XLIV. Sonntag mit Proust: Der Tod in der Frau

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Félicién Rops: The Dance of Death, o.J.

„»Adieu, ich habe kaum mit Ihnen gesprochen, aber so ist es nun einmal in der Welt, man sieht sich nicht, man sagt sich nicht, was man sagen möchte; im übrigen ist es überall im Leben das gleiche. Wir wollen nur hoffen, daß es nach dem Tode besser eingerichtet ist. Auf alle Fälle hat man dann nicht mehr nötig, eine dekolletierte Robe anzuziehen. Aber wer weiß? Vielleicht wird man bei großen Festen seine Gebeine und seine Würmer zur Schau stellen. Warum auch nicht? Da, sehen Sie nur die alte Rampillon an, finden Sie, daß ein großer Unterschied zwischen ihr und einem Skelett in ausgeschnittenem Totenhemd besteht? Allerdings hat sie ja auch ein Recht darauf, denn sie muß allermindestens hundert Jahre alt sein. Sie war schon eines jener geheiligten Ungeheuer, vor denen ich mich zu verneigen weigerte, als ich noch Debütantin war. Ich hielt sie bereits seit langem für tot, das übrigens wäre die beste Erklärung für das Schauspiel, das sie uns hier bietet. Es hat etwas Eindrucksvolles an sich, etwas Liturgisches, Campo-Santohaftes!«“

Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Teil 4.1: Sodom und Gomorra. Dtsch. von Eva Rechel-Mertens, Frankfurt: Suhrkamp, 1982, S. 122.

Mira Magén: „Wodka und Brot“, Roman (2012)

Welche Entscheidung die richtige ist, weiß man in den seltensten Fällen im Leben. Manchmal erscheint eine Entscheidung richtig, doch die Sicht auf die Dinge ändert sich mit der Zeit…Wodka und Brot

Die Protagonistin Amia in Mira Magéns Roman „Wodka und Brot“ bereut ihre Entscheidung, den Erfolg versprechenden Job als Steuerberaterin zugunsten des familiär betriebenen Ladens für Brot und Milch an den Nagel zu hängen, nicht. Auch als ihr Mann Gideon, ein ebenfalls erfolgreicher Anwalt, sie und den Sohn temporär verlässt, um Fischer zu werden und sich selbst zu finden, hadert sie nicht mit ihrem Schicksal. Sie macht einfach weiter. Irgendwie wird es sich schon geben mit dem Laden, der Hypothek, der Erziehung von Nadav. Doch es kommt natürlich anders; da taucht auf einmal Madonna auf, ein Mädchen, das allem und jedem trotzt, extravagante Frisuren trägt und schwarzen Lippenstift, und das mit Vorliebe geklautes Geld mit Tieren vergütet, wie zum Beispiel dem kleinen Welpen Wodka. Dieses Mädchen wird vom Hausbesitzer, einem schrulligen alten Mann der eine Tragödie durchlebte, und mit Argusaugen nebenan wohnt und alles überwacht, gar nicht gern gesehen, doch er hat mit seinen Problemen zu tun, die auch bald zu Amias Sorgen werden… Weiterlesen

XXXIX. Sonntag mit Proust: Über Homosexualität

Im vierten Band „Sodom und Gomorra“ von Marcel Prousts „Suche nach der verlorenen Zeit“ steht ein Thema im Mittelpunkt, das auch heute die Öffentlichkeit bewegt: Homosexualität und der Umgang mit ihr. Wenn sich diese Woche ein Fußballer zu seiner Homosexualität bekennt, nennt man das Coming Out und findet es gut und mutig, dass besonders jemand aus dem Bereich Fußball, in dem Homosexualität noch immer ein Tabuthema war, sich dazu bekennt.
Vor hundert Jahren, als Prousts Werk erschien, war es vielen Männern überhaupt nicht möglich, sich offen dazu zu äußern. Auch bei Proust wird angenommen, er habe in Form der Figur Monsieur de Charlus das Thema in sein Werk eingebracht, stellvertretend für die eigene homosexuelle Gesinnung. Komplett belegt ist dies zwar – glaube ich – nicht, aber Proust spricht in jedem Fall eine deutliche Sprache. Lest selbst:

„Einige weisen, wenn man sie morgens im Bett überrascht, einen wundervollen Frauenkopf auf, so allgemein ist der Gesichtsausdruck, und so sehr symbolisiert er das ganze Geschlecht; das Haar sogar bezeugt es; sein Fall hat etwas Weibliches; Weiterlesen