Warum lesen?

Obwohl es in meinem Bekanntenkreis kaum jemanden gibt, der nicht liest, sehe ich mich manchmal doch der Frage gegenübergestellt, warum ich lese. Und dann noch so viel. Meistens ist die erste Antwort: „Ich habe schon immer soviel gelesen, es ist ein Teil von mir.“ Aber warum liebe ich das Lesen so, warum ist es mir nicht viel zu anstrengend und warum verbringe ich die unzähligen Stunden, die ich lese, nicht mit etwas anderem.

Es geht heute mal nicht um das WAS lesen, sondern um das WARUM. Inspiriert von dem Sachbuch „Was kann und darf Kunst?“ von Dagmar Fenner (worin sie allgemein über Kunst schreibt und damit alle Künste meint, also auch die Literatur) habe ich mir einige Gedanken gemacht, die sicher auch euch schon mal beschäftigten. Sich damit auseinander zu setzen, warum man eigentlich liest, finde ich ziemlich spannend, weil es gleichzeitig bewusst macht, was das Gehirn dabei leistet. Und wie gut es sich nicht nur emotional anfühlt, sondern auch für unseren Geist ist.

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Aléa Torik über Fiktion, Wirklichkeit und Identität

Vor einiger Zeit wurde ich im Blog Aisthesis von Bersarin http://bersarin.wordpress.com/ auf das Werk einer jungen Autorin in meinem Alter aufmerksam – Aléa Torik. Ich recherchierte ein wenig, wer die als in Berlin lebende Rumänin beschriebene Frau sei, die mit „Das Geräusch des Werdens“ ihren Debütroman vorlegte. Daraufhin entdeckte ich ihren Blog http://www.aleatorik.eu/ und las gleich darauf ihren zweiten Roman „Aléas Ich“. Dieser zog mich magisch in seinen Bann, ich bemerkte wie sehr Blog und Roman zusammengehören und verlor mich in der Sprache, der Konstruktion, den Figuren, Aléas Gedanken und Erleben, ihren Reflektionen über ihr Leben, das Schreiben ihrer Doktorarbeit d.h. ihres Romans und verlor mich und verlor mich und verlor mich … Ich bin sehr beeindruckt von der literarischen Qualität dieses Textes, der nicht einfach nur eine Geschichte erzählt, sondern kritische und wichtige Fragen an die Gesellschaft stellt und den Leser radikal mit der Fiktionalität und Konstruktion konfrontiert, ja ihn fordert. Es bleibt das Gefühl hier etwas ganz Großartiges gelesen zu haben und der Text inspirierte mich zu vielen Fragen. Ich nahm just Kontakt zur Autorin auf und konfrontierte sie mit all meinen Fragen. Diese und ihre ausführlichen Antworten darf ich nun hier mit euch teilen, denn sie sind äußert erhellend, man könnte sie gar als Statement bezeichnen. 

Vorher noch eines – nehmt euch die Zeit und lest Aléa Torik!TORIK_LAY_final.indd

1) Katja zu Fiktion vs. Wirklichkeit: Ein zentrales Thema Ihres Buches ist der Wirklichkeitsbegriff, nach dem Sie gleich zu Beginn (S. 23) fragen: „Wenn alle Wirklichkeit nur Konstruktion ist, können wir dann mutwillig alles konstruieren?“ … „Wirklichkeit ist, was wir dafür halten, was wir konstruieren.“ (S. 22) Die „neue“ Wirklichkeit des 21. Jahrhunderts ist jene des Netzes und ihrer radikalen Projektionen. Ihr Wirklichkeitsbegriff bezogen auf die digitale Realität sagt aus, dass alles um unsere Identität herum konstruiert sei. Kann man daraus eine moralische Frage ablesen? Was ist dann mit denjenigen, die sich der virtuellen Wirklichkeit verweigern, keinen Blog haben und nicht per Facebook kommunizieren? Ist denn mit dieser Weigerung eine fundamentale Lebensverweigerung gleichzusetzen, da ich mich quasi dieser virtuellen Realität entziehe und in ihr nicht stattfinden will? Ist es überhaupt möglich, sich dieser zu entziehen, wenn man „vollwertig“ an der Realität partizipieren will?

Aléa Torik:

Bevor ich die Frage beantworte, will ich mich für die Gelegenheit bedanken, mich zu meinem Text äußern zu können. Da ich nicht einfach nur einen Roman geschrieben habe, den man an vielen Orten rezensieren, erörtern oder befragen könnte, sondern einen Roman über eine Person, die über Jahre ein literarisches Blog im Netz führt, ein Blog, das es wirklich gibt; da ich gewissermaßen das Blog und den Roman zu einer Einheit verwebe, empfinde ich andere literarische Blogs geradezu als erste Adresse für eine Auseinandersetzung mit dem, was ich da gemacht habe. Ich war verwundert, vielmehr verärgert, weil es zwar viele Reaktionen seitens des Feuilletons gab, aber kaum ernstzunehmende aus der Bloggerszene – bis auf eine einzige Ausnahme, das Blog Aisthesis, wo beide Romane besprochen wurden und auch darüber hinaus versucht wird, dem Phänomen Aléa Torik eine Position in der Literatur zuzuweisen, hier, geschweige denn eine richtige Auseinandersetzung, wie sie hier offenbar stattgefunden hat. Das ist an Ihren Fragen zu erkennen, die vor allem um das Netz kreisen. Das hat bisher noch niemand so deutlich angesprochen und thematisiert. Weil das aber im Grunde der wesentliche Umstand meines Romans ist, antworte ich sehr ausführlich.

Der Roman ist der Versuch eine moderne Wirklichkeit zu beschreiben, in der das Netz eine wesentliche Rolle spielt. Also nicht das Netz selbst und auch nicht die Tatsache, dass wir bisweilen mal im Netz ein Buch bestellen oder eine Email schreiben. Ich meine, wenn ich von Netz rede, den fundamentalen Bruch in einem Gewebe namens Wirklichkeit durch den Cyberspace.

Ich frage gleich zu Beginn des Romans nach Wirklichkeit, sogar noch vor der zitierten Stelle. Die Autorin und Protagonistin dieses Romans, Aléa Torik nämlich, sitzt in der Bibliothek, im Lesesaal des Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrums in Berlin vor ihrem Rechner und schreibt nach Das Geräusch des Werdens an ihrem zweiten Roman. Dann schaut sie an die Decke und sieht eine Frau durch eines der Oberlichter durch die zwanzig Meter hohe Halle fallen und „mit einem entsetzlichen Geräusch“ unten auf den Boden aufschlagen. Die einzige Reaktion Aléas darauf sind einige Gedanken darüber, ob das wirklich geschehen ist. Jeder andere würde wohl erst einmal zu Hilfe eilen und sich danach Gedanken über die ontologische Wertigkeit machen. Man kann vermuten, dass dieses Ereignis lediglich in ihrer Fantasie stattgefunden hat, vielleicht weil das in ihrem Roman geschehen könnte. Oder weil sie eben Dinge sieht, die nicht wirklich geschehen. Sie hat möglicherweise eine kleine psychische Auffälligkeit. Das wird später durch das Motiv des Verfolgungswahns auch noch ausgebaut.

Das darauffolgende Kapitel jedenfalls beschreibt das Gespräch zwischen ihr und ihrem Professor Joseph Vogl, bei dem sie zum Thema »Identität, Authentizität und Illusion – Zur Theorie der Fiktionalität« promoviert. Der gibt ihr zu verstehen, dass sie eine unzureichende Auffassung von Wirklichkeit hat. Er selbst stellt dann aber nicht seine eigene Auffassung da, sondern problematisiert das: er hält einen kleinen Vortrag über die Veränderungen des Wirklichkeitsbegriffs in den vergangenen 500 Jahren und sagt, dass eine veränderte Welt auch einen veränderten Begriff von Wirklichkeit braucht. Und er gibt ihr einen Rat für den Roman an dem sie schreibt: »Lassen Sie es doch zu einer Kollision von darstellender und dargestellter Person, erzählendem und erzähltem Ich kommen« (AI, 24) Und genau das macht sie dann auch: Aléa spaltet sich im weiteren Verlauf auf, in erzählende Person und erzählte Figur.

Dieses Gespräch über Wirklichkeit zwischen Aléa Torik und Joseph Vogl stellt sich in der Mitte des Romans als frei erfunden heraus, also Teil ihres Romans, den sie mit einem Gespräch zwischen sich und ihrem Professor beginnen lässt. Und am Ende dieses Romans liegt sie auf dem Boden, erinnert sich an dieses Gespräch und kommt zu folgender Erkenntnis: „Ich denke mir die Dinge bereits aus, während ich sie erlebe. Ich erlebe sie, indem ich sie mir erzähle, indem ich sie in eine narrative Struktur bringe. Ich lege über alles, was meine Sinne aufnehmen, eine Schicht: die fiktive Version eines wie auch immer gearteten, unerkennbaren Wirklichen. Ich weiche in einer Erzählung ein wenig ab, auch wenn ich nicht weiß, wovon ich abweiche. Ich hatte bereits als Kind gelernt, dass man Dinge nicht erzählen kann, ohne sie zu verändern. Gibt es überhaupt einen klaren Trennstrich zwischen den zwei Welten? Oder verschiebt sich das, je nachdem, wer etwas mit welchen Intentionen betrachtet, und der eine tut als Fantasie ab, was der andere als Wirklichkeit abtut? Wer etwas darstellt, der erfindet es bereits, zumindest erfindet er seine Darstellbarkeit. Und darstellen muss man. Denn die Dinge sind, so wie sie wirklich sind, unaushaltbar. Weil sie einfach nur sind. Ohne jede andere Dimension, ohne subjektive Ebene“ (AI, 408).

Ich bin keine Anhängerin des radikalen Konstruktivismus, auch wenn in seinen Positionen vieles steckt, was ich als zutreffend empfinde. Ich versuche lediglich für diesen Roman eine Wirklichkeit zu beschreiben, die sich tatsächlich ganz stark um den Begriff der Identität dreht. Der Professor Aléas – der über seine Rolle in diesem Roman informiert ist -, hat ein sehr interessantes Interview zum Thema Identität im 21. Jahrhundert gegeben, hier. Wer Aléas Ich gelesen hat, kann erkennen, inwieweit Aléa Positionen Vogls anspricht, etwa bei den Wolken; er sagt dort: ‚alles was geschieht oder was nicht geschieht, hat denselben ontologischen Wert‘. Möglicherweise ist Aléas Verhalten bei der durch die Halle fallenden Frau eine Reaktion auf das, was die Doktorandin bei ihrem Professor gelernt hat.

Personelle Identität ist natürlich erst einmal eine körperliche und weil sie das ist, ist sie dann auch eine sexuelle. Indem wir uns als Junge oder Mädchen erfahren, identifizieren wir uns. Identität ist also ein Prozess. Wir identifizieren uns mit Bildern, die uns andere, die uns die Gesellschaft vorhalten. Das verläuft natürlich für jeden anders, der eine identifiziert sich mit einem Selbstbild, indem er Position an- und übernimmt, der andere, indem er sie ablehnt. Ich meine, dass der Aspekt der Konstruktion dabei kaum zu überschätzen ist. In einer Lebenswirklichkeit, in der unsere Erscheinung, unser Körper und unser Gesicht, eine Rolle spielt, wo wir also anwesend sind, sind wir deutlicher an diese Identität gebunden als etwa im Radio, wo die Stimme viel wichtiger wird, weil der Gesichtssinn ausfällt. Im Netz sind wir noch freier, da fallen nahezu alle Ebenen weg, aus denen sich unsere Wirklichkeit sonst zusammensetzt. Ob wir diese Freiheit schätzen oder nicht: wir nutzen sie. Ich will keinen universalen Identitätsbegriff propagieren. Ich glaube, dass das Netz eine andere Wirklichkeit hervorbringt, für die, die sich in ihm bewegen. Mehr nicht. Wer nicht ‚surft‘, muss sich um die vom und die im Netz geschlagenen Wellen auch keine Gedanken machen, er wird in dieser, in der realen Welt untergehen, nicht in der virtuellen. Weiterlesen

Fiktiv UND authentisch, bitte!

Warum lese ich Romane? Was zeichnet einen Roman aus?

Eine Geschichte, oder vielleicht auch mehrere in einer, sollte er erzählen; er sollte mich anhand der Figuren mitnehmen in eine andere Erfahrungswelt als die meine, in eine erdachte Welt, in der alles möglich ist, ohne dass sie unglaubwürdig scheint…
Fiktiv und authentisch gleichzeitig sollte ein Roman meiner Meinung nach sein!

Es ist absurd, aber man kann nichts dagegen tun, dass Literatur, dass Romane heute im Leben der meisten Menschen nicht mehr eine so große Rolle spielen wie vielleicht noch vor 20 Jahren. Dass die nicht fiktionale Welt, die der Nachrichten, in den meisten Fällen wichtiger ist. Dass die meisten Menschen heute nicht mehr so viel Verwendung für Fantasie haben wie früher. Aber das bedeutet nicht, dass die Menschen, die heute Romane lesen, diese nicht schätzten und nicht verstünden – allein die Prozentzahlen haben sich verändert: Deutlich weniger Menschen als noch vor 20 Jahren lesen heute Romane.

Für mich allerdings ist die Welt der sogenannten Realität nicht so schrecklich interessant. (…) Das wirkliche Leben ist aber nicht so gut konstruiert wie eine Geschichte. (…) Die Architektur des Lebens ist nicht halb so gut wie die einer guten Geschichte. Das Leben macht auch nicht immer Sinn …“

John Irving zufolge gibt es seit den 1990ern die Tendenz, dass Leser sich stark für das Autobiografische in Romanen interessieren. Er verarbeitet diese Thematik auch (wie sovieles andere) in seinem großartigen Roman „Witwe für ein Jahr“. Was von real Erlebtem verbaut ein Autor in seinem Roman? Was verändert er, sodass eine unterhaltsame Geschichte daraus wird? Kann man nur über etwas schreiben, was man selbst erlebt hat? Ist es immer wichtig zu wissen, was wirklich so passiert ist und was stattdessen der Phantasie entsprang?

Nein.  Weiterlesen

Fiktion stirbt nicht!

Menschen sind keine Zombies. Sie träumen, wünschen und glauben nun mal an Veränderung. An die Möglichkeit eines besseren oder anderen Lebens, und solange das so ist, werden sie auch ihre Träume und Wünsche in Geschichten fassen und umgekehrt von ihren Enttäuschungen und Lügen und den Grausamkeiten des gar nicht so glücklichen Lebens erzählen. Und genauso lange ist Fiktion alles andere als over und der Roman auch nicht tot – auch wenn er sich möglicherweise verändern wird.

Wir brauchen Fiktion. Wir brauchen fiktive Geschichten beispielsweise in Form von Romanen oder Filmen. Unsere Leben wären um einiges leerer, hätten wir all diese Geschichten nicht, all die Träume und Wünsche und Erfahrungen anderer. Andreas Schäfer hat dazu einen – wie ich finde – ganz tollen Artikel verfasst, auf den ich zufällig auf tagesspiegel.de stieß.
Er beschreibt eine fast schon fiktiv anmutende Szene, in der er wartend in seinem Auto vor einer Berliner Schule sitzt um sein Kind abzuholen und Tolstois „Anna Karenina“ liest. Währenddessen schleicht sich der Gedanke „Der Roman ist tot!“ ein und alles um ihn herum verändert sich…
Natürlich nicht wirklich. Sein Artikel ist ein Gedankenexperiment, ein Text, der mit Fiktion und Wirklichkeit spielt um uns letztlich vor Augen zu führen: Der Roman, respektive die Fiktion, ist nicht tot!
Der Verfasser ist dabei wunderbar kreativ, aber auch herrlich selbstironisch: „Irgendetwas stimmte nicht mit der These vom Tod der Fiktion, aber ich wusste nicht was. Seit ich Besitzer eines Smartphones bin, fällt mir das Denken schwer. Aber ich wollte die Lösung nicht im Internet finden, ich wollte selber denken, wie früher, in den Neunzigern.“
Ein Artikel bei dem es mir Freude bereitete, ihn zu lesen, was mittlerweile leider selten geworden ist auf den Onlinesseiten diverser Zeitungen, und der mich darüber hinaus zu Gedanken über den Wert der Fiktion in unserem Leben anregte!

Andreas Schäfer: „Leben spielen. Lob der Fiktion“, Artikel im tagesspiegel, 28.11.12