Wolfgang Herrndorf: „Arbeit und Struktur“

roBerlin_SU_Herrndorf_HK_f_Mattfolie.inddVor 1,5 Jahren hat Laura bereits hier über Wolfgang Herrndorfs Blogbuch „Arbeit und Struktur“ geschrieben. Nun habe ich dieses Buch zuende gelesen und bin sehr berührt. Laura hat eigentlich schon alles gesagt, dem habe ich nichts mehr hinzuzufügen. Es ist einfach nur verdammt traurig, dass er von dieser beschissenen Krankheit dahingerafft wurde und so beeindruckend, welchen Mut er besaß, selbst zu bestimmen, wann Schluss ist. Daher möchte ich Herrndorf selbst sprechen lassen und einige Stellen aus seinem Blog nennen, die mich besonders nachdenklich gemacht haben.

Ich lese den Wikipedia-Artikel zum Thema Narzissmus und komme zu dem Ergebnis., dass es sich in Wahrheit nicht um unterschiedliche Ängste handelt, sondern um eine einzige: Der Tod ist schließlich nichts anderes als die Mitteilung des Universums an das Individuum, nicht geliebt zu werden, die Mitteilung, nicht gebraucht zu werden, dieser Welt egal zu sein. (…)

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XLV. Sonntag mit Proust: Lebenswehmut

Monsieur Swann, der schwer krank ist, spricht mit dem Erzähler über das, was er vermissen wird. Aus seinen Worten spricht eine Wehmut und zugleich tiefe Achtung und Liebe zum Leben:

„Selbst wenn man nicht mehr an den Dingen hängt, ist es nicht unbedingt gleichgültig, ob man daran gehangen hat, denn immer ist es aus Gründen gewesen, die den anderen entgehen. Wir spüren, daß die Erinnerung an diese Gefühle einzig in uns selbst besteht; in uns selber müssen wir daher Einkehr halten, um sie zu betrachten. Machen Sie sich nicht allzusehr lustig über diesen Idealistenjargon; was ich sagen will, ist, daß ich das Leben sehr geliebt habe, und die Künste auch. Gut, gut. Jetzt, wo ich etwas zu müde bin, um mit anderen zu leben, scheinen mir diese alten, mir so ganz zugehörigen Gefühle, die ich durchlebt habe, wie es nun einmal die Manie aller Sammler ist, unerreichbar an Wert. Ich schließe mir selbst mein Herz auf, als wäre es so etwas wie eine Vitrine und betrachte eine nach der anderen alle die Arten von Liebe, welche die anderen nicht kennengelernt haben. Von dieser Sammlung aber, an der ich jetzt noch stärker hänge als an allen übrigen, sage ich mir ein wenig wie Mazarin mit Bezug auf seine Bücher – aber im Übrigen ohne alle Angst -, daß es doch sehr bedauerlich sein wird, alles das zu verlassen.“

Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Teil 4.1: Sodom und Gomorra. Dtsch. von Eva Rechel-Mertens, Frankfurt: Suhrkamp, 1982, S. 147-148.

David Wonschewski: „Geliebter Schmerz. Melancholien“, 2014

Der Prolog sagt eigentlich schon alles: „Schwarzgemalt glücklich“ sollten wir dem Leben begegnen, soll heißen: Die dunklen Momente mit Gefühlen wie Trauer, Depression, Wut, Angst, Schmerz, Sehnsucht einfach annehmen und als Teil von uns anerkennen. Sie nicht verdammen und verteufeln und sich dafür schämen oder sie gar wegtherapieren oder betäuben. Sondern sich ihrer und ihrer Verursacher wie Tod, Verlust, Trennung, Abschied, Krankheit etc. annehmen, sie durchleiden und sehen: Sie sind „das so wichtige Salz unserer Lebenssuppe“.

Ich war neugierig, nachdem ich ein sympatisches Interview mit dem Autor bei Sophie von literaturen entdeckt hatte und immer wieder las, David Wonschewski sei ein Autor, der sich des Düsteren und Melancholischen annehme und der mit David Foster Wallace oder Thomas Bernhard verglichen wird. Vielleicht waren meine Erwartungen zu hoch.

Jedenfalls denke ich jetzt nach 513 Seiten „Geliebter Schmerz“-Varianten, dass ich es beim Prolog und dem Interview hätte belassen können. Die teils kurzen, teils längeren Geschichten rund um Einsamkeit, menschliche Abgründe, Gedankenkreisel, Verlassenwerden und Gehenlassenmüssen reichen nicht in mich hinein, lassen mich unberührt zurück. Schade! Gerade diese Annäherungen an die dunklen Seiten in uns, so nahm ich an, könnten mich durch Intensität, Irritation, Intimität … erschüttern. Mitnichten. Sie bleiben allesamt an der Oberfläche und dringen nicht zu mir durch. Woran mag das liegen? Geliebter Schmerz Weiterlesen

Notizen zur Lektüre: Bernhards „Der Atem“ IV

Wir lesen Thomas Bernhards autobiographische Rückschau “Der Atem” und notieren wöchentlich unsere Eindrücke vom Text.

Teil IV (S. 49-69)

Inhalt:

Aus der Sicht des Großvaters: Unterschied zwischen tatsächlichen und erfundenen Krankheiten – jede Krankheit womöglich eine Erfundene – Notwendigkeit der erfundenen Krankheit – Beschreibung der Arztvisite – Ausweglosigkeit der Kranken = zum Tode verurteilten Menschen – Medikamente als Todesbeschleuniger – Beziehung zwischen Arzt und Patient beleuchtet –Sicht des Erzählers: Wunsch nach Aufklärung und Erklärung durch Ärzte wird verweigert – Beschreibung des Auftauchens (und Sterbens) einzelner Menschen im Sterbezimmer: der Gastwirt, der General, der Marktfahrer und ihrer Geschichten

Sprache und Stimmung:

Durchlaufender Bewusstseinsstrom ohne Brüche und ohne Pausen – negative Wortwahl betont Gefühlskälte,  Distanz und Unbeteiligtheit der Ärzte – Erzähler schwenkt in 3. Person um, wiedergegebene sehr sachliche Reflektionen des Großvaters gehen über in Reflektionen des Enkels und verschwimmen mit diesen – mehrfach wiederholtes Bild der Mauer verdeutlicht Rücksichtlosigkeit der Ärzte und als unüberwindbare Distanz wahrgenommene Arzt-Patienten-Beziehung –

Änderung der Erzählperspektive zwischendrin = Distanz zu Berichtetem – Hervorhebung der eigenen Ausnahmesituation (nur der Erzähler verlässt das Sterbezimmer lebend?) – Beschreibung der anderen Kranken / Sterbenden aus Perspektive eines beteiligten aber nicht unmittelbar betroffenen Beobachters – Beschreibungen verschiedener Arten zu Sterben anhand einzelner fremder Personen löst Frage nach dem „richtigen Tod“ aus und geht über in Reflektion über Rolle des Schreibenden – sehr passendes Sprachbild: das Leben als „schäbiger, vollkommen abgerissener Veranstaltungskalender“ ( S. 64)

„Schließlich wird den wenigsten ein Tod ohne Sterben zuteil. Wir sterben von dem Augenblick an, in welchem wir geboren werden, aber wir sagen erst, wir sterben, wenn wir am Ende dieses Prozesses angekommen sind, und manchmal zieht sich dieses Ende noch eine fürchterlich lange Zeit hinaus. Wir bezeichnen als Sterben die Endphase unseres lebenslänglichen Sterbeprozesses.“ (S. 64)

Bedeutung und Wirkung:

Ärzte werden wie gefühlslose Unwesen beschrieben, die nur ihre Arbeit verrichten – Heilen als Geschäft – Kritik an Ärzteberuf – empfundene Unmenschlichkeit der Ärzte, denen Patient hilflos ausgeliefert ist – Schwestern als abgestumpfte ausführende Menschen ohne Anteilname – der Tod wird nur als Endpunkt wahrgenommen – Starke Wertungen und moralische Fragen, gesellschaftliche Dimensionen:  relevanter ist das Sterben, dass allen Lebenden seit ihrer Geburt widerfährt = Leben heißt zu sterben – im Tod sind wir alle gleich, egal welchen gesellschaftlichen Standes oder Berufen wir im Leben nachgehen – Frage: „Wie wollen wir Sterben?“ ist verbunden mit der Frage nach dem Glück – menschenwürdiges Leben und Sterben – Jeder verdient einen „guten und sanften“ Tod, nicht jeder erhält einen – moralische Wertung – indem der Erzähler über den „Schreibenden“ nachdenkt, macht er sich indirekt über den Beobachterstandpunkt eines Autoren Gedanken

Nächste Woche geht es weiter mit S. 69 – 90!

Hier geht’s nochmal zurück zum vorhergehenden Teil

Notizen zur Lektüre: Bernhards „Der Atem“ II

Wir lesen Thomas Bernhards autobiographische Rückschau „Der Atem“ und notieren wöchentlich unsere Eindrücke vom Text.

Teil II (Seite 18-29)

Inhalt:

Medikamente für deutlichere Wahrnehmung der Umgebung – Krankensaal = Sterbezimmer – Körper im Zerfallsprozess – Sterbevorgang bewusst werdend in Rückschau – Geräusche anderer Menschen – Waschen im Badezimmer – Todeskandidaten – Todgeweihte – Sterben eines jungen Menschens – hohes Fieber – Ignoranz der Krankheit von Seiten der Familie – Jahresanfang: Jänner(Januar) = Sterbezeit – Krankwerden für den Großvater – Bedeutung der Beziehung des knapp Achtzehnjährigen zum Großvater wird zentral – frühe Konfrontation eines 18-Jährigen mit dem Sterben – Paradoxon: frische Jugend dem Verfall Anheim gegeben

Sprache und Stimmung:

„Er hatte mich akzeptiert, nachdem mich alle anderen nicht akzeptiert hatten, ja selbst meine eigene Mutter nicht, er war ihnen allen in Zuneigung und Liebe um beinahe alles voraus gewesen. Ein Leben ohne ihn war mir lange Zeit unvorstellbar gewesen. Es war die logische Konsequenz, ihm selbst in das Krankenhaus nachzufolgen.“ (S. 27) Weiterlesen

Notizen zur Lektüre: Thomas Bernhard „Der Atem“

In den „Notizen zur Lektüre“ beschäftigen wir uns eingehend mit Thomas Bernhards „Der Atem. Eine Entscheidung“, das 1978 erschien. Wir werden in Teilen jeweils zehn Seiten lesen und dazu wochenweise unsere Gedanken in assoziativen Stichworten festhalten und mit euch teilen. Wer zufällig die schmale Ausgabe im Schrank stehen hat und Zeit und Lust hat, mit uns mitzulesen, kann sich gern beteiligen. Unsere Inspiration ist es, mehr Klassiker intensiver zu lesen und genau auf Sprache und Details zu achten… Es geht uns also um das entschleunigte Lesen!

Bei Bernhards „Der Atem. Eine Entscheidung“ handelt es sich um den ersten Teil einer Reihe von autobiographischen Schriften, in denen sich der alternde Autor Bernhard in Rückschau an ein nachhaltiges Krankheitserlebnis seiner Jugend erinnert.

Grundlage unserer Lektüre ist eine antiquarische DTV-Ausgabe (München) von Januar 1981 (Ursprünglich Residenzverlag, Salzburg u. Wien, 1978), hier in aktueller Auflage bei DTV erhältlich.

Teil I (Seite 7 – 18)

Bernhard_Atem Weiterlesen

„So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein“

Das Leben ist eine verdammt schöne und verdammt traurige Sache zugleich. Vor allem wenn wir mit Krankheit und Tod konfrontiert werden und das meist völlig unvermittelt. Es reißt uns aus dem belanglosen Alltag heraus und zeigt uns seine hässliche Fratze – seine Endlichkeit. Uns als nicht-existent zu denken, ist fast unmöglich. Wenn ich das versuche, überkommt mich eine große Angst, weil ich all das Schöne hier, die Menschen und Augenblicke, die mir so viel bedeuten, dann nicht mehr habe. Und dennoch ist es wichtig, diese Endlichkeit nicht zu verdrängen, sondern sich auch mit diesen Abgründen zu beschäftigen. Sie sind furchtbar traurig, doch sie sind unausweichlich und sie sind da. Konfrontation ist nicht schön, sondern tut weh. Leben ist nicht immer schön, sondern tut auch weh.

„Dieses Buch ist das Dokument einer Erkrankung, keine Kampfschrift. Zumindest keine Kampfschrift gegen eine Krankheit namens Krebs. Aber vielleicht eine für die Autonomie des Kranken und gegen die Sprachlosigkeit des Sterbens. Mene Gedanken aufzuzeichnen hat mir jedenfalls sehr geholfen, das Schlimmste, was ich je erlebt habe, zu verarbeiten und mich gegen den Verlust meiner Autonomie zu wehren. Vielleicht hilft es nun auch einigen, diese Aufzeichnungen zu lesen. Denn es geht hier nicht um ein besonderes Schicksal, sondern um eines unter Millionen.“

Ich möchte euch daher Christoph Schlingensiefs „Tagebuch einer Krebserkrankung“ empfehlen. Laura hat mir dieses Buch ans Herz gelegt und ausgeliehen, da sie sich intensiver mit Schlingensief als Künstler auseinandersetzt. Wer Christoph Schlingensief nicht kennt, möge sich über den einzigartigen Dramaturgen, Regisseur und Künstler unter www.schlingensief.com umfänglich informieren. Ich möchte ihn nicht in Platitüden pressen, die seiner nicht gerecht werden oder Schubladen bedienen.Schlingensief_Tagebuch einer Krebserkrankung

Das war das traurigste und berührendste Buch, was ich seit langem atemlos gelesen habe. Weiterlesen

@bout David Wagner: Leben (Roman, 2013)

Über das Buch

Für diesen Dialog entschieden wir uns, dass wir das Buch  lesen, welches den Preis der Leipziger Literatur- Buchmesse in der Kategorie Belletristik gewinnt. Der Preis ging glücklicherweise an David Wagner und sein Buch „Leben“, unsere geheime Hoffnung.

In „Leben“ beschreibt der Ich-Erzähler die Geschichte seiner Lebertransplantation. Der Leser erlebt die Krankenhausaufenthalte und gedanklichen Auseinandersetzungen des Erzählers mit, der seit seiner Pubertät an einer Autoimmunerkrankung leidet, die die Leber zerstört. Tag für Tag wartet er auf die erlösende Nachrichts und den Anruf des Arztes: Wir haben eine Leber für sie. Wie fühlt man sich, wenn man darauf hoffen muss, dass ein anderer Mensch stirbt, damit man selbst weiterleben darf? Was bedeutet Leben, wenn man nicht weiß, ob es weiter gehen wird, und welche Gedanken bewegen einen Menschen dabei? Davon erzählt David Wagner und wir sind ihm dabei gefolgt.

Zeus hat Prometheus dafür bestraft, daß er den Menschen das Feuer gebracht hat. Er kettet ihn auf einem Felsen an und läßt einen Adler jeden Tag ein Stück von seiner Leber fressen. Prometheus ist gefesselt, stirbt aber nicht, der Mythos weiß um die erstaunliche Regenerationsfähigkeit des Organs. Lebergewebe wächst nach, sieh an. Wachs doch nach, liebe Leber.

David Wagner_ LebenKatja: Als erstes muss ich sagen, dass ich froh war, dass David Wagner gewonnen hat, weil mich das Buch auch am ehesten interessiert hatte von den diesjährigen Nominierten. Ich bin ja eher nicht so, dass ich die Bücher lese, die einen Literaturpreis gewinnen, weil das nicht unbedingt was zu sagen hat hinsichtlich der Qualität des Textes, aber gut …

Ich hab mich zuerst gefragt, warum das Buch nicht „Leber“ heißt – sondern „Leben“ –  hätte ja zum humorvollen Grundton gepasst ….

Laura: Interessant, ich habe beim Lesen immer gedacht, das Buch könnte auch „Sterben“ heißen. Im Grunde befindet sich der Erzähler ja stets auf der Grenze zwischen Leben und Sterben, auch mental. Aber letztlich will er ja leben und es ist natürlich positiver ein Buch so zu nennen 😉
Und zum positiven Grundton passt natürlich auch der Umgang mit Humor. Ich finde auch, das Buch ist sehr authentisch und menschlich geschrieben. Weiterlesen

XIX. Sonntag mit Proust: Über den herannahenden Tod

Mors certa, hora incerta

Wir sagen wohl, die Stunde des Todes sei ungewiß, aber wenn wir es sagen, stellen wir uns diese Stunde in weiter, vager Ferne vor, wir denken nicht daran, daß sie irgendeine Beziehung zu dem bereits begonnenen Tage haben und daß der Tod – oder sein erster partieller Zugriff, nachdem er uns nicht mehr loslassen wird – am gleichen Nachmittag noch erfolgen könne, der uns so gar nicht ungewiß schien, für den der Gebrauch der Stunden bereits im voraus festgelegt war. (…) Man wünschte, es wäre morgen schön, und man ahnt nicht, daß der Tod, der auf einer anderen Ebene schon selbst durch undurchdringliches Dunkel wandelnd, zu einem gelangt ist und gerade diesen Tag für seinen Auftritt gewählt hat, die nächsten Minuten schon, in denen der Wagen die Champs-Elysées erreicht haben wird. Vielleicht werden diejenigen, die von Grauen vor dem Sonderbaren am Tode heimgesucht sind, etwas Beruhigendes in dieser Art von Tod sehen – dieser Form des ersten Kontakts mit dem Tode – weil er dabei ein bekanntes, vertrautes, alltägliches Aussehen bekommt.

Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Teil 3.2: Die Welt der Guermantes, Dtsch. von Eva Rechel-Mertens, Frankfurt: Suhrkamp, 1982

XVIII. Sonntag mit Proust

Im Zustand der Krankheit merken wir, daß wir nicht allein existieren, sondern an ein Wesen ganz anderer Ordnung gefesselt sind, von dem uns Abgründe trennen, das uns nicht kennt, und dem wir uns unmöglich verständlich machen können: unseren Körper.

Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Teil 3.1: Die Welt der Guermantes, Dtsch. von Eva Rechel-Mertens, Frankfurt: Suhrkamp, 1982.