Astrid Rosenfeld: „Adams Erbe“, Roman (2011)

adams erbeEine Geschichte ist eine Geschichte ist eine Geschichte...

Zwei Erzählstränge verlaufen parallel: Da ist zum einen Edwards Geschichte vom Erwachsenwerden ohne Vater, von der Faszination für den „King“ Jack Moss, von Zoo-Besuchen und einem Leben ohne Schule fernab der Großmutter. Und dann ist da zum anderen Adams Geschichte, die er als „Erbe“ auf dem Dachboden im Haus von Edwards Großmutter hinterlassen hat. Adam ist Edwards Großonkel gewesen.

Beide Geschichten richten sich erzählerisch an eine ferne junge Frau. Edward richtet sich an Amy, die nach Großbritannien zurückgegangen ist und von der er hofft, sie wiederzusehen. Adam schreibt in einem Buch auf vielen Seiten an Anna, seine große Liebe, um die es in seiner Geschichte in Briefform geht.

Edwards Geschichte… Weiterlesen

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Maarten `t Hart: „Unterm Scheffel“, Roman (1991/2011)

Es gab vor Jahren eine Zeit, in der ich die frühen Romane des Niederländers Maarten `t Hart verschlungen habe: „Gott fährt Fahrrad“, „Die schwarzen Vögel“, „Die Jakobsleiter“, „Das Wüten der ganzen Welt“… ich mochte die Geschichten vom Sohn eines Totengräbers, von unerfüllter Liebe, voller klassischer Musik(andeutungen) und Religion. Ich hielt den Autor für einen beeindruckenden Geschichtenerzähler.

Nachdem ich jedoch den Roman „Der Flieger“ las und nun noch „Unterm Scheffel“, der erstmalig 1991 erschien, schwächt sich dieser Eindruck leider ab.
Es geht um den Komponisten Alexander Goudeveyl, der sich in die wesentlich jüngere Sylvia verliebt und mit ihr eine Affäre beginnt, obwohl er mit der Sängerin Joanna verheiratet ist. Letztere ist aber ohnehin kaum zuhause und wenn sie sich sehen, streiten sie meist. Weiterlesen

Der philosophische und poetische Mittwoch: Was es ist

Es ist Unsinn
sagt die Vernunft
Es ist was es ist
sagt die Liebe

Es ist Unglück
sagt die Berechnung
Es ist nichts als Schmerz
sagt die Angst
Es ist aussichtslos
sagt die Einsicht
Es ist was es ist
sagt die Liebe

Es ist lächerlich
sagt der Stolz
Es ist leichtsinnig
sagt die Vorsicht
Es ist unmöglich
sagt die Erfahrung
Es ist was es ist
sagt die Liebe

Erich Fried „Es ist was es ist. Liebesgedichte, Angstgedichte, Zorngedichte“, Berlin 1996.

Unbedingt lesen: John Green „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“, Roman (2012)

Wie geht man mit dem Wissen um, todkrank zu sein? Wie kann man damit fertig werden, wenn das eigene, noch nicht einmal 20jährige Kind an Krebs erkrankt? Wie lebt man mit der täglichen Erinnerung daran, dass das eigene Leben schon sehr bald zuende sein kann?

Hazel ist sechzehn und an Krebs erkrankt. Sie guckt gerne „America´s Next Top Model“ und ihr größter Wunsch ist es, den Autoren (Jan van Houten) ihres Lieblingsbuches Ein herrschaftliches Leiden in Amsterdam zu treffen. Wenn im „Herzen Jesu“ die Namen derer aus der Selbsthilfegruppe verlesen werden, die an Krebs gestorben sind, hofft sie wie alle anderen, dass ihrer nicht so bald am Ende mitgenannt wird. Als sie den ebenfalls krebskranken Augustus (genannt Gus) kennenlernt, scheint sich ihr Wunsch, nach Amsterdam zu reisen, zu erfüllen. Weiterlesen

Rainer Moritz: „Madame Cottard und eine Ahnung von Liebe“, Roman (2009)

Rainer Moritz_Madame Cottard und eine Ahnung von LiebeWas leichtes, einen schönen Liebesroman, wollte ich mal wieder lesen, gewissermaßen als Ausgleich zu meinen sonstigen Leseprojekten David Foster Wallace und Marcel Proust. Und da begegnete mir Madame Cottard.

Rainer Moritz ist ein deutscher Schriftsteller, der in Paris und die französische Kultur verliebt ist, das merkt man seinem Roman eindeutig an. Um Nathalie Cottard geht es, eine Pariser Buchhändlerin Ende 30, die in ihrer Wohnung einen Wasserschaden erlebt. Dieser kleine Schicksalsschlag ist Auslöser für die Bekanntschaft mit ihrem deutsche Nachbarn: Robert Bernthaler. Er bietet ihr spontan eine erste Notunterkunft in seiner Wohnung an, von der aus man auf den Sacré Coeur blicken kann. Weiterlesen

XII. Sonntag mit Proust

Doch die Liebe hat schon etwas Mysteriöses an sich, fuhr die Herzogin mit dem zarten Lächeln der liebenswürdigen Frau von Welt fort (…). Im übrigen weiß man doch nie, warum eine Person eine andere liebt. (…) Man weiß ja überhaupt nie etwas Gewisses, schloß sie mit einem skeptischen und müden Ausdruck im Gesicht. Es ist einfach eine Frage der Intelligenz, daß man die Wahl von Liebenden gar nicht erst diskutiert.

Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Teil 3.1: Die Welt der Guermantes, Dtsch. von Eva Rechel-Mertens, Frankfurt: Suhrkamp, 1982.

Juli Zeh: „Spieltrieb“, Roman (2004)

Wenn das alles ein Spiel ist, sind wir verloren. Wenn nicht – erst recht.

Nach dem Auslesen dieses Romans brauchte ich erstmal eine Weile, um ihn zu verarbeiten. Erschüttert halte ich dieses Werk der deutschen Autorin in Händen, weil es eine Sprache voller Zündstoff enthält, Charaktere, die einen in die Gedanken verfolgen und eine Geschichte, die ahnen lässt, zu was Menschen fähig sind, wenn sie keine moralischen Werte mehr für sich definieren und dazu noch überaus intelligent sind.

Da ist Ada, das trotzige 15-jährige Problemkind, dem alles gleich-gültig ist. Sie trifft auf dem Internat und der Privatschule „Ernst-Bloch“ bei Bonn ausgerechnet auf Alev, den attraktiven, charismatischen Halb-Ägypter, dem nach Minuten nicht nur die weibliche Schulbelegschaft zu Füßen liegt. Und dann ist da noch Smutek, der Sport – und Deutschlehrer aus Polen, der von den beiden in ihrem Spiel erpresst wird.
Ada und Alev negieren am Ende jegliche Moral und hebeln sogar gewissermaßen das Rechtssystem aus. Dies passiert jedoch nicht bombastisch und mit entsicherten Waffen im Anschlag – sondern heimlich, still und schleichend inmitten der alltäglichen Schulabläufe. Und man selbst sitzt als Leser letztlich da und überlegt, ob man das was man normalerweise als Pädophilie, Missbrauch Schutzbefohlener, Erpressung und Verführung ansehen würde, wirklich plötzlich nicht mehr so schlimm findet. Zumindest in diesem speziellen Fall. Auch ich bin ein Opfer des Spieltriebs von Juli Zehs Romanfiguren geworden. Genauso wie die Richterin, die „kalte Sophie“, die in der Rahmenhandlung über Ada, Smutek und Alev richten soll. Doch von Anfang an. Weiterlesen

Jonathan Safran Foer: Alles ist erleuchtet (Roman, 2002)

Ich möchte euch von einem Leseerlebnis berichten, das mich zum Ende des vergangenen Jahres sehr berührt und begeistert hat. Entgegen meiner sonstigen Vorsicht bei Superlativen muss ich bei diesem Roman einfach eine 100 % Empfehlung aussprechen und fühle mich damit sehr wohl.

Das ist Liebe, hatte Brod gedacht, oder nicht? Wenn man die Abwesenheit von jemand bemerkt und diese Abwesenheit mehrt hasst als alles andere. Sogar noch mehr als man seine Anwesenheit liebt. Ein jeder wusste, dass sie jeden Tag am Fenster auf den Kolker gewartet hatte, dass sie mit der Oberfläche des Glases vertraut geworden war, gesehen hatte, wo es dünner geworden war, wo es sich leicht verfärbt hatte, wo es milchig war. Sie ertastete die winzigen Buckel und Blasen im Glas. Wie eine Blinde, die Blindenschrift lernt, fühlte sie sich befreit. Der Rahmen des Fensters war die Mauer des Gefängnisses, das ihr die Freiheit gab. Sie liebte das Gefühl, auf den Kolker zu warten, sie liebte es, für ihr Glück ganz und gar auf ihn angewiesen zu  sein, sie liebte es, so lächerlich sie das auch stets gefunden hatte, jemandes Frau zu sein. Sie liebte diese neuen Wörter, die es ihr erlaubten, etwas einfach zu lieben, und zwar mehr zu lieben, als sie ihre Liebe für dieses Etwas geliebt hatte, und sie liebte die Verletzlichkeit, die mit dem Leben in der unmittelbaren Welt, der Welt ersten Grades, einherging. Endlich, dachte sie, endlich. Wenn Jankel wüsste, wie glücklich ich bin.

(*S. 232)

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Der philosophische Montag: Wie Platon die Liebe zum Ziele führen

Ich aber sage es von allen, Männern und Frauen, daß auf solche Weise unser Geschlecht glücklich werde, wenn wir die Liebe zum Ziele führten, rückkehrend zur alten Natur. Wenn dies das Beste ist, so muß von dem jetzt Bestehenden das Beste sein, was ihm am nächsten kommt, das ist: einen Geliebten zu finden, der nach unserm Sinn geartet ist. Und wenn wir dem Gott singen wollen, der dieses wirkt, so gebührt es, dem Eros zu singen, welcher in der Gegenwart uns am meisten hilft und uns zum Verwandten führt, für die Zukunft aber uns die größten Hoffnungen schenkt, wenn wir die Götter verehren, daß er uns in die uralte Natur zurückversetze und uns heile, uns selig und glücklich mache.“

Platon: Das Gastmahl oder Von der Liebe, Übertragen und eingeleitet von Kurt Hildebrandt, Reclam Stuttgart 2003, S. 61 [193 C] (Neuübersetzung 2006)

Siri Hustvedt: „Was ich liebte“, Roman (2003)

Aber wir alle leben in den eingebildeten Geschichten, die wir uns selbst von unserem Leben erzählen. (S. 393)

Alles verschwindet, irgendwann. In diesem Roman verschwinden Menschen, weil sie sterben oder verlassen, Dinge verschwinden, weil sie gestohlen werden, und am Ende verschwindet das Sehvermögen des Protagonisten Leo Hertzberg. Selten endet ein Roman so leise, als würde er aus meinem Leben langsam verschwinden. Doch seine Figuren und Bilder wirken in mir weiter, wie das häufig der Fall ist, wenn man etwas verliert. Als ich die letzten Zeilen dieses Buchs las, verlor ich mehrere Begleiter meines Herbstes in diesem Jahr. Doch der Reihe nach.

Vorweg muss ich gestehen: Ich bin voreingenommen. Ich liebe dieses Buch besonders, vielleicht weil ich mich so mit dem Protagonisten identifizieren kann, der Kunsthistoriker ist, wie ich auch. Ich liebe diesen Roman, weil er vom Verschwinden der Liebe und von Gefühlen erzählt, vom Älterwerden, von Kunst und der Konstruktion von Wahrheit und Wirklichkeit. Siri Hustvedt schreibt in ihrem Buch von allem, was ich lieb(t)e.  Weiterlesen