen Roman von Niederländern im 18. Jahrhundert in Japan und die Geschichte Jacob de Zoets, der sich in die japanische Hebamme Orito verliebt. Eine klassisch-stringente Erzählung die eine große Sogwirkung entfaltet und die eine oder andere Überraschung bereithält.

Link zur Rezension des Buches

Siri Hustvedt: „The Blazing World“

Siri Hustvedt hat mich dieses Lesejahr nicht nur durch ihre Essays beeindruckt, sondern auch durch ihren jüngsten Roman, in dem es um die Künstlerin Harriet Burden geht, die ihre Werke von drei männlichen Stellvertretern ausstellen lässt. Wie häufig bei der Autorin geht es um Fragen der Identität, um den Kunstmarkt, Gender und Psychologie.

Link zur Rezension des Buches

Die 5 enttäuschendsten Bücher des Jahres

P1050377… von Laura:

David Wonschewski: „Geliebter Schmerz. Melancholien“

Geschichten, die die Melancholie und den Schmerz als wertvoll für das Leben und die menschliche Erfahrung erscheinen lassen wollen, die aber bemüht und teils klischeebelastet daherkommen, langweilen und letztlich belanglos bleiben.

Link zur Besprechung der Geschichten

Joel Haahtela: „Der Schmetterlingssammler“

Seichte Lektüre für zwischendurch, deren einziger Höhepunkt im Ende besteht, wenn es auf eine psychologische Erklärung der Handlung hinausläuft… Ansonsten: uninteressante Charaktere mit überstrapazierten Bildern (Schmetterlinge, altes, verlassenes Haus, Staub im lichtdurchfluteten Zimmer, geheimnisvolles Erbe…).

Edouard Lévé: „Selbstmord“

Ein Erzähler richtet sich in 2.Person Plural an jemanden, der sich umgebracht hat – das klang vielversprechend, besonders unter Berücksichtigung dessen, dass Lévé selbst sich nach Abgabe des Manuskripts umbrachte. Doch es geschieht nichts, man erfährt nicht viel über den Selbstmörder und sonderlich nah geht es leider auch nicht.

Pierre Michon: „Leben der kleinen Toten“

Michons kleine Geschichten von Menschen, die bereits tot sind, sind derart schwurbelig und „auf alt gemacht“ geschrieben, dass es nur langweilt, sie zu lesen. Ich musste das Buch, das ich für unseren Literaturkreis lesen wollte, aus Motivationslosigkeit leider abbrechen.

Helwig Arenz: „Der böse Nik“

In Arenz´ Debütroman geht es vorwiegend um Grenzüberschreitungen moralischer Art, Gesetzesbrüche und das Leben unter Drogeneinfluss. Das Buch liest sich unterhaltsam und bitterböse, und es weist einige wenige poetische Stellen auf, die aber für den krachenden, ereignisreichen Gesamtkontext zu leise sind, und darin untergehen.

Link zur Besprechung von mir auf „Das Debüt“

… von Katja:

David Mitchell „Der Wolkenatlas“

Leider für mich eine kleine Enttäuschung und nicht so überzeugend, wie es für Laura es war. Die Geschichte war für mich nicht rund, schlüssig und stringent erzählt und hat mich einfach nicht so gepackt.

Dave Eggers „Der Circle“

Dieser Roman über den Twitter-Facebook-Google ähnlichen Konzern „The Circle“, der als bahnbrechende Dystopie angekündigt wurde, fand ich völlig inspirationslos und überschätzt. Für mich leider ein enttäuschendes Leseerlebnis ohne Esprit, mit blassen Figuren und ohne wirklich stringenten moralischen Zündstoff.

Haruki Murakami „Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki“

Eigentlich mag ich Murakami sehr und war begeistert von „Naokos Lächeln“. Dieser jüngste Roman hat mich sprachlich und inhaltlich sehr enttäuscht, wegen seiner farblosen Figuren, überladen-erzwungenen Metaphern und unschlüssigen Figurencharakteristik sowie Handlung.

Gerbrand Bakker „Der Umweg“

Das im Rahmen eines Lesekreises gelesene Buch hat mich überhaupt nicht gepackt oder berührt und war daher ein überflüssiges Leseerlebnis. Sehr leise und still erzählt mit geringer Figurendramatik und seltsam-absurden Dialogen, ohne Sprachkunst.

J.M. Coetzee „Leben und Zeit des Michael K.“

Nobelpreisträger Coetzee konnte mich leider auch nicht überzeugen und der Sinn oder die Botschaft der Geschichte ließ sich für mich nicht erschließen. An den oft mit ihm verglichenen Franz Kafka kommt er meiner Meinung nach um Längen nicht heran.

*** Wir wünschen euch einen guten Start ins Lesejahr 2015!!! ***

David Foster Wallace: „Vergessenheit“ + „In alter Vertrautheit“ (Stories)

Wenn die Tage länger und heller werden und der Frühling mich begrüßt, sobald ich das Haus verlasse, habe ich beim Lesen mehr Lust auf Leichtes und lasse die inhaltlich und äußerlich eher schweren Romanwälzer eher liegen. Da der Anspruch an den Inhalt dennoch nicht verloren geht, habe ich eine gute Mischung entdeckt: Die Stories von David Foster Wallace.

DFW_Stories

Sie lesen sich gut (vor allem im Vergleich zu dem von mir sehr geschätzten, jedoch arg schwer zu lesenden „Unendlicher Spaß“) und lassen zugleich keine Wünsche offen, was Humor, Gesellschaftskritik und Tiefgang angeht. In seinen Stories beweist Wallace mir einmal mehr, was er drauf hat: Er seziert die menschliche Psyche in „Neon in alter Vertrautheit“, lässt den Leser in den Kopf eines autistischen Kindes gucken, während der Lehrer kurz davor steht, Amok zu laufen („Die Seele ist kein Hammerwerk“), entwirft ein Bild auf das postmoderne Beziehungsleben und die damit verbundenen Herausforderungen („Vergessenheit“) und reflektiert humorvoll und realitätsbezogen-satirisch die Medienwelt, den ständigen Kampf um Aufmerksamkeit und das „Leben vor 9/11“ („TV der Leiden – The Suffering Channel“). Weiterlesen

Unser Bücherjahr 2013

Auch in diesem Jahr möchten wir hier mit unserem ganz persönlichen Jahresrückblick auf die Bücher zurückschauen, die uns am meisten beeindruckt oder enttäuscht haben. Jede von uns hat ihre eigene Lesegeschichte und Motivation, unterschiedliche Bücher fanden den Weg in unsere Gedanken. Manche blieben, andere verflogen sofort.

Laura: Dieses Jahr habe ich 43 Bücher (durch)gelesen (Fachliteratur mal ausgenommen :). Da ich immer ziemlich genau das lese, was gerade thematisch in eine aktuelle Lebensphase passt, waren einige trivialere Romane dabei, die mich aber auch unter Berücksichtigung ihres Genres weniger überzeugen konnten. Auf der anderen Seite sind mir dieses Jahr einige sehr nachhaltig beeindruckende Bücher begegnet, die ich irgendwann einmal auch wiederholt lesen will, weil sie mit hoher Wahrscheinlichkeit „Lebens-Lesebegleiter“ sind. Daher musste ich bei unserer Auswahl der fünf beeindruckendsten Bücher auf zwei verzichten, die mich darüber hinaus faszinierten: Monika Zeiners „Die Ordnung der Sterne über Como“ und „Die Wand“ von Marlen Haushofer.

Katja: Ich habe in diesem Jahr insgesamt 29 Bücher gelesen, daraus die 5 beeindruckendsten und wichtigsten auszuwählen, fällt mir nicht leicht. Es waren viele gute dabei, die nicht vorgekommen sind. Ich wähle sehr akribisch aus, womit ich meine Lesezeit verbringe, manchmal wage ich ein Buch und dann werde ich enttäuscht. So ist das mit Büchern, ähnlich wie mit Menschen. Manche werden zu Freunden, andere kommen und gehen. Außer Konkurrenz und daher nicht in meiner Übersicht aber unbedingt zu erwähnen sind Dostojewskis „Idiot“ und Huxleys „Schöne neue Welt“ – großartige literarische Klassiker und hohe unterhaltsame wenn auch nicht immer leicht zu entschlüsselnde Erzählkunst, die auch manchmal ihre Längen hat. Es lohnt sich, durchzuhalten. Weiterlesen

Zwischen Genie und Wahnsinn – David Foster Wallace: Der Besen im System (1987)

Meine Huldigung:

David Foster Wallace ist ein unglaublich genialer Autor, zu einem anderen Urteil kann man gar nicht gelangen. Es ist ein irre wahnsinniges Vergnügen, DFW zu lesen und ich bin vollständig überzeugt, dass sich so schnell kein zweiter Autor finden lässt, der eine derartige Einbildungskraft und scharfe Beobachtungsgabe besitzt, mit der er die moderne Gesellschaft analysiert und mit einem irren Lachen mit eben jener abrechnet. Eine solche Hingabe zum Fabulieren, zu waghalsigen Storylines und unheimlich experimentellen, einzigartig-verrückten und abwegigen Figuren habe ich kaum erlebt. DFW schafft es auf über 600 Seiten zu faszinieren, ohne dass es langweilig wird, wohl aber verwirrt er den Leser bis zur Grenze seines Verstandes und treibt sein perfides Spiel mit Erwartungen, ineinander verflochtenen Erzählsträngen und Textebenen. Er überrascht mit unerwarteten Wendungen, seltsam skurrilen Verhaltensweisen, haarscharfen Beobachtungen und Gesellschaftsanalysen und lässt keinen menschlichen Abgrund aus, den man sich irgendwie vorstellen könnte.

DFW_Der Besen im System

DFW zu lesen gleicht einem Besuch im Irrenhaus, wie im Film „Einer flog übers Kuckucksnest“ … Ich könnte mir wunderbar Jack Nickolson in einer Rolle in dieser bitterbösen Gesellschaftssatire vorstellen. Vermutlich war es für seine Literatur ein skurril-trauriger Glücksfall, an einer „Krankheit“ zu leiden, die ihn wohl auch dazu getrieben hat, die abwegigsten Gedanken  aus den Abgründen unserer Gesellschaft mit irrem Witz und Verstand in seiner Literatur zu verdichten. Zu schreiben war vielleicht wie eine Art Therapie für ihn, vielleicht hat ihn das von seinen Dämonen ein wenig befreit und ihn geheilt, da er vermutlich nicht an die Psychoanalyse geglaubt hat und auch nicht daran, dass Psychopharmaka eine Depression dauerhaft heilen können, sondern eher betäuben. Was auch immer für Erfahrungen er hatte und mit welcher Zahl an Psychopharmaka und synthetischen Drogen er versuchte dem dunklen Schatten Depression zu entfliegen, zahlreiche Erlebnisse und Bilder finden sich in seinen Texten, Figuren und der erzählerischen Grundstimmung wieder und waren wohl trotz ihrer Tragik tiefste Inspiration. Man fragt sich fast, ob diese Geschichten ihn quälten und er unter Drogeneinfluss die eine oder andere Szene halluzinierte und direkt aufs Papier brachte … Ich würde fast behaupten, es handelte sich bei DFW um ein modernes Genie, wenn es so etwas überhaupt gibt … Weiterlesen

Jonathan Franzen: „Farther Away / Weiter weg“, Essays (2012)

Jonathan Franzen: Farther AwayVor wenigen Tagen erschienen Jonathan Franzens Essays „Farther Away“ in der deutschen Übersetzung („Weiter weg“). Da ich seine Essays bereits im Juni letzten Jahres in der englischen Ausgabe las, damals jedoch noch nicht bloggte, nehme ich die Veröffentlichung der Übersetzung nun zum Anlass, um meine Eindrücke mit euch zu teilen.

Letzten Sommer hatte ich, nachdem ich den Roman „Freiheit“ gelesen hatte, das große Verlangen danach, mehr von Franzen zu lesen. Weiterlesen