Ein unvollendeter Roman: Herrndorfs: „BILDER deiner großen LIEBE“, posthum 2014

Als ich etwa vierzehn Jahre alt war, habe ich mir oft vorgestellt, zu leben wie Isa in Herrndorfs „Bilder deiner großen Liebe“. Das unbestimmte, herumstromernde, unabhängige Leben als Kind des Draußen – das war für mich ein Inbegriff für Freiheit. Und Rebellion. Bei mir kam es dann anders, was auch gut so ist, aber ich lese sehr gern davon.Bilder deiner großen Liebe

Der Leser begleitet Isa, wie sie spontan ohne Schuhe aus einem Garten mit vier hohen Ziegelsteinmauern (der Klapse) entflieht und durch die Gegend stromert. Die Natur ist ihr sehr nah, ständig sie umgebend und da. Die Sterne und ihr Tagebuch als Kompass zieht sie durch die Welt und macht sich ihre ganz und gar nicht unreifen Gedanken. Isa beobachtet die Menschen um sich her und es geht mir wie masuko13, die schreibt: „Ich mag Isa, sie ist so herrlich verrückt. Aber auf diese Art verrückt, dass ich mehr und mehr das Gefühl bekomme, sie ist die Normale und bestaunt eine Welt von Verrückten.“

Isas Geschichte ist die des Mädchens, dem Tschick und Maik in Herrndorfs Jugendroman „Tschick“ auf der Müllhalde begegnen. Weiterlesen

Advertisements

„Evidence“: Ai Wei Wei im Martin-Gropius-Bau Berlin

Wenn ihr Pfingsten noch nichts vor habt und es euch einfach draußen zu heißt ist,  empfehlen wir allen Berlin-Besuchern und -Bewohnern die Ausstellung „Evidence“ des zeitgenössischen chinesischen Künstlers Ai Wei Wei im Martin-Gropius-Bau Berlin.

Ai Weiwei. 2012 © Gao Yuan
Ai Weiwei. 2012 © Gao Yuan

In 18 Räumen kann man auf 3000 qm u.a. Werke des gesellschaftskritischen Künstlers sehen, die eigens für diese Ausstellung entstanden sind oder bisher noch nicht in Deutschland zu sehen waren. Der Ausstellungstitel „Evidence“ verweist auf den dokumentarischen und archivarischen Charakter dieser Werkschau:  Sie fragt nach den Beweisen gegen den Künstler und versammelt Beweise darüber, was ihm widerfährt.

Modernismus ist das Urgeschöpf der aufgeklärten Menschen, er ist die ultimative Betrachtung über den Sinn des Daseins und das Elend der Realität, er hat ein wachsames Auge auf Gesellschaft und Macht, er geht keine Kompromisse ein, er kooperiert niemals.
Ai Weiwei 1997
(zit. n. „Ai Weiwei – Der verbotene Blog“, Galiani: Berlin 2011)

Diese Ausstellung ist in jedem Winkel politisch und offenbart das unverständliche Unrecht, das dem chinesischen Künstler derzeit widerfährt, der seit langer Zeit unter Hausarrest steht und nicht zu seiner eigenen Ausstellung anreisen darf. Die chinesische Staatsmacht versucht den Künstler, Architekten und Politiker mit allen Mitteln – auch illegal – mundtot zu machen. Sie schlossen seinen Blog, den monatlich über 100.000 Menschen besuchten, um die Arbeit des Künstler zu begleiten. Sie zerstörten sein Atelier und seine Werkstatt, in der seine Installationen und Ideen entstehen. Sie steckten ihn 2011 illegal für 81 Tage in die Zelle eines Geheimgefängnisses, das er nie verlassen durfte und rund um die Uhr bewacht wurde. Von diesen Repressionen und Erlebnissen sprechen die Ausstellungsexponate und Installationen, die nachdenklich machen und Kopfschütteln hervorrufen.

Die Ausstellung „Evidence“ erinnert den Besucher daran, dass es nicht überall selbstverständlich ist, seine Meinung frei äußern zu dürfen. Auch wenn die Bedingung für Kreativität Freiheit ist, lässt sich ein Künstler nicht unterdrücken. Ai Wei Wei macht Kunst unter politischem Druck. „Evidence“ ist noch bis zum 13.07.14 geöffnet. Seht sie euch an!

Über Ai Wei Wei:

http://de.wikipedia.org/wiki/Ai_Weiwei
http://aiweiwei.com

Eine andere Meinung:

http://www.monopol-magazin.de/artikel/20103168/Hou-Hanru-Ai-Weiwei-haus-der-kunst.html

Ausstellungskritik:

http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/ai-weiwei-austellung-evidence-in-berliner-martin-gropius-bau-a-962163.html
http://www.taz.de/!136108/

Informationen zum Martin-Gropius-Bau und zur Ausstellung:

http://www.museumsportal-berlin.de/museen/martin-gropius-bau/
http://www.berlinerfestspiele.de/de/aktuell/festivals/gropiusbau/programm_mgb/mgb14_ai_wei_wei/ausstellung_ai_weiwei/veranstaltungsdetail_80214.php

Literatur zu Ai Wei Wei:

http://www.hanser-literaturverlage.de/buecher/buch.html?isbn=978-3-446-23846-6
http://www.galiani.de/buecher/ai-weiwei-der-verbotene-blog.html

Mira Magén: „Wodka und Brot“, Roman (2012)

Welche Entscheidung die richtige ist, weiß man in den seltensten Fällen im Leben. Manchmal erscheint eine Entscheidung richtig, doch die Sicht auf die Dinge ändert sich mit der Zeit…Wodka und Brot

Die Protagonistin Amia in Mira Magéns Roman „Wodka und Brot“ bereut ihre Entscheidung, den Erfolg versprechenden Job als Steuerberaterin zugunsten des familiär betriebenen Ladens für Brot und Milch an den Nagel zu hängen, nicht. Auch als ihr Mann Gideon, ein ebenfalls erfolgreicher Anwalt, sie und den Sohn temporär verlässt, um Fischer zu werden und sich selbst zu finden, hadert sie nicht mit ihrem Schicksal. Sie macht einfach weiter. Irgendwie wird es sich schon geben mit dem Laden, der Hypothek, der Erziehung von Nadav. Doch es kommt natürlich anders; da taucht auf einmal Madonna auf, ein Mädchen, das allem und jedem trotzt, extravagante Frisuren trägt und schwarzen Lippenstift, und das mit Vorliebe geklautes Geld mit Tieren vergütet, wie zum Beispiel dem kleinen Welpen Wodka. Dieses Mädchen wird vom Hausbesitzer, einem schrulligen alten Mann der eine Tragödie durchlebte, und mit Argusaugen nebenan wohnt und alles überwacht, gar nicht gern gesehen, doch er hat mit seinen Problemen zu tun, die auch bald zu Amias Sorgen werden… Weiterlesen

+++Aufruf: Demokratie im digitalen Zeitalter+++

Es gibt ihn doch noch, den Autor und die Autorin, die nicht nur schreibend Veränderung fordern, sondern auch etwas tun. Das ist mir sehr sympathisch. Wenn man es auch mit einem ziemlichen Mammutproblem zu tun hat, ist es doch ein Anfang. Denn leider scheinen sich wohl alle der Problematik bewusst, aber irgendwie reicht das Bewusstsein noch nicht, damit auch etwas passiert. Es geht um unsere digitale Freiheit und das Recht auf Privatheit auch im Digitalen, das in Zeiten von NSA und Datenspeicherung grundlegend angegriffen wird.a stand for democracy

560 Schriftsteller aus 83 Ländern forderten letzte Woche im Aufruf „Demokratie verteidigen im digitalen Zeitalter“ eine verbindliche Internationale Konvention der digitalen Rechte. In einem groß angelegten internationalen Aufruf, initiiert in einem freien nicht-institutionellen Zusammenschluss u.a. von der Autorin Juli Zeh und dem Autor Ilja Trojanow,  fordern Autoren das Recht auf digitale Freiheit und Demokratie:

„Ein Mensch unter Beobachtung ist niemals frei; und eine Gesellschaft unter ständiger Beobachtung ist keine Demokratie mehr. Deshalb müssen unsere demokratischen Grundrechte in der virtuellen Welt ebenso durchgesetzt werden wie in der realen.“ (…)

Wir fordern daher, dass jeder Bürger das Recht haben muss mitzuentscheiden, in welchem Ausmaß seine persönlichen Daten gesammelt, gespeichert und verarbeitet werden und von wem; dass er das Recht hat, zu erfahren, wo und zu welchem Zweck seine Daten gesammelt werden; und dass er sie löschen lassen kann, falls sie illegal gesammelt und gespeichert wurden.

Wir rufen alle Staaten und Konzerne auf, diese Rechte zu respektieren.

Wir rufen alle Bürger auf,  diese Rechte zu verteidigen.

Wir rufen die Vereinten Nationen auf, die zentrale Bedeutung der Bürgerechte im digitalen Zeitalter anzuerkennen und eine verbindliche Internationale Konvention der digitalen Rechte zu verabschieden.

Wir rufen alle Regierungen auf, diese Konvention anzuerkennen und einzuhalten.“ Weiterlesen

„Verführung Freiheit. Kunst in Europa seit 1945“, Ausstellung in Berlin

Konzeption der Ausstellung

Die Ausstellung des Europarats „Verführung Freiheit“ im DHM Berlin vermittelt gleich zu Anfang einen internationalen Touch, Künstler aus 28 Ländern und Außenminister Guido Westerwelle grüßt im Vorwort des Ausstellungskataloges.

Man signalisiert Zusammenarbeit: Es gibt keine Grenzziehungen zwischen Ost und West, zwischen den Ländern aus denen die 113 Künstler stammen. Und das ist gut so. Denn die existentiellen und gesellschaftlichen Grundfragen sind uns allen gemeinsam: Wie wollen wir leben? Was wollen wir vermeiden? Was kann jeder Einzelne für eine bessere Zukunft tun?

Zwölf Kapitel stellen das Grundgerüst der Ausstellung dar. Sie umkreisen gedankliche Auseinandersetzungen mit menschlichen Grausamkeiten wie Krieg, Nachhaltigkeit, politische Staatsformen und deren Einfluss auf das Leben des Einzelnen, Utopien und die Sehnsucht nach Freiheit, sowie den Missbrauch von Ideologien.  Weiterlesen

Jonathan Franzen „Freiheit“, Roman (2010)

Der Inhalt in Kürze:

„Freiheit“ ist Jonathan Franzens großer Wurf nach „Die Korrekturen“ – In diesem großen Familienroman entwirft Franzen ein Psychogramm der amerikanischen Gesellschaft um die Jahrhundertwende von 20. zum 21. Jh.

Jonathan Franzen erzählt die Geschichte einer modernen amerikanischen Familie und führt dem Leser auf sehr sensible und kluge Weise den Befund der modernen westlichen Gesellschaft vor Augen. „Freiheit“ ist gesellschaftskritisch, aber kein politischer Roman.  Weiterlesen