[Rezension] Siri Hustvedt – „The Blazing World“

Hustvedt_BlazingWorldSiri Hustvedts neuen Roman „The Blazing World“ musste ich auf englisch lesen, nachdem ich von dj709 von Binge Reading auf den Roman aufmerksam gemacht worden war, weil ich nicht die deutsche Übersetzung abwarten kann / will.

She remembered what I had forgotten, and I remembered what she had forgotten, and when we remembered the same story, didn´t we remember it differently? But neither of us was prevaricating. The scenes of the past were continually being shifted and reshuffled and seen again from the vantage point of the present, that´s all, and the changes take place without our awareness. Harry hat reinterpreted any number of memories. Her whole life looked different.“

Wieder sind Identität, die Kunstwelt, Gender-Fragen, Liebe und zwischenmenschliche Beziehungen, aber auch Erinnerung und das neurowissenschaftliche Verhältnis zwischen Phantasie / Idee und deren Umsetzung in die Wirklichkeit zentrale Themen der Autorin. Was neu ist, ist die Schreibweise, die Baukonstruktion des Buches.

Bei „The Blazing World“ strickt Hustvedt die Geschichte gewisserweise aus vielschichtigen Fragmenten heraus. Man liest Zeitungsberichte, Aussagen von Angehörigen und Freunden, Interviews, Reviews zu Ausstellungen und vor allem Notizbucheinträge der Protagonistin und puzzelt sich so Stück für Stück das Geschehen zusammen. Und das macht richtig Spaß, gerade weil es nicht dem linear erzählten Lesefluss entspricht, den man sonst häufig in zeitgenössischer Literatur aus Amerika findet. Darüber hinaus ergibt sich eine interessante Polyperspektivität, da verschiedene Personen, die ins Geschehen mal mehr, mal weniger integriert sind, ihre Sicht der Dinge wiedergeben. Weiterlesen

Der perfekte Sommerroman: „Der Sommer ohne Männer“ von Siri Hustvedt

 „Es begann in der Bibliothek mit Kant. Bibliotheken sind sexuelle Traumfabriken. Das kommt von der Schläfrigkeit.“ (S. 90)

Siri Hustvedt_Sommer ohne MännerJa, schon wieder Siri Hustvedt. Es ist „leider“ so, dass die Leserinnen in diesem Blog beide eine große Vorliebe für die amerikanische Autorin hegen. Und da der Roman, den ich euch hier vorstellen möchte, ein richtiger Sommer-Roman ist, den ich zufällig fast zur selben Zeit las wie Laura die Essays entdeckte, wird es hier jetzt wieder um Siri Hustvedt, vielmehr um ihren Roman „Der Sommer ohne Männer“ gehen. Vielleicht können wir jetzt die letzten Zweifler endgültig überzeugen, sich mit den Büchern Hustvedts endlich einmal auseinanderzusetzen. Übrigens: Siri Hustvedt bezahlt uns nicht für unsere Dienste! (Schade eigentlich …)

„Es ist unmöglich den Verlauf einer Geschichte vorherzusagen, während man sie erlebt; sie ist formlos, eine unfertige Prozession von Worten und Dingen, und ehrlich gesagt: Wir können nie wiederherstellen, was war. Das meiste verschwindet. Und doch, während ich hier an meinem Schreibtisch sitze und versuche, ihn zurückzubringen, jenen nicht weit zurückliegenden Sommer, weiß ich, dass Wendungen stattfanden, die sich auf das Folgende auswirkten. Einige stehen vor wie Höcker auf einer Reliefkarte, aber damals war ich unfähig, sie wahrzunehmen, weil meine Sicht der Dinge in der undifferenzierten Flachzeit, einen Augenblick nach dem anderen zu leben, untergegangen war. Zeit ist nicht außerhalb von uns, sondern in uns.“ (S. 61)

„Der Sommer ohne Männer“ ist für mich ein Buch, das perfekt zu einem Sommerurlaub passt. Denkt euch die tristen Regenstunden der letzten Tage einfach weg und träumt euch an den Strand, in den Park, wo Sonnenstrahlen eure Nase kitzeln und ein kluges interessantes Buch euch wunderbar unterhält, entspannt und eure Gedanken tanzen lässt. Man könnte diesen Roman als Frauenroman bezeichnen, wenn dabei nicht sofort bestimmte Vertreterinnen des Genres mitschwingen würden, denen diese Autorin weit überlegen ist. Die Tatsache, dass alle Protagonistinnen weiblichen Geschlechts sind und Männer hier nur marginal zu Wort kommen, würde dieses Buch zu einem Frauenbuch machen. Siri Hustvedt lässt Frauen jeglichen Alters und verschiedenster Rollen miteinander agieren und führt den Leser in die weibliche Gedanken-, Gefühls-, Lebens- und Problemwelt. Hier geht es um „typische Frauenthemen“ ohne dabei erzählerisch dem Klischeehaften zu verfallen. Hustvedt erzählt jedoch keine langweilig einseitige an bekannten traditionellen Liebesromanen angelehnte oder dem Kitsch verfallene Frauentragödie. Einfühlsam, klug und mit viel Humor bringt die Autorin uns anhand einiger ausgewählter weiblicher Figuren die vielschichtigen Lebenswelten von Frauen nahe, in denen sich so manche Leserin wohl wiedererkennen kann, und schafft damit ein breites Identifikationsspektrum für Leserinnen jeglichen Alters: die betrogene Ehefrau, die überforderte Mutter, die reife Witwe, die unabhängige Künstlerin, die junge Tochter und die langjährige Freundin. Daher bezeichne ich es einmal als Frauenbuch mit Anspruch. Weiterlesen

XXV. Sonntag mit Proust am Montag

Als ich wieder allein bei mir zu Hause war und daran dachte, daß ich heute nachmittag eine Spazierfahrt mit Albertine gemacht, am übernächsten Tag bei Madame der Guermantes zu Abend essen würde und einen Brief Gilbertes zu beantworten habe – alle drei Frauen hatte ich ja geliebt – sagte ich mir, daß unser Leben unter anderen Menschen einem Maleratelier voller Skizzen gleicht, da es mit allen jenen angefüllt ist, an welche wir einmal einen Augenblick lang unser Verlangen nach einer großen Liebe glaubten heften zu können; doch wurde mir dabei nicht bewußt, daß manchmal, wenn die Skizze noch nicht allzulange geruht hat, wir sie am Ende noch einmal vornehmen und ein ganz anderes, vielleicht bedeutenderes Werk daraus machen, als wir ursprünglich planten.

Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Teil 3.2: Die Welt der Guermantes, Dtsch. von Eva Rechel-Mertens, Frankfurt: Suhrkamp, 1982

Über den historischen Roman „Die vierte Zeugin“

Geneigter Leser, folgen Sie mir in die Analyse einer literarischen Reise in die Vergangenheit. Es geht zurück ins Köln des 16. Jahrhunderts. Um Gerichtsprozesse und Gerechtigkeit wird es gehen, um das Verhältnis von Kirche und Staat gegenüber der Justiz und auch um den Stand der Frau in der damaligen Zeit. Am Rande wird das Entstehen des Protestantismus` und dessen Verfolgung durch die katholische Kirche geschildert…

Im Folgenden die Fakten:

Genau vor 478 Jahren, am 23. November 1534 wurde die Kölnerin Agnes Imhoff vor Gericht wegen Betruges verurteilt.
Gemeinsam mit ihrem Mann, dem Tuchhändler Andreas Imhoff, hatte sie einen Tuchlieferanten betrogen und mit ihrer Unterschrift beim Handel mitgewirkt. Ihr Mann wurde kurz vor dem Prozess tot aus dem Rhein geborgen, die Umstände seines Todes waren unbekannt. Agnes Imhoff sollte nun als Mithandelnde für den Betrug aufkommen und mit den zwei ihr verbliebenen (Gast-)Häusern bürgen. Weiterlesen