Über das Lesen

Über das LesenZu lesen ist die schönste und erfüllendste mit (intellektueller) Arbeit verbundene Tätigkeit, die ich mir vorstellen kann. Lesend die Welt wahrnehmen und erfahren bedeutet, über sich selbst hinauszuwachsen und in die Gedanken- und Fantasiewelt eines anderen einzutauchen. Auf keine andere Art und Weise kann ein Mensch direkter und unmittelbarer aus seinem Selbst heraustreten und etwas über sich und andere Menschen lernen. Beim Lesen erweitert man nicht nur den eigenen Horizont, sondern gewinnt durch das Einnehmen des Blickwinkels eines anderen neue Sichtweisen auf die bisher bekannte Welt. Lesen bedeutet daher auch sehen, erkennen und verstehen.

Während man in die Gedankenwelt des Wortes eintaucht, wird man vom Schreibenden und Erzählenden als desjenigen, der durch seine ausformulierten Worte eine neue Welt erschafft, mitgenommen auf eine Reise. Je eindringlicher und metaphorischer diese Worte gewählt werden, desto unterhaltsamer, aufregender und gewinnbringender kann diese Reise sein …
Worte vermögen nicht nur Welten zu erschaffen, sondern gleichfalls zu vernichten. Umso intensiver das Gefühl, wenn die eine bestimmte Erzähleinheit lang andauernde Reise zu Ende geht, man traurig und ein wenig wehmütig zurückgelassen wird und sich von dieser erschaffenen Welt verabschieden muss … Diese erzählte Welt wird während des Lesens nicht nur zur eigenen Welt, sondern auch zur eigenen Zeit und zum gedanklichen Raum, während dessen die „wirklichen“ Faktoren Raum und Zeit undeutlicher und nebensächlicher werden. Ein Buch zu Ende zu lesen, ist, als verliere man einen guten Freund.

Lesen ist ein Er-lebnis und ein Be-greifen –
Beim Lesen verändert sich etwas im Menschen und es ist dadurch als Akt etwas so Besonderes, weil man dabei im Zwiegespräch mit dem eigenen Geist steht und dieses sonst so abstrakte nicht zu greifende oder erklärende „Ich“ irgendwie ein Stück weit fassbarer wird. Das Beste am Menschen kommt durch das Lesen zu seinem eigentlichen Bewusstsein: Die Fähigkeit durch die Kraft der Imagination, die Einbildungskraft abstrakte Welten zu erschaffen, die jenseits aller physischen Erfahrung bestehen können …

Und all dies bloß durch Worte – geschrieben, um gelesen zu werden …