[Rezension] Siri Hustvedt – „The Blazing World“

Hustvedt_BlazingWorldSiri Hustvedts neuen Roman „The Blazing World“ musste ich auf englisch lesen, nachdem ich von dj709 von Binge Reading auf den Roman aufmerksam gemacht worden war, weil ich nicht die deutsche Übersetzung abwarten kann / will.

She remembered what I had forgotten, and I remembered what she had forgotten, and when we remembered the same story, didn´t we remember it differently? But neither of us was prevaricating. The scenes of the past were continually being shifted and reshuffled and seen again from the vantage point of the present, that´s all, and the changes take place without our awareness. Harry hat reinterpreted any number of memories. Her whole life looked different.“

Wieder sind Identität, die Kunstwelt, Gender-Fragen, Liebe und zwischenmenschliche Beziehungen, aber auch Erinnerung und das neurowissenschaftliche Verhältnis zwischen Phantasie / Idee und deren Umsetzung in die Wirklichkeit zentrale Themen der Autorin. Was neu ist, ist die Schreibweise, die Baukonstruktion des Buches.

Bei „The Blazing World“ strickt Hustvedt die Geschichte gewisserweise aus vielschichtigen Fragmenten heraus. Man liest Zeitungsberichte, Aussagen von Angehörigen und Freunden, Interviews, Reviews zu Ausstellungen und vor allem Notizbucheinträge der Protagonistin und puzzelt sich so Stück für Stück das Geschehen zusammen. Und das macht richtig Spaß, gerade weil es nicht dem linear erzählten Lesefluss entspricht, den man sonst häufig in zeitgenössischer Literatur aus Amerika findet. Darüber hinaus ergibt sich eine interessante Polyperspektivität, da verschiedene Personen, die ins Geschehen mal mehr, mal weniger integriert sind, ihre Sicht der Dinge wiedergeben. Weiterlesen

Klassiker der Weltliteratur: Virginia Woolf „Mrs Dalloway“

P1030489„Mrs Dalloway sagte, sie wolle die Blumen selber kaufen. Denn Lucy hatte genug zu bestellen. Die Türen würden aus den Angeln gehängt werden; Rumpelmayers Leute kämen. Und dann, dachte Clarissa Dalloway, was für ein Morgen – frisch, wie geschaffen für Kinder am Strand.
Was für ein Vergnügen! Was für ein Sprung! Denn so war es ihr immer vorgekommen, wenn sie, mit einem leichten Quietschen der Angeln, das sie jetzt hören konnte, die Fenstertüren zum Garten aufgerissen hatte und in Bourton ins Freie gesprungen war. Wie frisch, wie ruhig, stiller natürlich als jetzt, die Luft am frühen Morgen war; wie der Klaps einer Welle; der Kuß einer Welle; eiskalt und schneidend und doch (für ein Mädchen von achtzehn, das sie damals war) feierlich, mit dem Gefühl, das sie an der offenen Tür stehend hatte, etwas Bestürzendes werde sich gleich ereignen; auf die Blumen blickend, auf die Bäume mit dem entweichenden Dunst und die steigenden und sinkenden Krähen, stehend und blickend, bis Peter Walsh sagte „zum Grübeln ins Gemüse“ – war es das? – „Menschen sind mir lieber als Blumenkohl“ – war es das?“ (S. 7)

Ein faszinierender Roman über das herrschaftliche London und die gehobene bürgerliche englische Gesellschaft an einem Tag in den Jahren nach dem ersten Weltkrieg. Es herrschen strenge Konventionen, gesellschaftlicher Anstand, Sitte und Moral. Im vornehmen Stadtteil Westminster bereitet Clarissa Dalloway, Gattin des Parlamentsabgeordneten Richard Dalloway, eine ihrer berühmten Gesellschaften vor. Im Roman begleiten wir Mrs Dalloway während der Vorbereitungen in ihrem Hause und bei ihren Besorgungen. Dabei lernen wir zahlreiche geladene Gäste kennen, die sich alle im Hause Dalloway am Laufe des Tages und Abends zum gemeinsamen Speisen und angeregten Unterhaltungen zusammenfinden werden. Lebendig und anschaulich führt Virginia Woolf den Leser mitten in das pulsierende noble London, das kurz nach dem ersten Weltkrieg erheblichen Erschütterungen ausgesetzt war, dessen Bewohner jedoch an den traditionellen viktorianischen Sitten und der strengen Moral festhalten. Weiterlesen