Ronja von Rönne: Wir kommen (2016)

MAJA IST NICHT TOT. Wenn Maja gestorben wäre, hätte sie mir davor Bescheid gesagt. Solche Dinge haben wir immer abgesprochen.
Ihr Name sieht lächerlich aus, so schwarz umrandet, wie er da auf dem Brief vor mir steht und ganz ernst tut, als sei am 20. wirklich ihre Beerdigung, als würden an diesem Sonntag wirklich sämtliche Angehörige auf dem Dorffriedhof aufkreuzen, Kränze ablegen, Erde in eine Grube werfen und etwas Nettes über Maja sagen. Bullshit. Den meisten würde doch zu Maja überhaupt nichts Positives einfallen, außer vielleicht ihre phantastischen Brüste. Angenehm überrascht wären sie höchstens davon, dass sie jetzt in einer Kiste unter der Erde liegt und sich endlich so benimmt, wie es sich für die Bewohner unserer Gemeinde gehört. Sterben gehört bei uns nämlich genauso zu einem höflichen Miteinander wie akkurat gestutzte Rasen, denn wo kämen wir denn da hin, wenn jeder lebte, solange es ihm beliebt, und das Gras bis auf das Nachbargrundstück wuchert.

Lange hat mich ein Roman nicht mehr so kalt gelassen wie der Debütroman von Ronja von Rönne. Warum?

Roenne_Wirkommen_05.indd

Für mich hat der Roman wenig Botschaft. Es liest sich mehr wie eine Zustandsbeschreibung und man gerät schnell in die Lage, Ich-Erzählerin mit Autorin gleichzusetzen. In irgendeiner Rezension las ich, dies sei eine Reminisenz auf den Poproman der späten 90er Jahre und quasi DER neue Poproman der Generation Y, mit der ich nichts anfangen kann. Ebensowenig konnte ich mit dem Poproman der späten 90er etwas anfangen. Die Handlung, erzählt aus der Perspektive der jungen Nora, erstreckt sich über wenige Tage und birgt wenig Überraschendes. Also auch schnell erzählt. Es scheint auch weniger um die Handlung, sondern eher um den Blick von Nora auf ihre Welt, auf ihre seltsamen Beziehungen zu Menschen und  ihren zynischen Blick auf ihre Zeit und die Gesellschaft im Allgemeinen zu gehen.

Ich weiß noch nicht, was ich heute Abend mache. Vielleicht markiere ich etwas mit „gefällt mir“.

Weiterlesen

Zwischen Genie und Wahnsinn – David Foster Wallace: Der Besen im System (1987)

Meine Huldigung:

David Foster Wallace ist ein unglaublich genialer Autor, zu einem anderen Urteil kann man gar nicht gelangen. Es ist ein irre wahnsinniges Vergnügen, DFW zu lesen und ich bin vollständig überzeugt, dass sich so schnell kein zweiter Autor finden lässt, der eine derartige Einbildungskraft und scharfe Beobachtungsgabe besitzt, mit der er die moderne Gesellschaft analysiert und mit einem irren Lachen mit eben jener abrechnet. Eine solche Hingabe zum Fabulieren, zu waghalsigen Storylines und unheimlich experimentellen, einzigartig-verrückten und abwegigen Figuren habe ich kaum erlebt. DFW schafft es auf über 600 Seiten zu faszinieren, ohne dass es langweilig wird, wohl aber verwirrt er den Leser bis zur Grenze seines Verstandes und treibt sein perfides Spiel mit Erwartungen, ineinander verflochtenen Erzählsträngen und Textebenen. Er überrascht mit unerwarteten Wendungen, seltsam skurrilen Verhaltensweisen, haarscharfen Beobachtungen und Gesellschaftsanalysen und lässt keinen menschlichen Abgrund aus, den man sich irgendwie vorstellen könnte.

DFW_Der Besen im System

DFW zu lesen gleicht einem Besuch im Irrenhaus, wie im Film „Einer flog übers Kuckucksnest“ … Ich könnte mir wunderbar Jack Nickolson in einer Rolle in dieser bitterbösen Gesellschaftssatire vorstellen. Vermutlich war es für seine Literatur ein skurril-trauriger Glücksfall, an einer „Krankheit“ zu leiden, die ihn wohl auch dazu getrieben hat, die abwegigsten Gedanken  aus den Abgründen unserer Gesellschaft mit irrem Witz und Verstand in seiner Literatur zu verdichten. Zu schreiben war vielleicht wie eine Art Therapie für ihn, vielleicht hat ihn das von seinen Dämonen ein wenig befreit und ihn geheilt, da er vermutlich nicht an die Psychoanalyse geglaubt hat und auch nicht daran, dass Psychopharmaka eine Depression dauerhaft heilen können, sondern eher betäuben. Was auch immer für Erfahrungen er hatte und mit welcher Zahl an Psychopharmaka und synthetischen Drogen er versuchte dem dunklen Schatten Depression zu entfliegen, zahlreiche Erlebnisse und Bilder finden sich in seinen Texten, Figuren und der erzählerischen Grundstimmung wieder und waren wohl trotz ihrer Tragik tiefste Inspiration. Man fragt sich fast, ob diese Geschichten ihn quälten und er unter Drogeneinfluss die eine oder andere Szene halluzinierte und direkt aufs Papier brachte … Ich würde fast behaupten, es handelte sich bei DFW um ein modernes Genie, wenn es so etwas überhaupt gibt … Weiterlesen