„Aus der Zeit fallen“ von David Grossman am Deutschen Theater

Wie kann man Worte finden, für das Unbeschreibliche, für einen Schmerz, der unfassbar ist?

David Grossman, der seinen 20jährigen Sohn im Libanonkrieg verlor, hat in seinem Text „Aus der Zeit fallen“ versucht, diesem Schmerz Worte zu verleihen. Entstanden ist ein Sog aus Emotion: Trauer, Verlustgefühl, Orientierungslosigkeit, Schmerz, Wut, Unverständnis, Einsamkeit, Verlassenheit …
Ich näherte mich diesem Sog nicht wie gewohnt auf Papier, das ich in Händen halte und das mir durch gedruckte Worte diese Emotionen nahebringt, sondern ins Bild gesetzt durch den Regisseur Andreas Kriegenburg am Deutschen Theater in Berlin.

Aus der Zeit fallen

Ohne den Text Grossmans vorher gekannt zu haben, ließ ich die gewaltigen intensiven Bilder des Theaterstücks auf mich wirken; beinahe dreieinhalb Stunden lang.
Zu Beginn: Das wunderschöne, zugleich melancholische und symbolische Bild von Lichtern, die eingehängt und auf der dunklen Bühne emporgezogen werden, wie Sterne oder Seelenlichter, wie Gedenkkerzen. Ein Ehepaar, dass an einem langen Tisch sitzt und zu sprechen beginnt. Die Hilflosigkeit, den Schmerz und die Trauer über den im Krieg gefallenen Sohn in Worte zu fassen sucht. Er will sich nach „dort“ begeben, „dort“ wo sein Sohn nun wohl ist, das „dort“, von dem er nicht weiß, was es genau ist, wo sich dieser Ort befindet, und ob es ihn überhaupt gibt? Jedenfalls hält er es nicht mehr aus, im „hier“. Er begibt sich auf den Weg nach „dort“, sie bleibt. Weiterlesen

Thomas Lehr: „September. Fata Morgana“, 2010

„in der Vergangenheit
gibt es keine Luft für uns
ganz gleich wie verzweifelt die Zukunft dort atmen möchte“

Dieses Buch ist etwas Besonderes. Interessanterweise war es ein spontaner Zufallskauf – etwas, wozu ich mich nur sehr selten hinreißen lasse. Irgendwie sprach mich das Buch an, ich nahm es zur Hand und war erstaunt, statt den üblichen dichten Satzketten verseähnliche Wortgebilde vor mir zu sehen. Und: Es gibt keine Satzzeichen! Da wusste ich, dass in diesem Roman Poesie erklingt. Thomas Lehr_SeptemberAbout

Zwei Väter, Martin in den USA und Tarik im Irak, und ihre Töchter Sabrina und Muna erzählen jeweils aus ihren Perspektiven von den Ereignissen 2001 und 2004 in New York und Bagdad. Die Kapitel entstehen durch ihre Sichtweisen und sind jeweils abwechselnd mit einem der vier Namen überschrieben. Eine direkte Verbindung zwischen den beiden Vater-Tochter-Paaren besteht nicht – vorerst nicht. Man wird auch länger im Unklaren gelassen, ob nicht vielleicht das eine Mädchen nur in der Vorstellung der anderen existiert:

„da ist etwas dran erwiderte Tarik aber stell dir ein Mädchen vor (vor dem Hintergrund eines Bildschirms auf dem nun wider Knabenchöre das Lied Saddams Lebenspuls! zu Gehör bringen) ein Mädchen deines Alters im World Trade Center
es will studieren wie du oder es hat gerade mit dem Studium begonnen
ihr hättet euch in London begegnen können oder in Paris“

So wie Tarik seiner Tochter Muna in Bagdad rät, sich eine Gleichaltrige in New York vorzustellen, so hat Sabrina seit ihrer Kindheit eine imaginäre Freundin, eine arabische Prinzessin. Beide Mädchen könnten rein hypothetisch einfach in der Phantasie der anderen existieren.
Sabrina geht am Morgen des 11.September 2001 zufällig in das World Trade Center, um dort ihre Mutter Amanda (und Martins Exfrau) zu besuchen. Sie kehrt nie daraus zurück. Weiterlesen

XV. Sonntag mit Proust

Die Diplomaten wissen, daß in der Waage, in der jenes europäische oder sonstige Gleichgewicht hergestellt wird, das man den Frieden nennt, gute Gefühle, schöne Reden und Beteuerungen äußerst wenig bedeuten und daß das eigentliche, entscheidende Gewicht bei anderen Dingen liegt, zum Beispiel in der Möglichkeit, die der Gegner, je nachdem er stark genug ist, hat oder nicht hat, auf dem Wege des Tausches einen Wunsch zu erfüllen. Diese Art von Wahrheiten, die ein so vollkommen selbstloses Wesen wie meine Großmutter nie begriffen hätte, war etwas, womit Monsieur de Norpois und der Fürst schon oft zu tun gehabt hatten. Als Geschäftsträger in Ländern, mit denen wir um ein Haar in kriegerische Verwicklungen geraten wären, hatte Monsieur de Norpois in seiner Sorge um die Entwicklung der Dinge genau gewußt, daß nicht die Wörter „Krieg“ oder „Frieden“ entscheidende Hinweise enthalten, sondern irgendein anderes, scheinbar ganz banales, das aber allen Schrecken oder Segen in sich birgt, das der Diplomat mit Hilfe seines Chiffresystems auf der Stelle enträtseln und auf das er, um die Würde Frankreichs zu wahren, durch ein anderes ebenso banales Wort antworten muß, unter dem aber der Minister des feindlichen Landes auf der Stelle die Lettern „Krieg“ erkennen würde.

Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Teil 3.1: Die Welt der Guermantes, Dtsch. von Eva Rechel-Mertens, Frankfurt: Suhrkamp, 1982.

Simone de Beauvoir: „Sie kam und blieb“, Roman (1943)

Mein Monat der Si- ist zuende. Zufällig las ich im Oktober nur Romane von Autorinnen, deren Vornamen alle mit Si- beginnen. Erst nachdem ich von Siri, Sibylle und Simone gelesen hatte, fiel mir dieses „Muster“ auf. Und entschied mich dann, noch ein Buch von Silke hinterherzulesen, das ohnehin in meinem Regal wartete. Der Titel des Romans von Simone de Beauvoir beginnt übrigens auch mit Si-. Um dieses Buch soll es hier im Folgenden gehen.

Sie heißt Xavière und bringt das (Liebes-) Leben von Francoise und Pierre durcheinander. Zwischen den dreien entwickelt sich eine komplizierte Dreiecksbeziehung vor dem Hintergrund des Pariser Bohèmelebens der 1930er Jahre. Der überwiegend aus Dialogen bestehende Roman führt unmittelbar in die Theater- und Intellektuellenwelt seiner Figuren. Weiterlesen