Michael Köhlmeier: „Madalyn“, 2012

„Sie sagte sich: Nur selten bleiben Menschen ein Leben lang bei ihrer ersten Liebe. Die meisten, wenn sie endlich jemanden finden, mit dem sie bis in den Tod zusammenbleiben, haben bereits mehrere Lieben hinter sich.“

Die erste Liebe vergisst man nicht. So sagt man. Michael Köhlmeier beschreibt in „Madalyn“ die Geschichte von einer solchen ersten Liebe, mit all ihren Sehnsüchten, Hoffnungen und Enttäuschungen, den kleinen und großen Lügen und der ganzen, in ihr wohnenden Intensität. Dabei gelingt es ihm, nie kitschig oder verklärt zu schreiben.Madalyn

Die Geschichte von Madalyn, dem Mädchen, dessen Namen es in ganz Wien wohl nur einmal gibt (glaubt Moritz Kaltenegger), wird von ihrem Nachbarn erzählt. Ihr Nachbar Sebastian Lukasser ist Schriftsteller und kennt Madalyn, seitdem sie fünf Jahre alt ist. Nachdem er sie nach einem Fahrradunfall „rettete“, sieht sie ihn als ihren Vertrauten an. Das ist der Grund, warum er ihre erste Liebe aus nächster Nähe miterlebt und sie für uns erzählt, obwohl er eigentlich nur an seinem Roman arbeiten will, ohne sich in jemandes Leben einzumischen. Weiterlesen

Paul Auster: „Unsichtbar“, Roman (2010)

„Unsichtbar“ von Paul Auster ist ein packender Roman, der sich wirklich schnell liest, ohne leichtfertig zu sein. In einem Zusammenspiel verschiedenster Textsorten (Manuskript, Briefe, Erzählung, Tagebuch, Telefonate) und Erzählperspektiven (auktorialer Erzähler, Ich-Erzähler, Du-Erzähler) wird ein dichtes Netz der Handlung gewoben, innerhalb dessen nie zu hundert Prozent klar ist, was wirklich geschehen ist.

Die Story

Adam Walker, die zentrale Figur in diesem Buch, hat 1967 eine schicksalhafte Begegnung mit Rudolf Born. Dieser mal freundlich-gönnerhaft, mal jähzornig-brutale Mann tritt stets in weißem, oft zerknittertem Anzug auf. Er hat zweifellos diabolische Züge: er ist Verführer, vielleicht Mörder, Mäzen und potentieller Geheimdienstler… vor allem weiß er um sich herum ein undurchsichtiges Netz aus Unwahrheiten und Geheimnissen zu spinnen. Selbst am Ende des Romans wird man nicht recht schlau aus ihm.  Weiterlesen

Siri Hustvedt: „Was ich liebte“, Roman (2003)

Aber wir alle leben in den eingebildeten Geschichten, die wir uns selbst von unserem Leben erzählen. (S. 393)

Alles verschwindet, irgendwann. In diesem Roman verschwinden Menschen, weil sie sterben oder verlassen, Dinge verschwinden, weil sie gestohlen werden, und am Ende verschwindet das Sehvermögen des Protagonisten Leo Hertzberg. Selten endet ein Roman so leise, als würde er aus meinem Leben langsam verschwinden. Doch seine Figuren und Bilder wirken in mir weiter, wie das häufig der Fall ist, wenn man etwas verliert. Als ich die letzten Zeilen dieses Buchs las, verlor ich mehrere Begleiter meines Herbstes in diesem Jahr. Doch der Reihe nach.

Vorweg muss ich gestehen: Ich bin voreingenommen. Ich liebe dieses Buch besonders, vielleicht weil ich mich so mit dem Protagonisten identifizieren kann, der Kunsthistoriker ist, wie ich auch. Ich liebe diesen Roman, weil er vom Verschwinden der Liebe und von Gefühlen erzählt, vom Älterwerden, von Kunst und der Konstruktion von Wahrheit und Wirklichkeit. Siri Hustvedt schreibt in ihrem Buch von allem, was ich lieb(t)e.  Weiterlesen